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Jüdische Korrespondenz · 1918-03-21 · 10-11 (21.3.1918) · page 8

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
10-11 (21.3.1918)
Date
1918-03-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 12 Er gürtete seine Lenden, nahm den Stab und schritt festen Schrittes aus. Eine Schwalbe strich an ihm vorüber. Er hob die Hand: da kam sie und sah ihn mit klugen Augen an. „Grüße deine Genossen in Feld und Wald; der Rabbi Josua den Levi geht zu Gott!" Da hob das Schwälbchen erschrocken die Flügel und schrie die Kunde im ganzen Lande ans. Das Gras aber beugte sich tief, wipfelzilternd standen die Bäume, stumm umflatterten tausende und abertausende von Bügeln und anderem fliegenden Getier den Rabbi. In langem Zuge nahten Rehe und Hirsche, Hasen und Kaninchen, es kamen die Füchse ans ihren Hohlen, die Löwen ans ihrem Versteck. Stumm, ein geivaltiger Tranerzug, gaben sie dem Rabbi das Geleit. Und wo der Zug vorüberkam, an Stadt und Dorf und Gehöft, da standen die Menschen wie vcrsteint, bis endlich die schmerzlöscnden Tränen rannen und sie seufzen konnten: „Er geht von uns, der gute Rabbi, er geht von uns." Ter Rabbi aber sah, daß der Todesengel das Schwert trug. Und er fragte ihn: „Warum trägt mein Freund das Schwert?" Der Todesengel hüllte noch tiefer sein Angesicht. „Nimm du es, Rabbi!" Und er reichte ihm das Schwert. So ging der Rabbi: in der einen Hand den Stab, in der anderen das Schwert des Boten Gottes. Bis zum Gau Eden ging der Weg. Dort standen sie still und traten auf die Mauer. Der Todesengel entblößte sein Angesicht. „Schau hin, Josua, dort ist dein Platz!" Da schrie Josua auf vor Entzücken. Seine Knie wurden >vankend, er zitterte, siel und sprang und stand im Gan Eden und hielt das Schwert. Den Engel des Todes aber hörte er laut schluchzen, fühlte wie die dienenden Geister Gottes in seiner Nähe waren und spürte Gott. Er fiel auf sein Angesicht und weinte. Denn er war der einzige Sterbliche in Gan Eden und die heiligen Geister durften ihm nicht nahen. Eine Stimme war plötzlich über ihm und ein Hauch wie von einem Feueratcm. „Bleibe hier, Josua den Levi!" Bebend erhob sich der Rabbi und stand zitternd an der Mauer. Wieder drang das Weinen des Todesengets an sein Ohr. Er wandte sich und reichte ihm das Schwert. „Nimm dein Schwert, mein Freund, die Irdischen bedürfen seiner!" lind demütigen Schrittes trat er zu Gott. („H. Jsr. Famblt.") Lin Lrauenbrief. Liebe Frau Miriam. Ta habe ich Sie nun seit langer Zeit zum ersten Male wieder gesehen, habe zum ersten Male wieder Ihr Hans betreten und bin von diesem Besuch doch nicht so froh geworden wie ich es früher war, als sie noch in Berlin lebten und ich jeden Freitagabend bei Ihnen verbringen durfte. Im Gegenteil, wenn ich Ihnen gegenüber so offen sein darf wie früher, dann muß ich gestehen: ich bin diesmal mit einer Enttäuschung von Ihnen gegangen. Um Ihnen deren Grund verständiger zu Jüdische Korrespondenz. machen, muß ich Ihnen sagen, was jeder Aufenthalt in Ihrem Berliner Hause für mich bedeutete: ein Besuch in einem für mich verlorenen Paradies. sie wissen, daß ich nur in meiner frühen Kindheit in einer Umgebung lebte, darin man die jüdische Tradition hochhielt und mit der Tradition der Familie verwebte; noch bevor ich über mich und die Gestaltung meines Lebens selbst bestimmen konnte, führte mich dann das Schicksal in eine Umgebung, die nichts wußte von jüdischen Gebräuchen und nicht die Weihe jüdischer Feste und den Sinn jüdischer Ueberlicferung kannte. Wenn aber einmal das Band zwischen uns und jenem überlieferten, in feste Formen geprägten Judentum zerschnitten wurde, dann können wir es nie tvieder neu anknüpfen, können nie wieder unser Leben mit jenen Symbolen erfüllen, die denen, welche von Kindheit an ununterbrochen von ihnen umgeben gewesen sind, zu einem stück ihres Selbst werden. Aber ans ineinen Kindertagen blieb in mir die Sehnsucht nach der Weihe und dem Adel, die diese Symbole dem jüdischen Familienhause und dem Leben jedes einzelnen verleihen; und besonders dann, wenn ich draußen auf den lauten Straßen des Lebens sah, wie Hunderte, die in hochmütiger Auflehnung gegen den Zwang des Religionsgesetzes rebelliert hatten, weil sie vernieinten so stark zu sein, daß sie ohne jegliche Stütze, lediglich durch die Kraft ihres Willens, sich ihr Judentum erhalten könnten — Schiffbrnch erlitten und mit den äußeren Formen auch den inneren Gehalt verloren, dann spürte ich diese Sehnsucht in mir sich regen. Dann kam ich nach Berlin und in Ihr Hans und wurde tief ergriffen von dem Zauber der altjüdischen Gebräuche, die ich bei Ihnen vorfand. Ich bin so häufig bei Ihnen gewesen, wenn die Sabbatkerzen entzündet wurden, und lvenn man Hawdoloh machte, wenn man an der Sedertafel saß und wenn man die alten Weisen unseres Volkes sang — und immer wieder mußte ich daran denken, mit welchem Reichtum an reinen und edlen Erinnerungen aus einer Jugend, in der sich die Weihe des Elternhauses mit der Weibe unserer Religion zu unlöslicher Einheit verknüpft, Ihre Söhne dereinst ins Leben hinausziehcn würden. Und was als das Wichtigste von allem erschien: Sie sprachen mir oft davon, daß diese Gebräuche nicht nur schöne Formen für Sie seien, die Sie etwa aus Pietät gegen die Ueberlieferungen Ihrer Familie oder aus einem ästhetischen Bedürfnis oder aus pädagogischen Rücksichten aufrecht erhielten, sondern daß Ihnen jederzeit der Sinn dieser Ueberlieferungen bewußt sei und es Ihnen ein tiefes Erlebnis sei, wenn Ihre Heranwachsenden Söhne — einer nach dem andern — zum Verständnis dieses Sinnes erwachten. Und nun, Frau Miriam, sagten Sie mir neulich, daß Sie in diesem Jahre darauf verzichten wollen, Ihr Haus der pessachlichen Reinigung zu unterziehen, und als ich Sie nach dem Grunde dieses Verzichtes fragte, erfuhr ich — daß Ihnen in der heutigen Zeit die damit verknüpfte Mühe zu schwer dünke. Liebe Freundin, hätten Sie mir gesagt: „der Grund meines Verzichtes ist der, daß ich nicht mehr glauben kann, daß ich die äußeren Formen, die das innere Gesetz um¬ Xr. 10 /11 geben, für unwahr halte; ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß wir die alten Formen zertrümmern müssen, um zu einem neuen Gesetz zu gelangen" — hätten Sie mir das gesagt, so hätte ich niemals gewagt, mich in diesen Kampf Ihres Herzens um die Wahrheit hineinzumischen. Aber der Grund, den Sie mir angaben, der hat mich tief verletzt. Lediglich aus Bequemlichkeit, aus Mangel an Opfermillen aufgeben, was man selbst als höchst bedeutungsvoll erkannt hat? Gewiß, ich weiß, was in heutiger Zeit heißt, ein Haus von Grund auf für den Pessach zu bereiten, weiß, daß dies schwere Arbeit, eine Fülle von Sorgen, Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten bedeutet — aber was sind diese Schwierigkeiten verglichen mit jenen, denen mffere Vorfahren begegneten, um mitten in der Verfolgung, Flucht und Lebensgefahr das Pessachfest zu feiern? Ich weiß, daß Sie viele Mühe und Opfer auf sich nehmen müssen, um der alten Tradition treu zu bleiben — aber was sind diese Opfer gemessen an jenen, die heute Tag für Tag von unseren Männern gebracht werden, die das Land gegen den Feind verteidigen? Kämpfen die draußen gegen den äußeren Feind, so sollten wir daheim gegen den inneren kämpfen; ringen jene gegen Vernichtung unserer materiellen Güter, so sollten wir für die Bewahrung unserer geistigen Güter kämpfen. Oder hat Ihr Gatte draußen es verdient, daß er in ein Haus heimkehrt, das inzwischen der Weihe und Schönheit beraubt wurde, nach der er sich gewiß oft zurücksehute — weil die Daheimgebliebene sich scheut, den Kampf mit einigen Schwierigkeiten der Zeit auf sich zu nehmen? Was denn wollen sie Ihrer Familie und sich selbst als Ersatz für das geben, was Sie sich heute nehmen? Gewiß, Sie wollen sich, wie Sie mir sagten, nicht auch des Sederabends berauben, sondern ihn feiern wie in anderen Jahren. Aber werden Sie Ihren Kindern auch weiter die feierliche Erwartung geben können, die sie sonst bereits inmitten all des Schaffens und Räumens der vorausgehenden Tage den Sederabend als einem hocherfrenlichen Ereignis entgegensehen ließ? Und werden Sie es verhindern, daß wenn das erste Loch in das Gewebe Ihrer Tradition hineingerissen wurde, da und dort ein anderes nachfolgt, bis das Ganze in Stücke zerfällt? Schon deuteten Sie mir an, daß Sie die Speisegesetze nicht mehr streng befolgen. Wie soll es Ihren Söhnen gelingen, aus den einzelnen Bruchteilen einer Tradition, die ihnen noch blieben, einen Sinn herauszufinden? Wirklich, Frau Miriam, Sie sollten noch einmal Nachdenken, ob Sie ein Recht haben, die alten schönen Traditionen, die bisher Ihr Haus so adlig machten, aufzugeben. Nur weil Sie sich scheuen, das Maß an Mühe zu tragen, das die Kriegszeit der jüdischen Frau auferlegte, und das doch so klein ist gemessen an den Mühen und Leiden unserer Männer.... Ihre Helene Hanna Cohn. („Das jüdische Echo"v

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