Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 3 (24.1.1918)
- Date
- 1918-01-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 3 Forderungen nichts hören, sic wollte sich vielmehr darauf beschränken, die Forderung hinsichtlich einer vollen und uneingeschränkten Gleichberechtigung der Juden in bürgerlichpolitischer Hinsicht in allen Ländern zu erheben. Eine dritte Gruppe weigerte sich wohl nicht, die Berechtigung der maximalistischen Forderungen anzuerkennen, meinte aber, daß man sich ans das Erreichbare beschränken soll und im Sinne des Gesetzes von dem kleineren Widerstande nur das zu fordern, was man ohne viel Widerstand erreichen konnte, das heißt, außer den allgemeinen bürgerlichen und politischen Rechten auch solche kultureller Natur und bezüglich Palästinas eine freie Einwanderung und eine freie wirtschaftliche Entwicklung. Wie bekannt sein dürfte, ist es in Amerika nach vielfachen, heftigen Kämpfen zu einem Kompromiß gekommen, das zunächst umgestoßen wurde, schließlich aber auf einer neuen Grundlage zustande kam, u. zw. nach der Richtung, daß >vohl die Forderungen der ersten Gruppe akzeptiert wurden, jedoch mit einigen stilistischen und sachlichen Milderungen, die der Sache eine gemäßigtere Form gegeben haben. Momentan kommt aber die amerikanische Aktion außer Betracht, da inzwischen dort der Beschluß gefaßt wurde, die Abhaltung des Kongresses zu vertagen und ein Zusammentritt desselben während des Krieges nicht sehr wahrscheinlich sei. — Auch in Rußland machten sich dieselben Strömungen geltend, dort trat auch eine ausgesprochen orthodoxe Richtung ans den Plan, die ihrerseits Forderungen religiöser Natur aufstellte. Auch in Rußland ist die Frage bis heute nicht völlig geklärt, — wobei vielleicht die Ereignisse der letzten Monate dazu beigetragen haben dürften, die Entscheidung aufzuschieben, da die gegenwärtigen Verhältnisse im Reiche kaum dazu angetan sind, die Sache des Kongresses zu fördern und die Klärung der Situation zu erleichtern. In letzter Zeit ist diese Frage auch in den Staaten der Mittelmächte auf die Tagesordnung gelangt. Auch da wird von nationaler Seite ein Kongreßplan lanziert, wobei die ausgesprochene Gegnerschaft seitens der Assimilanten und Sozialisten Iveniger in die Erscheinung tritt, da die Sache bis nun streng „vertraulich" betrieben wird, wobei man das Geheimnis als die Bürgschaft des Erfolges ansieht. Anderseits ist die Orthod oxie auf den Plan getreten, die ihrerseits sowohl hinsichtlich Palästinas, als auch hinsichtlich der Stellung der Inden in den Ländern der Diaspora mit einem eigenen Programm auftritt. Bezüglich Palästinas wird die freie Kolonisation und die freie wirtschöstliche Entwickelung im religiösen Sinne gefordert, wobei die Erhaltung der türkischen Oberherrschaft unter allen Umständen als wünschenswert erklärt wird, ohne Rücksicht auf die weitgehenden Versprechungen seitens der Entente. Bezüglich der Stellung der Inden in denLändern der Diaspora wirddieAusdehnungund Ausgestaltung der Rechte der jüdischen Konfession in dem Ausmaße gefordert, daß sämtliche geistigen und wirtschaftlichen Interessen und Bedürfnisse der Inden in diesem Rahmen ihre Befriedigung finden sollten. Das nationale Moment wird hiebei keineswegs negiert, aber auch nicht in den Vordergrund gerückt. Will man sich fragen, welcher Standpunkt eigentlich gerechtfertigt sei und welches Programm die weiteste Unterstützung verdient, so muß man sich zunächst vor Augen halten, daß kein guter Jude das jüdisch-nationale Moment negieren, und daß kein guter Jude sich hinsichtlich Palästinas gleichgültig verhalten darf. Die Zionisten und Nationalisten, die diesbezüglich mit großem Pomp auftreten, mögen es sich gesagt sein lassen, daß weder der jüdische Nationalismus noch Palästina ein Monopol irgend einer jüdischen Partei bilden können, und am wenigsten ist dies gegenüber der Orthodoxie der Fall. Wenn diese daher mit einem gemäßigteren Programm anfzutreten wünscht, so geschieht dies keineswegs aus dem Grunde, weil sie die Juden nicht als Nation betrachtet oder das Recht derselben auf Palästina in der weitesten Form leugnet. Unsere Religion kennt das Judentum nur als Volk, und die Erlösung aus dem Golus und die Rückkehr nach dem Lande unserer Väter ist das höchste Ideal jedes glaubenstrenen Juden. Jeder diesbezügliche Vorwurf der Orthodoxie gegenüber ist somit nichts als Demagogie, dazu bestimmt, auf die weniger erfahrenen Kreise zu wirken. Gründe taktischer Natur sind es bloß, die die Orthodoxie zu einer gemäßigten Formulierung ihres Programmes veranlassen und noch dazu die tiefste und aufrichtigste U eb erzen gung, im Rahmen dieses Programmes all das erreichen zu können, was dem Judentume nottut, ohne Widerstände zu erregen, die alles in Frage stellen könnten, Nehmen wir beispielsweise das nationale Moment. Wer den Standpunkt vertritt, die Anerkennung als besondere Nation sei für die Juden so bedeutungsvoll, daß sie bereit sein müssen, selbst eine eventuelle Erschwerung ihrer Lage in den Ländern der Diaspora in den Kauf zu nehmen, — mit dem ließe sich wenig rechten. Jedes Volk ist bereit, für seine Ideale zu bluten und zu leiden, und man braucht hiefür kein klassischeres Beispiel, als die Juden selbst, die ob ihrer Religion länger als ein Jahrtausend hindurch alle nur möglichen Verfolgungen und Drangsalierungen, Inquisition, Autv-da-fe, Vertreibungen und Hinschlachtungen erduldet haben, ohne von ihrem Heiligtum«; abzulassen. Etwas ganz anderes aber ist es, wenn das nationale Schlagwort vielfach damit begründet wird, daß dadurch die allgemeine Lage der Juden sich günstiger gestalten dürfte. Da muß man ein großes Fragezeichen stellen, da die Sache nicht so einfach ist. Zunächst kommt da ein Entweder-oder in Betracht: Entweder glaubt man, daß die Gerechtigkeit im Leben der Völker zum Durchbruch gelangen wird, dann wird es ohnehin besser werden, — oder aber hält man an der Behauptung fest, daß die nichtjüdische Umgebung den Juden auch weiterhin unfreundlich gegenüberstehen wird, dann wird die Anerkennung als besondere Nation nicht nur nichts helfen, sondern im Gegenteil, zu dem bisherigen Antagonismus religiöser und wirtschaftlicher Natur könnte noch ein solcher nationaler Färbung hinzukommen und die Spannung verschärfen. Auch die Meinung, daß die Juden im Osten dann eher imstande sein werden, sich ihrer Haut zu wehren, ist irrig. Nach außenhin werden sie weiter in politischer und wirtschaftlicher Beziehung auf ein Zusammenleben mit der Umgebung angewiesen sein, den Behörden unterliegen und wenn es wahr ist, daß diese den Juden wenig grün sind, so wird dies später noch weniger der Fall sein. Die wenigen jüdischen Vertreter, die gewählt werden dürften, könnten kaum imstande sein, etwas auszurichten, und dies ist durch vielfache Beispiele wiederholt erwiesen worden. Wie bereits ausdrücklich erwähnt, handelt es sich mit diesen Zeilen nicht darum, das nationale Moment als solches zu negieren. Im Gegenteil, ausdrücklich sei anerkannt, daß die Juden im Osten, wo sie in Massen wohnen, ihre Eigenart voll und ganz bewahrt haben und das Recht auf ein nationales Leben besitzen. Es darf aber keineswegs gesagt werden, daß damit die Lage derselben in politischer und wirtschaftlicher Beziehung gebessert sein wird, da — ohne das Gespenst an die Wand zu malen — auch das Gegenteil eintreten kann und man deswegen die Sache nicht unter dem Eindruck von Schlagworten erledigen darf. Hingegen kann ruhig gesagt werden, daß die Forderung der Orthodoxie hinsichtlich einer Ausdehnung der Rechte der jüdischen Religion sehr viele Vorteile bringen dürfte, ohne Widerstünde zu erregen oder eine Verschärfung des Antagonismus zwischen Juden und Nichtjuden hervorzurufen. Eine ganze Reihejüdischer Forderungen, z. B. hinsichtlich der Sonntagsruhe, der Jahrmärkte an Samstagen und Feiertagen, der Tätigkeit der politischen und Justizbehörden an Samstagen undFeiertagen re., kann im Rahmen der Ausdehnung der Rechte der jüdischen Konfession ihre vollste Erfüllung erlangen. Dasselbe gilt auch hinsichtlich der Forderungen geistiger Natur. Das öffentliche Schulwesen für die jüdische Jugend kann dann ganz den Juden überlassen werden, die einen eigenen Schulrat bilden, eigene Lehranstalten errichten und eigene Lehrer anstellen, wie auch eigene Lehrbücher und Lehrpläne haben könnten. Dasselbe läßt sich hinsichtlich der jüdischen Staatsangestellten, der sozialen Gesetzgebung, insofern sie jüdische Interessen berührt, re. sagen. Auch die hebräische Sprache, die für die Orthodoxie heilig ist, kann da zu ihrem vollen Rechte kommen. Mit einem Worte: es läßt sich auf diesem Wege vieles erreichen, ohne Widerstände zu erregen und ohne das Ganze in Frage zu stellen. Die Orthodoxie, die mit diesen Forderungen auftreten will, kann somit den Vorwurf der Aengstlichkeit ruhig auf sich sitzen lassen; in der Selbstbeschränkung erkennt man den Meister. Wobei noch ein zweites Moment in Betracht kommt, daß die Orthodoxie keineswegs geneigt sein kann, den sogenannten Nationalisten, für welche nach ihrer eigenen Erklärung „die Religion Privatsache sei", einen entscheidenden Einfluß aus das inner-jüdische Leben zu lassen. Für die Orthodoxie ist das religiöse Moment zumindest so wichtig wie das nationale, und sie hat keineswegs die Lust, diesbezüglich Konzessionen zu machen. Sie will nach wie vor vom Schulchan-Aruch kein Jota opfern und ist entschlossen, dafür mit aller Kraft einzutreten. Dasselbeläßt sich hinsichtlich der Stellung der Orthodoxie zurPalä-