Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 7 (28.2.1918)
- Date
- 1918-02-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 7 Die Deputation sprach hierauf auch beim Vizepräsidenten der Statthalterei, Hofrat Ducikiewicz, vor, wo sie ebenfalls vollstes Verständnis für ihre Forderung und weites Wohlwollen gefunden hat. Prinz Eduard von Liechtenstein über religiöse Erziehung. Vorigen Donnerstag fand hier die Generalversammlung des „Vereines zur Rettung der verlassenen Kinder Galiziens" statt. Der Versammlung wohnte auch der Leiter des k. k. Kriegsfürsorgeamtes, Prinz Eduard von Liechtenstein, bei. Seine Durchlaucht ergriff im Laufe der Diskussion das Wort und betonte die Notwendigkeit, den Kriegswaisenkindern, für die der Verein zu sorgen hat, eine religiöse Erziehung zu geben. Prinz Liechtenstein erklärte hiebei, sich im Lause der Zeit überzeugt zu haben, daß die vielfach verbreitete Anschauung, als ob die Orthodoxie kulturfeindlich sei, falsch ist. Er hat einige Herren aus Deutschland, die dort die Kriegswaisenaktion leiten, kennen gelernt und konstatieren können, daß sie, obwohl streng orthodox, in kultureller Beziehung keineswegs den sogenannten fortschrittlichen Kreisen nachstehen. Es ist dringend geboten, den Kriegswaisen, die zumeist strenggläubigen Familien entstammen, eine religiöse Erziehung zu geben. Dies schließt keineswegs die moderne hygienische Einrichtung der Anstalten aus. Die Worte des Prinzen Liechtenstein machten auf alle Anwesenden einen sichtlichen Eindruck, worauf die folgenden Redner, Prof. Dr. Ehrmann, Frau Anitta Müller, und ganz besonders Abg. Dr. v. Löwenstein, ihrerseits die große Bedeutung des religiösen Moments hinsichtlich der Kriegswaisenerziehung hervorhoben. Der galizische Rabbinerverband sowie die „Agndas Jisroel" haben beschlossen, Seiner Durchlaucht für die warme Anerkennung der Notwendigkeit der religiösen Erziehung eine Dankadresse zu übermitteln. Sabbatruhe für Soldaten und Lilfsdienstlerstende. Die Aktion, für die jüdischen Soldaten und Hilfsdienstleistenden dieMöglichkeit der Sabbatruhe zu erwirken — welche von der orthodoxen Organisation in Wien und Ungarn unternommen wurde und über welche wir in Nr. 5 der „Jüdischen Korrespondenz" berichtet haben — hat nunmehr einen vollen Erfolg gebracht. Die Interessenten erhielten dieser Tage vom k. u. k. Kriegsministerium, Abt. X, Jnt.-Nr. 615, die Verständigung, daß die imVorjahre allgemein verlautbarten Verfügungen des k. u. k. Kriegsministeriuins bezüglich Einhaltung der Arbeitsruhe am Sabbat und an den jüdischen Feiertagen für Personen jüdischen Glaubens bei allen militärischen Stellen in Erinnerung gebracht und dahin ergänzt werden, daß diese Bestimmungen insbesondere auch auf jene nichtgeeigneten Landsturmpflichtigen Anwendung zu finden haben, welche zum Militärdienste ohne Waffe herangezogen werden. Das „Komitee zur Versorgung der jüdischen Frontsoldaten mit Mazzoth und passahkost" veröffentlicht folgenden Aufruf! Viele Tausende Glaubensbrüder an den Fronten sehen mit Bangen dem nahenden Passahfeste entgegen. Der größte Teil von ihnen enthält sich auch in der äußersten Feuerlinie während dieser Tage jedes Genusses von Brot und rituell nicht gestatteter Speisen. Für die jüdischen Soldaten in den ungarischen Regimentern ohne Unterschied der Landeszugehörigkeit sorgt die ungarisch-jüdische Menagekommission, ivelcher Vertreter der beiden israelitischen Landeskanzleien in Budapest angehörcn. An dieser Aktion beteiligen sich die gesamte Judenschaft Ungarns und ihre Kultusgemeinden ohne Unterschied der religiösen Richtung. Für die jüdischen Soldaten in den österreichischen Regimentern ist in dieser Richtung nichts vorgesorgt und es würde sich der herzzerreißende Zustand ergeben, daß in einem und demselben Standort die jüdischen Soldaten der ungarischen Regimenter mit Mazzoth und Lebensmitteln versorgt wären, während die Juden der österreichischen Regimenter dieser liebevollen Fürsorge seitens ihrer Brüder im Hinterlande entbehren müßten. Die Heeresleitung hat sich in wohlwollender Weise bereit erklärt, der jüdischen Menagekommission das nötige Mehlquantum gegen Erlag des Betrages zur Verfügung zu stellen und für die Zustellung der Mazzoth und Lebensmittel die entsprechenden Verfügungen zu treffen. Es gilt nun, durch rasche und ausgiebige Beitragsleistungen die erforderlichen bedeutenden Lebensmittel zu beschaffen, um unseren Brüdern im Felde die ihnen drohende Seelenpein zu ersparen. Das Unterzeichnete Komitee hegt die feste Zuversicht, daß Euer Hochwohlgeboren die Geneigtheit haben werden, einen der Bedeutung der Aktion entsprechenden Beitrag zu leisten, und sich hiebei des beiliegenden Posterlagscheines des Wiener Bank- Vereines (Scheck-Konto Nr. 3528 mit dem Vermerk „Passah an der Front 1918") zu bedienen. Für das Komitee: Dr. Benno Strancher, Reichsratsabgeordneter; Markus Bondy,kaiserlicher Rat; M. Felsenburg; Bernhard Hofbauer; I. I. Thumim; .L. Türkl. — Adresse für Zuschriften: Bernhard Hofbauer, Wien, I., Tuchlauben 20. Line Aktion für die Linder Galiziens. Geuerakversammknng des Weremes z«r Kettung verwahrloster jüdischer Kruder Galiziens «ud der Kukowiua. Unter sehr reger Beteiligung von Abordnungen der israelitischen Kultusgemeinde, der Alliance Jsraelite, der angesehensten humanitären und Kriegsfürsorgevereine fand die zweite Generalversammlung des Vereines zur Rettung verwahrloster jüdischer Kinder Galiziens und der Bukowina statt. An derselben nahmen teil in Vertretung des Ministeriums für soziale Fürsorge der Vorstand des Kriegshilfsbureaus Hofrat Dr. Eduard Prinz von nnd zu Liechtenstein, für das Ministerium für Galizien Hofrat Neumami, die Reichsratsabgeordneten Dr. v. Löwenstein und Kolischer und für die Sektion Lemberg Dr. Parnaß. Der Präsident Dr. Eduard Kohn schilderte in der Eröffnungsansprache die traurige Lage der jüdischen Bevölkerung Galiziens. Der staatliche Unterhaltsbeitrag für eine Kriegerwaise von K 1'50 reiche nicht aus, um die Bedürfnisse zu befriedigen, es seien mindestens X 2 erforderlich, damit der Verein seine Aufgabe erfüllen könne. Die Schwierigkeiten, die verlassenen Kinder unterzubringen, seien nur dann zu überwinden, wenn der Verein, der auch bereitwilligst sich der armen Kinder anderer Konfessionen angenommen hat, von seinen Gönnern und edlen Menschensreunden unterstützt werde. In dem Tätigkeitsberichte wird hervorgehoben, daß der Verein in zwanzig neuen Anstalten 1200 Kinder untergebracht hat. Die größten befinden sich in Lemberg, Przemysl, Sambor, Tarnow, Jaroslau, Stanislau, Kolomea, Tarnopol, Krakau und Ernsdors bei Bielitz. Die Leitung und Verpflegung ist eine mustergültige. Die von der Regierung für diese Zwecke gewidmete Subvention von X 450.000 reicht bei weitem nicht aus, das grenzenlose Elend der Krieger- und Flüchtlingswaisen aus der Welt zu schaffen. Bei Familien sind 5000 Kinder untergebracht. Für diese betrage der staatliche Zuschuß X 300.000. In einer längeren, mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ansprache würdigte Hofrat Dr. Eduard Prinz von und zu Liechtenstein die außerordentlich verdienstvolle Tätigkeit des Vereines und zollte namentlich der Werbetätigkeit und wirffchastlichen Betätigung des Herrn Dr. Ludwig Gelber nnd seiner Gemahlin, der Vizepräsidentin Lisette Gelber, ehrendste Anerkennung. Er teilte mit, daß Aussicht vorhanden sei, die Jakob Hermannsche Stiftung zu Lemberg bald ins Leben zu rufen, welche es ermöglichen soll, in vier Häusern in Lemberg etwa die Kinder zur Hälfte jüdischer, zur Hälfte christlicher Konfession zu vereinigen. Für die Erreichung dieses Zweckes wurden vom Kriegshilfsbureau X 50.000 zugesagt; der durch Adaptierung und Investition noch fehlende Betrag wird baldigst aufgebracht werden. „Wenn, meine Verehrten, eine gewisse nationale Ueberempfindlichkeit, über die ich nicht richten will, weil ich die Gefühle eines in einer langen Leidensgeschichte vielgeprüften Volkes mitempfinde und seine Enttäuschung würdige, in Galizien vielleicht gegenwärtig auch Erscheinungen zeitigt, die wir mit Kopfschütteln beobachten und in denen wir eine schwere Gefährdung nicht nur des Ansehens und der Macht unseres Vaterlandes, sondern vielleicht auch des Sieges des Friedensgedankens erblicken, so wollen wir doch das Werk der Nächstenliebe und der Kultur, das wir auf dem Boden der gemeinsam eingeleiteten Hilfsaktion für galizische Kinder aller Konfessionen begonnen haben, nicht etwa beenden." (Lebhafter Beifall.) Im Namen der Sektion Lemberg, die allein 3500 Kinder zu versorgen hat, dankte Dr. Parnaß dem Vereine für die werktätige tilfe, die er verkümmerten und hungernden indern angedeihen ließ. (Fortsetzung auf Seite 6.)