Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 8 (7.3.1918)
- Date
- 1918-03-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K8, halbjährig K4, vierteljährig K 2. Einzelnummer 20 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Nr. 8. Wien, 7. März 1918. IV. Jahrgang. Rußland. Fast zur Jahresfrist seit dem Sturz des Zarismus ist das Werk vollendet worden, das damals seinen Anfang nahm. Der Zarismus in seiner tvilden Gestalt, luxe er seit zwei Jahrhunderten die Knlturwelt bedrohte, ist nicht mehr. Wenn der Exzar in seinem Exil in TobolSk es genau wissen sollte, was am 3. März in Brest-Litowsk zwischen den Vertretern der Mittelmächte und den Bevollmächtigten Rußlands vereinbart wurde, dann wird er sich eingestehen müssen, daß die Arbeit seiner Vorfahren im Verlaufe ziveier Jahrhunderte nunmehr vernichtet ist. Was das zaristische Rußland seit den Tagen Peters des Großen mit List und Gewalt znsammengebracht und „erworben" hat, es ist seinen Klanen für immer entrissen. Die Randvölker, die ins russische Joch gezwängt wurden, — sie sind endgültig befreit, möge der Verlauf der Ereignisse in Rußland welche Wandlungen immer bringen. Was bei Gorlice begonnen wurde, es ist vollendet. Der Zarismus ist ein überwundener Standpunkt, ein hiftoiffcher- Bvgriff. Dir M«nick>h«t ist tzirstr Geisel srrrmnd brr ckürrftigr Geschichtsschreiber wird sicherlich das Besreiungswerk, das die vielverschrieenen Mittelmächte verrichtet haben, besser als die Gegenwart zu würdigen verstehen. Europa wird nach einem Jahrhundert republikanisch oder kosakisch sein — sagte einst Napoleon I. Europa ist aber nicht republikanisch geworden und die Verhältnisse im. republikanischen Frankreich waren am wenigsten darnach, um zu Nachahmungen anzulocken. Aber die kosakische Gefahr bestand noch immer und der Zar aller Reussen galt besonders in den letzten Jahren als der Herr Europas. Seine „Dampfwalze", für welche das republikanische Frankreich nicht weniger als 20 Milliarden zur Verfügung stellte, galt als die gefährlichste Bedrohung der Menschheit und die Kosaken waren ein Schrecken für alle Kulturvölker. Das scharfe Schwert der Mittelmächte war es, das da gründlich Wandel geschaffen hat. Europa wird nicht niehr kosakisch werden. Dieses Gespenst ist ein für allemal verscheucht. Darin liegt wohl in erster Reihe die Bedeutung der Friedensstipulationen von Brest-Litowsk, die im ersten. Augenblick etivas hart anmuten, die aber nicht anders sein konnten, wollte man ganze Arbeit verrichten. Ein in seinen früheren Grenzen und in seiner früheren Machtstellung belassenes Rußland wäre nach wie vor der Schrecken der Welt. Der zeitweilig verjagte Zarismus konnte immerhin eine Auferstehung erleben und weit und breit Angst und Furcht einjagen. Heute ist das nicht mehr der Fall. Das Rußland, das in seine natürlichen Grenzen verwiesen wurde, kann nicht mehr gefährlich tverden, mögen die Bolschewist in Petersburg das Heft in Händen haben oder die Romanows Thron und Macht wieder erlangen. Rußland ist heute ein asiatischer Staat und sein Machtwort wird Europa nicht mehr ans den Angeln heben. Ein großes Heil ist der Menschheit widerfahren. Die stete Bedrohung des Weltfriedens, die Reizung der wildesten Instinkte, der berüchtigte rollende Rubel, — sie sind heute nicht mehr. Die ervbcrungslüsternen Weststaaten werden die Miltionenhvrden des Zaren nicht mehr in ihr Kalkül ziehen können. Das Blutbad, dessen Zeugen wir sind, wird keine Wiederholung erleben. Frei sind die Randvölker des ehemaligen Rußland, — die Hufe der Kosakenpserde werden nicht mehr Europas Kulturboden zerstampfen. Der 3. März 1918 wird im Kalender der Weltgeschichte _ rot unterstrichen sein. Ein Freuden- und Festtag für Völker und Menschen. Für die sechs Millionen Inden, die im ehemaligen zaristischen Rußland mehr gelitten als aelebt haben^. bringt die neue Wendung der Dinge eine restlose Erl o s'ü u g. Wohl hat ihnen die Revolution die Frecheit gegeben. Aber diese Revolution und deren Errungenschaften waren keinen Tag ihrer Sache sicher. Die Reaktion konnte jeden Moment wieder austauchen und das, was die letzten Monate und Wochen gebracht haben, war vielleicht ärger als die Gefahren der Reaktion. Gerade die Anarchie, die immer^weitere Kreise um sich zog, war die beste L-chrittmacherin der Reaktion und täglich mußten die Millionen Inden vor der Rückkehr des Zarismus zittern. Heute sind sie dieser Sorge los. Im eigentlichen Rußland, das noch der Botmäßigkeit Petersburgs und Moskaus untersteht, dürfte die Zahl der Juden keine übermäßig große sein. Dort, in den „judenreinen" Gouvernements, außerhalb der berüchtigten „Tscherta", werden sich nur Bruchteile der russischen Jndenheit aufgehalten haben. Die anderen Teile, die überwiegende Majorität, bevölkerten die sogenannten Randlänver, die heute selbständige Staaten werden und moderne Staatseinrichtungen erhalten. Möge in Petersburg und in Moskau alles drüber und drunter gehen, — das Gros der russischen Judenheil ist geborgen. Es fürchtet nicht mehr die Kosaken des Zaren und auch nicht die „Rote Garde" der Bolschewiki. Als die Macht des Zarismus auf den Schlachtfeldern den Todesstoß erhielt, galt dies jedem Einsichtigen als ein Fingerzeig Gottes. Die ewige Vorsehung hat nunmehr ganze Arbeit geleistet. Gerächt sind die blutigen Opfer von Kischenew und Schitomir,Homel und Odessa, Siedler und Bialystok. Furchtbar waren die Sütiden des Zarismus und ebenso furchtbar ist die Sühne. Zertrümmert und vernichtet liegt all das am Boden, was Zarengenerationen mit so viel Blut ansgerichtet hatten. Es gibt eine ewige Gerechtigkeit und Heil denjenigen, die diesmat zur Bollführung ihres Willens ausersehen waren. Spectator. Die Organisation der österreichischen Orthodoxie. Die Vorarbeiten für die Organisation der österreichischen Orthodoxie schreiten rüstig vorwärts und besonders zahlreich sind die Anregungen, die aus der Provinz cinlausen. Dortselbst empfindet man die Notwendigkeit einer Organisation noch stärker als in Wien, was übrigens nur begreiflich ist, da in Wien die Verhältnisse angesichts der Stellung, die die Orthodoxie einnimmt, immerhin halbwegs leidlich sind. Tie Orthodoxie der Provinz legt großes Gewicht darauf, die Organisation aus der Basis der Krönlander-Gruppen zu schaffen. Jedes Kronland soll eine eigene Calib'esg r«ppe Hilden. Hi» toft der Zentralstelle in Wien zu einem einheitlichen Körper vereinigt werden sollen. Die Motivierung hiefür ist ziemlich einleuchtend, da die Verhältnisse in den diversen Kronländern tatsächlich verschieden sind. Die Organisation dürste auch auf dieser Grundlage aufgebaut werden. Eine andere Anregung ivird von verschiedener Seite unterbreitet. Die Einsetzung von Vertrauensmännern, denen die Aufgabe zufallen sollte, die Organisationsarbeit bis zur Schaffung des eigentlichen definitiven Instruments zu führen. Auch diese Anregung findet Anklang und ist vollkommen begründet. Nur wäre es zunächst Sache der Orthodoxen in der Provinz, dem Aktionskomitee diesbezügliche Vorschläge zu unterbreiten. Das Aktionskomitee kann unmöglich von der Zentralstelle ans die Vertrauensmänner einsetzen, da für solche nicht bloß die persönliche Qualifikation, sondern auch die Arbeitsmöglichkeit und die lokalen Verhältnisse maßgebend sein müssen. Sobald das Aktionskomitee seiner Vorbereitnngsarbeit eine breitere Basis gegeben haben wird, dürfte die Einsetzung der Vertrauensmänner — im Einverständnisse mit den lokalen Faktoren — in Angriff genommen werden. Betont muß zunächst werden, daß das Aktionskomitee hauptsächlich zur Schaffung der ersten Organisationszellen und zur Vorbereitung des Delegtertentages berufen ist. In programmatische Details einzugehen ist heute noch verfrüht. Alle Anregungen werden zur Kenntnis genommen, die mentorischc Behandlung kann erst später erfolgen.