Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 5 (14.2.1918)
- Date
- 1918-02-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ des Vereines „Jesohurun“ ORGANISATION für die thoratreue Jugend Wiens. Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: ,,Jeschurun'l-Preßko[iiitee( Wien. 1., Salztorgasse 2. Jeschurun Nr. 5. — 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: Preßkomitee des Vereines „Jeschurun“; Wien, I., Salztorgasse 2. » Der siebente Adar. Der siebente Adar ist der Sterbetag Moscheh Rabenus. Es ist charakteristisch für die Auffassung des Judentums, daß Moscheh der Vertraute Gottes, Moscheh der größte Prophet aller Zeiten, nicht als der Erlöser oder Gesandte Gottes, weder als Prophet noch als kluger Staatslenker im Munde und Geiste seiner Volkes sortlebt, sondern als Moscheh rabenu, Moscheh, unser Lehrer, nach dem untrüglichen Volksurteil der erste und wirksamste Religionslehrer feines Stammes. Und wohl hören wir noch heute am siebenten Adar von allen Kanzeln Totenklagen, indem man an diesem Tage des Verstorbenen gedenkt; aber aus dem lebendigen Bewußtsein des Großstadtjuden beginnt die Erkenntnis abzusterben, daß bei Moscheh rabenu seine Sendung als Lehrer die wichtigste Aufgabe seines Erdenwallens bildete. Und wie sollte diese Erkenntnis, daß Moschehs größte Bedeutung in seiner Lehrtätigkeit lag, bei dem Gegenwarksmenschen nicht in den Hintergrund des Bewußtseins treten, wenn er das Bild des unsterblichen Meisters nach seinen heute lebenden Jüngern konstruiert. Worin lag denn seine Erziehnngskunst und Lehrtätigkeit, die so glänzende Resultate erzielt haben und noch heute segensreich fortwirken. Die Thaurhakedauscho zeigt uns den Weg, dieses Geheimnis zu ergründen. Wo uns Moscheh zirm erstenmal lehrend vorgeführt wird, findet der heidnische SchwiegervaterJithrau, daß die Lehrtätigkeit seines Schwiegersohnes Moscheh für einen Menschen zu aufreibend sei. Moscheh beruhigt ihn aber damit, daß seine Tätigkeit weniger kompliziert sei, als es den Anschein habe. Moscheh meint, daß es sich hier nicht um metaphysische, transzendentale Spekulationen über Gott, sondern um Momente handelt, die dem menschlichen Bewußtsein viel näher liegen. Gott erfahren, heißt bei ihm sein Gesetz erfahren, Gott lehren, sein Gesetz lehren, und was noch wichtiger ist, nach seinem Gesetze leben. Ihm war es nicht darum zu tun, die Gesetze und Lehren zu erläutern und zu beleuchten, sondern Moscheh sagte sich: „Ich habe die Gesetze Gottes und seine Unterweisungen bekannt zu machen." Bekannt zu machen durch Vorbild, Beispiel, bekannt zu machen durch Betätigung und Befolgung des Gelehrten. Denn wirksam sind nur jene Lehren, welche von den Verkündern derselben auch gepflegt und befolgt werden. Denn nicht die Wahrheit in ihrer unsichtbaren Allgemeinheit und nicht die Schönheit, welche im Reiche der Ideen thront, und nicht die Moral als der Schluß einer langen Reihe von Sätzen und Beweisen können den Menschen an den Thronwagen des Herrn fesseln, sondern das Wahre muß wirklich und wesenhaft, das Schöne entfaltet und gestaltet, die sittliche Idee verkörpert und ausgeprägt sein, wenn ihre Eindrücke sich nicht in dem Menschen rasch verwischen sollen. Es genügt daher nicht, wenn sich der Lehrer wohl bemüht, den vorgeschriebenen Lehrstoff den Schülern beizubringen, ohne daran zu denken, daß der Religionslehrer noch eine weit höhere Aufgabe zu erfüllen hat. Er sollte nicht nur unterrichten, sondern, wie es schon im Worte liegt, Religionslehrer sein. Billroth schrieb ein Buch: Wie wird man musikalisch und kommt zur Erkenntnis, daß nur durch die intensive Beschäftigung und Studium das musikalische Gefühl gehoben wird. Werden unsere Kinder durch den Religionsunterricht der Wiener Volksnnd Bürgerschulen religiös oder selbst nur religiöser? Bei näherer Kenntnis der Verhältnisse werden wir finden, daß das religiöse Gefühl jener Kinder, welche schon im Elternbanse eine fromme Erziehung erhielten, durch den Schulunterricht nicht nur nicht gestärkt und bestärkt, sondern im Gegenteil sogar verletzt und eingeschränkt wird. Derselbe Lehrer, der am Samstag beispielsweise von 9 bis 10 Gesangsunterricht erteilt und die Lieder ans seiner Violine begleitet, findet es vereinbar, eine Stunde später Religionsunterricht zu halten. Der Religionsunterricht am Samstag beginnt oft damit, daß der Lehrer schriftliche Eintragungen vornimmt. Derselbe Religionslehrer, der die Kinder lehrt: Du sollst den Schaboß heiligen, zeigt damit, daß er sich selbst über die Gesetze unseres Glaubens mißachtend hinwegsetzt. Während dem Kinde zu Hause eingeprägt wird, selbst das Nachtgebet mit Kopfbedeckung zu verrichten, sprechen der Religionslehrer und die Schüler selbst unser heiligstes Glaubensbekenntnis mit entblößtem Haupte. Wir alle der Schule längst Entwachsenen wissen, welche Autorität mir in unseren Lehrern erblickten. Unwillkürlich muß in diesen unreifen Kinderköpfen der Zweifel auftauchen: Was sollen wir glauben und wem sollen wir glauben, den Eltern oder dem Lehrer. S. R. Hirsch hat den Grundsatz geprägt: „Wenig vermag das Haus ohne die Schule, wenig die Schule ohne das Haus." Diesen klaffenden Widerspruch zu überbrücken, muß versucht werden. Wir wollen in das Privatleben unserer Religionslehrer nicht eingreifen; das wäre Pflicht derjenigen, die jenen das Amt übertragen haben. Wir haben jedoch das Recht zu fordern, daß zumindest das religiöse Gefühl unserer Kinder durch den Religionsunterricht nicht verletzt werde. Wenn schon in den profanen Gegenständen der Lehrer versucht, durch tendenziös gehaltene Vorträge das christlich-germanische Schönheitsideal in den Kinderherzen zu wecken, müßte der Religionslehrer bestrebt sein, das jüdische Ideal dem Verständnis des Kindes naherzubringen. Es geht soweit, daß diejenigen Schüler, welche nicht barhäuptig beten wollen, zu dem Auskunstsmittel greifen müssen, während des Religionsunterrichtes eine Perücke zu tragen. Das ist die einzige „falsche Behauptung" zur Charakterisierung des Wiener Religionsunterrichtes. Wohl ist es den konservativen Kreisen gelungen, einen Erlaß des hohen k. k. nieder-österr. Landesschulrates zu erwirken, daß Israeliten an öffentlichen Schulen Oesterreichs an Samstagen und israelitischen Feiertagen zum Schreiben nicht gezwungen werden können. Müßte wirklich auch noch ein Erlaß des Landesschulrates erwirkt werden, der auch den Religionslehrern dies verbietet?! Hoffen wir, daß der siebente Adar nicht nur als Sterbetag Moscheh Rabenus, als Gedenk- und L-terbetag zur Totenklage benützt, sondern als Geburtstag und Auferstehimgsfeier des großen Meisters, der durch das Leben und Wirken seiner Jünger noch heute sein Volk belehrt und zum anserwählten Gottesvolk erzieht. 0. IN. Oie Zendung Moses. (Nach 1cm Midrasch.) Von De. Michael Sachs. Die Brüder seufzten unter hartem Joch, Als in der Wüste Moseh noch, Ein Hirt, landflüchtig und gering, Hinter der Herde Jithros ging. Einst, als er seine Herde überzahlt, Da hat ein Böcklcin ihm gefehlt. Und sieh', recht aus dem dicht'sten Haufen Ist es ihm keck davon gelaufen. Er ruft ihm nach, es heim zu bringen. Nicht Ruf, nicht List will ihm gelingen: Nun eilet er im jähen Lauf, Dem Flüchtling nach und sucht ihn auf, Bis er zu einem Orte kam, Wo er das Rauschen eines Quells vernahm. Hier stand das Böcklcin. müd' und matt, Und trank sich an der Quelle satt, Und Moseh sprach: Das hall' ich nicht bedacht, Daß dich der Durst mir untreu hat gemacht! Bist wohl recht müde's Und bei diesem Wort Lud er es auf und trug es fort. Da sprach der Herr: Du schonst der Herde, Die dir vertraut der Sohn der Erde; So wahr du lebst, auch meine Herd' ist dem, Du sollst der Hüter meines Volkes sein! vereinsnachrichten. Vorträge. Dienstag, den 19. Februar 1918, 7*8 Uhr abends, beginnt ein Bortraaszyklus über „Jüdische Kunst", der jeden zweiten Dienstag fortgesetzt wird. Die Vorträge finden im Saale der Talmud Thora, II., Malzgasse 16, statt. — Gäste willkommen! Frau Ernestine Bondi mußte wegen Erkrankung ihres Kindes ihren Kurs an den beiden letzten Samstagabenden absagen; doch wird von Samstag, den 16. d. M., an der Kurs wieder regelmäßig stattfinden. Beginn 7 Uhr. — fl. Bezirk, Malzgasse Nr. 16. JeuMeton. Aus den je» Briefen über das Judentum. Von Samson Raphael Hirsch. Aünfzeynter Arief. {emfi Du würdest sehen! daß auch dein Besitzesstreben nur eine Pflicht ist, wie alle deine übrigen; wirst auch seinen Wert nicht nach Umfang des Errungenen messen, sondern nach Beachtung göttlichen Willens im Erringen — und dann nach Beachtung göttlichen Willens im Verwalten-und Anwenden! sehen, wie, wenn sechs Tage dir die äußeren Mittel für deinen Beruf bringen sollen, der siebente Tag dir die inneren, Geist und Weihe, spenden