Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 7 (28.2.1918)
- Date
- 1918-02-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3495278-3495381-3495388--0564-3521247- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
i! Organ des Vereines „Jeschurun“ I1 ORGANISATION I; für die Ihoratreue Jugend Wiens » Alle Zuschriften und Anfragen sind II zu richten an: i Jesotuiruii"-Preßkoniitee, Wien, I,, Salztorgasse 2. Jeschurun Nr. 7. — 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: Preßkomitee des Vereines * Jeschurun“ Wien, I., Salztorgasse 2. Referat über „religiöse Jugenderziehung", gehalten von Sr, Ehrw, Rabbiner Mark Flösch, Wien, am Kongreß des Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums sür Wien und Niederüsterreich. Hochansehnliche Versammlung! Gestatten Sie mir, daß ich Ihre geschätzte Aufmerksamkeit ans den Inhalt des 37, Kapitels im Buche Jecheskel lenke, da er die Grundlage meines Referates über „religiöse Jugenderziehung“ bildet, mit welchem der löbliche Vorstand des Vereines, mich beehrte, Gott führt den Propheten Jecheskel in ein Tal, welches voll ist von dürren Menschengebeinen, und legt ihm die Frage vor: „Hasichjeno Hoazomans hoele?“ Werden diese Gebeine wieder auflebe»? Dieser antwortet: „Ato jodato“: o, Gott, das weißt nur du allein. Im Namen Gottes fordert der Prophet den Lebensgeist auf, den Gebeinen neues Leben einzuhauchen, wodurch sie tatsächlich erwachen, sich aneinanderschließen und auserstehen. Hierauf spricht Gott abermals zum Propheten: „Hoazomans hoele kol bvs Jisroel Homo“, diese Gebeine sind das Bild des künftigen jüdischen Volkes, Wenn Israel in seiner langjährigen blut- und tränenreichen Verbannung verzweifelt rufen wird: „Jowschü Azmosau, owdo tikwosünu“, unsere Hvffnnng ist für immer dahin, dann tröste sie wie folgt: Israel, Gott läßt dir sagen: „Ani pausoach es kiwraussechem“, ich öffne dein Völkergrab und lasse dich zu neuem Leben erwachen. Verehrte Anwesende! Ist die dem Propheten gezeigte Zukunft Israels etwa nicht identisch mit unserer Gegenwart? Wenn wir einen Blick in die Gegenwart werfen und die traurige Wahrnehmung machen, wie erstarrt und fast entseelt der jüdische Volkskörper daniederliegt, muß es uns da nicht dünken, als befänden wir uns in einem Tale, welches voll ist von den dürren Gebeinen unseres Volkskörpers. Auch an uns erläßt unsere göttliche Herzensstimme die Aufforderung: Sprechet im Namen der euch innewohnenden Geisteskraft zum erstarrten Volkskörper, ich versichere euch, er wird wieder ausleben. Diese Versicherung unserer göttlichen Herzensstimme entlockt so manchem unserer Glaubensgenossen «in ironisches Lächeln und veranlaßt ihn zur folgenden Aeußerung: Besitzen wir Alltagsmenschen überhaupt die Geisteskraft, einem Volkskörper pulsierendes Leben einzuhauchen, der über die ganze Erde als gebleichte Gebeine dahingestreut ist? Haben doch alle Männer der Wissenschaft Israels Totenschein schon längst ausgestellt und wäre es nur reinster Wahnsinn, Wiederbelebungsversuche an dem totgesagten Volkskörper vorzunehmen. Diese Glaubensgenossen befinden sich jedoch auf falscher Fährte, denn für Israel gibt es keinen Tod, solange der alles beseelende Gottesgeist in seiner Mitte vorherrscht. Techijas hamosim minHathauro: Der Geist, der unbedingt notwendig, um die im Bolkskörper schlummernden edlen Keime wachzurufen, dieser Geist nennt sich „g ö t t l i ch e T h a u r o“, in deren Besitz Israel noch heute ist. Der jüdische Volkskörper bleibt in Wahrheit tot, trotz allen organischen Zusammenschlusses, solange ihm seine Lebensscele, die T h a n r o, fehlt. Wenn selbst im Wahnsinn Methode liegt, um wieviel mehr in einem Gedanken, der vor Gesundheit und Wahrheit strotzt. Hochgeehrte Versammlung! Wohl ist es traurige Wahrheit, daß die Erstarrung des jüdischen Volkskörpers in unserer modernen Zeit einen erschreckenden Zuwachs erführt. Darf uns diese Tatsache abhalten, etiva an diesem Wiederbelebungsversuche vorzunehmen? Nein und tausendmal nein! Solange noch ein Lebensatom in ihm vorhanden, dürfen wir nicht die Hände in den L-choß legen. An welchem Gliede des Organismus dieser Versuch angewendet werden muß, das lehrt Prophet Jeschajohn, indem er sagt: Hab oim jaschresch Jakob. In den kommenden Geschlechtern muß Jakob wurzeln. Im Herzen der Jugend schlummern die Keime sür göttliche Ideale; jene wachzurusen und sie für die Verwirklichung derselben heranzubilden ist Ausgabe des Hauses und der Schule. Das anzuwendende Erziehungssystem bezeichnetgleichfallsProphetJeschajohn wiefolgt: „Wehajoemunas itechochaußenjeschuaus.“ Der Glaube deiner Zeit biete dir Schutz und Heil. Pflicht der Eltern und Lehrer ist es, emnnas se feber seroim, die Saatkörner des Gottesglanbens so vorsichtig in den Herzensboden der Jugend zu senken, damit, itecho se söder maued, diese auch den Anforderungen des modernen Zeitgeistes Rechnung tragen, ohne in ihren religiösen Grundsätzen eine Erschütterung zu erleiden. Tiefe Frömmigkeit und gründliches Thaurowissen gepaart mit gediegener Herzens- und Geistesbildung müssen die Jugend zieren, damit sie ein Günstling Gottes und der Gesellschaft werde. Sollte etwa im 20. Jahrhundert eine harmonische Bereinigung dieser Eigenschaften undenkbar sein? Unsere Zeit strebt nach Fortschritt auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft, des Handels und des Gewerbes. Verlangt nicht auch unsere geheiligte Religion den wesentlichsten Fortschritt auf dem Gebiete der Veredlung unseres Wesens durch gewissenhafte und verständnisvolle Erfüllung des Mizwaus! Für diese erhabene Glaubenslehre ist das Herz eines jeden Jehudi empfänglich, wenngleich es Jahre hindurch brach gelegen. Sollte es jemand wagen, einer jüdischen Kultur die Hoffnung zu rauben aus das Wiedererwachen der edlen Keime, die im terzen ihres Kindes schlummern, so darf sie ch mit der Wut einer Löwenmutter auf den Räuber ihres Kindes stürzen und ihm zurufen: B e n i h e ch o j! Ich habe kein glaubenstotes Kind, es schlummert nur, wird aber bestimmt wieder erwachen. Hochansehnliche Versammlung! In einer Zeit, wo alles haßt, kann nur die göttliche Religion lieben; wo alles blutet, kann nur die Religion eine Verblutung verhüten; wo alles erschlafft, kann nur die Religion kräftigen; wo alles dem Untergange entgegengeht, kann nur die Religion retten und bewahren. Tut es uns daher in unseren Tagen nicht am meisten not, den erstarrten jüdischen Volkskörper durch den Geist unseres göttlichen Gesetzes wieder ansteben zu lassen, damit wir uns als würdige jüdische Helden in dem Schicksalsdrama behaupten können, das sich seit 31/2 Jahren auf der Wcltenbühne abspielt? Die Gebeine unserer jüdischen Brüder liegen auf den Schlachtfeldern zerstreut, wo sie fürs Vaterland gekämpft, geblutet und gefallen. Hazwi Jisroel! Diese jüdischen Brüder waren zum großen Teile die Zierde und der Znknnftsstolz des orthodoxen Judentums, a l B 0 m a u s e ch 0 ch 0 l 0 l, denn sie toaren bereits in ihrer Jugend auf der Höhe ihrer religiösen und sittlichen Aufgabe, so daß mit ihrem Tode die Erstarrung des jüdischen Volkskörpers fast ihren Gipfelpunkt erlangte. Wohl steht es leider nicht im Bereiche unserer Möglichkeit, diese toten Gebeine zu beleben, doch vermögen wir ihren Geist der Emuno und Jiro unserer Jagend einznimpfen, damit wir eine Kerntruppe heranbilden, die das orthodoxe Judentum nach innen und außen mit Löwenmut vertreten. Löblicher Vorstand! Fördern sie tatkräftig in erster Linie die vor Jahrzehnten von Morenu Raw Reb Salman Spitzer Jet. gegründete Jesoda Hathora, unterstützen sie ferner den im jüngsten Jahre von berufenen Männern geschaffenen„Jeschurnn“- Verein für Jünglinge und Jungfrauen; verbreiten sie den Geist der göttlichen Gesetzeslehre in Wort und Schrift, damit wir in die künftige Friedenszeit, die für uns eine sehr bewegte sein wird, ruhig entgegensehen können. Die Verwirklichung des Thauro- und Derech-Erez-Erziehungssystem bilde den wichtigsten Punkt ihres großangelegten Arbeitsprogrammes, dann können sie bestimmt hoffen, daß ihnen eines Tages die weitesten Kreise der jüdischen Gesellschaft zujubeln werden: Eure Treue zn Gott und seine Thauro ist doch kein leerer Wahn, 0 nehmet auch uns als Genossen an im Vereine zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums. vereinsnachrichten. Wegen Beheizungsschwierigkeiten finden die Kurse der Mäüchengruppe bis aus weiteres nicht im Turnsaale, sondern in einem Klassenzimmer im ersten Stock der Talmud-Thoraschule, II., Malzgasse 16, statt, und zwar: Mittwoch, V28—’.49 Uhr, Erläuterung der Sprüche der Väter und des laufenden Wochenabschnittes. Kursleiter; Sr. Ehrw. Herr Rabb. Moritz Fl es ch. Samstag, 7—8 Uhr, Geist der jüdischen Sitten und Gebräuche. Kursleiterin: Frau Ernestine B 0 n d i. Der nächste Vortragsabend über „Jüdische Kunst" findet Dienstag, den 5. März, präzise ',48 Uhr abends, im Turnsaale, II., Malzg. 16, statt. VorstandSsttz««ß. Samstag, den 2. März 1918, Vs 9 Uhr abends, findet in der Wohnung des Obmannes Herrn S. Bondi, II., Unt. Augartenstraße 1, eine Vorstandssitzung statt.