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Jüdische Korrespondenz · 1918-03-14 · 9 (14.3.1918) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
9 (14.3.1918)
Date
1918-03-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 9 Erstrebenswert ist die Autonomie unter dieser Voraussetzung für den Fall, daß es gelingt, die Verpslichtnngskraft des Thoragesctzes für alle öffentlichen Einrichtungen der autonome» Nationalgemeinschaft als Grundprinzip der Verfassung zur Geltung zu bringen. Abfinden kann sich die Orthodoxie mit der Autonomie, wenn sie, unter Vermeidung jedes Gewisscnzwangcs auch in Stcnerfragen, innerhalb des nationalen Rahmens zum mindesten der altjüdischen religiösen Kultur volle Selbständigkeit der Institutionen gewährt. Ist keine dieser Möglichkeiten vorhanden oder fehlt die grundlegende Voraussetzung der friedlichen Verständigung mit den anderen Landesbewvhnern, daun ist die Religionsgemeinschaft der gegebene Rahmen, in dem die nationale Eigenart der jüdischen Konfession durch selbständiges Schul- und Erziehungswescn und selbständige soziale Institutionen zu sichern ist. Es scheint uns, daß die während der letzten Monate von den Organisationen der gesetzestreuen Jndenheit zur Antonomiefrage gefaßten Beschlüsse grundsätzlich von den gleichen Erwägungen ansgchen, wie sie im vorstehenden dargestellt sind. Die Agudas Jisroel hat in ihrer Berliner Plenarsitzung vom 18. November* jedenfalls die „Erzwingung der Autonomie durch Appell an äußere Instanzen" abgelchnt, die Autonomie im Prinzip aber nicht verworfen. Sie hat ferner die „freie und kraftvolle Entfaltung des kulturellen und sozialen Lebens im Rahmen der öffentlich-rechtlichen Anerkennung als Konfession" als denkbar und erstrebenswert bezeichnet. Auch die Tagung der orthodoxen Organisationen in Frankfurt bringt in ihrer Resolution** die Eigenart der Juden als einer „Volksgemeinschaft", deren Ideale ganz in der „Religion" verankert sind, zum programmatischen Ausdruck, ivoraus sich unseres Erachtens unmittelbar die Möglichkeit einer Wahl zwischen zivei staatsrechtlichen Organisationsformen je nach zeitlichen und örtlichen Bedingungen ergibt. Die Resolution zieht diese Konsequenz auch ausdrücklich für die politische Praxis, indem sie die Formulierung der Verfassungsvorschläge den berufenen Vertretern jedes Landes znschiebt. Dieses Ergebnis bedeutet, wie wir gezeigt haben, keineswegs ein Ausweichen, eine Scheu vor klarem politischen Bekennen, sondern es entspricht der Einsicht in das Wesen des geschichtlichen Judentums, in die eigenartige Stellung des Judenvolkes unter den Völkern der Welt und dem Bewußtsein der ernsten Verantwortung, die auf den Schultern der Orthodoxie als der eigentlichen Vertreterin der jüdischen Massen und ihres Wohl und Wehes lastet. Mazzoth für jüdische Kriegsgefangene. w. it f. Abr. 15. Nr. 54.WM vc>rr 1918, Lsterdroldefchaffirrig für die ttnegSgefangencil inaeliiischer Konfession. Wien, am 2. März 1918. An den Verband orthodoxer Rabbiner Galiziens und der Bukowina in Wien, II., Taborstraße 21a. Die Bitte des Verbandes orthodoxer Rabbiner vom 4. Februar 1918, den Kriegsgefangenen Ostermehl zwecks Herstellung von Osterbrot zuzuweisen, * Blätter, herausgegeben vom Gruppenverband der A. I. Jänner 1918, Seite 7—14. ** Siehe „Jüd. Korr " Nr. 5. erscheint bereits mit Erl. Abt. 12, Nr. 3400 vom 2V. Jänner 1918 erfüllt. Mit diesem Erlaß wurden, da die Beschaffung von rituell zubereitetem Osterbrotmehl nicht Sache der Heeresverwaltung ist und infolge der Verpsiegskrise auch nicht erlangt werden kann, die österreichischen Militärkommandos ermächtigt, der Israelitischen Kultusgemeinde am Sitze des Militärkommandos, eventuell auch an andere Kultusgemeinden des Bereiches, wie im Vorjahre für die neun in Betracht kommenden Tage, d. i. vom 27. März 1918 bis inkl. 4. April 1918 nicht das sonst (in Brotform) gebührende Brotmischmehl, sondern reines Weizenmehl gegen Bezahlung eines Einheitspreises von K 110 per Meterzentner zuzuweisen. Infolge dieses Umstandes (reines Weizenmehl statt Mischmehl) kann in Anbetracht der äußerst knappen eigenen Bestände pro Mann und Tag (statt 280 g) nur 180 g Weizenmehl erfolgt werden. An diesen neun Tagen entfällt natürlich die Fassung des normalen ärarischen Brotes und ist der Mannschaft sowie den Kriegsgefangenen jüdischen Glaubens das Brotrelutum zu geben, aus dem sie sich die Osterbrote von der Kultusgemeinde zu kaufen haben werden. Im * Bereiche der ungarischen Militärkommandos unterbleibt die Zuweisung von Weizenmehl, da die Kriegsprodukten-Aktiengesellschaft in Budapest der Landeszentralc zur rituellen Verköstigung in Budapest für alle ungarischen Militärkommandobereiche fünf Waggons rituelles Flachmehl zur Verfügung stellen wird, welches Mehl auch durch die genannte Landeszentrale in Budapest VII. Dob. u. 38 bezahlt wird. Im klebrigen gilt auch hier die Gebühr von 180 g Weizenmehl pro Tag und Kopf und entfällt die Fassung des normalen ärarischen Brotes für jene, welche auf Osterbrot Anspruch erheben. Der Bitte, ein Quantum Erdäpfel für alle Tage der Ostern zur Verfügung zu stellen, kann nicht willfahrt werden, da eine Zuweisung von Kartoffeln in den rituellen Vorschriften nicht begründet und wegen der Knappheit der Vorräte nicht möglich ist, übrigens auch an die eigene Mannschaft jüdischen Glaubens nicht erfolgt. Wegen Zubereitung der rituellen Kost einschließlich der rituellen Reinigung der Kessel und Geschirre sind die allgemeinen Bestimmungen des Dienstbuches J-38 Punkt 84 und des an alle Militärkommanden ergangenen Erlasses Abt. 12, Nr. 180.008/1916 vom 30. Jänner 1917, bezw. des auch an die k. u. k. Israelitische Militärseelsorge in Wien IX ergangenen Erlasses Abt. 12, Nr. 3400 vom 15. Jänner 1918 maßgebend, so daß diesbezüglich der gleiche Vorgang wie im Vorjahre einzuhalten ist. den Minister: Langer FML. m. p. Prager Brief. „DieSchwenkung der Orthodoxie zum Nationalismus" betitelt eine hiesige „unabhängige jüdische Zeitschrift" eine Betrachtung über die Konferenz der österreichischen Orthodoxie in Wien. Die Neuo rdnung, die der kommende Frieden bringen soll, bewirkte zunächst die große Wandlung der orthodoxen Massen Ost Österreichs — und nun übergreift diese große Bewegung auf die Orthodoxen Westösterreichs. Der Zusammenschluß aller, auch der zerstreut lebenden glaubenstreuen Juden soll — nach dem Programme der Konferenzen — eine feste Organisation bilden. Die Orthodoxie also ermannt sich und wird sich dessen bewußt, welche Rolle ihr eigentlich innerhalb des Gesamtjudentnms zukomme und sie schlägt zweifellos den richtigen Weg ein, um sich — wie ehedem — auch bei der breiten Oeffentlichkeit Geltung zu verschaffen, wieder eine führende Rolle im Sinne des Thorageistes zu spielen, wenn sie die Verständigung mit allen anderen jüdischen Organisationen herbeizuführen sich bemüht. — Und auf der anderen Seite erleben wir dieselbe Wandlung l Schon das Zugeständnis, „daß ein Gegensatz zwischen nationalem und orthodoxem Judentume überhaupt nicht bestehen kann", da der eine Weg den anderen nicht ausschließt, bürgt für einen ehrlich gewollten Zusammenschluß und für eine Festigung und ein Neuaufblühen des jüdischen Stammes. — Die „ferne Wirkung des Zionismus" nennt man weiters in hiesigen nationalen Kreisen, die Tagung der Orthodoxen. Letztere werden aber von den Nationalen mißverstanden, wenn ferner behauptet wird, daß die Tagungsbestrebungen darauf hinausliefen, eine politische Führermacht an sich zu reißen. Wenn die Orthodoxie in der jetzigen Weltbewegung ihre Tätigkeit auf eine breite Basis stellen will, ihren Kreis zu erweitern trachtet, eine intensive Werbearbeit zu entfalten sucht und hiezu die Jugend gewinnen und schließlich auch die religiös Indifferenten in ihren Kreis hineinziehen möchte — so ist das noch kein „Hinüberschieben" zum Zionismus im p o l i t i s ch e n Sinne, als vielmehr eine Betätigung zwecks Erreichung des Existenzminimums in den jetzt so veränderten Lebensverhältnissen. * Der jüdische Erziehungsausschuß veranstaltete wieder einmal einen Elternabend, bei welchem viel von Selbsterziehung der Eltern zum Zwecke einer gesunden jüdischen Jugenderziehung gesprochen wurde. Auch der Ruf nach der jüdischen Schule wurde wieder laut und — bis zur Erreichung dieses national-unentbehrlichen Erziehungsmittels — nach Schaffung von „Ergänzungseinrichtungen" verlangt. Nun, an letzteren mangelt es hier wahrlich nicht! Die Prager Kultusgemeinde unterhält eine vortrefflich geleitete, modern ausgestattete Religionsschule, die zweifelsohne die geeignetste Stätte wäre, die gefürchteten schädlichen Wirkungen der nichtjüdischen Schule abzuschwächen, wollte man sich ihrer nur in ausgiebiger Weise bedienen und sie nicht nur als ein Organisationsinstitut der „Gesetzes-" oder wie man sie hier gerne ausdrückt „Schulcharuchtreuen" betrachtet. Immerhin wurde — und das ist anerkennenswert — ausdrücklich darauf hingewicsen, daß die Erziehung unserer jüdischen Jugend nur in konservativem Sinne gute Früchte tragen könne. ch Die dritte „Sinai"-Mitgliederversammlung führte uns in die Konferenz der österreichischen Orthodoxie ein. Voran ging, außer dem Berichte über die bisherige Tätigkeit des „Sinai" ein Referat des hiesigen ehrwürdigen Herrn Oberrabbiners: „Wie erwirbt man sich die Kenntnis des Judentums und seine. Forderungen." — Dieses Referat übertraf alle Erwartungen, zumal es, getragen von echt jüdischem Geiste, auch den zahlreich erschienenen Nationaljuden so recht überzeugend darlegte, daß es ein Judentum ohne Judenheit nicht geben könne — und wie sich erst aus der Kenntnis des Judentums — seine Forderungen ableiten lassen. Die schwungvollen Ausführungen, die tiefempfunden aus dem Herzen kommend bei allen Zuhörern wohl gleich eindrucksvoll wirkten — ergaben dann eine anregende und interessante, völlig leidenschaftslose Diskussion zwischen „Nationalen" und „Orthodoxen", deren Ergebnis die notwendige Einigungsformel und (Fortsetzung auf Seite 6.)

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