Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 10-11 (21.3.1918)
- Date
- 1918-03-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3495278-3495381-3495391--0592-3521278- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
Seite 10 Jüdische Korrespondenz. Nr. 10/11 Doch der Horizont verdunkelt. Roß und Reiter löst sich los, Hürner lärmen, Eisen funkeln: Es ist Pharao und sein Troß. Chor: Hier, von der Gefahr umduukelt, Hilflos nur, dort Mann und Roß. Und die Feinde mordentglommen, Drängen nach dem sichern Psad; Jetzt sind jetzt — da horch, welch Säuseln, Wehen Murmeln, Dröhnen — Sturm! 's ist der Herr in seinem Grimme, Einstiirzt rings der Wasserturm. Mann und Pferd, Roß und Reiter Eingewickelt, umsponnen Vom Netze der Gefahr, Zerbrochen die Speichen ihrer Wagen. Tot der Lenker, tot das Gespann. Tauchst du aut, Pharao? Hinab, hinunter, Hinunter in den Abgrund, Schwarz wie deine Brust. Und das Meer hat nun vollzogen, Laut rollen seine Wogen: Nimmer gibt es, was es barg? Frevlergrab zugleich und Sarg. — Drum mit Zimbel und mit Saiten Laßt den Hall es tragen weit, Groß der Herr zu allen Zeiten, Heute groß vor aller Zeit. Chor: Groß der Herr zu allen Zeiten, Heute groß vor aller Zeit. Friedrich Grillparzer. warum Notes eine schwere Zunge batte. Eine biblische Legende von M. Pulvermann. Der König Pharao in Aegypten hatte den grausamen Befehl erlassen, daß alle hebräischen Knaben ins Wasser geworfen werden sollten, weil seine Wahrsager und Sterndeuter ihm verkündet hatten, ein Hebräer werde ihm und seinem Volke einst den Untergang bereiten. Moses Mutter folgte dem Befehle nicht. Als Moses aber drei Monate alt war, konnte sie ihn nicht länger vor den Schergen des Königs verbergen. Sie legte daher das Kind in ein Kästlein, das siein das Schilf am Ufer des Nilflusses stellte. Kaum war dies geschehen, da kam die Tochter des Königs mit ihren Mägden, um dort zu baden. Sie erblickte das Kästlein, und als sie es geöffnet hatte und den weinenden Knaben sah, war sie von Mitleid ergriffen und nahm das Kind zu sich, um es als ihr eigenes zu erziehen. Moses gedieh gar prächtig, und alle waren von seinem herzigen Lachen und Plaudern ganz entzückt. Als er drei Jahre alt war und eines Tages auf dem Schoß des Königs spielend saß, griff er mit seinen kleinen Fingern nach der glänzenden Krone auf des Königs Haupt und ließ sie zu Boden fallen, wo sie in Stücke zerbrach. Pharao erschrak heftig und ließ seine Sterndeuter und Wahrsager holen, damit sie ihm die Deutung dieses unerhörten Frevels geben sollten. Diese sprachen: „Siehe, o König, unsere Prophezeiung geht schon in Erfüllung: ein Hebräer hat Dir die Krone vom Haupte gerissen und sie vor Deinen Augen zertrümmert. Dein Untergang ist nahe bevorstehend!" Ein Zauberer, namens Bileam, ganz besonders sprach: „Ein großes Verbrechen ist hier begangen worden. Wer sich so gegen den König vergeht, es sei Mann oder Kind, hat sein Leben verwirkt!" Alle stimmten ihm bei: nur ein Priester, namens Jethro, widersprach. „Es geziemt nicht dem großen König," rief er, „eine kindische Tat so sehr schwer zu bestrafen. Das Schimmernde und Glänzende der Krone hat des Kindes Auge gelockt, es hat die Krone als ein schönes Spielzeug angesehen, diese nach Kindesart ergriffen, und da sie seinen kleinen Händen zu schwer wurde, einfach zur Erde fallen lassen." So stritten sie lange hin und her, bis ein anderer weißbärtiger Mann sich erhob, um auch seine Meinung zu äußern: „Ich glaube einen Ausweg gefunden zu haben, wie wir uns überzeugen können, ob diese Tat mit Bewußtsein oder aus Unbedacht geschehen ist. Man bringe noch eine andere, ebenso glänzende Krone und dann noch eine Schüssel mit glühenden Kohlen, dann können wir sehen, was geschieht: greift das Kind nicht nach der Kohle, dann soll es ein Beweis sein, daß es genügend Verstand bat, um das Feuer zu fürchten, und dann soll es auch für diese Tat bestraft werden: im anderen Falle müssen wir uns doch sagen, daß es mit kindlicher Unvernunft gehandelt hat." Dieser Rat gefiel dem Könige, und das Nötige wurde gebracht. Schon hatte Moses seine Hand nach der Krone ausgestreckt, als eine unsichtbare Macht seine Hand nach den Kohlen hinstieß, von denen er eine ergriff und natürlich sich die Finger verbrannte. Anstatt nun bei dem heftigen Schmerz, den er fühlte, die Kohle wegzuwersen, machte er es so, wie die anderen Kinder zu tun pflegen: er steckte die Finger in den Mund und verbrannte sich auch noch die Zunge. Seit dieser Zeit konnte Moses nicht mehr so geläufig sprechen. Aber das hat ihn später nicht gehindert, dem Aegypterkönig die Krone vom Haupte zu reißen und ihm und seinem ganzen Volke den Untergang zu bereiten. Das hat Moses auch nicht gehindert, der Retter und Befreier seines Volkes und der größte Lehrer, der weiseste Gesetzgeber auf Erden zu i werden. Die Armen und das peflachsest. (Nach dem Alschichj „Derjenige, der das Wort Gottes fürchtet, jehe zu, daß er den Armen, welchen er eine Gabe zur materiellen Vorbereitung des Peffachfestes zugedacht hat, diese mindestens 30 Tage vor Eintritt des Festes gewähre, damit auch sie zu der Zeit, da die anderen Leute ihre Einkäufe besorgen, solche betätigen können. Er soll es nicht machen, wie jene, die von Tag zu Tag zögern, Geld kür een Einkauf von Mazzos ihnen zu bewilligen, die dagegen sich nicht genug eilen können, daß sie selbst nur frühzeitig und richtig alles, was für die heiligen Feiertage notwendig ist, haben. Ich aber sage, bezwinge Deine natürlichen Hemmungen und der Allmächtige wird es Dir unendlich lohnen. Und mir scheint es beinahe wie eine Mizwah, die durch eine Awerah veranlaßt wird, wenn der Arme in den Tagen vor Pessach alltäglich zusehen muß, wie der Wohlhabende sich alle möglichen guten Sachen für Jomtof einkauft und er selbst hat nicht einmal das, um sich das notwendigste anzuschaffen. Gibt es wohl eine größere seelische Pein als diese? Nur deshalb, so heißt es doch in der Schrift, erlöste und bewahrte ich Dich vor Armut, damit Du Dein edles Herz betätigen und so doppelten Lohn, auf dieser und jener Welt empfangen kannst. Schon Raschi schrieb, daß auf den. der den Armen warten und zusehen läßt, wie er stch gütlich tut, der Vers anzuwenden ist, wer der Armen spottet, der lästert seinen Schöpfer. Deshalb beeile Dich und gib schnell, nicht am Eres Pessach, einige Stunden vor Jomtow, sondern gib ihm so frühzeitig, daß er zu seiner Arniul nicht auch noch die teuersten Preise bezahlen muß und für das wenige Geld, das Du ihm gibst, auch noch ganz wenig bekommt. Wer aber rechtzeitig und reichlich seine armen Verwandten und Freunde zu Pessach unterstützt, von dem heißt es: Deine Sünden werden durch Deine Z'vokoh vernichtet und aufgehoben. Du wirst errettet vom vorzeitigen Tode, eine Andeutung findest Du in dem Worte Mazoth, die M' Z' und Th' bedeuten: Mimowes Zdokoh thazil. Vom Tode errettet Dich die werktätige Liebe. Bei diesem Hinweis ist das Wort Mazoih mangelhaft geschrieben, d. h. ohne Waw, das bedeutet, wer dem Bedürftigen den Mangel an Mazzoth deckt, der wird vor Tod und Mangel und Krankheit bewahrt. Deswegen steht auch der Buchstabe „Zaddik" in der Mitte des Wortes, er zerreißt gewissermaßen de» Tod, denn wenn der Zaddik nicht in der Mitte stünde, würden die Heiden anderen Buchstaben Mem und Thom zusammen das Wort Mes Tod bilde»." LUjatms Becher. Mit gehobenen Gefühlen hatte die Mutter, wie alljährlich, den Sedertisch gedeckt. Alles stand auf seiner Stelle und die Kinder nahmen an der Tafelrunde Platz. Roch wenige Minuten und der Seder konnte seinen Anfang nehmen. Eine feierliche Stille herrschte im Raume. Ein jeder fühlte, daß etwas Besonderes bevorstehe. Aller Blicke waren in gespannter Aufmerksamkeit auf die Mutter gerichtet, als plötzlich der Jüngste aus der Kinderschar in einer Art „Ma nischtano" das Stillschweigen mit der Frage unterbrach: „Weshalb ist jener Platz vor allen übrigen ausgezeichnet, daß sich aus ihm nichts anderes als ein Becher Wein befindet?" Aus diesen Augenblick hatte die Mutter gewartet. Die Frage des Kindes war ihr aus dem Herzen gesprochen und zu ihrer Beantwortung benutzte sie die Zeit bis zum Eintritt der Nacht. „Mit Vorbedacht", sprach sie, „habe ich den teuren Platz in unserer Mitte freigrlassen und auch der Pokal, der ihn ziert, steht nicht umsonst darauf". „Es ist Sederabend. Wir betrachten uns so, als zögen wir jetzt aus Aegypten in die Freiheit hinaus. Der Mann, den damals Gott als Erlöser schickte, war unser Lehrer Moscheh. und hätten unsere Ahnen seine Lehren stets befolgt, er wäre, wie er Moschiach gewesen, für immer Moschiach geblieben. Es kam aber anders. Wir gerieten schließlich in die Zerstreuung und harren wie einst in Mizraim wieder auf den Erlöser. Wir wissen, daß er kommt, nur der Zeitpunkt seines Erscheinens ist uns unbekannt. Wenn schweres Leid über die Menschheit hereinbricht, steigt die Erinnerung an ihn in verstärktem Maße in uns auf, und daher verstehen wir in diesem Jahre in vorzüglicher Weise die alte Sitte, außer den vorgeschriebenen vier Bechern Wein, die unseren Geist in die Stunde der Befreiung aus Aegypten zurücklenken, Elijahu, dem Künder der künftigen Erlösung, gleichsam den Becher des Heils bereitzustellen." — Eine Weile hielt die Mutter inne, als wollte sie zu neuen Worten frische Kraft sammeln. Tränen perlten in ihren Augen, als sie dann zu dem Platze, auf welchen der schöne Becher stand, schaute und mit ergriffener Stimme fortfuhr: „Nun wißt Ihr, Kinder, was der Becher bedeutet. — Daß ich ihn gerade auf diesen