Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 6 (21.2.1918)
- Date
- 1918-02-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Jeschurun Nr. 6. 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu bezitdicn mittelst Postkaile dureli das: Preßkomitee des Vereines „Jeschurun“ Wien, I., Saiztorgassc 2. gesetze zu übertreten, nimmer aber die rohe Gewalt. Dieses ..am Kcselie auref-, dieses halsstarrige Volt, das seinen grafte» Führern allezeit so viel zu schaffe» machte, ist. auch ei» »ackeusteises „um Keselie auref“, das der Gewalt Tadesmut entgegensetzt. Fasten und Gebet, Buße und reuige Einkehr in alle» jüdische» Kreise», wandelte» ein Volt von Sünder», das der Ver»ichtu»g geweiht war, zu einem Volke nm, das sich seiner hohe» Sendung ivieder bewußt ward, das in freudigster Stimmung de» Sinai-Pakt nochmals bekräftigte, und dieses Volk war der Gnade Gottes würdig. - - Der Regenerator des Judentums, der bescheidene Mordechai, zeigte, daß auch ein Großvezier seine Religion bis aufs I-Tüpfelchen beobachten und dabet oder deshalb ein treuer Diener des Thrones und Staates sein tonne. Möge das Purimfest die Erinnerung an die so natürlich erscheinende und doch so wunderbare Errettung Jisroels wecken und uns begeistern zum Leben nach und in der Thora, „denn sie ist Eure Weisheit und Eure Klugheit in den Augen der Volker“. I c h u d i. Purim-Weisheit. SDian denkt heutzutage auch am Purim zu nüchtern. Unsere Freude am Purim ist Galgenhumor. 9cicht die, die Gott stets im Munde führen, sind die Besten. In der Megillah kommt nicht einmal Gott vor und zählt doch zu den heilige» göttlichen Büchern. * Purim erinnert an die erste jüdische Klassenlotterte: ihr Los ist noch nicht besser geworden. j Das Urteil über Gut und Böse dürfte | nur nm Purim getrübt sein.!! * | Mannest»»! entscheidet bei Chanuka, Frauenj aiimut am Purim. ' Tie Megilali Ester erscheint uns wie j ein liebliches Marche» aus tausendundeiner! Goluthnacht.! Esther ging aus der Schönheitskoukurreiiz i siegreich hervor ob des Liebreizes und der Einsaehheit ihres Wesens, nicht dnrch Putz und Schmuck. Das Gesetz muß dem Jude» vorschreiben, damit er au Freudenfesten trinkt, sonst wäre es ü.hukal liusroy. Glossatv r. Vereinsnachrichten. Mädchenkurse. Sr. Echrw. Herr Rabbiner M. erleid) hat seinen Kurs über „Geist der Gebete" wieder ausgenommen. Derselbe findet allwöchentlich Mittwoch, abends „w—1 „9 Uhr, II, Malzgasse Iß, statt. Spendenausweis. Frau Margit Schaalmann, K 2(to-; Herr Simon Rubel, K 20(r—; Hrrr Jakob Fuchs, I, 2i»f—: Hans Reurath ans seiner Sparbüchse, K 10 —, Organ des Vereines Jeschurun" OISGAXISATION für die llioratreue Jugend Wiens Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: „j8SChurün"-PreßkomiteetWieU., Salztorgasse 2. Purim. Das Fest der Erlösung aus geistiger Not wird in allen Gauen, wo Inden tvohnen, in fröhlichster Stimmung begangen. Pessach,das uns die Befreiung aus drückender Sklaverei brachte, das uns dem Ehrentage der Menschheit entgegenführte, da Gott selbst seinem Volke den Glauben an den Einig- Einzigen offenbarte; Pessach wird besonders feierlich begangen.— Unendlich fröhlicher aber ist die Stimmung am Purim. Jisroel im Besitze der volltommensten Gteichberechtignng, im Genüsse hoher Stellungen im Staate, vergaß seiner hohen Bestimmung, vergaß seinen Gott und nahm teil an der Schlemmerei, an der Tafel des asiatischen Despoten, das Gvttesgesetz mit Füßen tretend. Der Allgütige aber wollte der Wett die erhabene Ethik seiner Lehre erhalten, die Menschenliebe, Keuschheit und höchste Moral befiehlt. Er sandte Haman, den großen Judenfresser, dem das jüdische Gesetz — „ihre Gesetze sind verschieden von denen jedes Volkes“ - den Angriffspunkt für seine Verleumdung bot, die ihm Mittel sei» sollte, das jüdische Volk, diesen ewigen, unbeguemeu Mahner gegen Unsittlichkeit und Unrecht, diesen Verkünder der Gleichheit der Menschen, diesen Träger hoher sozialer Ideale, im Weltreiche Ahasveros auszurotte». Das jüdische Volk in allen seinen Teilen kam dnrch das Verbot der Religionsübung zum Bewußtsein seiner selbst. — Leichtsinn, Genußsucht, schlechte Gesellschaft, kann uns verleiten, unsere Religions- Jeuill'eton. Konfession — Nebensache. Wenn mau den Geist der Zeit oder, wie es heißt, den Zeitgeist ergründen will, genügt es nicht, nur Zeitungen durchzublättern, sondern mau muß auch versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen. Oft sagt uns der Teil der Zeitung mehr, für den die Redaktion jede Verantwortung abzulehnen sucht. Wie sonderbar mutet es uns an, wenn Wochenschriften, die eher von den Interessen als für die Interessen des Judentums existieren, dauernd Anzeigen solcher Restaurants und Wurstfabriken bringen, die selbst dasKnltnsgemeinderabbinat als unzuverlässig und unritnell bezeichnet. Sie wagen daher selbst nicht ihre Küche als rituell zu empfehlen, sondern suchen das Publikum dadurch irrezuführen, daß sie in jüdischen Familienblättern inserieren und hervorheben, Samstag ihre Verkanfslokale geschlossen zu halten. Doch nicht davon soll hier die Rede sein, sondern von Annoncen, die uns täglich in Tagesblättern auffallen und unseren Aerger erregen. Da werden Beainte, Ingenieure und Aerzte fiir_ aussichtsreiche Stellungen gesucht, die christlicher Konfession fein müssen. Es soll gar nicht untersucht werden, ob es sich hiebei ausschließlich um Firmen und Gesellschaftern gleicher Konfession handelt. Es ist ungemein bedauerlich und aufs Tiefste zu beklagen, daß selbst in dem jetzigen Wirtschastskampf noch immer nicht Fähigkeit, Tüchtigkeit und Vertrauenswürdigkeit des Beiverbers das einzig Maßgebende und Entscheidende bilden, sondern die Konfession. Wie ein Hohn auf die bisher geübte Praxis erscheint uns des deutschen Kanzlers Losungswort: „Freie Bahn dem Tüchtigen.“ Soll auch diese Bahn erst den finsteren Tunnel der Taufe passieren inüssen, die Eharakterlosigkeit des Täuflings die Vertrauenswürdigkeit erhöhen? Konfession — Nebensache, Privatsache, Gemissenssache! Nur das ist der Weg, damit ferner feine Talente verkümmern, keine Schätze an Fähigkeiten brach liegen, damit sowohl das Nationalgefühl als auch das Nationalvermögen gehoben und gestärkt werde. — Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein. Die vielgepriesene Neuzeit will nicht einmal glauben, daß Ehen im Himmel geschlossen werden, und sucht im Wege der Zeitung Ehen zu schmieden. Es sind gewiß auch keine himmlischen Ehen, die da gesucht und gefunden werden; es ist auch kein Ruf nach gleichgestimmten und gleichgesinnten Seelen. Soziale Stellung einerseits und hohe Mitgift andererseits, alter Adel und junger Reichtum suchen eine Ergänzung und Vereinigung. Plötzlich zeigt sich der Freisinn und Fortschritt unter dem Hinweis: Konfession Nebensache. Sollte wirklich die Konfession im öffentlichen Leben so betont, das intimste Privatleben und Seelenleben so wenig berühre»? Muß da nicht der vielgefeierte Familiensinn zum Unsinn, der Väterglaube zum Aberglauben und gegenseitige Ächtung zur Verachtung führen! Ist eine solche Eheschließung nicht schon der erste Schritt zur Scheidung? Daß es beutzutage so wenig glückliche Ehen geben mag, findet seine Erklärung in lapidarster Kürze in dem Bekenntnis: Konsessio» Nebensache. Die Ehe ist die Erhalterin der Religion und wird auch von jeder Religionsgemeinschaft geheiligt und gesegnet, doch nur ivahre und tiefe Religion kann eine Ehe segnen und dauernd glücklich gestalten und erhalten. Wenn einst und jetzt das Haus die Statte des Glückes, wenn dort die zarten Fäden sich weben, welche die Glieder der Familie in beglückender Innigkeit miteinander verbinden, so beruht und wurzelt das Geheimnis eines harmonischen Familienlebens in der Religion. Hier ist also die Konfession durchaus nicht Nebensache. — Sollen wir frohlocken oder klagen ob der Sünden der Zeit, die. sich so bitter rächen? „Der Richtige“ wird auf diesem Wege vergebens gesucht und nie gesunden werden, weder für das Amt noch für die Ehe, wer wollte dafür auch die Redaktion verantwortlich machen. O. N.