Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 10-11 (21.3.1918)
- Date
- 1918-03-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10/11 Jüdische Korrespondenz. Seite 11 Platz gestellt, ist eine Ehre, die ich in treuer Erinnerung meinem guten Sohne, Eurem teuren Bruder, den uns der Krieg entrissen, am heutigen Abend erweisen wollte. Es ist ja der Platz, an welchem er zu sitzen pflegte. Dort weilte er beini Essen und Trinken, und wie edel und fein benahm er sich dabei! Dort saß er, wenn er lernte —, und wie oft und freudig und eindringlich gab er sich dem Taurohstudium hin! Es war eine höhere Wonne, ihn zu beobachten. Alles an ihm ivar veredelt und durchgeistigt und mit der Schönheit seines Geistes wetteiferte die vornehme Schönheit seiner Erscheinung. Uns war das Glück beschieden, seine Gedanken mitzufühlen und die Schritte feines Lebens mitzuwandeln. So haben wir uns ein tiefes Verständnis für die seltene Vollkommenheit feines Wesens angeeignet und können in voller Ueberzeugung sagen, daß er Anteil am zukünftigen Leben besitzt und für die Herbeiführung der messianischen Zeit seinen redlichen Beitrag geliefert: Ja, als Mutter, die ich ihn am besten gekannt, gebe ich nur auf die Frage, wie werden in Moschiachs Tagen die Menschen beschaffen sein? — die Antwort: Wie er! Stellt ihn Euch vor, liebe Kinder, im schönen, ruhigen Spiel seiner Kindheit, im Lernen und Lehren als Knabe und Heranwachsender Mann, stellt ihn Euch vor in seiner emsigen Arbeit, deren Früchte er in uneigennütziger Weise unserem Hause und stillen, edlen' Bestrebungen zuwandte, gedenket, in welchem Glanze sein feuriges Auge an Sabbat- und Festtagen leuchtete; erinnert Euch, wie er in voller Empfindung zu beten pflegte und wie er bis zum letzten Atemzuge sein felsenfestes Gottvertrauen bewahrte — und Ihr werdet mich verstehen, wenn ich ihm das Lob spende, daß er, wie Euer Heimgegangener Vater, zu denen zählt, um derentwillen Gott die Welt geschaffen. Wir brauchen ihn uns nur auszumalen, in welcher Pracht eines höheren Lebens er dagestanden, wenn ihm zur Ausführung seiner vortrefflichen Gedanken mehr Zeit und Kraft vergönnt gewesen wäre. Wie er dann, frei von Sorgen und Mühen, durch das Licht der Tauroh, in dessen Strahl er gewandelt, geworden wäre, so werden einst die Menschen, den quälenden Nöten enthoben, sich ausnehmen. Weil er so, Eurem unvergeßlichen Vater gleich, wie ein lebendiger Vorgruß der messianischen Zeit in unserem Kreise geweilt, — darum habe ich mit dankbarem Mutterherzen den schönen Sederpokal Eures Vaters als „Elijahus Becher" auf den Platz seines im ebenbürtigen Kindes, das auch äußerlich sein Ebenbild war, gestellt."-■ Sprach's — und gab verklärten Antlitzes das Zeichen zum Beginne des Seder. — _ „®. Ist" Zedernacht-Zauber. Märchen für Kinder und Großevon Jenny Stiebet. Es war einmal ein kleines-Dorf; seinen Namen habe ich vergessen. Auf der sonnenbestrahlten Landstraße dieses schönen Fleckchens Erde spielten Knaben und Mädchen Ringelreihen. Als sie beim besten Spielen waren, kam mühsam schwankenden Schrittes der alte Besse-Mosche die Dorfstraße entlang geschritten. Der lose Frühlingswind ließ den langen, weißen Bart des alten Mannes nach allen vier Richtungen flattern. Von Zeit zu Zeit blieb Mosche stehen, stützte sich auf seinen Krückstock und holte tief Luft, um Kraft zum Weiterschreiten zu sammeln. Was Wunder auch, der Greis zählte bereits 75 Jahre. Jetzt hatte er die Kinder erreicht. Ein freudiges Lächeln flog über sein eingefallenes, verwittertes Gesicht. Die Kinder aber, wenig empfänglich für das Wohlwollen des alten Mannes, fingen an ihn zu necken und zu verspotten. „Na, Mosche, hast du dir deine Pleiten zu Jomtof geholt?" Pleiten sind Speisemarken, gegen deren Abgabe der Greis für je einen Tag Essen erhielt. Der alte Besse-Mosche besaß nicht so viel, um sich selbst beköstigen zu können. Deshalb wurde er von der Gemeinde unterhalten. „Meine Mutter hat gesagt, sie mag dich gar nicht leiden, und sie hat auch nicht gern, daß du zu uns kommst," rief ein kleines, dunkeläugiges, schmalwangiges Geschöpf dem bedauernswerten, alten Manne zu. Eine kaum merkliche Röte zuckte über das edel geschnittene Antlitz des Greises. Er war an Schmähungen gewöhnt, aber von rosigen Kinderlippen tun sie doppelt weh. Er wollte meiterschreiten, da fühlte er sich plötzlich au beiden Händen gefaßt und weiche Kinderstimmcn tönten an sein Ohr. „Mosche, wir haben dich nicht geschimpft. Bitte, bitte, komm heute am Sederabend zu uns," sagten Rosa und Samuel Steiner wie aus einem Munde. Der Greis hatte Tränen in den Augen, als er sich dem lieben, guten Geschwisterpaar zuwandte. „Aber was wird denn Eure Mutter dazu sagen?" „Ach, Mosche, du kennst unser gutes Mütterchen wohl nicht?" rief die kleine Rosa begeistert aus, und ihre tiefen Kinderaugen wetteiferten an strahlender Bläue mit dem lachenden Himmel da oben. So vieler Liebe konnte sich der alte Mann nicht verschließen. „Ich werde kommen," sagte er, und seine Tränen flössen reichlicher. „Weine nicht, Mosche," sagte der kleine Samuel, wenn du willst, haue ich die Berta und den Josef durch." Der alte Mann dankte lächelnd für die Freundlichkeit. Dann schickte er die Kinder nach Hause und versprach nochmals, am Abend zu kommen ... Nun saß man am Sedertisch. Wie glücklich waren Rosa und Samuel! Sie wollten Mosche beim Nachtisch sogar ihre eigene süße Speise noch aufnötigen. Jedoch er dankte mit glücklichem Lächeln. Und plötzlich ging ein strahlendes Leuchten von seinem Barte aus; das wuchs und wuchs, schon war die ganze Stube mit Licht erfüllt und Besse-Mosche stand mitten in der Helle. Um seinen Körper floß ein silbernes Gewand und um seinen Kopf waren goldene Strahlen gezaubert — just wie bei dem anderen Mosche aus dem Bilde. Rosa und Samuel waren ganz still geworden; sie ängstigten sich ein wenig. Als der alte Mosche aber den Blick auf sie gerichtet hielt, da verflog die Furcht sofort. Nun brestete er segnend seine Hände über die Häupter der guten Kinder aus. Und mit einmal teilte sich der Himmel, der Mosche ganz nahe gerüÄ schien, und tausendstimmig, süß und schmelzend erscholl es „Boruch Habo!" Darauf nahmen weißgekleidete, strahlende Engel den Mosche bei den Händen und'führten ihn, der auf Erden so viel gelitten, in Gan-Eden ein . . . „Rosa, Samuel, zu Bett!" weckte Frau Steiner ihre Kinder, die mit der Hagada in den Händchen eingeschlafen waren. Die rieben sich die Augen. „Mütterchen, wo ist denn Besse-Mosche?" fragten beide zugleich. „Papa hat ihn nachhause gebracht; der schläft jetzt wohl schon," antwortete die Mutter. Die Kinder sahen sich verstohlen an. Sie wußten es besser: Er war beim lieben Gott im Himmel, der Besse-Mosche; er hatte sie ja noch gesegnet. Dann gingen sie zur Ruhe. Am andern Morgen fand man den alten Mosche tot in seinem Bette. Rabbi Josua ben Levi. Von Otto S l ü ck r a t h. Rabbi Josua ben Levi erging sich eines Tages im Walde. Als er in die hochragende Wipfelhalle eintrat, beugten die Bäume ihr Haupt vor ihm, alle Blätter und Blättchen erzitterten, ihn zu grüßen, denn sie liebten ihn. Aus dem Laubgewirr sang ihm ein Böglein ein Lied zu, eine Libelle streifte mit schwirrendem Flügelschlag seine Wange. Die Rehe traten ans der Lichtung und drängten sich um seine Knie, die scheuen Häslein kamen hoppelnden Schrittes aus dem Gebüsch hervor. Der Wind aber koste mit seinen grauen Haaren und das glänzende Licht der Sonne freute sich, wenn es über seinen Scheitel streicheln durfte. Es gab auf Gottes wunderbarem Erdboden kein Geschöpf, das den Rabbi Josua ben Levi nicht geliebt hätte. Er redete mit den Tieren des Waldes und des Feldes als mit seinen Freunden, er sang mit den Winden rauschende Psalmen und war in den furchtbaren Wettern unverzagt. Auch die Geister, die unter dem Himmel und in den Höhlen wohnen, kannten ihn. Wenn er im Gebet versunken stand, so streifte es ihn wie ein Lusthauch und er hörte eine bebende Stimme: „Bitte auch für uns, Rabbi!" Auch die Menschen liebten den Rabbi. Er ging in den Palast des Reichen und bat nicht vergeblich für den armen Bruder; er stand in der Hütte des Armen und machte sie hell mit seiner Gabe. Heller aber als das hellste Licht brannte Josua ben Levis Frömmigkeit. Er lebte in Gott und Gott liebte ihn darum. Er schenkte ihm die Fröhlichkeit eines arbeitsreichen, segenschweren Lebens. Eines Tages aber sandte Gott den Todesengel. Mit weinendem Antlitz sandte er ihn zu seinem getreuesten Knecht. ~ Der Todesengel nahm das L-chwcrt und machte sich aus den Weg. Er fand den Rabbi, wie er einem Kindlein von Gott erzählte. Mit verhülltem Antlitz stand er an der Tür und lauschte. Als der Rabbi das Kind geküßt und es heimgeschickt hatte, trat er leise ein. „Josua ben Levi, komm mit mir!" Der Rabbi schaute aus. Sein Angesicht war wie die Sonne. Mit fröhlichem Auge trat er zu dem Boten Gottes. „Ich komme!"