Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 2 (10.1.1918)
- Date
- 1918-01-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ des Vereines „Jesoburun“ OtUi'ANlSA'J'fOiV für die Iboratreue Jugend Wiens. Alls Zuschriften und Anfragen sind „rtsttarim^Frettioraltee, Wien, I., Silztergasse Z. Jeschurun Nr. 2. — 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS PreÜkomitee des Vereines „Jeschurun* Offener Brief an den „Jeschurun". In Worten voll innerer Kraft verkündeten Sie in Ihrer ersten Nummer — es ist das erste Mal, daß eine gesetzestrene Körperschaft Wiens in einem eigenen Organe sich an die Oeffentlichkeit wendet — Ihr Programm. Worte waren es, die die Kraft besaßen, neue Hoffnung in die Herzen derjenigen zu zaubern, die um die Entwicklung einer thoratreuen Jugend in Wien bangten. Mage Ihren Bestrebungen jener Erfolg gegönnt sein, den wir alle im Interesse unseres glaubenstreuen Judentums erwünschen. Frühzeitig nehmen unsere Kleinen das Bewußtsein,' Jehudim zu sein, in sich auf und üben, dem Beispiele des Elternhauses folgend, mit kindlich froher Begeisterung jene Mizwaus, die unsere Tauroh schon auf ihre schwachen Schultern legt. Doch die Notwendigkeit, in der Welt draußen seinen Mann zu stellen, führt unsere Jugend in die öffentlichen Schulen, damit sie dort Wissen erlange und mit dem Wissen die Macht, mitkämpfen und siegen zu können im unaufhörlichen Kampfe des Lebens, und auch mitbauen zu können an jenem Werke, das durch Förderung des Menschenwohles stets Gott verherrlicht. Doch nicht wahre. Erkenntnis ist es, die sie aus den Quellen der Wissenschaft schöpft; sie berauscht sich an den Halbheiten moderner Götzen, die sich in das scheinheilige Gewand der über alles erhobenen Forschung hüllen, und kehrt den Heiligtümern ihrer Ahnen den Rücken. Die einst so Gottvertrauten sind abgeirrt vom Pfade der Väter, denn es fand sich niemand, der die Schwankenden unsere Straße geleitet hätte und ihnen Wegweiser zu unserem Ziele gewesen wäre. Wohl wird auch hier in der Großstadt für die Befriedigung unserer sogenannten täglichen religiösen Bedürfnisse gesorgt; wir haben die Möglichkeit, uns mit rituellen Lebensmitteln zu versehen — doch der Geist hungert. Vergebens lassen wir den Josefsruf erschallen: „ess achai onauchi mewakesch“; die Wenigen, die in dem allgemeinen Zerstören und Niederreißen den klaren Blick in die Zukunft behielten, finden keine Gleichgesinnten, stehen vereinsamt da und können ihre Kraft nicht in den Dienst ihres Judentums stellen. Es ist aufs wärmste zu begrüßen, daß der Jeschurun hier seine.Aufgabe beginnen sieht. Er soll das wahre Licht unseres Judentumes in seinen schönsten Strahlen unserer Jugend leuchten lassen und mit echt jüdischem Geist ihren Geist beleben. Indischer Geist wird dann in ihrem Fühlen und Denken leben und schließlich in ihren Taten wohnen. Die Geschichte liebt bekanntlich Wiederholungen und auch die tausendjährige Geschichte unseres Volkes läßt nach Tiefstand Ausstieg kommen und dem Niedersinken unserer Ideale folgt die Rückkehr zu den ewigen Wahrheiten unseres Glaubens. Soll nun das Gebäude unseres jüdischen Volkes von Neuem zu herrlicher Pracht erbaut werden, müssen »vir fest den Grundstein fügen und die granit'ne Basis legen, indem wir das Familienband der Kinder enger knüpfen. Mit der Lust des Vaterhauses die sie atnien, soll neubelebender Geist in sie dringen, der sie die Ideale unserer Tauroh auch in ferner Zukunft, mitten im Leben stehend, Hochhalten lehrt. Nicht darf es genügen, daß wir unsere Gotteshäuser mit äußerer Pracht schmücken, wenn ivir nicht dafür sorgen, daß eine bewährte jüdische Gemeinde sie fülle. Morsch ist dieser Ban, sofern ihm nicht eine glaubensstarke Jugend als Träger dient. Es darf uns nicht genügen, daß unsere Alten noch religiöse Juden — ihre Söhne es jedoch kaum mehr sind, denn in der Hand der letzteren liegt unser künftiges Geschick. Der Jugend gehört die Zukunft, doch muß sie sich dieselbe erst schaffen. Wie es um unsere Jugend bestellt ist, beleuchtet in treffender Weise eine Reminiszenz, die uns Samson Raphael Hirsch, der Begründer der deutschen Orthodoxie, erzählt. — Er kam einmal an einer Schule vorbei, als eben eine Schar fröhlicher Knaben herausströime und jauchzend rief: „Heute haben wir keine Religion.“ Einen Augenblick hielt er stille und weiterschreitend schüttelte er bedenklich seinen Kopf. Hatten wir d e n n g e st e r n eine Religion — und werden unsere Kinder morgen eine Religion haben? Wir sehen also die Aufgaben, die ihrer Erfüllung harren, klar vorgezeichuet und unser aller Pflicht ist es, unsere beste Kraft dem Jeschurun zu weihen. Schlagen alle unsere Herzen für dieses Ideal und regen wir unsere Hände für diese Sache, dann sind wir unserer Pflicht gerecht worden — und die Früchte werden nicht ausbleiben. Ein Jcschurunfreund. mx im Lichte der Alten. (Was jene wollten und wir erstreben.) Wahrlich, jener Mann verdient, stets rühmlich erwähnt zu werden, sein Name ist Josua, Sohn Gamlas; wäre er nicht gewesen, so würde das Studium unter uns in Vergessenheit geraten sein. Früher nämlich hielt man sich an das Bibelwort: „Ihr sollet sic eueren Kindern lehren." Aber da lvnchsen Kinder, die keinen Vater hatten, der sie lehren konnte, ohne Unterricht auf. Da gründete man endlich Schulen in Jerusalem; später auch vereinzelte Schulen in den Provinzen. Josua Sohn Galams aber veranstaltete die Einrichtung von Schulen und die Anstellung von Lehrern an allen Orten. Talmud Babli, Baba bathra. Rabbi Jose beit Kisina erzählte: Einst begegnete mir auf der Straße ein Mann. Nachdem wir uns begrüßt hatten, fragte er mich, woher ich sei. Ich antwortete: „Aus einer großen Lladt, in der sehr viele Gelehrte und Weise wohnen." Hieraus sagte er: „Rabbi, möchtest du doch in meinen £rt ziehen; ich würde meinen große» Reichtum gerne mit dir teilen." Ich aber antwortete: „lind wenn du mir alle Schätze der Welt bieten würdest, möchte ich doch nur an einem Ort des Studiums und der Gelehrsamkeit wohnen. Auch der Psalmist spricht: Besser ist mir die Lehre deines Mundes, als Tausende Silbers und Goldes." Pirke Aboth. Wer in der Jugend lernt, wem gleicht der? Einer Schrift aus neuem Papier. Und wem, wer im Alter lernt? Einer Schrift ans vergilbtem Papier. Pirke Aboth. vereinsnachrichten. Mädchenkurse, 'Nach Ucberwindung der Heizungsichmierigkeileit werden alle Kurie 'wieder in der Talmud Thora, II., Malzgasse 16, im geheizten Turnsaale abgehalten. Vorstandsfiyuiig. In der am 5. d M. abgehalienen Vorstandsjitzung wurde beschlossen, aus Grund des 8 8 c der Vereinsstatuleii jährlich 4 Stipendien ü K 50 — an .obrer der Jeschurun kurse zur Verteilung zu bringen. Spendenliste. Josef Weißkopf. X 5000-—; Jakob Neurath, K 200<r—; S. Ehrenfeld, Kl •500* -; Jaques UQmarnt, X 1000 —; Eduard Deutsch. K 1000*—; Ernst A. Engelsrath, X 500 —; Tawid Bifchofswerder, K200-—; Mar Hosbaner, X 20o —. (Fortsetzung wegen Raummangel in den nächsten Nummern) IeuMeLon. Aus den J9 Briefen über das Judentum. Von Samson Raphael Hirsch. Mvfzehnter Ariel. <F°r.,-tzu-g> Natürlich mußten Sie Ihr Judentum im Widerspruch finden mit Ihrem Begriffe von Menschenbestimmung, den das Judentum nicht -anerkennt, gegen dessen niedere Potenzen, -Genußsucht und Besitzvergötterung, geradezu «s ankämpft, — Potenzen, deren Natur die Höheren wohl vergeistigen, doch nicht ablegen. Jener Begriff ward gesunden in Betrachtung der Welt ohne wirkenden Gott, und Gottes ohne ihm dienende Welt. Judentum kennt Anderes und Höheres, dort das Höchste selbst nur als Mittel setzend zu seinem höheren Zweck. Das nationale Unglück wird Ihnen nun einerseits motiviert durch nationale Verirrungen dastehen; Verirrungen, durch die Jisroel keineswegs unter die übrigen Völker sinkt. Denn das Volk Jisroel hat keine Sünde begangen, die nicht auch von allen übrigen Völkern der Erde begangen tväre. Aber daß bei ihm allein Zerrüttung äußeren Staatenglückes auf diese Verirrungen unmittelbar folgen muhte, das selbst ist mit Teil seines Bestimmungsplaues. Andererseits erscheint Ihnen jetzt diese Beraubung im Aeußeren selber mit Plan seines Gott offenbarenden Geschickes; dabei ja nicht störend seinen Berus, nicht schmälernd seine Größe, da andere Größe erkannt und in dieser Zerstreuung selber ein eigenes Feld seiner Berufserfüllung geöffnet. Und diese Lehre Hemmschuh aller Lebensfreuden, versagend alle Genüsse? Gehen Sie durch, diese Lehre, welchen natürlichen Genuß sie ausmerzen will, von welchem natürlichen Trieb sie Ertötung verlangt? Welchen natür-