Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 4 (7.2.1918)
- Date
- 1918-02-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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i; Organ des Vereines „Jeschurun“; ORGANISATION für die thoratreue Jugend Wiens Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: Jisetuirw“-Pr«&ktnitee,Wisg, I.. Salztorgasse 2. .' —. Jeschurun Nr. 4. — 1918. ■$? Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: Preßkomitee des Vereines «Jeschurun“ Wien, l., Salztorgasse 2. " . - - ■ ft Blütentraume zur Winterszeit. Und dräut der Winter noch so sehr Mit kräftigen Gebärden Und streut er Eis und Schnee umher Es muß doch einmal Frühling werden. All die Vielen und Allzuvielen, die noch unseres Stammes, aber nicht mehr unseres Sinnes sind, und fremden Brauch und Sitte ins eigene Heim verpflanzen, das „Fest der Bäume" mit ihren Kindern feiern, scheinen nicht zu ahnen oder nicht wissen zu wollen, daß auch wir Juden unser Fest der Bäume feiern. Allerdings ist es nicht der entwurzelte, abgestorbene, unfruchtbare Baum, der unser Zimmer am 15. Schemat ziert, sondern eine reiche Auslese von köstlichen Früchten, die an diesem Tage auf unserem Tische prangen, laden zum frohen Genuß ein. Ein Tachlisvolk wagt uns ein deutscher Gelehrter zu nennen, weil sein Urteil durch Vorurteil zum Fehlurteil wird und er unser Volk nach seinen abgefallenen Zweigen beurteilt, anstatt uns an unseren Früchten zu erkennen und zu messen! Dieser 15. Schewat ist in unserem Kalender grün angestrichen. Verweilen wir doch bei dieser Kalendernotiz, weil sie Gelegenheit zu einem Einblick in den Geist des Judentums bietet. Und jeder solche Einblick ist uns willkommen, denn an nichts leiden wir mehr als an dem Mangel einer richtigen und wahrhaften Erkenntnis unseres eigenen jüdischen Glaubens. Wie ladet das jüdische Gesetz zum ständigen Merken ans die Gesetze und Gänge der Natur und wie führet es immer aus der Natur Gottes in die menschliche Natur hinüber und lehret dort, die noch herrlicheren Blüten und Früchte eines freien, gottdurchdrungenen Menschenlebens entfalten. Wir feiern das Neujahr der Bäume, wenn auch das Leichentuch des Winters noch die Fluren bedeckt, weil lvir wissen, daß in den Bäumen still und leise, dem gedankenlosen Blick verschleiert, sich der neue Saft und die neue Kraft und der neue Trieb für die Blütezeit des heitergeschmückten Lenzes ankündigt, und weil der jüdische Geist und das jüdische Herz nicht früh genug und nicht oft genug mit lichten Frühlingsgedanken und mitbelebenden Frühlingsempfindungen getränkt werden soll. Sind ja Gedanken und Empfindungen die Geburtsstätten der einstigen Tat. Gilt doch das Wahrwort, daß der Mensch dem Baume gleich sich entwickle. Darum müssen wir dem Lenz und dem Menschensrühling unsere besondere Aufmerksamkeit weihen. Zwischen der Bedeutung dieses Tages für die Bäume und dem Berufe der Erziehung unserer Jugend muß ein Zusammenhang bestehen. Der Ernst des Lebens, die trockene Kost der Schulweisheit verdüstert das Gemüt der Jugend. Das schrecklichste Gespenst, das Kinder am meisten fürchten, ist die Langeweile. Sie ist nirgends heimischer, als in der sogenannten Religionsstunde. Das Grauen und der Widerwille vor ihr überträgt sich auf die Religion, die in ihr gelehrt wird, und die Unreligiosität ist fertig. Rabbiner Dr. Ehrmann sei hier wörtlich angeführt: „Unsere modemen Schulen verstehen sich vielleicht besser auf die Verteilung des Lesestoffes, auf die Aufrechterhaltung der Disziplin und auf manches andere, was den alten „Eheder" abging. Aber daß bei allen Mängeln aus letzteren mehr religiöse Menschen als aus unseren Religionsschulen hervorgingen, das wird kein Unbefangener in Abrede zu stellen wagen. Dieser betrübende Mißstand fließt gewiß aus vielen Quellen. Aber eine der wesentlichsten ist, daß es nur so schwer und so selten gelingt, die Bitte unserer Birchas Thora erfüllt zu sehen: „Laß doch angenehm sein die Worte deiner Thora in unserem Munde." Daß dieser Bitte so selten die Erfüllung folgt, liegt zum großen Teil gewiß darin, daß den Betenden das Verständnis dafür abgeht, wie ihre Erfüllung oder ihre Nichterfüllung über das Sein oder Schwinden der Thora in unseren Reihen entscheidet. Mit welcher Hingebung müßten wir heute jene Mittel hervorsuchen und anwenden, die dazu bestimmt sind, nicht nur die Lasten und Pflichten der Thora auf die schwachen Schultern unserer Jugend zu wälzen, sondern der stürmenden Jugend auch die Thora angenehm zu machen. Je eisiger die Kälte ist, die unseren jüdischen Anliegen entgegeugebracht wird, desto milder, stärker und nachhaltiger müßte der Sonnenstrahl sein, der sie bewältigen soll. Nur durch Liebe und Freude können wir den harten Winterfrost bewältigen, so gewiß es ist, daß nur der Sonnenstrahl den von Sturm und Frost heimgesuchten Bäumen am Chamischa Osor das neue Leben wieder gibt. Wenn wir unsere überbürdeten Kleinen entbürden und ihnen Erholung gönnen wollen, so geben wir ihnen — schulfrei und haben ihnen somit gesagt, so lange sie lernen müssen, seien sie geknechtet. Die wahre jüdische Anschauung lehrt: „Frei ist nur derjenige, welcher lernt." Sie verbietet am nationalen Trauerfasttag die Beschäftigung mit der Thora, „weil die Gesetze Gottes das Herz erfreuen". Und nicht nur beim Lernen, auch bei der Verwirklichung des Gelernten, darf dieser freudige Grundzug nicht fehlen. Je ernster die Zwecke und Ziele, um so weniger darf der edle Götterfunke Freude fehlen. Unserer ernsten, kalten Zeitrichtung tut diese Freude doppelt not. Der heraufziehende Strahl der verjüngenden Sonne ist im hohen Maße geeignet, dieses Bewußtsein zu wecken und auf seine Verwirklichung zu dringen, bis sich das Wort bewahrheitet, daß Israel neue Wurzeln und neue Blüten verheißt, die mit ihrem Ertrag die ganze Menschenwelt füllen. Die Wurzel unseres Wesens sauge die Kraft aus der alten Zeit, aber die Zweige mögen sich nach außen strecken. Eine harmonische Vereinigung von Frömmigkeit und Bildung im Schatten dieses unverwüstlichen „Baumes des Lebens" für alle diejenigen, die an ihm festhalten, und wer ihn erfaßt in unserem Sinne, darf selig gepriesen werden! Zeitsplitter. Wann werden unsere Religionslehrcr auch Religiositätslehrer? Die Jungen lassen weniger als die Alten vergessen. Der Ruhetag des Körpers sei auch ein Ruhetag des Geistes. Wir haben zu wenig Vorbeter und zu viele Nachbeter. Wir wollen keine aufgeklärte, sondern eine abgeklärte Jugend. Wichtiger als der Väterglaube ist der Kinderglaube. Nicht wie der Rabbiner spricht ist das Entscheidende, sondern was er zu sagen hat. Nicht die Gemeinde soll den Tempel erbauen, sondern der Tempel die Gemeinde. Weniger Vereine und mehr vereint wäre besser. Nicht Talmijuden, sondern Talmndjuden wollen wir. Glossator. Vereinsnachrichten. Nachruf. Samstag, den 12. v. M., leitete Frau Ernestine Bondi ihren Kurs mit einem tiefempfundenen Nachruf für Herrn Bernhard Schiff ein. Unter anderem führte sie auch aus, wie sehr der Dahingeschiedene sich für die Ziele und das Gedeihen unseres Vereines interessierte, und wie er insbesondere die Mädchenkurse für eine unbedingte Notwendigkeit gehalten hat. Haben sich doch auch seine beiden Töchter, Frau Rosa Wosner als Ehrendame und Fräulein Maloine Schiss als Mitglied des Arbeitsausschusses, in den Dienst dieser heiligen Sache gestellt, und gehören mit zu den eifrigsten Kursteilnehmerinnen. Spende«. (Fortsetzung.) Kais. Rat Adolf Wenger, X 100'—; Oskar Schrantek, K 10»'—; kais. Rat Markus Bondi, K 100'—; Heinrich Grünhut, K 50.—; Willi Falk, Breslau, K 50'—. (Forts, folgt.) IeuMekon. Aus den ig Briefen über das Judentum. Bon Samfo« Raphael Hirsch. Fünfzehnter Arief. Aber die Schwierigkeit der Erfüllung dieser Lehre in unserer Zeit, Beschränkung auf Reisen, im Verkehr mit Nichtjuden, im Gewerbe? — Geben wir einmal vorläufig alles zu, was die Söhne der Zeit von Schwierigkeiten und Beschwerden klagen; — des Lebens Ernst ernst genommen, Judentum als den Auftrag begriffen, den wir durchzutragen haben durch Zeitengang und Fährnis, Judentum als Lebensregel der Pflicht begriffen; — kann die Schwierigkeit, das Schwere einer Pflicht auch der Pflicht entheben? Sollte es uns nicht Erfüllung solcher Pflicht um so teurer machen? Aber sehen wir den Beschwerden näher ins Auge, ob sie nicht vielleicht ganz und gar schwinden im Geiste des Judentums. — Nehmen wir Ihr Letztes zuerst; Gewerbe! Sohn keiner Zeit! du könntest die Lehre nicht erfüllen, weil sie ein Siebentel deiner