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Jüdische Korrespondenz · 1918-03-21 · 10-11 (21.3.1918) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
10-11 (21.3.1918)
Date
1918-03-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische K orrespondenz. Nr. 10/11 oder indirekt. Bielleicht werden sich dann die rumänischen Machthaber desto eher entschließen, aus eigenem Antriebe die Jndenfrage bereinigen zu wollen. Dann wird der moralische Erfolg des Grafen Czernin noch hoher einzuschätzen sein. Immerhin, sollte es jetzt zu einem positiven Ergebnisse nicht kommen, was angesichts der vielfach komplizierten Fragen nicht ausgeschlossen sei — so dürste der Effekt eines solchen Schrittes seitens der österreichischungarischen Diplomaten nichtsdestoweniger sehr groß sein. Die Rumänen dürften sich geztvungen sehen, zumindest gewisse Versprechungen zu machen, — dann dürfte es leichter fallen, in einem späteren Zeitpunkte auf die Erfüllung dieser Versprechungen zu drängen. Ich glaube aber, daß das rumänische Volk die Lehren, die der Krieg gebracht, beherzigen und dazu streben tvird, die inneren Reformen im wirklich liberalen Geiste durchznführen, so daß auch die Jndenfrage dabei eine günstige Lösung erfahren dürfte. Frage: Wie verhalten sich die rumänischen Inden zu der vielfach angeregten Anerkennung der Ostjuden als besondere Nation unter Znerkennung nationaler Rechte? Antwort: Daß es auch bei uns eine nationalistische Strömung unter den Juden gibt, soll nicht geleugnet werden. Prinzipiell dürften die Nationalisten diese Forderung vielleicht erheben. Soweit es auf mich und meinen nächsten politischen Gesinnungsgenossen ankommeu sollte mir würden ein solches Verlangen nicht stellen. Ich glaube auch kaum, ob unsere Nationalisten derartige Forderungen ernst nehmen würden. Die akademische Seite der Sache ganz anher Erörterung lassend, kann eine solche Forderung eher in einem Nationalitätenstaate am Platze sein. Rumänien aber ist ein Nationalstaat; nach dem Ausscheiden der Dobrudscha wird es dies noch mehr als bisher sein. Die Inden bilden etwa drei bis vier Prozent der Gesamtbevölkcrnng und sind über das ganze Königreich zerstreut, — wie soll da die Sache praktisch durchgeführt werden und wie sollte man es den Rumänen beibringen, die nationale Einheit ihres Staates derart in Frage zu stellen? — Wir rumänischen Juden hatten bisher so viel um unsere primitivsten Menschenrechte zu kämpfen, -daß wir gar nicht dazu gekommensind, diese Frage ernstlich zu erörtern, deswegen würde ich es für inopportun halten, die Sache schon jetzt anzuschneiden. Freilich sollte dies von anderer Seite geschehen, dann wird man sehen müssen, wie man damit fertig wird. Frage: Wie stellt man sich die Wirtschaft-- liche Zukunft der rumänischen Inden vor? Antwort: Die wirtschaftliche Position der Inden in Rumänien war vor dem Kriege nicht gerade ungünstig. Sie hatten nur unter den vielfachen Beschränkungen der sogenannten „Fremdengesetze" zu leiben und konnten ihre Fähigkeiten nicht genügend entfalten- Werden diese Beschränkungen Wegfällen, dann dürfte sich auch die materielle Lage der breiten Bvlksmassen bessern. Vielfach hängt dies naturgemäß von der allgemein-wirtschaftlichen Entwicklung des Königreiches ab. Diesbezüglich sind wir Inden Rnmänicns fast ausnahmslos für die Mittelmächte-Oricntierung. Der Anschluß Rumäniens an die Mittelmächte mürbe dem Lande wirtschaftlich große Vorteile bringen, da es sein natürliches Ahsatzgebiet erhalten dürfte. Angesichts der unklaren Verhältnisse in Rußland kommt dieses Reich für die rumänischen Produkte noch weniger als ftüher in Betracht. Was man aber von der Entente zu ertvarten und zu hoffen hat, das haben mir zur genüge gesehen. Ich glaube, auch der größte rumänischeHitzkopf ist da völlig nüchtern geivorden. Alles in allem genommen: die Juden in Rumänien würden einen baldigen Friedensschlnß mit Freuden begrüßen. Sie erwarten auch eine Besserung ihrer Position und werden jeden ernsten Schritt zu ihrem Gunsten dankbar begrüßen. Jüdische Gstsragen. Bon Dr. Abi - Schalom. Mit der Ratifizierung des Friedensvertrages von Brest-Litowsk seitens des russischen Arbeiter-, Soldaten- und Bauern - Sowjets in Moskau ist die Friedensfrage im Osten endgültig gelöst. Die Friedensverhandlungen mit Rumänien sind wohl einigermaßen ins Stocken geraten, aber gerade der Umstand, daß das Kabinett Averescu einem Kabinett Marghilvman Platz machen mußte, spricht dafür, daß auch dort der Fricdcnsabschluß nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Averescu, der noch immer im Banne der Entente steht, mußte zurücktreten. Marghiloman, der mehr den Mittelmächten zuneigt, wird eher den Frieden perfektionieren. Mag man im Lager der Entente sich damit trösten, daß der allgemeine Friedenskongreß berufen sein wird, die Vereinbarungen von Brest-Litowsk und von Cotroceui zu revidieren — die Kriegslage ist nicht darnach und die Herren in London und Paris dürften kaum in die Lage kommen, bei den künftigen Friedensverhandlungen ein großes Wort zu reden. Sie werden wohl froh sein, selbst mit heiler Haut davonzukommen. Ist somit mit einer völligen Bereinigung der Friedensfrage im Osten als mit einer festen Tatsache zu rechnen, so entstehen anderseits für die Inden wichtige Probleme, die dringend einer Lösung bedürfen. Der ganze Komplex der sogenannten Ostjudenfrage gelangt auf die Tagesordnung. Bis vor Jahresfrist war es die Hauptsorge der Judenhcit aller Länder, das Schicksal der sechs Millionen Juden in Rußland, deren Los während des Krieges und infolge der Kriegsereignisse noch furchtbarer als früher sich gestaltete, irgendwie sicherzustellen. Das zaristische Rußland war wohl geschlagen, und es war jedem Einsichtigen klar, daß ein auf den Schlachtfeldern niedergerungener Zar kaum imstande sein wird, das bisherige Gewaltregime in seinem Reiche aufrecht zu erhalten. Aber die Sorge war dennoch nicht ganz gewichen. Hat sich es doch die Entente in den Kops gesetzt, aus diesem Ringen unbedingt als Siegerin hervorzugehen und mußte man ja immerhin befürchten, daß es ihr gelingen wird, sich irgendwie zu behaupten und auch eine Retablierung der Zarenmacht herbeizuführen. Seit der vorjährigen Märzumwälzung in Rußland ist diese Sorge gewissermaßen verschwunden. Die Juden in Rußland erhielten ihre Freiheit, der auf den Schlachtfeldern niedergerungene Zarismus mußte sich auch im Innern als geschlagen geben und sein Schicksal hinnehmen. Die sechs Millionen Juden Rußlands waren endlich frei. Ganz sorgenlos konnte man wohl ihrer Zukunft nicht entgegensehen. Die seitherige Anarchie im Reiche bereitete auch ihnen schwere Stunden, und gerade in den letzten Wochen kamen höchst beunruhigende Nachrichten aus dem ehemaligen Zarenreiche. Allein, der Frixde von Brest-Litowsk hat auch da Wandel geschaffen. Von den sechs Millionen Juden, deren Schicksal bislang mit demjenigen des Reiches eng verknüpft war, sind etwa vier Millionen völlig von Rußland losgelöst. Was heute in Petersburg und Moskau vor sich geht und gehen wird, es läßt die Juden in den sogenannten Randländern unberührt. Ueber die Juden Polens, der Ukraine, Kurlands und Lithauens wird heute nicht mehr in Petersburg und Moskau entschieden. Mag auch der letzte Bruchteil der russischen Judenschaft, der weiterhin im. Reiche verbleibt, noch immerhin nicht unbedeutend sein — auch das Schicksal von zwei Millionen Juden kann niemandem gleichgültig sein, — so ist es denn doch gegenüber früher ein wesentlicher Unterschied. Das russische Judentum als solches wird nicht mehr, tvie bisher, die ganze Aufmerksamkeit, die ganze Kraft und Energie des jüdischen Volkes absorbieren. Für die Volksarbeit in der Diaspora öffnen sich neue Horizonte und bieten -sich neue Möglichkeiten, neue Sorgen und neue Aufgaben. Freilich, die Vorteile, die das Zerstückeln Großrußlands mit sich bringt, bürgen auch wesentliche Nachteile und es wäre verfehlt, dieselben ganz verkennen oder leugnen zu wollen. Das russische Judentum bildete in den letzten Jahrzehnten die geistige Elite der Judenheit, die Quintessenz des religiösen und nationalen Judentums. Gerade der Umstand, daß sechs Millionen Juden in einem Reiche konzentriert waren, bot die Möglichkeit für eine Entfaltung der jüdischen Geisteskraft, die unter anderen Verhältnissen unmöglich wäre. Das lithauische Judentum befruchtete vielfach die Judenheit in Süd- und Nordrußland, das polnische Judentum war die Stätte der unverfälschten Frömmigkeit und Gottesfurcht, die Jeschiboth blühten und die Schöpfungskraft quoll im vollsten Maße. Man mag die neuerstandene modern-hebräische und jiddische Literatur vom religiösen Gesichtspunkte nicht allzu hoch einschätzen und gar manche Auswüchse derselben tief bedauern: immerhin handelt es sich um Geistesschöpfungen, die einen wesentlichen Wert haben und die auch manches enthalten, was den kommenden Generationen als wertvoll erscheinen wird. Ein derartiges Aufblühen war nur angesichts der Massenkonzentration möglich. Heute nun, da diese bisher zusammenhängende Judenheit in Teile zerlegt und auseiuandergerifsen wird, muß man sich die Frage vorlegen, ob es denn möglich sein dürfte, diesen geistigen Zusammenhang und diese geistige Schöpfungskraft weiterhin aufrecht zu erhalten, ob denn nicht auf diesen Gebieten eine Stagnation eintreten dürfte, deren Folgen sich nicht überseheki lassen. Hiebei soll das Schicksal dieser von Rußland losgetrennten Judenheit in politischer und wirtschaftlicher Beziehung nicht ausführlich berührt werden, da hiefür eine besondere eingehende Abhandlung nötig sei. Diese Sorge um die geistige Zukunft der Judenheit im Osten ist keineswegs gering zu schätzen. Aber vielleicht liegt'gerade darin ein beruhigendes Moment. Sind wir nun einmal

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