Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1918-02-21 · 6 (21.2.1918) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
6 (21.2.1918)
Date
1918-02-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3495278-3495381-3495387--0553-3521235
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 6 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 wäre. Wir können deswegen sagen: „Wajhi erew — wajhi bauker!" es war bisnuu Nacht, es wird aber Morgen werden! (Lebhafter Beifall.) Herr Kurz mann wirft die Frage auf, ob die Organisation sich bloß auf Westösterreich beschränken oder auch Galizien und die Bukowina umfassen soll. Er wundert sich, warum man Galizien nicht zur Konferenz geladen hat. Der Vorsitzende Herr Hofbauer erwidert, daß keineswegs die Absicht besteht, Galizien und die Bukowina auszuschließen. Es war nur eine Bescheidenheit unsererseits, wenn wir die Orthodoxie Galiziens und der Bukowina nicht zur Mitarbeit einzuladen wagten, die doch an Zahl und innerem Gehalt die Orthodoxie im Westen vielfach überragt. Wenn sie sich aber uns anschließen wollte, dann werden wir dies nur mit der lebhaftesten Freude begrüßen. Herr W. Pappenheim referiert hierauf über den ersten Punkt der Tagesordnung „DieOrthodoxie in Oesterreich". Der Referent schildert eingehend die Verhältnisse, wie sie sich in den letzten Dezennien entwickelt haben und konstatiert, daß die Bezeichnung „Orthodoxie", die im Judentum allerdings neu ist, eine Erfindung der Wiener Gemeinde ist, die in einem Aufruf aus dem Jahre 1819, gelegentlich des Tempelbaues, zum ersten Mal die Strenggläubigen als „Orthodoxe" kennzeichnet, um sie als Rückschrittler und Finsterlinge darzustellen. Der Begriff hat sich seither eingebürgert und ist gemeinverständlich geworden, obwohl die Bezeichnung „glaubens- oder gesetzestreu" sicherlich viel entsprechender wäre. Es liegt aber keine Notwendigkeit vor, da Aenderungen vorzunehmen. Die Orthodoxie hat ihre Existenzberechtigung seit den Tagen der Reform bewiesen und sie ist heute noch dringender denn je. Sie hat die Aufgabe, die zerstreuten Glieder des glaubenstreuen Judentums zu sammeln und der Religion im Leben Geltung zu verschaffen. Sie muß für die Erhaltung des unverfälschten Judentums nach innen und nach außen sorge tragen und zu jeder Frage, die das religiöse Moment berührt, energisch und klar Stellung nehmen. Die vereinzelten, isolierten Teile können kanm etwas wesentliches ausrichten, eineOrganisation wird sicherlich Abhilfe schaffen könuen. (Lebhafter Beifall.) Feldrabbiner Deutsch begrüßt die Versammlung im Namen der Orthodoxie in Mähren. Das Programm der Orthodoxie findet stets Anklang, nur war die Arbeit bisher wenig produktiv. Mit dem alten Programm, das auch heute volle Geltung hat, sind auch die alten Methoden übernommen worden. Da muß Wandel geschaffen werden, um die Verhältnisse zu sanieren. Die Organisationsaksion ist ein wichtiger Schritt auf diesem Wege, und Redner kann nur wünschen, daß schon die heutige Konferenz, trotz ihres teilweise provisorischen Charakters, positive Arbeit leisten soll. Früher brauchte man nur das Bestehende zu schützen, heute muß mau vielfach neu bauen. Da muß eine neue Arbeitsmethode zur Anwendung gebracht werden. Der Kampf gegen die Reform konnte mit dem Programm geführt tverden, die Gefahren des Lebens müfien mit positiver Arbeit bekämpft werden. Redner beschäftigt sich eingehend mit der Erziehungsfrage, mit der Sabbatruhe, religiöse Fürsorge für jüdische Soldaten rc. und empfiehlt die Wahl von Kommissionen, die sich mit diesen Angelegenheiten zu befassen hätten. Redner schließt mit den Worten: „Maasechu jerachkichu, maasechu jekarwuchu!" (Lebhafte Zustimmung.) Herr Landau bespricht eingehend die Frage der rituellen Kost für Soldaten sowie für jüdische Arrestanten, deren es leider noch immer gibt, und unterbreitet einige diesbezügliche Anregungen. Kaiserlicher Rat Rabbiner Dr. Lew in (Nikolsburg) schließt sich den Ausftihrungen des Feldrabbiners Deutsch an. Redner befaßt sich eingehend mit der Frage der religiösen Kindererziehung und schildert die Verhältnisse in Mähren. Wenn das jüdische Kind in eine nichtreligiöse Umgebung kommt, dann verliert es den Zusammenhang mit dem Judentum, es löst sich so ein Stein nach dem anderen, es bröckelt sich alles ab. Es ist dringend geboten, den religiösen Geist bei der Jugend wach zu erhalten. Sie soll auch in der Schule den Sabbat nicht verletzen ic. Redner verspricht sich viel von einer Organisation der Orthodoxie, die eher imstande sein dürste, nach jeder Richtung Abhilfe zu schaffen. Herr Dr. Reiniger konstatiert, daß ein Erlaß des Landesschulrates für Niederösterreich cs verbietet, jüdische Kinder am Sabbat zum Schreiben zu zwingen. Dort, wo eine größere Zahl jüdischer Schüler vorhanden ist, soll diesbezüglich auch der Unterrichtsplan eingerichtet werden. Kaiserlicher Rat Rabbiner Dr. Lewi» konstatiert, daß in Nikolsburg diesbezüglich alles in Ordnung fei. Herr Ungar (Prag) erklärt, daß es die Pflicht des Staates ist, für die rituelle Verköstigung der jüdischen Soldaten zu sorgen, wie dies für die Mohammedaner gefchieht, und unterbreitet einen diesbezüglichen Vorschlag. Herr Frommer konstatiert, daß es schwer gehen wird, rituelle Kost für die jüdischen Kranken in den öffentlichen Krankenhäusern zu erwirken, da diese nie beisammen, sondern über die diversen Abteilungen verstreut sind. Es muß diesbezüglich von jüdischer Seite gesorgt werden. Vielleicht könnte vom Staate eine Subvention hiefür erlangt werden. Der Vorsitzende der galizischen „Agudas Jisroel", Herr I. I. T h u m i m, konstatiert mit Befriedigung, daß auch in Westösterreich das religiöse Leben und das Interesse für dasselbe fo rege ist. Bezüglich des Verhältnisses der östlichen zur westlichen Orthodoxie erinnert der Redner an die Episode nach der Eroberung des heiligen Landes unter Josua, wobei die Stämme Rüben, Gad und Hälfte Menasche, die sich in Transjordanien angesiedelt hatten, dortselbst einen eigenen Altar errichten wollten. Auf die Einwendung der übrigen 10 Stämme, warum sie sich denn von Klal-Jisroel absondern wollen, erwiderten sie: wir wollten das gar nicht, wir wußten nur nicht, ob die Majorität uns als würdige Genossen betrachtet. Ist dies der Fall, dann wollen wir mit Freuden zusammenbleiben. Dasselbe scheint auch hier zuzutreffen. Die Orthodoxie in Westösterreich scheint diejenige im Osten auf die Probe gestellt haben zu wollen, ob diese letztere, die doch das erdrückende Uebergewicht besitzt, mit derjenigen im Westen zusammengehen will. Nun denn, es kann konstatiert werden, daß dieses Zusammengehen allgemein gewünscht ist. Wir streben alle dazu, die Orthodoxie unter einer einheitlichen Fahne, derjenigen der „Agudas Jisroel", die alle Länder umfaßt, zu organisieren. Es wird hierauf der Antrag Dr. Jeiteles zum Beschlüsse erhoben, die Konferenz als Vorkonferenz zu betrachten, die vorgelegten und noch vorzulegenden Anträge als Resolutionen dem zu wählenden Aktionskomitee zu überweisen und binnen etwa drei Monaten einen Delegiertentag aus breiterer Basis einzuberufen. Hierauf tritt eine Mittagspause ein. Nach der Eröffnung der Nachmittagssitzung durch den Vorsitzenden Herrn Hosbauer, erstattet Herr Dr. R e i n i n g e r das Referat über den zweiten Punkt der Tagesordnung „Die Orthodoxie in der Gemeinde". Referent schildert eingehend die Verhältnisse in den jüdischen Gemeinden Westösterreichs, die nach der Einführung der Konstitution und der Ermöglichung der Freizügigkeit vielfache Wandlungen durchgemacht haben. Die befsersituierten und rührigeren Elemente sind zumeist in die größeren Zentren fortgezogen und die Zurückgebliebenen konnten aus der eigenen Kraft die Gemeinde nicht mehr erhalten. Sie waren aus die Hilfe der Fvrtgezogenen angewiesen, diese aber sind in den großen Zentren in den Wirbel des Fortschrittssiromes hineingerissen worden und machten ihren Einfluß zu Ungunften des religiösen Lebens geltend. In den Zentralpunkten, wie in Wien, konnte das religiöse Leben trotz allem erhalten bleiben, da dort immer ein Zuzug religiöser Elemente vorhanden war. An anderen Stellen, wo dies nicht der Fall war, mußte das religiöse Leben immer mehr in den Hintergrund gelangen. Die heutige jüdische Gemeinde ist eine ganz andere als früher. Die frühere war sich ihrer Aufgaben bewußt, für Thora, Awauda und Gemilatchasadim zu wirken. Auf diesem Boden konnte sie eine segensreiche Tätigkeit entfalten, trotz des äußeren Druckes. Die Freiheit brachte aber eine Aenderung nach dieser Richtung. Die heutige Gemeinde im Westen, in der Regel in ihrer Majorität „fortschrittlich", entspricht ihrer Aufgabe nicht mehr. Die noch immer vorhandenen glaubenstreuen Elemente müssen die Sache der Religion in ihre Hand nehmen, sie müssen selbst dazu streben, die Mängel zu beheben. Die kleinen Organisationen, wie sie in den diversen Gemeinden existieren, können aber kaum das angestrebte Ziel erreichen. Aus sich selbst angewiesen, sind sie weder materiell, noch geistig dazu imstande, da kann nur eine Zentralorganisation Abhilfe schaffen. Die Teilung der Gemeinden in orthodoxe und fortschrittliche, wie zum Beispiel in Ungarn, wird vom österreichischen Gesetze perhorresziert. Aber trotzdem ist eine Scheidung notwendig. Die glaubenstreuen Juden müssen die Möglichkeit erhalten, für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse sorgen zu können, ohne auf die Fortschrittler angewiesen zu sein. Es kann dies auf Grund eines besonderen Katasters geschehen. Auch das ist aber nur dort möglich, wo zumindest ein gewisser Kreis glaubenstreuer Juden vorhanden ist. Ganz kleinen Gruppen, oder gar isolierten Einzelpersonen ist auch dies unmöglich. Da ist eine Zentralstelle nötig und dies soll die Aufgabe der zu bildenden Organisation der Orthodoxie sein. (Lebhafter Beifall.) Der Referent unterbreitet eine diesbezügliche Resolution.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.