Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 10-11 (21.3.1918)
- Date
- 1918-03-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3495278-3495381-3495391--0587-3521273- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K 8, halbjährig K4, vierteljährig K 2. Einzelnummer 20 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Mi*. 10/11 Wien, 21. März 1918, IV. Jahrgang. Infolge des peffacbfeftes erfcbetnt unsere nächste Nummer ant lO.Bprü. Die Zukunft der Juden in Rumänien. (Aeußerungen einer führenden jüdisch-rumänischen Persiinlichkeit.) Unser Redakteur hatte dieser Tage die Gelegenheit, mit einer führenden Persönlichkeit der rumänischen Inden ein Gespräch über die Haltung der rumänischen Juden und deren Aussichten in der Zukunft zu führen. Wir geben im nachstehenden die sicherlich interessanten Erklärungen der betreffenden Persönlichkeit wieder. Frage: Welche Haltung bekunden die Juden in Rumänien zu den gegenwärtig geführten Friedensverhandlungen? Antwort: Die rumänischen Juden verfolgen den Verlauf dieser Verhandlungen mit großem Interesse und haben den sehnlichsten Wunsch, daß dieselben gar bald zu einem positiven Resultat führen mögen. Die Juden in Rumänien haben die Kriegspolitik der BrsiiMu «nd Jonescu nur höchst ungerne mitgemacht. Nicht etwa aus Mangel an Patriotismus oder Verständnis für die nationalen Ideale des rumänischen Volkes. Trotz aller Verfolgungen und Drangsalierungen, die die Juden auszustehen und zu leiden hatten, waren und sind sie aufrichtige Patrioten und wünschen nur das Wohl und Glück ihres Vaterlandes. Aber gerade deswegen konnten sie sich für die chauvinistischen Treibereien der Kriegshetzer nicht im geringsten begeistern und sie mußten schweren Herzens zusehen, wie Rumänien dem Abgrunde zueilt. Sie waren sicherlich hiebei in guter Gesellschaft. Ist es doch eine Tatsache, daß alle besseren rumänischen Elemente Gegner des Krieges waren, die aufrichtigsten und gefeiertsten Patrioten, wie Karp und seine Freunde, waren sogar dafür, daß Rumänien getreu seinen Bundespflichten gegen Rußland ins Feld ziehe. Ein Krieg gegen das zaristische Rußland wäre in den jüdischen Kreisen sicherlich sehr populär. Für den Krieg der Bratianu konnte man sich begreiflicherweise nur wenig erwärmen. Die wenigen Ausnahmen, die einige jüdische Journalisten diesbezüglich bildeten, die es für richtig gefunden haben, in das Horn des Jonescu zu stoßen, .kamen wenig in Betracht. Nichtsdestoweniger waren alle rumänischen Inden zu den materiellen und Blutopfern bereit und sie haben solche auch überreichlich gebracht, als die Würfel gefallen waren und der Kronrat für den Krieg entschieden hat. Sie sind, gleich allen Rumänen, mit Begeisterung in den Krieg gezogen, haben für Kriegsfürsorgezwecke große Summen gespendet und ihrerseits alles getan, was das Vaterland von ihnen forderte. Als sich aber herausstellte, daß diejenigen im Rechte waren, die vom Abenteuer abgcraten hatten, als die Entente und Rußland Rumänien seinem Schicksal überließen und es unter den Lasten des Krieges fast zusammengebrocheu war, da waren die Juden einstimmig mit allen aufrichtigen Patrioten, die einen raschen Friedeusschluß herbeisehnten, in der Ueberzeugung, daß nur auf diesem Wege Rumänien davor bewahrt werden könne, völlig dem Ruin anheimzusallen. Es ist daher nun begreiflich, daß die Juden den gegenwärtigen Friedensverhandlungen großes Interesse entgegenbringen und einen Erfolg derselben herbeiwünschen. Zusammen mit dem ganzen rumänischen Volke empsindet die rumänische Judenheit die Opfer, die Rumänien bei diesen Verhandlungen auferfegt werden, — aber gemeinsam mit allen guten Rumänen hegen sie die Erwartung, daß es gelingen wird, dank einer vernünftigen und gesunden Friedenspolitik die Schäden wieder gut zu machen, die'der Krieg dem Laude geschlagen und die Verluste zu kompensieren, die etwa der Friedensschluß mit sich bringen dürste. Frage: Wie steht es mit der Lösung der Judenfrage in Rumänien; was verspricht man sich von einer Intervention der Mittelmächte in dieser Hinsicht und wie stellt man sich im jüdischen Lager die zukünftige Stellung der Juden in Rumänien vor? Antwort: Diese Frage ist wohl für einen rumänischen Juden etwas heikel. Aber ich will es dennoch versuchen, meinen L-tandpunkt sowie denjenigen meiner politischen Freunde zu präzisieren. Wir haben volles Verständnis dafür, daß es den Rumänen sehr peinlich sein dürfte, eine neue Auslage des Berliner Traktates zu erleben und etwa gezwungen zu sein, unter dem Druck auswärtiger Faktoren den Juden die Gleichberechtigung zu gewähren. Aber sie konnten sich bis heute nicht zu der Höhe der Erkenntnis ausraffen, daß es in erster Reihe in ihrer eigenen Hand liegt, diese Eventualität zu verhüten. Hat einmal die chauvinistische Politik völlig bankerottiert, hat es sich herausgestellt, daß die Expansion nach außen Schifsbrnch erlitten hatte, so müßte man eigentlich zur Erkenntnis gelangen, daß diese Politik auch im Innern nicht mehr ausrecht erhalten werden kann. Rumänien muß danach streben, nicht bloß nach außenhin als das „Belgien des Ostens" zu paradieren, sondern auch im Innern die wahre Freiheit und Gleichheit in Gesetzgebung und Verwaltung restlos einzusühren — dann aber müßte ja auch die Judenfrage in ihrer heutigen Gestalt völlig verschwinden. Ob es dazu kommen wird — das läßt sich unmöglich Voraussagen. Wir, die rumänischen Juden, müßten es sicherlich wünschen, unsere Gleichberechtigung ans den Händen des rumänischen Volkes ohne Einflußnahme auswärtiger Faktoren zu erhalten. Dies würde nicht bloß dem rumänischen Volke eine Demütigung ersparen, sondern auch die beste Garantie für die Durchführung dieser Gleichberechtigung und für die Ermöglichung eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Juden und Rumänen sein. Frage: In den letzten Tagen sind Nachrichten aus Jassy eingelangt, die eine solche Absicht der rumänischen Kreise ankündigen. Was ist davon zu halten? Antwort: Jedenfalls nicht viel. Wenn man wieder einmal die Sache bis nach dem Kriege verschieben will, so muß dies nur Argwohn erwecken. Derartige Versprechungen haben wir schon allzu oft gehört — es ist aber immer alles beim alten geblieben. Wenn die Rumänen, respektive diejenigen, die heute zur Macht gelange», es ernstlich mit der Lösung der Judcnfragc im positiven Sinne meinen, dann müßten sie so viel Mut aufbringen, die Sache schon jetzt zu bereinigen. Sonst werben sie sich nicht wundern dürfen, wen» «an ein Eingreifen der Mittelmächte erwartet, wenn auch nur mit schwerem Herzen und - einem peinlichen Gefühle, daß es dazu kommen muß. Das rumänische Parlament, das dazu berufen sein wird, den Friedensvertrag zu ratifizieren, müßte auch endgültige Beschlüsse hinsichtlich der Zuerkennung des Bürgerrechtes an diejenigen rumänischen Juden fassen, die keine andere Staatszugehörigkeit haben, im Lande geboren und erzogen seien, dortseibst alle Bürgerpflichten, selbst diejenige der Blutsteuer, erfüllt haben und die nach jeder Richtung hin berechtigt sind, das Bürgerrecht zu fordern. Derartige Beschlüsse müßten so formuliert sein, daß es später nicht mehr in den Händen der Administration liegen soll, da Schwierigkeiten zu bereiten. Nur solche klare Beschlüsse der gesetzgebenden Körperschaften könnten als genügende Garantien angesehen iverden. Frage: Glauben Sie, daß ein Eingreifen der Mittelmächte zu einem Erfolg führen wird? Antwort: Ich will mich keiner Selbsttäuschung hingeben. Es muß jedem Einsichtigen klar sein, daß die Vertreter der Mittelmächte in dieser Sache kaum so weit gehen werden, deswegen etwa die Friedensverhandlungen scheitern zu lassen. Nichtsdestoweniger verspreche ich mir sehr viel von einer solchen Intervention und kann schon heute konstatieren, daß die Nachricht, daß Graf Czernin entschlossen sei, diesbezügliche Schritte zu unternehmen, in allen jüdischen Kreisen die lebhafteste Befriedigung und aufrichtig st e n Dankgefühle ausgelöst hat. Man erwartet einen Erfolg, direkt Hiez« eine Beilage: „Pefsach-Blatt."