Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 8 (7.3.1918)
- Date
- 1918-03-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz. Lin „Protest". Das wiederholt gekennzeichnete Haager Jüdische Korrespondenzbureau verbreitet die Nachricht, daß das Zionistenkomitee in Holland einen Protest dagegen erhoben hat, daß zu den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk keine jüdischen Pertreter zugezogen lvurden, obwohl dort über das Schicksal der Juden in Polen, Litauen und Galizien (?) entschieden tvurde. Daraus wird die Schlußfolgerung gezogen, daß die Mittelmächte sich um die Rechte der Inden nicht kümmern und daß ihrerseits diesbezüglich nichts zu erwarten ist. Die Authentizität dieses angeblichen Protestes vorausgesetzt, kann derselbe nur als eine jener Lächerlichkeiten gekennzeichnet werden, an welchen die Kriegspsychose so reich ist. Wer den Verlauf der Verhandlungen in Brest- Litowsk aufmerksam verfolgte, konnte sicherlich lvahrnehmen. daß dortselbst von der Gestaltung der innerpolitischen Verhältnisse in den in Betracht kommenden Gebieten überhaupt keine Rede war. Im Gegenteil, die allseitigen Kontrahenten verwahrten sich gegen das Hineinziehen der innerpolitischen Fragen in den Kreis der Verhandlungen und Bedingungen. Was hätten somit jüdische Vertreter dort zu tun? — Es ist auch eine Tatsache, daß zu den Verhandlungen weder Vertreter der Polen, noch der Litauer oder Kurländer k. zugezogen wurden, obwohl die Polen schon quasi einen ' eigenen Staat und eine eigene Regierung besitzen. Wie lächerlich wäre es somit, gerade jüdische Vertreter beizuziehen. Was speziell Galizien anbetrifft, scheint man im Auslande noch immer vergessen zu wollen, daß dieses Land einen integrierenden Teil des österreichischen Staates bildet und daß über dessen Schicksal in Brest-Litowsk überhaupt nicht gesprochen wurde. Wenn in der Zukunft die innerpolitische Struktur dieses Landes eine Aenderung erfahren sollte, dann ivird dies nur im Rahmen der Verfassungsreform in Oesterreich geschehen, ohne jeden Einstuß seitens auswärtiger Faktoren. Am wenigsten konnte darüber in Brest-Litowsk gesprochen werden. Welchen Zweck haben demnach derartige Proteste und welche Naivität gehört dazu, sich mitsolchen Kannegießereien abzugeben. Die Sache hat aber eine noch ernstere Seite. Bei einem eventuellen allgemeinen Friedenskongreß dürften sicherlich ernste und konkrete jüdische Forderungen. zu vertreten sein. Wenn man nun mit lächerlichen Protesten operiert, lauft man Gefahr, späterhin nicht einmal mit begründeten Forderungen und Wünschen ernst genommen zu werden. Dies könnte unter Umständen der einzige Effekt dieser superklugen Taktik sein. Die Sorge der „Arbeiter-Zeitung" um die Leeresleitung. Die Täuflinge der „Arbeiter-Zeitung" lieben es seit jeher, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ihren ehemaligen „Glaubensgenossen" eins am Zeug zu flicken, — wahrscheinlich in der löbliche» Absicht, ihre frühere Glaubenszugehörigkeit desto besser vertuschen zu können. Diesmal haben sie sich aber einen Rekord geleistet, um den sie jeder waschechte Judenfeind beneiden dürfte. Sie produzieren sich plötzlich in einer funkelnagelneuen Rolle und zerbrechen sich den Kopf der . .. k. u. k. ceresleitung! — Freilich, wenn man den ommen Juden an den Leib rucken will, ist sogar die sonst verschrieene Heeresleitung das Objekt lieblicher Fürsorge. Der Aufruf des Komitees zur Versorgung der jüdischen Frontsoldaten mit Mazzoth (den wir in voriger Nummer veröffentlichten) scheint es den Herren Adler und Austerlitz angetan zu haben. In der Freitag-Nummer der „A.-Z." wird dieser Aufruf unter der hämisch sein sollenden Aufschrift: „Ein ,herzzerreißender' Zustand" reproduziert und mit folgender Randglosse versehen: Bei allem Respekt vor angeblich (!) religiösen Anschauungen wird man diese Schilderung, wonach es ein „herzzerreißender Zustand" wäre, wenn Soldaten, die ihrer Religion nach Juden sind, nicht Mazzoth erhalten würden, doch nur mit einem ausgiebigen Erstaunen lesen können. Woher die Heeresleitung plötzlich da das „nötige Mehlquantum" besitzt, ist dabei wahrlich ein Rätsel. Die Herren von der „Arbeiter-Zeitung" mögen die Sorge für das „nötige Mehlquantnm" der Heeresleitung ruhig überlassen, — sich aber gesagt sein lassen, daß diese Anrempelung mehr Ekel als Entrüstung auslösen muß. Es ist geradezu Perfid, die heiligsten Empfindungen derjenigen, die an der Front ihre Haut zu Markte tragen und stündlich dem Tode ins Auge blicken, die deswegen vielleicht ein noch stärkeres Bedürfnis haben, ihrer Religion treu zu bleiben, derart zu verhöhnen ... In den Augen der „Reichspost" werden die Herren trotzdem wenig Gnade finden. Die Liebesmühe ist da eine vergebliche. ... Die nationale Autonomie und das gesetzestreue Judentum. Kann das geschichtliche, (vollkommen korrekt als das zugleich gesetzestreue und orthodoxe zu kennzeichnende) Judentum weder in der „nationalen Autonomie", noch in der „konfessionellen Autonomie" den idealen staatsrechtlichen Ausdruck seiner Wesensart erblicken, muß es sich also in dieser Welt der Tatsachen wohl oder übel mit einer Halbheit abfinden, so erhebt sich de lege ferenda natürlich um so ernster die Frage, welche Form der Organisation erstens für die Gesamtinteressen der Judenheit, die politischen, wirtschaftlichen, religiösen, kulturellen, die relativ beste ist und zweitens, welche der beiden Formen am ehesten durch gesetzgeberische oder praktische Kautelen dem nicht vollkommen erreichbaren Ideal doch wenigstens angenähert werden kann. Wenn wir sagen: de lege ferenda, so erhellt schon daraus, daß nun, nach Beantwortung der Prinzipienfrage, der Blick auf diejenigen Länder konzentriert werden muß, in denen neue Formen des staatlichen Lebens sich zu gestalten beginnen, auf die Länder des Ostens: Polen, Ukraine, Litauen, Kurland, Rußland, Galizien. Soviel steht ferner fest: welche Wirkung auch die Anerkennung der Judenheit als Nationalität auf die politische Stellung der westländischen Judenheit ausüben könnte, die Rücksicht darauf darf keinesfalls ausschlaggebend oder auch nur im Unterbewußtsein die Beurteilung der Jnteresfenfrage beeinflussen. Denn was im Osten für das Ganze auf dem Spiele steht, das ist qualitativ und quantitativ so unvergleichlich Gewaltigeres als das Wohlbefinden des Häufleins Westjuden, sogar Ungarn eingeschlossen, daß nicht einmal ein gegenseitiges Abwägen zulässig ist. Dies um so weniger, als es sich ja in der Tat im Westen, selbst bei pessimistischster Beurteilung, nicht um die Existenz, sondern nur um das soziale und politische Wohlbefinden der Inden handelt, w ährend im Osten Sein und Nichtsein an der rechten oder falschen Lösung hängen kann. Sein oder Nichtsein — vor allem im einfachsten physischen und wirtschaftlichen Sinne (der wirtschaftliche Untergang führt mittelbar auch zum physischen). Ohne Judenheit kann es auch kein Judentum gebe», und die Sorge um das Lehen hat zu allen Zeiten, solange nicht das höchste religiöse Gut in Frage stand, als legitimstes Augenmerk jüdischer Volksführer gegolten. Spiegelte allerdings die staatsrechtliche „nationale Autonomie" ihrem idealen Wesen nach den innersten Kern des Judentums wider, und stände ihr wie der Wahrheit die Lüge die „Konfession" gegenüber — dann könnte man die Frage für diskutabel halten, ob nicht die jüdische Gemeinschaft für jene Wahrheit auch heute noch in den Tod zu gehen habe, um ihren Kindern ein wahrhaftiges jüdisches Leben zu erkämpfen. Wer also in der Nationalisierung des Judentums an sich, in der Erweckung und Auswirkung des formalnationalen Bewußtsein ein Heiliges erblickt, das absolutum der jüdischen Existenz — der darf allerdings im Noffall auch einer ganzen Generation den Märtyrertod für den Kampf yzy. di?, nationale Autonomie, zumuten...7-. das gesetzestreue "Judentum jedoch, dem nationale Autonomie wie Religionsgemeinschaft gleichwertige Halbheiten sind, darf es nicht. Es hat also jedenfalls zunächst zu fragen: ist die eine oder die andere Organisationsform im konkreten Falle ohne Gefährdung wichtiger jüdischer Lebensinteressen durchzusetzen? Erst wenn diese Tatsachenfrage auf Grund vernünftiger, sachkundiger Erwägungen beantwortet ist, läßt sich eine grundsätzliche Entscheidung treffen. Die Judenheit auf die eine oder die andere Lösung wie auf ein Dogma festlegen zu lassen, muß die Orthodoxie somit aus prinzipiellen Gründen ablehnen. Sie muß es um so entschiedener, als sie gerade in ihrer Eigenschaft als Vertreterin des geschichtlichen Judentums Besonnenheit zu wahren und gegenüber den auch die Juden jedesmal stürmisch ergreifenden weltkulturellcn Tagesströmungen auf den Ewigkeitswert ihrer ureigensten Erkenntnisse, um des Ganzen willen, sich zu besimren hat! Genau so gut denkbar wie die heute himmelwärts stürmende Woge des Nationalgedankens, der das Evangelium der Stunde geworden ist, wäre auch eine Zeitstimmung denkbar, die den Nationalismus als Engherzigkeit verwirft und statt dessen die eonfessio zu den zeitlosen Ideen einer Weltanschauung als ein allein seligmachendes gruppenbildendes Einigungsmerkmal unter den Menschenkindern verkündet. Dann würde das historische Judentum mit dem gleichen Nachdruck das Recht seines durch einen bestimmten normativen Inhalt geadelten jüdischen Nationalismus zu betonen haben, wie es heute mit unbeugsamer Festigkeit an der