Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 6 (21.2.1918)
- Date
- 1918-02-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 6 Kein Mißton störte die Harmonie unter denjenigen, die znsammengekommen waren, um den Zusammenschluß der Orthodoxie in Oesterreich zu vollziehen und den Forderungen der glanbenstrenc» Jndenschaft nach außenhin wie innerhalb deS Judentums Ausdruck zu geben. Feierlichste Verwahrung wurde im vornherein dagegen eingelegt, als ob die Organisation ein Kampfunternehmen sein soll. Die Orthodoxie sucht keine Mißhelligkeiten innerhalb des Judentums hervorzurufen und will keiner Partei, keiner Richtung in die Quere kommen, insofern diese der Orthodoxie ihrerseits keine Hindernisse in den Weg legen sollten. Dort, wo es in prinzipieller und sachlicher Hinsicht möglich sein sollte, verschließt sich die Orthodoxie keineswegs einer gemeinsamen Arbeit mit anderen Gruppen, insoferne ihr nur der gebührende Einfluß auf die Gestaltung der Dinge eingeräumt werden sollte. Das mögen sich all jene gesagt sein lassen, die etwa in dem Entstehen einer neuen Organisation ein „Konkurrenzunternehmen" zu sehen gewillt seien. Freilich, unterordnen wird sich die Orthodoxie nicht und ebenso wenig wird es von nun an möglich sein, daß andere Gruppen sich das Recht nehmen, im Namen Gesamtisraels zu sprechen. Die Orthodoxie will und muß als »vesentlicher Faktor im jüdischen Lager anerkannt werden und dann wird ihrerseits keine Veranlassung sein, die angestrebte Einigkeit im Judentume zu stören. Die Orthodoxie will nicht niederreißen, sondern bauen, sie will nicht vernichten, sondern aufrichten. Jeder gutgesinnte Jude, dem es mit seinen Brüdern ernst ist, kann und soll das nunmehrige Auftreten der Orthodoxie nur mit Freuden begrüßen. * Ein großer Teil der auswärtigen Delegierten war bereits am Sonntag in Wien eingetroffen, darunter aus Prag die Herren Dr. Isidor Jeiteles, Prof. Dr. Eugen Lieben und Ungar, Advokat Dr. Max Beer, Mähr.- Ostrau, Rabbiner Dr. Landau - Strakonitz rc. Abends fand auch eine Vorkonferenz statt, welche die Ziele und Aufgabe der Orthodoxie im allgemeinen und der Konferenz insbesondere einer eingehenden Erörterung unterzogen hatte. Die offizielle Konferenz wurde Montag, 10 Uhr vormittags, im weißen Saale des Hotel Continental durch den Vorsitzenden des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums", Herrn Bernhard Hofbauer, eröffnet. Der Vorsitzende begrüßte die Delegierten, besonders die zahlreich vertretenen Rabbiner sowie die Delegierten aus der Provinz, die keine Mühe gescheut haben, um hieher zu kommen, aufs herzlichste und dankte für das zahlreiche Erscheinen. Präs. Hofbauer drückte die Hoffnung aus, daß die Beratungen der Konferenz dem Judentume zur Ehre und zum Wohle gereichen werden und gedachte nun, in Erfüllung einer patriotijchen Pflicht und um den Gefühlen der Versammelten Ausdruck zu geben, des jüngsten Friedensschluffes, mittelst welchem sich unser allergnädigster Monarch, Kaiser Karl I., die Herzen aller seiner Völker in erhöhtem Maße eroberte. Redner schloß mit einem begeisterten Hoch auf den Kaiser, in das alle Anwesenden lebhaft einstimmten, und erbat die Zustimmung, an die Allerhöchste Kabinettskanzlei eine Loyalitätskundgebung absenden zu dürfen, was mit lebhaften Zurufen begrüßt wurde. Im Beratungssaale waren inzwischen etwa 100 Teilnehmer anwesend. Man sah darunter die ehrwürdigen Rabbiner Fürst (Schiffschul), Flesch, Friedmann und Baumgarten (Wien), Friedniann (Baden), Dr. Link (Innsbruck), kaiserl. Rat Dr. Lewin (Nikolsburg), Dr. Landau (Strakonitz), die Feldrabbiner Deutsch und Pollak, die Delegierten des galizischen Rabbinerverbandes Rabbiner Jeruchem-Stary Sambor und Horowitz-Bohorodczany, die Delegierten der „Agudas Jisroel" Präsident Thumim, Vizepräsident Türkei, die Vorstandsinitglieder Fast, Rappaport, Steinberg rc., zahlreiche Vorstandsmitglieder des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums" und Delegierte der Wiener Bethausvereine, die Delegierten ans Prag, Dr. Jeiteles und Ungar, aus Brünn, Wiener- Neustadt, Boskowitz, Kostet, Dr. Max Beer- Mähr.-Ostrau, Bielitz (Jonas Langer rc.) sowie viele Vertreter ans anderen Provinzstädten Niederösterreichs und der Kronländer. Außerdem wohnten der Versammlung die Rabbiner Leiter - Trembowla, Moschkowitz- Suczawa und Rabbinatsassessor Thumim- Kolomea sowie die Herren Akiwa Schreiber, Kurzmann, Schmelkes rc. von der „Agudas Jisroel" als Gäste bei. Etwa 80 Begrüßungsschreiben und -Telegramme sind eingelangt. Ehrwürden Rabbiner Fürst hielt eine zündende Ansprache an die Versammlung, die er im Namen der hohen Ziele, die sie zusammengeführt, mit einem „Boruch habo bescher» Haschem" begrüßte. Die Konferenz tritt in Wien zusammen, wo in alten Zeiten der Sitz berühmter Gelehrter und hervorragender Männer, die dem Judentume Glanz verliehen haben, war, sie will „machsir atara lejanschno" sein, und dies wohlgefällige Unterfangen verdient Erfolg und Segen. Redner erinnert an den Ausspruch der Königin Esther in der Megillah, die in den nächsten Tagen überall, wo Juden sich befinden, zur Verlesung gelangen wird. Geh, sammle alle Juden in Schuschan, selbst solche, die beim König nichtrituelle Kost genossen und sich damit versündigt haben. Wenn alle diese unter der Fahne Israels wieder versammelt sein werden, dann werde ich, die Königin, vor den König hintreten und Fürbitte einlegen können. Dieser Ruf muß auch heute in unserem Lager ertönen. Die Orthodoxie soll ihrer Tätigkeit eine breite Basis geben, darnach streben, auch diejenigen, die dem religiösen Verfall ausgesetzt sind, wieder in die „Machne Jisroel", ins Lager des unverfälschten Judentums, hineinzubringen. Die Organisation soll eine heilige Gemeinde bilden, eine „Kenesia schesaufo lehiskajem" und Gottes Segen wird all ihr Tun begleiten. Der Vorsitzende, Präs. Hofbauer, drückt dem Rabbiner den Dank der Versammlung für seine aus dem Herzen kommenden und ins Herz dringenden Worte aus. Herr Dr. Jeiteles überbringt die Grüße der glaubenstreuen Judenschaft Prags und dankt in deren Namen für die Einberufung der Konferenz. Die Orthodoxie kann von sich sagen „ani jeschenu — welibi eir!", sie hat bloß geschlummert, aber ihr Herz war stets wach. Jetzt ist die Zeit für intensive Arbeit gekommen. Wir müssen uns nicht bloß nach innen organisieren, sondern auch nach außen hin; wir müssen trauten, unseren Kreis zu erweitern, alle jene hineinzuziehen, die für die gute Sache gewonnen werden können. Redner erinnert an die Schilderung des Talmud, wonach die jüdischen Gelehrten auf die Erklärung König Davids „lechu wehisparnesu seh misch" (geht und ernährt euch von einander), erwiederten: „en Ha-komez masbia es hoari!", worauf der König die Entscheidung traf: „paschtu jedcchem bagdud!" Auch wir müssen dasselbe tun. Unsere eigenen Reihen, besonders in Böhmen, sind heute noch zu schwach, um allen Aufgaben gerecht werden zu können. Wir müssen eine intensive Werbearbeit entfalten, um unser Ziel erreichen zu können. Wir müssen trachten, die Jugend für uns zu gewinnen, damit das nächste Geschlecht nicht für die Sache des wahren Judentums verloren gehe. Wir müssen diejenigen in unser Lager bringen, auf die der biblische Satz paßt: „waanachnu lau neda, bameh naawaud es haschem!" Wir müssen an die gute alte Zeit anknüpfen, da die jüdischen Gemeinden in Böhmen eine Zierde des Judentums waren. Dann wird der große Tag kommen, wo das gesamte Judentum treu zur Fahne der Thora und Emunah stehen wird. (Beifall.) Redner erklärt schließlich, daß die großen Aufgaben, die der heutigen Konferenz gestellt wurden, es gebieten, derselben bloß den Charakter einer Vorkonferenz zu geben. Die orthodoxen Kreise in den Provinzstädten stehen der Bewegung gegenüber vollständig unvorbereitet. Sie hatten keine Zeit und keine Gelegenheit, zur Sache eingehend unter sich Stellung zu nehmen. Eine längere Vorbereitungszeit würde sicherlich viel mehr Delegierte aus Prag und anderen Städten zur Konferenz gebracht haben. Es soll aber schon jetzt der bindende Beschluß gefaßt werden, in den allernächsten Monaten, etwa am „Lag-Boaumer" eine auf breiter Basis einzuberufende Delegiertenkonferenz abzuhalten und zunächst ein Aktionskomitee zu wählen, dem alle heute unterbreiteten Anträge und Resolutionen als Substrat für eine Vorbereitungsarbeit zu überweisen wären. Rabbiner Dr. >L a n d a u-Strakonitz überbringt dieGrüßederböhmischenLandgemeinden. Die religiösen Verhältnisse in diesen Gemeinden sind derart desolat, daß man dortselbst erst recht die dringendeNotwendigkeit empfindet, einegroßzügige Organisation der Orthodoxie zu schaffen. Diese kleinen Kehillot können aus eigenem Antriebe und mit den eigenen Mitteln kaum etwas ausrichten. Nur eine Zentralstelle kann ihnen behilflich sein, in religiöser Beziehung Remedur zu schaffen. Redner schildert eingehend an der Hand mehrerer Beispiele den niedrigen Stand der Religiösität in diesen Gemeinden, wo die vereinzelt lebenden Glaubenstreuen beim besten Willen nichts ausrichten können. Unzählige Gemeinden haben nicht einmal einen Schochet und auch das vorhandene Material enffpricht keineswegs den Anforderungen. Das Dispens- Rabbinertum in Böhmen hat ganz unmögliche Zustände geschaffen. Es gibt Dispensrabbiner, die ganz einfach von allem dispensiert seien, es gibt Schochtim, die keine Zeile im Schulchan- Aruch lesen können, obwohl sie merkwürdigerweise „Kabolaut" besitzen. Das Religionslehrermaterial läßt alles zu wünschen übrig und für die religiöse Erziehung wird fast nichts getan. Der Gedanke, die Orthodoxie zu organisieren, muß daher mit Begeisterung begrüßt werden, da nur dann Abhilfe zu erwarten