Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1918-03-14 · 9 (14.3.1918) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
9 (14.3.1918)
Date
1918-03-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3495278-3495381-3495390--0582-3521267
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jeschurun Nr. 9. — 1918. Organ des Vereines „Jeschurun“ ORGANISATION für die thoratreue Jugend Wiens. Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: „Je$cluinm,i-Preßkomitee, Wien, t., Salztorgasse 2. Aev;üöifche Sabbat. Iie herrliche Werke. Von S- R. H i r s ch. Unter allen heiligen Gütern, mit welchen das Judentum seine Bekenner beglückt, ist keines so heilig, keines so reich an Segen und Beseligung, als das Gut der ältesten Institution der Erde, als das Gut des Sabbats, des jüdischen Sabbats. Nehmet dem Inden seinen Sabbat, und ihr habt ihn der reichsten, unschätzbaren Perle beraubt; und was ihr auch sonst dafür ihm bietet, nichts gibt ihm Ersatz. Nehmet dem Juden seinen Sabbat, und ihr habt ihn freund- und sreudeleer gemacht; und wie sich auch sonst die Freunde um ihn drängen mögen und mit welchen Kränzen der Freude ihr ihn auch zieren möget, er findet doch keinen solchen Freund wieder, wie den Sabbat, es schwindet doch die Lust jeder Freude vor dem stillen, süßen, seligen Glück der Sabbatfreude. Denn der Sabbat ist des Juden Perle; denn der Sabbat ist des Juden Freund. Vermählt hat Gott den Juden mit dem Sabbat, hat wie eine holde Braut diese seine herrlichste Stiftung im zugeführt. Bleibt er ihr treu, mit ganzem Herzen treu, mit aller Hingebung, mit aller Aufopferung treu, so ist sie ihm die treueste, beseligendste Gefährtin, weiß ihm die ärmlichste Hütte zu einem Paradiese auszuschmücken, weiß ihm die dunkelste Erdennacht sonnighell zu erheitern, weiß ihn über die schlüpfrigsten Pfade mit liebendstarker Hand sicher zu geleiten, weiß zu ebnen alle Hügel, weiß zu trocknen alle Tränen, weiß zu heilen alle Wunden, weiß zu lindern alle Schmerzen, weiß zu losen alle Sorgen, macht den Aermsten reich und den Reichsten erst zum wahrhaften Herrn und Genießer seines Reichtums, macht den Einfältigsten weise und gibt dem Weisesten erst den wahren Boden seiner Weisheit, hebt den Strauchelnden empor und gibt dem Reinen, Starken erst den wahren Kern seiner Reinheit, die wahre Kraft seiner Stärke. O, die wissen nicht, welches Gut sie verscherzen, die dieser Seelenfrenndin den Rücken kehren; die wissen nicht, wie arm sie ihre Kinder machen, die ihren Kindern diese Perle nicht vererben. Machet eure Kinder reich, machet eure Kinder brav, machet eure Kinder klug, machet eure Kinder stark, machet eure Kinder geschickt, machet sie gebildet, gelehrt, geehrt und gebet ihnen den Sabbat mit hinzu, den alten jüdischen Sabbat, gebet ihn ihnen durch eure Lehre, noch mehr: gebet ihn ihnen durch euer freudig ernstes, aufopferungsreiches Beispiel — und ihr habt ihrem Reichtum die Dauer und ihrer Tugend die Stütze, ihrer Klugheit das Licht, ihrer Stärke die Kraft, ihren Kenntnissen, ihrer Wissenschaft, ihrer Bildung, ihrer Ehre erst den rechten Kern und Nerv, den rechten Wert, die rechte Bedeutung gesichert. Legt euch nur ruhig schlafen; auch wenn euren Kindern der Reichtum schwindet, auch tvenu ihre Tugend strauchelt, ihre Klugheit zu Ende ist, ihre Gesundheit schwankt, ihre Einsicht nicht ansreicht, ihre Freunde sie verlassen, ihr sie verlasset — und ihr bleibt doch nicht ewig bei ihnen! — auch wenn sie fern und ver- Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: Preßkomitee des Vereines „Jeschurun“ Wien, IM Salztorgasse 2. - ■ - . lassen und verarmt und — gesunken, der Sabbat verläßt sie nicht; der Sabbat bleibt bei ihnen und hat Trost und Kraft, Licht und Balsam, Erhebung und Aufkehr, Friede und Freude unerschöpflich für sie bereit. Gebt ihnen jedoch alles dieses, aber versäumet es, ihre Seele mit dem Sabbat zu vermählen, und halt- und machtlos überweiset ihr ihr Glück und ihren Frieden, ihren Segen und ihre Freude, ihre Weisheit, ihr Judentum dem berechnnngslosen «schwanken des Ungefährs. Darum legen wir diese Betrachtungen über diese Perle des Judentums, über den jüdischen Sabbat in diese Blätter nieder. Glücklich, wenn es unserer schwachen Feder gelänge, auch nur einige Züge ihrer reichen Wortfllllc eindringlich und wahr zu zeichnen; glücklich, wenn dadurch auch nur eine Familie, eine Hütte, eine jüdische Seele angeregt würde, sich diesen ewigen Schatz des Lebens aus den Strömungen der Zeit unversehrt und ungeschmälert zu retten. Vereinsnachrichten. Dienstag, den 19. d. M., punkt Vs8 Uhr abends, findet im Turnsaals der Talmud Thora der dritte Vortrag über „Jüdische Kunst" statt. Herr David Bondy sprach Sonntag, den 19. d. M., über dieHagadah. Wieder einmal wurde der Jugend Gelegenheit geboten, den alten Geist der Hagädah in moderner Form zn hören, und verstand es der Vortragende, sowohl durch seine Beredsamkeit als sein tief gründliches Wissen das Interesse und die Begeisterung der zahlreich erschienenen Zuhörer zu wecken. Am Sonntag, den 17. d. M-, um 3 Uhr nachmittags, wird dieser Dortrag seine würdige und interessante Fortsetzung finden. IeuMeton. Im AeLöe. 3. März 1918. Der unaufhörliche Kanonendouner scheint doch ein Ende zu nehmen. Von ferne sehen wir den Tag grauen, jeder fragt sich, was wird er bringen, werden wir ihn überleben? Der Frührapport wird ausgegebeu. — Der Feind hat sich südlich von seinen Stellungen weiter zurückgezogen, es ist unseren heldenmütigen Soldaten gelungen, die Stellungen des Feindes zu zerstören. Die vierte Kompagnie geht vor, unsere hat heute, nach fünf Tagen mühevoller Kämpfe, wohlverdiente Ruhe. Mein Kamerad und ich ziehen uns in unseren Unterstand zurück. Wir wollen unsere Morgenandacht verrichten, heute ist gerade Schabbos, der Ruhetag des Herrn. Der Zufall hat mir einen gleichgesinnten Kollegen in diesen schweren Tagen dazu gestellt. Wir beide lefen den Wochenabschnitt und denken gar oft au unsere Heimat, das schöne Wien; in jedem zweiten Satz kommt immer wieder ein Gedanke aus der Heimat, wir denken gemeinsam an die Zeit, wo wir beide mit all den Zuständen der Wiener Orthodoxie nie zufrieden waren und beklagen uns heute, daß die Wiener Orthodoxie in 31/2 Jahren Krieg noch nicht die Energie aufgebracht hat, dafür zu sorgen, daß wir orthodox jüdische Soldaten Oesterreichs rituelle Kost, wenigstens in Form von Konserven, verabreicht bekommen. Unsere Feldrabbiucr sind machtlos in dieser Frage, weil ihnen die im Hinterlande stehenden Männer nicht genügend Vorarbeiten. Wir können den Orthodoxen im Hinterlande diesen Vorwurf nicht ersparen! Unsere deutschen Kollegen, die sogar an Zahl viel geringer sind, erhalten regelmäßig ihre Konserven, aber auch mit jüdischer Lektüre werden sie versorgt. So sprachen wir miteinander, als plötzlich der Ruf erscholl, die Post ist da, die Post!! Was das für uns bedeutet, kann nur einer begreifen, der fünf Tage im feindlichen Kugelregen lag und wieder durch Gotteshand dem Leben geschenkt ist. Die Pulse schlagen höher, — was wird die Post bringen. — Hunderte Gedanken gehen durch den Kopf. Ein Brief von meinen Eltern, von den Geschwistern und von lieben Freunden. Dem Aufbrausen folgt eine lange Stille. Alles ist vertieft in die Zeilen. Manch Tapferer von uns wischt sich verstohlen eine Träne ans dem Auge; wir verstehen es. — Mein Freund und ich gehen in unsere Erdhöhle und lesen gleich einem heiligen Epistel unsere Briefe. Aber nicht wie sonst beginnen wir nachher unser Gespräch, nicht mit der gewöhnlichen Frage, „was schreibt man Dir“? Sondern einer las es dem anderen ans dem Gesichte, diesmal gibt es etwas besonders Neues. „Hast Du sie auch bekommen die neue Zeitschrift Jeschurun?" „Und ich habe auch einen Brief von meinem Freunde darüber." Es scheint doch endlich auch in unserem lieben Wien zu tagen; es wird gekämpft, gesprochen, wir sind nicht mehr' allein, wir haben Fürsprecher. Auf dem orthodoxen Kongreß hat ein Feldrabbiner gesprochen ganz in unserem Sinne. Wir freuen uns so recht vom Herzen und das wollen wir Sie wissen lassen, deshalb schreiben wir an Sie. Wir danken Ihnen und spornen Sie an! Kämpfen Sie wie wir, mit Löwenmut, denn nur durch den Willen wird die Tat und nur ein Wille ist ein Weg!... J. S. Neue Mcher. „Von Tod zu Tod." Von Ludwig Michael Fuchs. Gedichte. R. Löwit, Wien, 1918. Ein an Umfang wohl kleines, aber an tiefem Gehalte um so reicheres Büchlein. Nicht die zarten Saiten frauenhaft anmutiger Lyrik schwingt der junge Dichter, sondern im großen Pathos eines umfassenden Weltschmerzes ergießt sich sein Lied, Von einer getragenen, schweren Schönheit das „Nachllied" und von einer geradezu an die gewaltigen Eitelausrufungen des königlichen Predigers von Jerusalem erinnernden Tragik, das „unendliche Gelächter am jüngsten Tage", DieGestalten, traumhaft gesehen, erscheinen dennoch in fast metaphysischer Symbolik im Lichte modernsten Erlebens. Ganz eigenartig ist die Sprache; eine gebundene Prosa, die zuweilen alttesiamentische Anklänge zeigt. Im Ganzen ein Buch, das großen Anforderungen gerecht wird und noch größere Hoffnungen zu erwecken berufen ist, — ät.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.