Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 7 (28.2.1918)
- Date
- 1918-02-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 7 sollen gegen den Vierbund verhetzt und ins Fahrwasser der Entente hineingezogen werden. Diese Methode ist wohl nicht neu. Seit Kriegsbeginn wird mit diesen und ähnlichen Mitteln gearbeitet, und zwar manchmal mit einigem Erfolg. Die Welt will gerne getäuscht werden und Reuter et Consortes haben es sich zur Aufgabe gestellt, diesen Wunsch der Welt der Erfüllung ziemlich nahe zu bringen. Man scheint aber in London eingesehen zu haben, daß die gegenwärtige ernste Zeit stärkere Mittel als bisher erfordert, und man berief den berüchtigten Meister der Lüge und der Verhetzung, der es von: simplen Journalisten zum Lord gebracht hat, ins Kabinett, um ihm die Leitung dieser löblichen Propaganda anzuvertraueu. Für die Ruchlosigkeit der englischen Politik spricht der Fakt, daß man daraus gar kein Geheimnis zu machen für nötig findet. Offen und brutal wird es herausgesagt, daß die englische Politik darauf losgeht, die öffentliche Meinung zu verwirren und zu täuschen. Der Zweck heiligt die Mittel. Weshalb wir das hier erzählen? — Weil auch die Judenfragc eines jener Probleme ist, das die Vor- und Hintermänner des nunmehrigen Propagandaministers in den Dienst ihrer Expansionspolitik gestellt haben und weil damit zu rechnen ist, daß die diesbezügliche Arbeit jetzt noch stärker als bisher betrieben werden dürfte. In den neutralen Ländern haben die Engländer ein ganzes Nest sogenannter „jüdischer" Korrespondenzbureaus errichtet, von welchen dasjenige in Haag an dieser Stelle wiederholt entsprechend gekennzeichnet worden ist und das wohl unter diesen Jnformationszentren die erste Stelle einnimmt. Diese Bureaus verbreiten — ob bewußt oder unbewußt möge dahingestellt bleiben — fortgesetzt Nachrichten, die zum großen Teile völlig falsch, zum Teile zumindest ungenau und verdreht sind. Aus jeder Mücke wird ein Elephant gemacht, sei es um die englischen Pläne zu verhimmeln, sei es um den Mittelmächten und der Türkei eins am Zeug zu flicken. Ein gewisser Teil der jüdischen Presse druckt nun diese Nachrichten ganz wähl- und kritiklos »ach. Wir erachten es daher als geboten, an dieser Stelle noch einmal darauf zu verweisen, daß die meisten Nachrichten, die von den sogenannten „jüdischen" Korrespondenzbureaus stammen, nur mit großer Vorsicht aufzunehmen sind. Die Juden zeichnen sich stets mit einem gewissen kritischen Instinkt aus — hier aber sei besondere Vorsicht geboten. Ob Lord Northcliffe sonst sein Ziel erreichen wird, möge dahingestellt bleiben. Die jüdische Oeffentlichkeit möge aber rechtzeitig davor gewarnt werden, die Enten, die aus seinem Ministerkabinett auffliegen dürften, als bare Münze zu nehmen. Sie enthalten mehr Dichtung als Wahrheit und sind auf Irreführung berechnet. Für die Gleichstellung der rumänischen Juden. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 19. Februar brachten die Abgeordneten Doktor Straucher, Kuranda und Genossen an den Ministerpräsidenten eine Interpellation, betreffend die wirksame Sicherstellung der vollen bürgerlichen und politischen Emanzipation der Juden in Rumänien, ein. Nach Aufführung der bezüglichen Bestimmungen des Berliner Vertrages vom 13. Juli 1878 und nach Konstatierung, daß die rumänische Regierung diesen Vertrag aus die gröblichste und perfideste Art gebrochen habe, kommen die Interpellanten zu der Auffassung, daß die Judenfrage von allen nationalen Fragen die internationalste sei. Es wird schließlich angesichts des Umstandes, daß gerade gegenwärtig Friedensunterhandlungen der Zentralmächte und namentlich unserer, der k. u. k. österreichisch-ungarischen Regierung mit der königlich-rumänischen Regierung stattfinden, an den k. u. k. Ministerpräsidenten, der verfassungsmäßig berechtigt ist, auf die auswärtige Politik unserer Monarchie Einfluß zu nehmen, folgende Anfrage gerichtet: Ist Seine Exzellenz bereit, bei Sr. Exzellenz dem Herrn k. u. k. Minister des Aeußern schleunigst dahin zu intervenieren, daß bei den besagten Friedensunterhandlungen mit der königlich-rumänischen Regierung in Verfolg der Stipulationen des Berliner Staats- Vertrages und bezw. der im Artikel 44 desselben feierlich verkündeten vollen Rechtsgleichheit aller Staatsangehörigen und Volksstämme nunmehr die volle bürgerliche und politische Emanzipation der Juden in Rumänien unzweifelhaft und bedingungslos festgelegt und zu deren verzugslosen Durchführung nach abgeschlossenem Friedensvertrage wirksame Kautelen und Garantien geschaffen werden? — Unterfertigt ist die Interpellation außer von den Antragstellern noch von den Abgeordneten: Breiter, Dr. Ofner, Reizes, Lukaszewicz, Dr. Liebermann, Hock, M. Friedmann, Ganser, Dr. v. Löwenstein. Die ungarische israelitische Landeskanzlei hat bei der ungarischen Regierung Schritte unternommen, um deren Augenmerk auf die Angelegenheit der unterdrückten Juden Rumäniens zu lenken. Der ungarischen Regierung wurde der einmütige Wunsch der ungarischen Juden vorgelegt, beim Grafen Czernin dahin zu wirken, daß bei dem mit Rumänien abzuschließenden Friedensvertrage die seit dem Berliner Kongreß, also seit 40 Jahren, beschlossene, aber nicht durchgeführte Emanzipation der rumänischen Juden endlich zur Wirklichkeit werde. Abg. Reizes hat an den Minister des Aeußern Grafen Czernin nach Bukarest folgendes Telegramm gesendet: „Die gesamte Judenschaft erwartet von den Vertretern der Zentralmächte bei den Friedensverhandlungen mit Rumänien das Eintreten für die endliche Durchführung der Gleichberechtigung der Juden in Rumänien. Der Artikel 44 des Berliner Vertrages wurde auch von Oesterreich-Ungarn und Deutschland garantiert. Seine Nichtbeachtung seit 40 Jahren durch Rumänien ist ein schweres Unrecht an Kultur und Gesittung." Der „Verein zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums in Wien" und die „Adaß Jisroell" (Schiffschul) haben ebenfalls an den k. u. k. Minister des Aeußern, Grafen Czernin, ein Telegramm gerichtet, in welchem der Minister ersucht wird, gelegentlich der Friedensverhandlungen mit Rumänien sich der dortigen unglücklichen Juden anzunehmen und deren Gleichberechtigung durchzusetzen. Oie nationale Autonomie und das geietzestreue Judentum? Es gehört zu den wunderbarsten Erscheinungen der großen Weltrevolution, die der Krieg heraufbeschworen, daß sie Ideen und Gedankensysteme von scheinbar. völlig theoretischem Charakter urplötzlich mit Fleisch und Blut begabt und wie lebendig gewordene Gespenster in die realste politische Wirklichkeit eingeführt hat! Das Märchen vom Judenstaat und die Theorie des jüdischen Nationalismus waren für weite Kreise unserer liberalen westeuropäischen Brüder Wortgespenster, deren urplötzliche Auferstehung inmitten der Welt politischer Tatsachen oder mindestens aktueller politischer Probleme auf diese Kreise nicht minder schreckhaft wirkt wie — ein Schatten aus der Unterwelt am hellichten Tage. - Aber auch im Kreise der Orthodoxie, die gerade in Westeuropa in der Schulung S. R. Hirschs die weitreichenden praktischen Konsequenzen jedes noch so abstrakt scheinenden Prinzips im Gedankenbereiche des Judentums von jeher mit Schärfe erkannt und — gefürchtet hat, waren die Erörterungen über Wesen und Art der jüdischen Gemeinschaft, über Konfession und Nation, doch mehr oder minder akademischen Charakters. Daß noch unsere Generation einen Zeitpunkt erleben würde, in dem die Orthodoxie als Kern der ganzen Judenheit vor die Frage gestellt sein werde: „Verlangt oder erlaubt Wesen und praktisches Interesse der Juden die staatsrechtliche Anerkennung der jüdischen Gemeinschaft in irgend einem Lande als Nation gleich anderen Nationen der Erde?"- Diese eminent praktische Probe auf die jahrzehntelang geführten endlosen Debatten in Studenten- und Jugendvereinen hätte vor fünf Jahren auch der kühnste Träumer nicht sobald erwartet. Es wäre Torheit zu glauben, die Aufrollung des Problems sei ein Ergebnis willkürlicher Agitation irgendeiner Partei, sei Schuld oder Verdienst von Schriftstellern und jüdischen Politikern. Diese mögen, der Tragweite ihrer Studien mehr oder minder bewußt, zur Erörterung und Klärung der Gedankengänge beigetragen haben — das Problem selbst ist mit Naturnotwendigkeit aus der ganzen politischen Konstellation im Osten hervorgewachsen. Ist der Krieg zum guten Teil aus dem gefährlichen Zündstoff entstanden, den das Verhältnis des Staates zu den von ihm beherrschten und umfaßten Nationalitäten in sich birgt — und weist das Ende des Krieges mit gebieterischem Ernste auf die Lösung dieses Widerstreites als Vorbedingung alles Friedens hin, so war es natürlich, daß die Juden des Ostens, die niemals aufgehört hatten, ihr geschichtlich gegebenes nationales Dasein als Selbstverständlichkeit zu empfinden und in tausend Ausdrucksformen zu betätigen, daß die Juden des Ostens das Wort vom Selbstbestimmungsrecht der Nationen als einen auch an sich gerichteten Weckruf erkennen mußten. * Indem wir diesen Artikel aus dem.Ssraelit", Organ für das orthodoxe Judentum (Frankfurt a. M.), reproduzieren, behalten wir uns vor, zu dieser Frage besonders Stellung zu nehmen.