Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 5 (14.2.1918)
- Date
- 1918-02-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz. Nr. 5 Lande. Der Minister erklärte, daß er diesen Bestrebungen seine volle Sympathie entgegenbringe und beauftragte Herrn Rabbiner Horovicz, den in Betracht kommenden Organisationen seine besten Wünsche für ihre Arbeit zu übermitteln. (Pogrome i» Beffarabien.) Bor zwei Wochen fanden in Sucharan, Jednidze, Beiz und Edinze sowie anderen kleinen Städten Mittel- und Süd-Bessarabiens größere Pogrome statt, die von der dortigen rumänischen Bevölkerung veranstaltet wurden. Größere Banden, die oft Soldatenuniformen angelegt hatten, haben am hellen Tage die Judenviertel überfallen und ausgeraubt. In einigen Fällen wurden Juden getötet, in den meisten Fällen schwer mißhandelt. In Sucharan soll es 25 Tote gegeben haben. Infolge der vollkommen ungenügenden Sicherheitsverhältnisse haben die Juden in diesen Städten eigene Milizen gebildet, die erfolgreich den plündernden Banden entgegentreten. Vom orthodoxen Vereinsleben. (Verein zur Wahrung der Interesse» des orthodoxen Judentums in Wien.) Sonntag abends fand eine Vorstandssitzung statt, in welcher zunächst die Delegierten zur Konferenz in Frankfurt einen Bericht über die Verhandlungen und Beschlüsse der Konferenz vorgelegt haben. Der Vorstand nahm die Beschlüsse befriedigend zur Kenntnis. Nachher wurde eine Reihe von Fragen, die mit dem bevorstehenden Pessachfeste im Zusammenhänge stehen, wie Beschaffung von Pessachware, Ausspeisnng der jüdischen Soldaten der Wiener Garnison durch den Verein „Einheit" rc. besprochen und diesbezügliche Beschlüsse gefaßt. Für die am Sonntag beginnende orthodoxe Konferenz in Wien gab sich ein lebhaftes Interesse kund. (Rabbinerverband.) Sonntag abends fand eine Vorstandssitzung des Verbandes der Rabbiner ans Galizien und der Bukowina statt. Es wurden zunächst mehrere begeisternde Zustimmungsschreiben von abwesenden Mitgliedern verlesen, darunter vom Oberrabbiner Braude-Lembeig und Rabbiner Schmelkes- Przemysl. Hieraus wurden Rabbiner Hvrowitz- Bohorodczany zum Kassier, Rabbiner Fränkel- Nepetokoutz zum Stellvertreter, die Rabbiner Leiter-Trembowla und Zuckermann-Jablonow zu Schriftführern gewählt. Weiterhin wurde ein spezielles Jnterventionskomitee gewählt, bestehend aus den Rabbinern: Steinberg-Brody, Horowitz-Bohorodczany, Meisels-Monasterzysko, Halberstamm-Sokolow und Katz-Borszczow, dessen Aufgabe es sein soll, bei den Behörden, in allen den Verband, respektive das allgemeine Judentum berührenden Angelegenheiten zu intervenieren. Der Verband ersucht zugleich sämtliche Rabbiner aus Galizien und der Bukowina, die als Flüchtlinge in der Fremde tveilen, demselben unverzüglich ihre Adressen bekanntzugeben. Neuorientierung. Von Lehrer Moritz Mandl, Prag. Das konservative Judentum in Prag beschränkte sich seit Jahrzehnten auf einen kleinen Kreis. In der großen Gemeinschait hingegen griff die Gleichgültigkeit in religiösen Dingen in erschreckender Weise um sich. Die Lauheit der Alten, die Indolenz der Jungen zeitigten gar seltsame Früchte. Die Assimilation aus der einen Seite — der erwachende und wachsende Antisemitismus auf der andern, waren die traurigen Mittel, heillose Verwirrung in das jüdische Leben zu bringen. — Doch gerade diese waren es, die das in letzter Zeit ohnmächtig gewordene Judentum wieder zur Selbstbesinnung und klarem Denken gebracht: Der Antisemitismus von „Außen", die Abfallsbewegung von „Innen". Ersterer hat den engen Zusammenschluß aller denkenden Juden, letztere ein „Sichselbsterkennen" bewirkt. Doch sind diese beiden Mittel zur Wiederbelebung des Judentums verschiedener Art, darum muß cs auch ihre Wirkung sein. Gegen den sichtbaren äußeren Feind läßt sich leicht und mit Erfolg kämpfen — doch die innere Morschheit und der Zerfall sind Krankheiten, die im eigenen Organismus, im eigenen Blute stecken, weshalb es kein leichtes ist, auch hier erfolgreich vorzugehen. Doch auch das Schwere will vollbracht sein! Wenn wir uns irun den Mitteln zuwenden, die uns zur Beseitigung der Abfallsbewegung im Judentum zur Verfügung stehen, so sind es mannigfache Rezepte, die dem kranken Organismus des Judentums verschrieben werden. Der Zionismus hat uns gelehrt — und das hörten auch diejenigen, die es nicht hören wollten — daß das Judentum an sich ein gesunder, lebensfähiger Körper sei, daß nur manche Teile an ihm kranken und daß es in der Macht jedes einzelnen Juden liege und auch Pflicht jedes einzelnen sei, zur Gesundung und Erhaltung dieses Riesen beizutragen. Seitdem nun die assimilatorisch-liberalen Juden — sei es aus Mißverständnis oder hinterhältiger Absicht — ihren zionistischen Brüdern Klerikalismus vorwerfen, sind die Begriffe vom jüdischen Nationalismus in vielen Kreisen nun noch verworrener; denn abgesehen davon, daß es einen jüdischen Klerikalismus gar nicht gibt, begnügt man sich in zionistischen Kreisen nicht, dies einfach festzustellen, sondern es wird im Gegensätze zu früher — wo ja auch das Religionsgesetz nicht zum Programm des Zionismus gehörte — bei jeder. gegebenen Gelegenheit die Religion und ihre Satzungen feierlichst a b g e l e h n t, so daß der zum qefetzestreuen Judentum sich Bekennende — seinen nicht minder ehrlich empfundenen Zionismus mit seinem Judentum in keinen Einklang zu bringen vermag. Wenn behauptet wird, daß jüdischer Nationalismus auch ohne Religion bestehen könne, so darf Religiosität nicht als Klerikalismus bezeichnet — und ein Rabbiner, der seiner Aufgabe gemäß die Religion in seiner Gemeinde nicht negiert wissen will, auch nicht verdammt werden, wenn er sich zu dieser Art Zionismus nicht bekennen mag. Gewißhat auch der jüdische Nationalismus — gleich jedem andern — mit Religion nichts zu tun, und ist es Pflicht jedes Juden, sich in erster Reihe zur jüdischen Nation zu bekennen. Doch muß die lllation schließlich auch zur Religion Stellung nehmen, und ebenso wie ein deutscher Pastor ein qlanbenslreuer und eifriger Diener der Kirche, dabei ein guter Deutscher sein kann, soll der jüdische Nationalismus dieGesetzestreue nicht ausschließen. — Nicht vom hohen Sockel herab sollen unsere zionistischen Wortführer abfällig von Klerikalismus und Religionsübungen in einem Atemzuge sprechen — denn das hieße die Bewegung zurückschrauben, dem fortschreitenden Zionismus hindernd im Wege stehen. Die breiten Massen mißverstehen den leitenden Gedanken, sind Phrasen und zweideutigen Redensarten leicht zugänglich, und man macht — ich betone es — vielleicht ohne zu wollen in Nationalismus auf Kosten der Religion; man nimmt das Gute um des Guten willen vorweg! Doch, ist es nicht zu teuer erkauft, entheiligen nicht die Mittel den Zweck — und sind erster« nicht zweideutig? Wenn wir davon absehen wollten, daß der Zionismus aut solcher Grundlage bei unseren! Volke niemals ohne großen Rest ausgehen kann, so ist der mit raffinierter Absicht in den Zionismus hineingetragene Sprengstoff „Klerikaiismus" imstande, ersteren auf falsche Bahnen zu lenken. Offen gestanden, machten jüngsthin die an sich ausgezeichneten Referate der beiden hier veranstalteten jüdischen Elternabende den Eindruck, daß die derzeitigen Wortführer des Zionismus — um dem Einwurf des Klerikalismus von gegnerischer Seite wirksam zu begegnen, die Religion nicht nur außer Programm'gestellt wissen — sondern auch ihre Satzungen — selbst bei der Kindererziehung in Schule und Haus — als Ballast, als Hemmschuh in der modernen jüdischpolitischen Entwicklung aufgefaßt wissen wollen soll, daß jenes Erringen und jenes Anwenden auch iu göttlichem Sinne geschehe; sehen würdest du, daß, wie ja Gott allein es ist, der dir spendet Kraft zum Erringen, Er ja auch reich genug ist, in sechs Tagen so viel Mon deiner Hütte fallen zu lassen, daß du den siebenten nicht darbest; — sehen würdest du: daß nicht, weil du jene Klage führen könntest, du aufhören müßtest, Jude zu sein, —_ sondern du aufgehört haben mußtest Jude zu sein, — um jene Klage führen zu können. „Aber Verkehr mit Richtjuden! Man zeichnet sich so aus, wird sogleich als Jude erkannt!" — Sohn meiner Zeit! Wer sagt dir denn, daß dü es verleugnen sollst, Jude zu sein? — Sei Jude, sei es wahrhaft, erstrebe das Ideal eines wahren Juden in Tauroherfüllung der Gerechtigkeit und Liebe, — daß man dich achte, weil du Jude bist, nicht obgleich du Jude bist; habe dich selbst als Juden begriffen und verbreite davon den Begriff durch dein Wort, noch mehr durch dein Leben, unter deine nichtjüdischen Brüder; und du wirst dich wahrlich nicht zu beklagen haben, daß deine Judenheit nicht inkognito zu reisen vermag. „Aber den Grad der Vertraulichkeit vermagst du nicht zu erlangen, — wenn du nicht — mindestens — mit ihnen an ihren Gastmahlern issest und trinkest?" — Wiederum! über Gerechtigkeit und Liebe, wie deine Tauroh dich lehrt; — sei gerecht in Tat, sei wahr im Wort, trage Liebe im Herzen gegen deinen nichtjüdischen Bruder, wie es deine Tauroh dich lehrt; speise seine Hungrigen, kleide seine Nackten, erquicke die Kranken, tröste seine Leidenden, berate seine Unberatenen, springe ihm bei mit Rat und Tat in Not und Fährniß, entfalte die ganze Fülle deines edlen- Jisroeltums; — und er wird dich nicht achten und lieben? und es wird sich nicht der Grad der Vertraulichkeit Herstellen, den dein Leben zu tragen vermag? — Aber mehr! — wie Familienglied? — Siehst du denn nicht, wie du das, bis zu jener Allverbrüderung, nicht sollst, nicht sollen kannst? nicht aus Feindschaft, sondern deines Jisroelberuss halber! Du zürnst dem Gesetze nicht, wenn es deine Verschwägerung außer Jisroel nicht gutheißt, weil du deine Kinder, die teuersten Pfänder göttlicher Liebe, nur seiner Tauroh erziehen sollst, und du sie entziehest der Tauroh, wenn du nicht jisroelitischen Vater, wenn du nicht jisroelitische Mutter ihnen gibst; — und du dankest es nicht dem Gesetze, wenn es schützen will, daß Nichtjisroelssöhne Leidenschaft fassen zu nichtjisroelitischen Töchtern, und nichtjisroelitische Söhne — Töchtern Jisroels?! Begreife Ziel deines Lebens, begreife Jisroelspflicht, und es schwindet alle Beschwerde, die ja in unserer Zeit nur fühlbarer geworden, weil Jisroelgeist geschwunden, — die ja zum Teil erst wirklich schwerer worden, weil auch Jisroels Söhne nicht mehr achten, — weil zum Teil auch Jisroels Söhne — Verletzung von Jisroelspflichten fordern.