Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 8 (7.3.1918)
- Date
- 1918-03-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Jeschurun Nr. 8. — 1918. Organ des Vereines ..Jeschurun1' ORGANISATION für die thoratreue Jugend Wiens Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: „Jescliurun"-PrelikoniiteetWi8n.iMSalztorgasse2. „was soll aus unseren Kindern werden!" So fragen viele Eltern nnd suchen darin schon eine Art Entschuldigung für den Werde- und Entwicklungsgang ihrer Nachkommen. Die Eltern verraten schon durch diese Frage ihre Machtlosigkeit und Planlosigkeit ihrer Erziehung. So wenig die soziale Frage oder die stets akute Judenfrage mit einem Schlage gelöst werden kann, sondern jeder Einzelne diese Frage für sich individuell zu lösen sucht, so wird es strenggläubigen Eltern gelingen, eine glückliche Lösung der Berufssrage für ihre Heranwachsenden Swhne und Töchter am sichersten zu finden, wenn sie sich dabei schon in dem ganzen Erziehungsprograinm die Richtlinien unserer Altvordern zum Beispiel nehmen: „Erziehe den Knaben nach Maßgabe seines einstigen Lebensweges, selbst im Alter wird er dann nicht davon lassen!" Das heißt: „Habe bei deiner Erziehung immer die Zukunft deines Kindes im Auge und lasse die Vorstellung von diesem seine!» künftigen Lebenswege dir den Maßstab für deine Erziehung geben." Woher kommt es, daß fromme Eltern in religiöser Beziehung so häufig Enttäuschungen an ihren Kindern erleben? „Woher?" Eben weil die übrigens höchst braven Eltern so kurzsichtig waren, völlig zu vergessen, daß ihr Kind nicht immer unter elterlicher Aufsicht bleiben werde, daß doch jede Erziehung vielmehr das Kind für das einstige aussichtslose Leben in der Welt vorzubereiten habe, daß ihm diese Welt nicht neu sei und durch ihre Neuheit nur um so verlockendere Reize bietet. Wir sollen unseren Kindern den sittlichen und mäßigen Genuß erlaubter Freuden lehren, sich auch in der genießenden Welt zu bewegen und an ihren Vergnügungen teilzunehmen, ohne ein Haarbreit von der Pflicht zu weichen. Ich möchte hier einen Fall erzählen, den unser Altmeister S. R. Hirsch anführt: Wer kannte nicht N. N., den herrlichen Mann mit dem jüdischen Geiste und dem jüdischen Wissen, dessen Haus weithin leuchtete als das Muster eines frommen jüdischen Hauses, das tvie eine Oase aus der Wüste der Allgemeinheit heroortrat. Fern blieb von seiner Schtvelle alles, was nur den Anhauch einer unjüdischen Gesinnung oder Lebensanschauung hineintragen konnte, nnd tvie der Vater einer der eifrigsten Kämpfer war in dem Gemeindeleben, der das größte Hebel in der sogenannten Bildung sah, die die jüdische Wissenschaft angeblich verdrängt. Er hatte daher nur das eine Ziel, das jüdische Schrifttum zur ausschließlichen Geistesnahrnng seiner Kinder zu mache», und um sie vor denn Gift der modernen Bildung zu bewahren, schloß er sie nicht nur von jedem Umgänge ab, sondern erfüllte sie mit einer geringschätzigen Verachtung gegenüber sonstiger Kunst, Wissenschaft und Gelehrsamkeit. — Man sagt, er sei an gebrochenem Herzen gestorben, daß nicht ein Einziger seiner Nachkommen Jude in Gesinnung und Leben geblieben, vielmehr alle in der Zeitstrvmung zugrunde gegangen, von ivelcher sie fernzuhalten das Bestreben ihrer Jugenderziehung gewesen ist. Wir müssen daher unsere Kinder rechtzeitig lehren, gegen den Strom und gegen alle Zeitströmungen schn'immen zu können, wir müssen sie davor beioahren, den Verlockungen neuzeitiger Schlagworte zu unterliegen, daß sie nicht etwa nur den Eltern zuliebe noch religiös leben, sondern dieses religiöse Leben muß ein Selbsterleben, ihre eigenste Lebensanschauung sein. Zurzeit steht der Geist unserer modernen Jugenderziehung mit demjenigen, wie ihn unsere Väter pflegten, in schroffem Gegensatz. Unsere Schulbildung steht in erster Reihe im Dienste der materiellen Bedürfnisse des Lebens, es bleibt eben ein Brotstudium. Die Ausbildung des Geistes und Gemütes steht in letzter Reihe. Wie anders tvar es früher; auch da nahm man bei der Erziehung auf den künftigen Lebensweg des Kindes Bedacht, aber ihnen war das praktische Leben die Erfüllung ihres ureigensten Berufes, zu dem wir geschaffen, Gotteskämpfer zu werden, ein williges Werkzeug höherer Macht, wozu der | Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst, l’usl.katte durch das: Preßkomitee des Vereines „Jeschurun“ Wien, I., Salztorgasse 2. ’<> bürgerliche Erwerb oder Berus nur die Waffen nnd Mittel bieten sollten. Merkivürdig, daß gerade diejenigen, welche die Thora als Hauptsache und ihre Profession als das Nebcnsächliche behandelten, auf beiden Gebieten reüssierten. Es mag daher für treubesvrgte Eltern eine Beruhigung bieten, sich bewußt zu werden, daß wir unseren Kindern nichtsBesseres geben können, als ihnen nach abtbewährter Methode eine streng religiöse Erziehung angedcihen zu lassen, die die sicherste Gelvühr gibt, daß sie auch in ihrem bürgerlichen Berus vorwärts komnien werden, ohne daß ihr Lebe» nur ein Tanz um das goldene Kalb der Gegenwart, „der armselige Kapitalismus", bedeuten wird. Ein deutscher Nationalökonvm führt aus, daß die streng jüdische Erziehung den Bernfskreis wohl vermindert, doch den Weg zur frühen, tatenlustigen Selbständigkeit weist. Der Jude will seinen Lamstag heiligen und tvählt daher nicht die Beamtcnlanfbahn, die keine Individualitäten kenne» will, sondern gründet sich sein eigenes Geschäft. Dieser Gelehrte christlicher Konfession kommt zu dem Ergebnis, daß in der letzten Zeit gerade durch die Abnahnie der religiösen Denkungsart auch der Einfluß der Inden auf dar Wirtschaftslebeu znrnckgeht. Das Erziehungs- Programm des Jeschurun kann daher nicht nur beglückend auf die Heranwachsende Jugend, sondern auch segensreich auf den Wiederaufbau des Wirtschastslebcns nach dem Kriege wirken. 0. X. Vereinsnachrichten. Die Kurie der Frau Enleitinc Bondi beginnen von nun an um ',.8 llhr. Herr David Bond» wird Sonntag, den IN. und 17. d. SB!., um;i Iltir nachmittags, im Turnsaale der Talmud Thoraschule über „Hagada" sprechen. Gäste willkonunen! Exkursion. Sonntag, den in. d. SD!., findet unter Führung des Kustos Dr. I. Bronncr eine Besichtigung des jüdischen Museums, >1., Matzgasse 16, statt. Gäste, auch Mchimilglieder, sind herzlichst willkoinmen. Ieuilleton. GHeaterr. (Unwahrheit und Dichtung.) Schillers hohes Ideal von Kunst und Künstler, in dessen Hand die Würde der Menschheit gelegen ist, ist im Lause der Zeit ziemlich verblaßt. Das Theater ist nicht mehr die hohe Bildungsstätte, die uns das Leben in seinen verschiedenen Phasen im Spiegelbild der Dichtkunst zeigt, sondern mehr einem Lachkabinett ähnlich, aus welchem uns die menschlichen Charaktere verzerrt und karikiert entgegengrinsen. Das Leben ist noch immer der beste Dramatiker und schreibt uns armen Juden so viele Tragödien und Trauerspiele und so wenig heitere Lustspiele und Komödien. Die Dichter nehmen sich an diesem Dramatiker kein lehrreiches Beispiel und suchen die Judentragödie zur Posse zu travestieren. Wie schön Märe es, wenn das Leben der Juden wirklich so heiter wäre, wie es oft auf der Bühne gezeigt wird. Es gibt immer mehr Bühnen, in welchen die Darsteller „jüdeln" und sich deshalb schon für jüdische Charakterdarsteller halten und das jüdische Familienleben als Posse behandeln. Anstatt sich über die traurigen Erscheinungen unserer Zeit zu entrüsten, besuchen selbst Juden derartige Theater und fördern damit diese Unart jüdischer Pseudokunst. Wohl sind wir im Laufe der Jahrhunderte genug abgestumpft worden, um Hohn und Spott zu ertragen und zu vertragen, aber von der Bühne müssen wir doch entweder ein reales oder idealisiertes Spiegelbild des Lebens fordern. Es darf uns daher nicht wundern, daß selbst unsere großen Dichter, die wir unsere Klassiker nennen, den jüdischen Charakter in ihren Jndenstücken verzeichnen. Der große englische Dichter zeigt uns in seinem Drama „Der Kaufmann von Venedig" die Grausamkeit eines jüdischen Kaufmannes. Selbst wenn dieser Kaufmann nicht nur einem Dichterhirne entsprungen wäre, dürfte dieser Kaufmann von Venedig nicht als Typus hingestellt werden. Wie hätte Shakespeare seine Meinung ändern müssen, wenn er unser Zeitalter erlebt hätte, hat doch sein Volk das welterschülternde Morden aus wirtschaftlichen Gründen begonnen. Wäre je ein jüdischer Kaufmann geschäftlicher Vorteile halber über Leichen gegangen? Wollte je ein jüdischer Kaufmann seine Konkurrenten verhungern lassen? Auch unser heimischer Dichter Franz Grillparzer schrieb ein Judenstück, „Tie Jüdin von Toledo". Nur die Unkenntnis der jüdischen Volksseele konnte den Stoff zu diesem Drama liefern. Wir Juden dürfen aus unsere Frauen stolz sein! Diese Frauen haben es verstanden, himmlische Rosen in das dumpfe Leben des Ghettos zu weben, das jüdische Haus zum Heiligtum zu stempeln und dieser Dichter greift hinein ins volle Menschenleben, nicht um uns den Typus edler jüdischer Weiblichkeit zu zeigen, sondern um uns eine einzelne Blüte seiner Phantasie zur Heldin dieses Dramas zu machen. Wie anders erscheinen