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Jüdische Korrespondenz · 1918-02-14 · 5 (14.2.1918) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
5 (14.2.1918)
Date
1918-02-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 kann die Orthodoxie niit Stolz rufen. Wer zu den größten materiellen Entbehrungen und physischen Opfern bereit ist, um nur im Geiste und Sinne des heiligen Gesetzes, der Thaura und des Glaubens leben und wirken zu können, der besitzt unstreitig einen derart tiefen moralischen Gehalt, der ihn für die höchste geistige Entwicklung prädistiniert. ' Nichtsdestoweniger stand die Orthodoxie bisher fast wie abseits von der großen Linie des Lebens und mußte für sich das, was ihr als unumgänglich erschien, sozusagen erbetteln, von denjenigen erbetteln, die sich die Macht und den Einfluß usurpiert haben und nach innen, wie nach außen als die einzigen und berufenen Vertreter des jüdischen Volkes aufzutreten pflegten. Die Orthodoxie war sozusagen „toleriert". Sie mußte die heftigsten Kämpfe führen um jedes Bethaus, um jeden Schächter, um jede Mikwah, um alles, was ihr heilig und teuer ist, was im «sinne der religiösen Vorschriften den Inhalt des geistigen Lebens bildet. Es ist dies ein unnormaler Zustand, der dringend Remedur erheischt, und das soll nun geschehen. Die Konferenz, die in den nächsten Tagen in Wien stattfindet, soll den Auftakt zu dem neuen Leben der Orthodoxie geben, das nun beginnen soll. Die Orthodoxie wird hier der breiten Oeffentlichkeit ihre Visitenkarte abgeben, ihre Existenz anmelden. Es soll zunächst ein Zusammenschluß alle jener glaubenstreuen Kreise erfolgen, die heute hie und da isoliert, vereinzelt sind und oft mit tiefem Weh im Herzen ohnmächtig den Verhältnissen gegenüberstehen. In all den Ortschaften, wo es keine orthodoxen Gemeinden gibt, sollen auch die Einzelnen das Bewußtsein haben, nicht ganz verlassen zu sein und stets in religiösen Dingen auf Hilfe und Stütze rechnen zu können. Dort aber, wo die Bildung größerer Gruppen möglich ist, soll dies moralisch und materiell gefördert werden. Gar manche infolge der Isolierung dem Verirren auf Abwege ausgesetzten Kreise sollen auf diese Weise gesammelt und in die richtige Bahn geleitet werden. In den Gemeinden soll das religiöse Leben, besonders aber die Erziehung der Jugend, mächtig und tatkräftig gefördert werden. Die religiöse Erziehung der Jugend hat stets einen Grundpfeiler des Judentums gebildet. Dieser Pfeiler soll wieder das werden, was er seit uralten Zeiten war. Es ist nicht absolut notwendig, daß das Heranwachsende Geschlecht in religiöser Beziehung läßiger sei. Es kann und muß dafür gesorgt werden, daß die junge Generation der älteren keine Schande bereiten soll. „Aschrei jaldutenu, schelau bijschu et flknautenu!" Wohl der Jugend, die dem Alter keine Schande bereitet! Das moderne soziale Leben legt der Erfüllung der religiösen Vorschriften vielfache Hindernisse in den Weg. Die gesetzlich stipulierte Sonntagsruhe hat sicherlich im Leben der modernen Völker ihre vollste Begründung. Aber die glaubenstreuen Juden, die mit Stolz darauf Hinweisen können, daß ihre heilige Religion einen Ruhetag schon vor Jahrtausenden mit einer solchen Schärfe und Strenge angeordnet hat, wie kein modernes Gesetz sie kennt, diese Juden, die nach wie vor diesen Ruhetag ohne jeden äußeren Zwang feiern, sollen darunter materiell nicht allzuschwer zu leiden haben. Wie weit möglich, sollen ihnen Erleichterungen zuteil werden, die ihnen einerseits das Leben ermöglichen, anderseits die etwas schwächeren im Geiste vor dem Abfall bewahren. Die Einschränkung der Arbeitsstunden im Handel und Gewerbe ist sicherlich eine Wohltat für Arbeitgeber und Arbeitnehmer — die dadurch gewonnene Zeit soll wieder, wie in den alten, guten Zeiten, der religiös-geistigen Erholung gewidmet sein. Das tägliche Thaurastudium, die religiösen Abendkurse für tagsüber Beschäftigte sollen wieder eingesührt werden. Die großen Fragen, die die gegenwärtige Zeit auf die Tagesordnung gestellt hat, können und dürfen der Orthodoxie nicht gleichgültig bleiben. Darf sie dies aus Interesse für den Klal-Jisrocl nicht tun, so ist es anderseits ihre Pflicht, dafür zu sorgen, daß gelegentlich der Neuordnung der Dinge in den verschiedenen Ländern, wie eine solche als Folge der Kriegsereignisse zu erwarten ist, das religiöse Moment nicht in den Hintergrund trete und die religiösen Interessen keine Verletzung erfahren. Die Orthodoxie muß da aus dem engen Kreise, in dem sie sich bisher bewegte, heraustretcn, sie darf es nicht zulassen, daß kleine, wenn auch sehr rührige Gruppen als die einzigen Repräsentanten der Judenheit auftreten und als solche die Gestaltung der Dinge in ihrem Sinne und Geiste beeinflußen. Die Orthodoxie muß da ihr Recht geltend machen, ohne die Absicht zu verfolgen, irgendwem „Konkurrenz" zu machen. Sie kann sich aber dieses Recht von niemandem streitig machen lassen, der sich anmaßt, ein Monopol auf die Vertretung der Juden nach außen erworben zu haben. Die große, für jeden Juden heilige Aufgabe, die Besiedlung des heiligen Landes zu fördern, erheischt besonders seitens der glaubenstreuen Judenschaft energische Erfüllung. Diejenigen, die täglich dreimal „Welejeruschulajim irchu berachmim toschub!" beten, denen die Rückkehr der Juden ins heilige Land Hoffnung und Sehnsucht ist, können und dürfen nicht abseits stehen, wenn die Möglichkeit gegeben sein wird, diesbezüglich eine großzügige Aktion zu entfalten. Sie müssen aber auch dafür sorgen, daß die Entwicklung der Dinge im heiligen Lande dem Geiste der Thaura entspräche, daß nicht dortselbst Zustände einreißen, die jedem glaubenstreuen Juden den Aufenthalt verleiden könnten. Diejenigen, die den alten Jischub durch Jahrhunderte erhalten und gefördert haben, haben auch das Recht und die Pflicht, bei der Entfaltung des neuen Jischub mit dabei zu sein, mitzuwirken und mitzugestalten. All das kann aber nur erreicht werden, und die Voraussetzung für alles ist eine Organisation. Nur eine kraftvoll und stramm organisierte Orthodoxie wird nach innen und nach außen diejenige Stellung einnehmen können, die ihr gebührt und die das Erreichen des angestrebten Zieles möglich machen wird. Die Aufgabe der ersten Konferenz der Orthodoxie in Oesterreich soll und wird es sein, die Grundlagen für diese Organisation zu schaffen. Wer Interesse und Verständnis dafür hat, der komme und wirke mit! Die Konferenz ist nicht für pompöse Reklame bestimmt. Es soll ruhige und sachliche Arbeit geleistet werden. Es handelt sich um keine rauschende Manifestation, sondern um eine ernste Kundgebung. Wer sich auf den inneren Gehalt derartiger Kundgebungen versteht, der wird auch die Tragweite der Konferenz und deren Leistungen zu würdigen wissen. Auf denn, im Namen Gottes. Beruchini Haboim beschem haschem! Jehudi-Chored. Tagung der orthodoxen Organisationen im Gebiete der Mittelmächte. Frankfurt a. M., 31. Jänner. Am 29. Jänner traten hier Delegierte der führenden orthodoxen Organisationen in den Gebieten der Mittelmächte zu einer Konferenz zusammen, um die programmatischen Forderungen zu beraten, die anläßlich der beim F r i e d c n s s ch l u ß b e v o r st e h e n d e n Neuordnung der Dinge i m O st e n im jüdischen Interesse zu stellen sein werden, um außerdem eine gemeinsame Vertretung dieser Interessen bei den Regierungen der Mittelmächte zu sichern. Die Konferenz war durch Beratungen der in Betracht kommenden Organisationen in den einzelnen Ländern seit längerer Zeit vorbereitet worden. Durch Delegierte vertreten waren: Die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, E. V.", der „Deutsche Gruppenverband der Agndas Jisroel", der „Verband orthodoxer Rabbiner Deutschlands", die „Vereinigung traditionell gesetzestreuer Rabbiner Deutschlands", der „Bund gesetzestreuer jüdischer Lehrer", die „Galizische Landesorganisation der Agndas Jisroel", der „Verein zur Wahrung des orthodoxen Judentums in Westösterreich", der „Rabbinerverband in Galizien". Die „Agndas hoortodoxim" und die „Agudas horabonim" in Polen, sowie die „Palästinensische Landesorganisation der Agudas Jisroel" hatten, da ihre Vertreter aus äußeren Gründen nicht mehr rechtzeitig eintreffen konnten, ihre Beschlüsse schriftlich übermittelt. Die „Ungarische orthodoxe Landeskanzlei" hat ihren Anschluß an die Aktion Vorbehalten. Die Tagesordnung lautete: 1. Gruppenrechte der Juden im Osten; 2. Palästinafrage; 3. Religiöse Forderungen im Staatsleben; 4. Bürgerliche Gleichberechtigung; 5. Form und Methode der Vertretung. Während der zweitägigen Verhandlungen, in denen naturgemäß manche Gegensätze der Auffassungen zwischen den verschiedenen Landesgruppen zutage traten, wurde eine prinzipielle Uebereinstimmung in Grundfragen erzielt. Als Ergebnis der Generaldebatte in Verbindung mit dem ersten Punkte der Tagesordnung wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: 1. Bei ihrer Erhebung zur Volksgemeinschaft hat Gott der Judenheit, deren Existenzberechtigung, Ideale und Ziele lediglich in der Religion verankert sind, sowie jedem einzelnen Juden für alle Zeiten die treue Erfüllung des offenbarten Gesetzes zur Pflicht gemacht. Auf dieser gemeinsamen Pflicht beruht das Band gegen-

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