Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 9 (14.3.1918)
- Date
- 1918-03-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdisehe Korrespondenz. Nr. 9 bindung und dieselbe ist auch über die Bedingungen informiert, die Rumänien für den Frieden vorgelegt werden. Sicherlich wird die Regierung in Jassy die Herren in Paris, London und Washington auch über die Forderungen des Grafen Czernin hinsichtlich der Juden informieren. Wie werden sie sich da verhalten? Wäre es nicht ihre Pflicht, ihrerseits auf die Erfüllung dieser Forderungen zu drängen, obwohl sie den Rumänen von feindlicher Seite unterbreitet werden? Müßten sie nicht der Jassyer Regierung dazu raten, diese Forderungen ohneweiters zu akzeptieren! — Ob sie es tun werden? Vederemo! Ihr bisheriges Verhallen spricht keineswegs dafür. Dann aber wird sich alle Welt überzeugen können, was von den Tiraden der Ententepolitiker zu halten ist und dann wird daS Eintreten des Grafen Czernin für die Rechte der rumänischen Inden noch stärker ins Gewicht fallen. Rumänien erleidet jetzt die Züchtigung für seinen schnöden Verrat. Auch in derJudenfrage hat es cinen schändlichen Verrat begangen und auch da muß die Sühne eine vollständige sein. Graf Czernins Intervention zugunsten der rumänischen Juden ist ein Akt der Gerechtigkeit, der Menschlichkeit und der Moral. Die gesamte Iudeitheit wird ihm zu Dank verpflichtetsein. Spectaior. Lin österreichisch-jüdischer Kongreß! Seit einiger Zeit ist es mit der Frage der Einberufung eines allgemein-jüdischen Kongresses in Oesterreich etwas lebhafter geworden und die Sache scheint in ein aktuelles Stadium getreten zu sein. Es ist daher nicht ohne Interesse, der Angelegenheit etwas näher zu treten. Vorausgeschickt sei, daß wir keineswegs absolute Gegner der Kongrcßidee seien. Unter Umständen könnte ja eine gemeinsame, einheitliche Kundgebung der österreichischen Judenheit und die Formulierung einheitlicher Forderungen von einigem realen Nutzeit sein. Gerade deswegen finden wir uns aber veranlaßt, offen und ungeschent zu erklären, daß die Art und Weise, wie die Sache bisher inszeniert und ins Werk gesetzt wurde, keineswegs vielversprechend sei und daß man im Gegenteil aus den Vorbereitungen ersehen konnte, wie ein Kongreß... nicht gemacht werden sollte. Es kann nach all dem wohl der Zweifel berechtigt sein, ob der Kongreß überhaupt zustandekommen wird. Sollte es aber doch dazu kommen, dann muß schon heute Verwahrung dagegen eingelegt werden, als ob es sich um einen allgemein-jüdischen Kongreß handeln tvird. Es dürfte vielmehr die Aktion einer gewissen Gruppe sein, mit der Hilfe gewisser direkter und indirekter Nachläufer, hinter welchen niemand steht. Von diesem Gesichtspunkte aus wird auch die Arbeit dieses Kongresses und dessen Resultate bewertet werden müssen. Wie wir bereits einmal konstatiert haben, ist der Gedanke, einen allgemein-jüdischen Kongreß einzubentfen, von zionistischer Seite ausgegangen. Unsere Stellung zu der Tätigkeit der österreichischen Zionisten beiseite lassend, wäre dies gar kein Grund, sich der Sache gegenüber ablehnend zu verhalten. Wir wissen es wohl, daß unsere Zionisten, in dem Bestreben, ihren sonst nicht übermäßig großen Anhang nach außenhin imposanter erscheinen zu lassen, stets darauf losgehen, ihren Aktionen einen mehr demonstrativen Charakter zu geben, allzu oft auf Kosten des inneren Kerns der Sache und deren realem Effekt. Aber schließlich kann man sich auch damit abfinden, wenn es sich tatsächlich um ein seriöses Unternehmen handelt. Die Kongreßidee ist sicherlich eine ernste Sache und wäre es gelungen, die österreichische Judenheit zu einer gemeinsamen Aktion zu vereinigen, so könnte man den Herren Zionisten den Ruhm gönnen, die Initiatoren der Sache gewesen zu sein. Darait aber hapert es gerade. Die Vorbereitungen, nicht bloß solche formeller Natur, sondern auch die Feststellung des Programmes und sogar die Liste der zur Mitarbeit heranzuziehenden Kreise, sind im zionistischen Lager derart einseitig getroffen worden, als ob es sich um eine Parteikonferenz handeln würde. Im „eigenem Wirkungskreise" wurde der wesentliche Teil sozusagen „erledigt". Die anderen jüdischen Kreise, denen man gnädig das Recht der Mitarbeit zugestanden haben wollte, sollten ganz einfach vor einer vollendeten Tatsache gestellt werden. Demokratisch ist diese Methode sicherlich nicht — aber nicht einmal praktisch und gesund. Die Folgen mußten sich natürlich gar bald einstellen. Wie die Sache heute steht, würde dieser Kongreß, das Zustandekommen desselben vorausgesetzt, höchstens ein Rnmpfkongrcß sein. Vor etwa drei Wochen wurden die Vertreter verschiedener jüdischer Organisationen zu einer Vorbesprechung der Kougreßfrage eingeladen. Außer einer ziemlich beträchtlichen Anzahl zionistischer Parteigrößen und einiger Vertreter der Poale-Zion waren auch der Präsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, Herr Dr. Alfred Stern, der Präsident des Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums, Herr Hofbauer, das Vorstandsmitglied dieses Vereines, Herr Pappenheim tc. geladen. Der Vorbesprechung wohnten auch einige Wiener Rabbiner und Beamte der Kultusgemeinde bei. Die anderen jüdischen Organisationen, die Allianz, Bne- Brith, die Union rc. wurden nicht eingeladen, und zwar, wie der Einberufer, Herr Stricker, ausdrücklich erklärte, aus prinzipiellen Gründen, da man diese Organisationen im jüdischnationalen Sinnenicht alsvollwertigstndet. Wir sind nun weit entfernt davon, für die Herren der Allianz, der Union und noch weniger für die Bne-Brith rc. eine Lanze einlcgen zu wollen. Unser Urteil über deren Tätigkeit, besonders was das religiöse Moment betrifft, dürfte sicherlich schärfer ausfallen, als dasjenige der Herren Stricker und Genossen, die sonst mit ihnen zusammengehen und zusammenarbeiten. Aber nichtsdestoweniger können tvir uns mit dem Gedanken nicht befreunden, daß ihre Teilnahme an einem allgemein-jüdischen Kongreß so a priori negiert wird. Darüber müßte erst gesprochen und verhandelt werden, es hängt vielfach vom Programm und den Aufgaben des Kongresses ab, ob gewisse Kreise im vornherein ausgeschlossen werden sollten. Wir sind ja erst in jüngster Zeit Zeugen einer Vereinigung aller jüdichen Organisationen in Deutschland gewesen, was vielfach der österreichischen Judenheit als nachahmenswertes Beispiel vor Augen geführt wurde. Mau kann unmöglich eine Vereinigung der österreichischen Judenheit anstreben und gewisse Kreise ausschließen, bevor die Frage in der breiten Oeffentlichkeit, nicht bloß im engen Parteikonventikel, zur Erörterung gelangte. Haben sich die Initiatoren der Kongreßidee dennoch zu einer solchen Taktik bestimmt gefunden, dann müssen sie den Verdacht erwecken, daß es sich ihnen in erster Reihe darum handelt, sich die Majorität beim Kongresse zu sichern. Vom Standpunkte des Partei-Egoismus ist dies sicherlich löblich, aber dann darf man nicht von einem allgemein-jüdischen Kongresse sprechen, sondern den Mut haben, das Kind beim richtigen Namen zu nennen. Anderseits waren zur Vorkonferenz wohl sehr achtenswerte Persönlichkeiten geladen, die aber pur „Jichus-Azmau" haben und keineswegs irgend eine Gruppe repräsentieren. Alle Achtung vor den Wiener Gemeinderabbinern, aber wen repräsentieren sie und in wessen Namen sind sic zu sprechen berechtigt?! — Jeder Kenner der eigenartigen Wiener Verhältnisse weiß es, daß die Stellung der Gemeinderabbiner keine derartige ist, daß sie berechtigt wären, im Namen ihrer „andächtigen Gemeinden" zu sprechen. Und wen repräsentieren die Beamten der Kultusgemeinde? Doch nicht den Kultusvorstand, der ja direkt geladen und vertreten war. Sollte etwa damit die Absicht verfolgt worden sein, die Fiktion aufrecht zu erhalten, daß die Kultusgemeinde denn doch dabei ist, obwohl die offizielle Leitung derselben sich ablehnend verhielt.. . Angesichts dieser eigenartigen Zusammensetzung der Vorkonferenz mußte es klar sein, daß da wenig Positives zu erreichen war. Die Einberufer verlegten sich auch darauf, einen Antrag zu forcieren, wonach das unterbreitete Programm als Grundlage der weiteren Arbeiten zu dienen hätte, für welche ein Arbeitskomitee zu wählen wäre. Es kam aber anders. Schon die Vertreter der Poale- Zion verwahrten sich dagegen, derart vor eine vollendete Tatsache gestellt zu werden. Sie beantragten die Einberufung einer zweiten Vorbesprechung, gelegentlich welcher die ganze Sache zur Erörterung gelangen sollte. Kultuspräsident Dr. Stern erklärte sich aus Opportunitätsgründen gegen die Abhaltung eines Kongresses und der Vertreter der Orthodoxie, Herr Hosbauer verwahrte sich energisch dagegen, daß man ihn in das Komitee hineinwähle, da er gegen daö vorgelegte Programm prinzipielle Bedenken habe und sich keineswegs überrumpeln lassen will. Den Herren Einberufern war die Sache ziemlich peinlich — aber angesichts des fast allgemeinen Widerstandes mußten sie sich zur Vertagung der Beratungen entschließen. Vorige Woche fand nun die zweite Vorbesprechung statt. Kultuspräsident Dr. Stern wiederholte seine bei der ersten Beratung abgegebene Erklärung und stellte fest, daß er sich weiterhin ablehnend verhalte und an der weiteren Arbeit nicht teilnehmen will. Herr Hofbauer erklärte noch einmal, daß die Orthodoxie mit vielen Dingen, die geplant werden, sich nicht ganz einverstanden erklären und deswegen nicht mittun kann. Er lehne daher die Wahl ins Komitee entschieden ab. Auf die Bemerkung des Vorsitzenden: Sie sind hier nicht als Repräsentant der Orthodoxie, sondern ad personam geladen, replizierte Herr Hofbauer: Den Modewarenhändler Bern-