Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 4 (7.2.1918)
- Date
- 1918-02-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Jätoehe Korrespondenz. Nr. 4 Süd- und Mittetbessarabieii fanden große Judenhetzen statt, die von der rumänischen Bevölkerung veranstaltet wurden. Große Banden, die vielfach Soldatenkleidung angelegt hatten, überfielen die Judenviertel und raubten die Bewohner aus. In manchen Fällen wurden die Ueberfallenen getötet, die meisten aber schwer mißhandelt. In der Kleinstadt Suchanan gab cs 25 Tote. Infolge dieser Zustände haben die Juden eine eigene Miliz gebildet. (Von der Orthodoxie in Holland.) In einem Begrüßungsschreiben der „Agudas Jisroel"-Jugendgruppe in Scheveuingen an ihre Schwestervereinigung in Warschau wird n. a. mitgeteilt, daß der Jugendverein seine Entstehung den Bemühungen seines Vorsitzenden, Herrn Friedman», verdankt und eine sehr erfreuliche Entwicklung nimmt. In den Räumen des Vereines kann man allabendlich dreißig bis vierzig Jünger beim Talmudstudium vereinigt finden. An einigen Vortragsabenden referierte Herr Dir. Dr. Lange-Frankfurt a. M., der dort als Gast weilte, über die Tätigkeit der Aguda während des Krieges. Am 2. Dezember fand unter Vorsitz des Herrn Dir. Dr. Lange eine Versammlung von Delegierten aus Haag, Amsterdam und Scheveningen statt, auf der beschlossen wurde, demnächst eine Konferenz sämtlicher Agudas Jisroel-Vereine in Holland eiuzuberufen. In das provisorische Komitee wurden gewählt die Herren Rabb. Leiter- Amsterdam, L. I. Braumer und E. Abrahams-Haag, I. Friedmann, G. Schreiber, Geldzähler und Lustig-Scheveningen. (Ueberweisurigen nach Palästina.) Das Zentralbureau für jüdische Angelegenheiten in Luzern, Bruchstraße Nr. 30, übernimmt Ueberweisungen von Spenden und Korrespondenzen nach Palästina. (Reorganisierung des jüdischen Schulwesens in Polen.) Beim polnischen Kultusministerium wird demnächst eine besondere Kommission zusammentreteu, um sich mit der Reorganisation der Cheder- und Talmud-Thoraschulen zu befassen. In der Kommission werden auch zwei angesehene polnische Rabbiner sitzen. (Die Russen im englischen Heer.) Die „Morning Post" teilt mit: Die Behörden in Hüll erklärten, daß die in England lebenden russischen Juden in der englischen Armee dienen müßten auf Grund der früheren Abmachungen mit der Regierung Kerenskis. Daran würden die Friedensverhandlungen der Bolschewiki ebensowenig ändern wie der Waffenstillstand. (Die Stadtwahlen in New Uork.) Während der Stadtwahlen in New Jork, die am 6. November stattfanden, stellte eine Reihe von Juden ihre Kandidatur auf. Die größte Zahl der gewählten Juden hatten die sozialistischen Parteien. Während der Wahlkampagne entfaltete sich in der jüdischen Presse eine für amerikanische Verhältnisse neue Agitation. Die sogenannten Großjuden Oskar Strauß, Louis Marshall u. a. wandten sich in der jüdischen und nichtjüdischen Presse mit einer „Warnung" an die jüdischen Wähler, die Listen der Sozialisten zu unterstützen, wodurch der Zorn der Einheimischen geweckt werde und die Gefahr des Antisemismus zunehme. Besonders schroff wandten sich diese Kreise gegen die Kandidatur des Sozialistenführers jüdischer Abstammung, Morris Hillquit. Der jüdische Redakteur der New Iorker „Times", Herr Ochs, erinnerte die jüdischen Wähler New Jorks daran, daß die Geduld der amerikanischen Massen ihre Grenzen habe und daß die sozialistischen „Umtriebe" der jüdischen Wähler schwere Folgen für die Juden haben könnten. Diese Drohungen riefen die Entrüstung der gesamten jüdischen Presse hervor. Sogar die Reformrabbiner hielten es für ihre Pflicht, gegen diese Agitation, die Wasser auf die Mühlen der Antisemiten ist, zu protestiern. _ „Zeitschrift für jüdische rvirtschastsfragen." Infolge technischer Schwierigkeiten ist in dem Erscheinen des ersten Heftes eine Verzögerung eingetreten. Dasselbe gelangt erst am Ende dieses Monats zur Ausgabe. GrganlsaüoassersUche in Prag. Wir erhalte« zwei Zuschriften^ diesich mit ein und derselbe» NerchOMuNF «r Hwß! schäftigen, und drucken sie, da sie einander ergänzen, beide ab. Ein sonderbarer Elternabend in Prag. Ein anonymer Erziehungsausschuß in Prag veranstaltet jüdische Elternabende, deren dritten am Sonntag, den 20. v. M., Herr Rabb. Dr. Ziegler- Karlsbad im großen Festsaale des jüdischen Rathauses abdielt. Dank seinem Rufe als glänzender Redner, nicht minder dank seiner hervorragenden Rolle in den österreichischen Logen war der große Saal lange vor der festgesetzten Zeit überfüllt. Rabbiner Dr. Ziegler begann mit einem Dithyrambus am die Orthodoxie, die nicht die Frage kenne, wie sie ihre Kinder zum Judentum erziehen solle, verneinte die Möglichkeit, auf ausschließlich nationalem Wege die Jugend dauernd fürs Judentum zu gewinnen und warnte vor den vielen Wegen, die anstatt zur Erhaltung, zur Auflösung des Judentums führen müsse». Die Kinder könne» dem Judentum nur gewonnen oder erhalten werden, indem wir ihnen vom ersten Momente jüdischen Geist einzupflanzen suchen, sie jüdischen Bonnen anvertraueii, ihnen jüdische Märchen und Erzählungen geben, die Weihe der Sabbate und Feste auf sie einwirken lassen und die Freigabe der Sabbate als zweiten schulfreien Tag unermüdlich verlangen. Die Einführung des Religionsunterrichtes an Handels- und Gewerbeschulen sei unerläßlich, dieser Unterricht sei wie der in der Oberstufe der Mittelschulen zur Vertiefung des Geschichtsunterrichtes in wirtschaftlicher und politischer Beziehung und zu hebräischem Sprachunterricht zu benütze»; solang» Staat oder Land diese Forderung nicht bewilligen, müssen Privatkurse eingeführt werden. Notwendig sei auch die Beschaffung geeigneten Lehrermaterials durch materielle Sicherstellung des Religionslehrers. Bis hieher fielen die praktischen Vorschläge des Referenten nicht aus dem Rahmen des Elternabends heraus, von da ab zeigten sie mit immer unverhüllterer Tendenz, daß es Dr. Ziegler gut befinde, den Elternabend nur als Mittel zur Propaganda für ein anderes Steckenpferd zu benützen. Er fuhr nämlich fort, die. materielle Sicherstellung der Lehrer lasse sich nur durch die Kreisgemeinde und durch ein allgemeines Pensionsstatut erreichen, das alles sei nur zu schaffen im Wege einer Organisation sämtlicher Juden und das sei das ceterum censeo des Redners, die Organisation müsse geschaffen werden; einmal seien wir nahe daran gewesen, da Hab« aber die böse Orthodoxie, die sich überall gleich bleibe, in Galizien wie in Wien, in Ungarn wie in Deutschland, das Werk gestört, die Orthodoxie schütze die Gewissensfreiheit nur vor, tatsächlich handle es sich ihr um politische Ziele, denn die Gewissensfreiheit sei ihr im Zeit Stillstand deinem Gewerbe gebietet, auf daß du dadurch beurkundest; nur von Gott stammt dir Kraft und Recht zur Aneignung seiner Welt, nur von Ihm der Segen, und dadurch dich rüstest und weihest, seinen Segen als heiliges Gotteseigentum nur in Gottes Sinne zu verwalten; daß also dieses eine Siebentel Geist und Weihe den übrigen sechs Siebentel bringe; — weil sie noch ein Siebzehntel fordert, nicht zum" Weiterspinnen deines Lebens, sondern im Hinblick auf deine Jisroelbestimmung, und zur geistigen Erlösung derselben, und zur Prüfung deiner Erfüllung ini Leben und zur Wiedererhebung dazu; — Sohn meiner Zeit! errötest du nicht über solche Klage? Freilich! wenn du nur zu besitzen und zu genier, geboren dich achtest; wenn die Größe odWKleinheit deines Besitzes und Genusses dich groß macht oder klein; — wenn dir Alles Ziel, nicht Mittel ist; — fteilich, wenn du in deinem Gewerbe mehr tun zu können vermeintest als bloß, dem Landmanne gleich, die Saat streuen in die Erde, auf daß Gottes Segenssonne sie groß ziehe; wenn fteilich deine Kraft und die Macht deiner Hand das Gebäude deines Glücks bis zum Gipfel führt, nicht Gott, du — und du allein! und diesem, diesem Streben alles klebrige weichen muß; — fteilich dann —! Aber im Geiste des Judentums! wenn du ihn nur begreifst den Schabbos, wenn du nur siehst, wie dir mit ihm die Grundlage deines ganzen Berufs und zugleich schönste geistigste Erfüllung desselben dasteht: Zeuge zu sein, daß ein Gott ist, und nur Ein Gott ist, und der Mensch nur zu Seinem Dienste berufen! und gegenüber das ganze Wahnsiuniggräßliche des Gedankens ganz durchdenkest: „Erwerbes halber Schabbos zu entweihen!" „um mich zu ernähren, um den Segen meines Hauses zu vergrößern, und um mir die Mittel zu verschaffen, meine Pflichten gegen Gott zu erfüllen, — spreche ich es aus, daß es keinen Gott gebe, dessen sei die Welt und was sie füllt; spreche ich es aus, daß nicht von ihm stammt alles Leben und aller Segen zum Leben; spreche ich es aus, daß Besitz und Genuß mein Berus und nur Erfüllung meines Willen mein Ziel; — um mich körperlich zu nähren, — werde ich Leugner an Gott und Menschenberuf!" wie du das, und nichts weniger als das aussprichst in jeder Höhnung des Schabbos um Erwerbes willen; — wird nicht diese einzige Betrachtung dir senken die Hand, die du in Erwcrbesstreben am Schabbos gehoben? — Ja, wenn du nur einmal im Schabbosgeiste dein Leben betrachtest, — wenn du dich auch nur einmal also unter Gottes Auge begreifst, wie der Schabbos dich lehret, — wenn du dich auch nur einmal gottbelebtes Wesen, in durch und durch von Gott geleitetem Leben fühltest, fühltest dich Kind und Diener des Alleinen; fühltest dein ganzes Sein und Leben hangend am Munde des alleinen Vaters und Herrn, jedem Atemzug Seine Spende, jeder Kraft Seine Gabe, jeden Zug in deinem Leben Seine Fügung, — und du dich da begriffest mit deinem großen und kleinen Segen — Gottesdicner! und dein ganzes Leben Erfüllung solchen Rufs; — wirst du da noch begreifen deine jetzige Klage? (Fortsetzung folgt.)