Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1918-02-07 · 4 (7.2.1918) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
4 (7.2.1918)
Date
1918-02-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3495278-3495381-3495385--0535-3521215
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Jüdische Korrespondenz. wurde der Verlauf der Beratungen derart geschildert, daß von den Reden nur diejenigen Stellen angeführt wurden, die den Herren in der Zirknsgasse in den Kram Paßten, wodurch die ganze Sache in einem falschen Licht erscheinen mußte. Hernach kam auch ein' Resultat der Beratungen heraus, das keineswegs der Wirklichkeit entspricht und zu falschen Schlußfolgerungen Anlaß gab. Auf Grund der Karikatur, die in dem Organ der Zirknsgasse zur Darstellung gelangte, glaubten andere Blätter zu dem Resultate zu kommen, daß die Wiener Orthodoxie auf dem Wege ist, den Sprung ins zionistische Fahrwasser zu unternehmen. Die zionistischen Blätter in Prag, Berlin rc. sprechen bereits von der Nationalisierung der Orthodoxie. Das jüdische Tagblatt in Lublin, in welchem ein Herr Stupnicki eine Ablagestätte der Warschauer „Hasomir-Kultur" etablierte, ging noch weiter und sprach sogar von einer „Niederlage der Orthodoxie". So scheinen die Herren den Schneemann, den sie sich selbst errichtet haben, schließlich ernst zu nehmen. Zur Sache möge zunächst festgestellt werden, daß es geradezu grotesk anmutet, wenn die Herren Zionisten glauben, ein neues Amerika entdeckt zu haben, indem sie heraussanden, daß die Orthodoxie, die doch aus dem „Ata- Bechertanu"-Standpunkt steht, das nationale Moment nicht negiert, oder daß die glaubenstreue Judenschaft, für welche Palästina das Land der Sehnsucht und der Hoffnung ist, für „Jiscub-Erez-Jisroel" eintritt. Wenn die Herren Zionisten diesbezüglich im Unklaren waren, so spricht dies nur für ihre eigene geistige Beschränktheit. Die glaubenstreue Judenheit braucht in all diesen Dingen keine Lehrmeister. Wenn sic bisher etwas abseits stand, so geschah dies deswegen, weil sie es verschmäht, die heiligsten Ideale des Volkes zum demagogischen Schlagworte des Alltags zu machen. Darin unterscheidet sie sich von den Zionisten und sie ist nach wie vor entschlossen, diesen Unterschied recht deutlich zu markieren. Es ist somit vollständig verfehlt, auf Grund von gewissen Aeußerungen aus dem Lager der Orthodoxie die Schlußfolgerung zu ziehen, als sei auch da der Zionismus eingedrungen. Was speziell die Wiener Versammlung betrifft, so sei konstatiert, daß diese wohl für bestimmte, eingeladene Delegierte einberufen war, daß aber die konservativen Einberuser so demokratisch waren, auch einigen nichteingeladenen jungen Herren und Herrchen den Eintritt zu gestatten. Diese, vornehmlich zionistische Schreihälse, haben nun versucht, die ihnen gewährte Gastfreundschaft damit zu quittieren, daß sie die Redner durch Zwischenrufe unterbrachen. Sie wurden natürlich energisch zur Ruhe gewiesen und mußten sich bescheiden. Es ist daher höchst komisch, wenn der Bericht des Zionistenblattes die Sache so darstelleu will, als ob diese Zwischenrufe aus der Mitte der Delegierten gefallen seien und als ob diese mit dem Verlauf und dem Resultat der Versammlung nicht einverstanden ivären. Daß die Versammlung für den nächsten Tag vertagt werden mußte, geschah ebenfalls dadurch, daß man von zionistischer Seite versuchte, eine Resolution durchzudrücken, die den Delegierten nicht gepaßt hat. Die Resolution, die am nächsten Tage beschlossen wurde, entsprach auch ganz den Intentionen der Orthodoxie und alles andere ist müßiges Gerede oder pure Fälschung. Auch die Wahl der Kommission geschah im Einverständnisse aller eigentlichen Delegierten. Wenn einige Nichtdelegierte dabei einen Lärm veranstaltet haben, so kümmerte sich kein Mensch darum. Schließlich noch eine Bemerkung: Der Bericht des Zionistenblattes weiß auch von Löwenstein-Rufen zu berichten, die angeblich bei der Versammlung laut geworden sein sollten. Hiezu möge folgendes festgestellt werden: die Herren Stand und Genossen haben es sich in Galizien zur Richtschnur gestellt, den Namen Löwenstein als Popanz aufzuführen, um großen Kindern das Gruseln beizubringen. Jede Aktion, die ihnen nicht in den Kram paßte, würde als vom Abgeordneten Dr. Löwenstein, mit assimilatorischen Motiven, arrangiert erscheinen, um dieselbe zu diskreditieren. Inwieweit diese Taktik in Galizien den Herren Erfolg gebracht hat, möge dahingestellt bleiben. Wenn sie aber auch in Wien dasselbe „grobe Geschütz" aufsühren, so stellen sie sich damit nur ein geistiges Armutszeugnis ans. Mit dieser einen 'Waffe werden sie den Durchbruch der orthodoxen Front nicht erzwingen ... Indem wir dies alles zur Steuer der Wahrheit feststellen, fordern wir die Herren von der Zirknsgasse auf, in ihrem Blatte der Wahrheit die Ehre zu geben und die unrichtige Darstellung zu rektifizieren. Wenn sie Gewicht darauf legen, mit den Orthodoxen zusanimen zu gehen, wenn sie fortgesetzt „Meschuluchim" zur Leitung der „Aguda" delegieren, um diese zu einem Anschluß an die Kongreßbewegnng zu bewegen und derselben die weitgehendsten Konzessionen anbieten, dann sollte es der einfache Takt verbieten, hinterher dieselbe „Aguda" in einer solch gehässigen Weise zu überfallen. Auf diesem terroristischen Wege werden die Herren Stricker und Genossen weder Ehre, noch Erfolg einheimsen. (Anmerkung der Redaktion: Indem wir diese Zuschrift veröffentlichen, können wir nicht umhin, zu konstatieren, daß es eine große Naivität ist, anzunehmen, das Zionistenorgan werde sich bereit finden, seinen tendenziösen Bericht richtigzuslellen- In diesem Berichte sind auch unscrein Redakteur Worte in den Mund gelegt worden, die er nicht sprach. Derselbe bat der Redaktion eine Berichtigung zugeschickl; in der Zirkusgasse scheint man aber den Mut, die eigene Verlogenheit einzugesteheu, nicht aufgebracht zu haben und hat die Berichtigung nicht veröffentlicht. Wir haben uns darüber keiner Täuschung hingegeben, da uns die Taktik dieser Herren bekannt ist: es handelte sich uns bloß darum, die Probe aus das Exempel zu machen, und das ist erreicht. Bon einfacher Loyalität auch einem politischen Gegner gegenüber, wie es in der ganzen anständigen Presse üblich ist, scheint man in der Zirkusgasse nichts wissen zu wollen.» ______ Dr. Nathan Birnbaum zur palästinafrage. In der Wiener jüdischen Morgenzeitung erschien aus der Feder des bekannten Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher) ein, die Palästinafrage behandelnder Artikel, der in allen jüdischen Volksmassen starken Widerhall Dr. Birnbaum führt unter anderem Folgendes aus: „Einstimmig mit den bedeutendsten und hingebendsten Zionisten glaube ich nicht, daß beim Weltfrieden ein selbständiger jüdischer Staat entstehen wird; einstimmig mit ihnen glaube ich, daß das plötzliche Entstehen eines solchen Staates eine Last wäre, der die gegenwärtigen ökonomischen und politischen Fähigkeiten der Juden nicht gewachsen sind; einstimmig mit ihnen würde es zu meiner vollsten Zufriedenheit geschehen, wenn sich nur Palästina zur freien und garantierten Einwanderung öffnen würde, und wenn die Eingewandertrn eine ähnliche Autonomie, wie wir sie jetzt in allen Ländern verlangen, bekommen würden. Aber wie auch all die Hoffnungen, die man jetzt in der jüdischen Welt betreffs Palästina hegt, in Erfüllung gehen werden, allenfalls scheint mir die folgende Frage die wichtigste und brennendste unter allen Palästinafragen zu sein. Besitzen wir die Sicherheit, daß die ins „heilige" Land unserer Väter znrückkehrenden Volksmassen dort, aus dem Boden des durch Jahrtausende alte, glühende Sehnsucht „geheiligten" alten Heimatslandcs auch seinem Geiste und seiner originell typischen Eigenart entsprechend, „heilig" leben werden, oder besteht die Gefahr, daß das Land seinem Urgeiste und Charakter durch sie entfremdet, profaniert, „entheiligt" werden wird? Ich weiß, daß wir dort ein- oder besser ziveimal kein ganz lobenswertes jüdisches Volksleben führten, und sehe, daß wir uns nicht vorbereitcu, zum dritten Mal ein besseres zu führen. Ich sehe mit der Einführung des von jedem inneren religiösen Gehalt leeren europäischen Kulturgeistes, den erbittertsten Feind des wahren jüdischen Denkens und Lebens, das heilige Land bedrohen! Ein Schauer ersaßt mein Innerstes beim Gedanken, daß die heilige Stadt Jerusalem eine Vorstadt von London, New Pork oder Berlin werden könnte, fremd dem ureigenen jüdischen Volksleben und Denken, daß Jerusalem noch trauriger und beklagenswerter werden könnte, als es die Propheten gesehen, und . . . kein Prophet ist da! Der einzige Ausweg aus dem düsteren, bitteren Golus kann und soll dem jüdischen Volke nur das Denken, Fühlen und Leben im Geiste der alten jüdischen Thora und Uebcrlieferung sein. Dafür müßten geeignete Wege gesucht, Anschauungen neu geprägt werden. Nur die große schaffende Begeisterung, die Durchdringung mit innigem wahren unerschütterlichen Glauben an Gott und Thora können die Grundsteine unseres nationalen Volksbaues in Palästina sein!" Dr. Birnbaum schließt mit folgenden Worten: „Möge Gott dem jüdischen Volke seinen Beistand schenken, daß die neu belebende langersehnte Palästina-Rückkehr nicht im Fremdgeiste anderer Kulturen erfolge, das Land entweihe, ,entheilige' . . .!" Bibelwort und Naturwissenschaften. Referent läßt sich in anschaulicher Erklärung ans die Haeckelsche Deszendenztheorie ein, die jedoch durch dessen eigene Festlegungen nicht beweisfähig bleibt, und bespricht dann kurz die Theorien Darwins. Von großem Interesse sind die Tatbestände der geologischen Forschung: Die aufgefundenen Versteinerungen sprechen - gegen jede Entwicklungstheorie; sie liefern vielmehr eine Illustration zum Bibelwort. Nach der normalen Entwicklungslehre hätte nämlich die Natur nach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.