Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 8 (7.3.1918)
- Date
- 1918-03-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz. Nr. 8 sekrctär des Reichsjustizamtes war Geh. Rat Lewinski, für den Kriegsminister Major Pfaff erschienen. Die Magistrate von Berlin, Charlottenburg und Wilmersdorf hatten Vertreter entsandt. Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs (Berlin) hielt die Festrede über: „Erreichtes und Erstrebtes." Er begründete die Abhaltung des Stiftungsfestes in dieser sturmbewegten Zeit damit, daß es gelte, ein Bekenntnis abzulegen der Treue zum Vaterland und der Treue zur Glaubensgemeinschaft. In knappen Zügen schilderte er dann die Kämpfe, die der Verein gegen den Zustand der Rechtsverkümmerung sowie gegen die antisemitischen Treibereien während seines 25 jährigen Bestehens durchzufechten hatte und zeigte, wie diese Abwehr allmählich heranreifte zu einem Zusammenschluß der einzelnen jüdischen Vereinigungen zu der Gesamtorganisation des Verbandes. Nach dem Kriege werde die jetzt ruhende Werbetätigkeit in erhöhtem Umfange wieder anfgenommen werden, wobei auf eine Vertiefung der jüdischen Wissenschaft besonderes Geivicht gelegt werden müsse. Die Ausführungen wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Es folgte ein Vortrag des Rabbiners Prof. Dr. Werner (München) über: „Innerer Friede", der gleichfalls Beifall auslöste. (Die Lage der Jude« in Beßarabien.) Die Poale-ziouistische Fraktion in der ukrainischen Zentralen Rada brachte eine Interpellation über die Lage der Juden in dem von der rumänischen Armee besetzten Beßarabien ein. In Begründung der Interpellation entrollte das Mitglied der Rada, Revutzky, ein Bild von den furchtbaren Bedrückungen, die die jüdische Bevölkerung Beßarabiens von den rumänischen Machthabern ertragen muß. Die scharfen Ausfälle gegen die rumänische Regierung brachten dem Redner einenOrdnungsrus wegen „Bejeidigung einer befreundeten Macht" ein. Die Antwort des Sekretärs für Auswärtige Angelegenheiten, Schulgin, war ausweichend. (Die Juden in Polen. ) Aus Warschau wird geschrieben: Nach dem „Glos" sind von den in Warschau praktizierenden 324 Advokaten 116 Juden, von 26 Notaren ist einer Jude, von 498 Aerzten 131 Juden und 435 Hebammen 134 Jüdinnen. Außerdem habe Warschau 18 christliche Tierärzte. Von 29 Privatheilanstalten seien 5 jüdisch und von 76 Apotheken 8 in jüdischen Händen. Der „Moment" vom 24. Jänner meldet einen Beschluß der jüdischen Gemeindeverwaltung uns die Werke jener Dichter, die das Judentum und seine Bekenner schätzen und würdigen gelernt haben und ihren Helden den Charakter verleihen, den sie im persönlichen Verkehr zu bewundern und zu verehren Gelegenheit hatten. Nathan der Weise ist bloß eine poetische Uebertragung der Wirklichkeit, wie sie Lessing in seinem Freunde Mendelssohn. fand. Die modernen Dichter, oder-besser.-die-,-die sich dafür halten, schreiben jüdische.ÄMM«: stücke. Sie machen sich über die angmWh gewinnsüchtigen Juden lustig und wollen dabei selbst nichts anderes als Kassenerfolge. Erst in der letzten Zeit ist ein Jungwiener Dichter ausgetaucht, der zu den Quellen jüdischen Volkstums griff, den wir deshalb einen Dichter nennen dürfen, weil er nichts erdichtet, sondern die Wirklichkeit verklärt. in Warschau, ein Zentrales Hilfskomitee für ganz Polen zu gründen, da anzunehmen ist, daß künftighin die Unterstützungsgelder für die polnischen Juden einigermaßen regelmäßig eingehen werden. Zunächst werden 56.000Kronen envartet, die in Kopenhagen gesammelt worden sind. — Der „Hajnt" vom 23. Jänner berichtet über Beschlüsse der jüdischen Kommission beim Staatsrat betreffend die Neuorganisation des Rabbinerwesens in Polen. Jede Gemeinde soll einen Rabbiner haben, größere Gemeinden können nach Beschluß des Obersten Rates in Bezirke geteilt werden und Bezirksrabbiner sowie einen städtischen Oberrabbiner erhalten. Die Rabbiner kleiner Gemeinden werden von den Gemeindemitgliedern gewählt, die der größeren durch Gemeindevertreter und die Gemeindeverwaltung. Die Oberrabbiner werden durch eiu besonderes Kollegium, dem auch Bezirksrabbiner ihrer Stadt angehören, gewählt. Alle Rabbinerwahlen bedürfen der Bestätigung durch den Obersten Rat, die der Oberrabbiner sollen von den Staatsorganen bestätigt werden. Außer den Rabbinern sind Hilssrabbiner bei größeren Gemeinden vorgesehen, die die gleiche Qualifikation wie die Rabbiner besitzen müssen. Der Oberste Rat hat die Dienstvorschrift, eine Disziplinarordnung, die Vorschriften wegen Pensionierung und Witwen- und Waisenversorgnng zu erlassen. Jeder Rabbiner gehört der Verwaltung seiner Gemeinde mit den gewählten Gemeinde- Vertretern gleichberechtigt an. (Jüdische Mikitärabteilungen in Rußland.)) Unter der Leitung des Kapitäns Trumpeldor wurde in Petersburg aus den jüdischen Offizieren und Soldaten der gesamten Petersburger Garnison eine jüdische Militareinheit gebildet. Es besteht der Plan, der-' artige Militäreinheiten in ganz Rußland zu begründen. Die jüdischen Armeekongresse, die an den Fronten abgehalten werden, sprechen sich für die Bildung derartiger jüdischer Militärabteilungen aus. Die jüdischen Militärabteilungen sollen eine eigene blau-weiße Fahne haben. (Russische Jude« als Ackerbauer.) Nach einem Telegramm aus Petersburg hat eine Konferenz von jüdischen Ackerbauern sowie von jüdischen Persönlichkeiten, die ein Interesse für die Bodenfrage haben, in Novo- Poltatva, Gouvernement Cherson, stattgefunden. (Jüdische Volkskunde in der Schweiz.) Zum Zwecke der Erforschung der jüdischen Eigenart hat sich im Schoße der „Schweiz. Gesellschaft für Volkskunde" Stefan Zweigs „Jeremias" darf als ein jüdisches Stück bezeichnet werden. Jüdisch in der Empfindung, jüdisch in der Auffassung und jüdisch iu der poesievollen Sprache, die uns die Quelle und den Ursprung, aus der der Dichter schöpft, in seiner ganzen wunderbaren Schönheit zeigen will- Solche Stücke würden es verdienen, Repertoirestücke der Wiener Theater zu werden. Solchen Theaterstücken sollten die Pforten des Tempels der Kunst für unsere Jugend geöffnet werden. Solche jüdische Theaterstücke würden nicht nur das Selbstbewußtsein unserer Jugend heben, sondern auch die Allgemeinheit würde den jüdischen Helden, wenn auch nur im Rampenlichte, im richtigen Lichte und in der richtigen Beleuchtung sehen und begreifen. eine besondere Kommission gebildet, die sich mit sachverständigen jüdischen Kreisen des Jn- und Auslandes in Verbindung setzen wird, um die vielgestaltigen Aeußerungen echtesten Volkstums, die heute noch bei den Juden lebendig erhalten sind, zu sammeln. Dabei wird es sich nicht nur um ältestes pietätvoll gewahrtes Gut handeln, wie es in Familien-,. Haus-, Rechts- und Religionsbräuchen sich äußert, sondern auch um tiefgewurzelte volkstümliche Traditionen. Ein besonderes Kapitel werden die Volkspoesie und Volksrede bilden, die seit ältesten Zeiten von den Juden gepflegt worden sind und sich in manchen charakteristischen Formen bis auf den heutigen Tag erhalten haben. (Moise Schwab.) In Paris starb im Alter von 78 Jahren Moise Schwab, Bibliothekar an per Pariser Nationalbibliothek, einer der hervorragendsten Talmudsorscher der letzten Jahrzehnte. Er hat den jerusalemischen Talmud ins Französische übersetzt (1871 bis 89); die Uebersetznng umsaßt elf Bände. von der „Agudas Jisroel". Sonntag, den 3. d. M., fand eine Vorstandssitzung der „Agudas Jisroel" in Wien statt, die laufende Angelegenheiten aktueller Natur zu erledigen hatte. Der Vorsitzende, Herr I. I. Thumim, benützte diese Gelegenheit, um folgende Erklärung abzugeben: In jüngster Zeit ist eine neue Hetze gegen die „Agudas Jisroel" in Szene gesetzt worden. Nachdem die absurde Behauptung, die Aguda arbeite für die Assimilation, ob ihrer Lächerlichkeit keinen Effekt machen konnte, legten die Gegner der Aguda eine neue Walze ein : cs wird das Gerücht verbreitet,' die Aguda strebe eine Einigung mit der Orthodoxie in Ungarn an, nm auch in Galizien eine Scheidung zwischen Orthodoxie und Fortschrittlern, und eine Trennung in den Gemeinden nach ungarischem Muster herbeizuführen, was — nach der Behauptung der Verbreiter dieses Gerüchtes — der Einheit des galizischen Judentums schädlich sein müßte; weshalb man die Aguda bekämpfen sollte. Diese Behauptung ist nun ebenso absurd wie perfid. Jedem Kenner der Verhältnisse ist es klar, daß in Galizien gar kein Bedürfnis für die Orthodoxie vorliegt, eine Trennung in den Gemeinden anzustrebeu. In Ungarn mußte die Orthodoxie dazu streben, um sich gegen die Vergewaltigungen seitens der immerhin bedeutenden Fortschrittler zu schützen. Dasselbe könnte unter Umständen auch in Westösterreich der Fall sein. In Galizien liegen aber die Verhältnisse ganz anders. Die Orthodoxie bildet hier überall die erdrückende Majorität, bis zu 80—90%, die Fortschrittler lassen sich an den Fingern abzählen —- was sollte die Orthodoxie veranlassen können, eine Trennung anzustreben? Im Gegenteil, die Fortschrittler könnten eventuell dazu gelangen, eine solche Forderung zu erheben. Die Orthodoxie ist da der „Baal- Habajith" und braucht keineTrennungsabsichteu zu hegen. Wenn es bisher leider hier undda der Fall war, daß die wenigen Fortschrittler die Herrschaft in der Gemeinde ausübten, so war dies nur der Indolenz der Orthodoxie und dem Mangel an Selbstbewußtsein zuzuschreibeu. Gerade nach dieser Richtung ist