Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 2 (10.1.1918)
- Date
- 1918-01-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 2 ihr Heim gebracht und zur Auswanderung gezwungen. Die Schädigung der Abgebrannten ist doppelt groß, da die Zahlungen nicht in barem, sondern in griechischen Schatzbons erfolgen sollen. Die ganze Aktion richtet sich gegen die Inden, die zumeist spaniolischen Ursprunges sind, >veil sie in Saloniki im wesentlichen die Träger der gegen Veniselos gerichtete» königstreuen Politik sind. Die Bemerkung Veniselos' zu Sir Stuart Samuel: „Ich kann erklären, daß es für Saloniki ein Unglück wäre, wenn die Inden ansivandern sollten, da es dadurch jene Kräfte verlieren würde, die es zur Blüte gebracht haben", ivird als eine bewußte Unwahrhastigkeit in jüdischen Kreisen empfunden. Die Verzweiflung und Not unter den Inden in Saloniki ist entsetzlich. Weit über 2000 Familien sind gezwungen, seit Monaten im Felde zu wohnen, annähernd 1000 Familien wohnen in Pferdeställen. Die natürliche Folge sind epidennsche Krankheiten und Hungersnot. Was bisher gesammelt wurde, hat kaum für die erste Hilfe ausgereicht. An de» Wiederaufbau kann wegen des famose» Expropriationsprojektes natürlich nicht gedacht werden. Rundschau. (Rumänische Juden in Galizien.) Aus Lemberg wird geineldet: Mehrere Tausend rumänischer Juden, die seinerzeit nach Rußland evakuiert wurden, sind jetzt in Galizien eingelangt, nachdem die Russen ihnen die Front geöffnet haben und auch österreichischerseits der Durchzug gestattet wurde. Das hiesige jüdische Rettungskomitee hat sich an den Abg. Reizes mit dem Ersuchen gewendet, bei der Regierung zu intervenieren, daß diese Juden nicht in Barackenlagern untergebracht werden, sondern die Erlaubnis erhalten sollten, in ihre Heimat, insoferne diese sich in den besetzten Gebieten Rumäniens befindet, zurückzukehrcn. (Das deutsche Auswärtige Amt über die zionistischen Bestrebungen in Palästina.) Aus Berlin wird gemeldet: Der stellvertretende Staatssekretär des Ausivärtigen Amtes Freiherr von dem Bussche hat Professor Dr. Marburg und Dr. Hantke vom zionistischen Aktionskomitee sowie Professor Dr. Oppenheimer, Dr. Friedemann und Professor Dr. Sobernheim vom Komitee für den Osten empfangen und ihnen folgendes erklärt: Wir würdigen die auf die Entwicklung ihrer Kultur und Eigenart gerichteten Wünsche der jüdischen Minderheiten in den Ländern, in denen sie ein stark entwickeltes Eigenleben haben, bringen ihnen volles Verständnis entgegen und sind zu wohlwollender Unterstützung ihrer diesbezüglichen Bestrebungen bereit. Hinsichtlich der vom Judentum, insbesondere von den Zionisten, verfolgten Bestrebungen in Palästina begrüßen wir daher die Erklärungen, die Großwesir Talaat-Pascha kürzlich abgegeben hat, insbesondere die Absicht der kaiserlich osmanischen Regierung, gemäß ihrer den Juden stets bewiesenen freundlichen Haltung die aufblühende jüdische Siedlung in Palästina durch Gewährung freier Einwanderung und Niederlassung in den Grenzen der Aufnahmsfähigkeit des Landes, örtlicher Selbstverwaltung entsprechend den Landesgesetzen und freier Entwicklung ihrer kulturellen Eigenart zu fordern. (Der Großwesir über Palästina.) In einem Gespräch mit einem Zeitungskorrespondenten äußerte sich der Großwesir u. a. wie folgt: „Es gibt noch eine andere Angelegenheit, die mir sehr am Herzen liegt und hinsichtlich derer die Oeffentlichkeit vielfach irregeführt wurde. Das ist das Verhältnis der Türkei zu den Juden. Ich lege das größte Gewicht darauf, auch auf deutschem Boden zu betonen, daß die Stellungnahme der türkischen Regierung immer gegen die jüdischen Untertanen vom wärmsten Wohlwollen getragen war. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß unter allen nichtmohammedanischeu Elementen der Türkei die Inden die wärmste Vaterlandsliebe und die zuverlässigste Hingabe an den osmanischen Staatsgedanken bewiesen haben, und in der Türkei stehen den Inden alle Wege zu den Staatsämtern offen. Wir werden uns nie ein Mißtrauen gegen die Juden einimpfen lassen. Auch für die jüdische Bevölkerung Palästinas haben wir unser möglichstes getan. Wir haben den unerschütterlichen Glauben, daß ganz Palästina, auch die heute durch die Engländer besetzten Gebiete, der türkischen Oberhoheit verbleiben wird. Selbst der Papst wird eines Tages zur Einsicht kommen müssen, daß auch vom Standpunkt der christlichen Interessen die Souveränität einer neutralen andersgläubigen Macht das Günstigste ist. Die Reibungen unter den christlichen Sekten würden sonst zu den größten Unzukömmlichkeiten führen. Sobald aber Jerusalem wieder der Türkei gehören wird, wird diese die Frage der jüdischen Bevölkerung im ganzen türkischen Reiche in der Weise regeln, die sicherlich allen ihren Wünschen entsprechen wird." (Die Judenfrage außer Betracht.) Der Obmann des deutschen Volksrates für Böhmen Dr. Titta sendet der „Parlaments- Korr." in Angelegenheit der Bildung der „Deutschen Gemeinschaft" einen Ausruf, in dem es u. a. heißt: „Da es sich um eine Zusammenfassung aller Wähler handelt, keine Partei aber einer anderen vorschreiben kann, tuen sie als Mitglied aufnehmen darf, kommt in diesem Falle die Jndenfrage überhaupt nicht in Betracht, was von führenden deutschradikalen Persönlichkeiten für richtig befunden und selbst non ganz links stehenden Politikern gut geheißen wurde, und da es sich bei der Schaffung der „Deutschen Gemeinschaft" nur um „Burgfrieden und Zusammenschluß" und in weiterer Folge um die Stärkung der Stellung des Verbandes der deutschen Abgeordneten und Herrenhausmitglieder handelt — zu dem es doch notwendigerweise kommen muß — haben auch jene, die auf die Demokratisierung cingeschworen sind, also auch die deutschen Sozialdemokraten, Gelegenheit, mit den übrigen Deutschen gemeinsam zu arbeiten. Die „Deutsche Gemeinschaft" soll nicht für, noch gegen eine der bestehenden Parteien gegründet werden." (Selbstschutz-Organisation der Juden in Rußland.) Die Antisemiten Rußlands haben den Bürgerkrieg naturgemäß nicht ungenützt vorübergehen lassen können und haben tu den Städten, wo sie daran nicht gehindert wurden, regelrechte Pogrome nach altbewährtem zaristischen Rezept mit Mord, Raub, Plünderung usw. veranstaltet. In einzelnen Städten stießen sie jedoch auf energischen Widerstand, denn die heimgekehrten jüdischen Soldaten im Vereine mit Freiwilligen organisierten einen kräftigen Selbstschutz, der eine Ausdehnung der Pogromhetze im Keime erstickte oder sie rechteckig eindämmtc. In Petersburg organisierte sich ein „Stab des jüdischen Selbstschutzes", der einen Aufruf an sämtliche jüdische Soldaten erließ, in dem u. a. ausgeführt wird: „Durch den neuen politischen Konflikt wurden die Aufmerksamkeit und die Kraft beider gegeneinander kämpfenden Parteien von jenen finsteren Mächten abgelenkt, welche die gegenwärtige verworrene Situation für ihre gegenrevolntionären und antisemitischen Ziele ausnützen wollen. Die Pogromstimmung wächst zusehends und jeder Tag kann dem russischem Judentum neue Leiden bringen. Wir dürfen-nicht länger zuwarten, wir sind gezwungen, einen eigenen Schutz, einen Selbstschutz, zu organisiere». Der „Stab des jüdischen Selbstschutzes" ist eine nichtpolitische Organisation und hat die einzige Aufgabe, gegen die Entstehung von Pogromen zu kämpfen, uns gegen Pogrome kämpfend zu schützen." Die Selbstschutz-Organisationen mehren sich täglich und haben in einzelnen Städten, wo sie besonders geschickt funktionieren, auch die gewünschten Resultate gezeitigt. (Amerikanisch - jüdisches Hilfskomitee in Holland.) Mit Zustimmung des Staatsdepartements hat nun das Hilfskomitee eine zweigliedrige Kommission — die Herren Dr. Boris Bogen und Max Senior — nach Holland geschickt, welche dort ein Bureau eröffnen, um die zu erhaltenden Hilfsgelder den weiteren Bestimmungen zuzuführen. Die Kommission wird zusammen mit dem Komitee der holländischen Juden in Amsterdam unter dem Vorsitz des Salomon Vanierop die Verteilung der erhofften 10 Millionen Dollar überwachen. (Borochow.) Einer der bedeutendsten Führer der Poale Zion ist in Kiew im Alter von 35 Jahren gestorben. Er war einer der ersten Theoreckker des sozialistischen Zionismus und Unbedingter in der Palüstinafrage. Seine Agitation war es hauptsächlich, die aus dem Kongreß das Ugandaprojekt zerschellen ließ. Von Brüssel, wohin er 1907 aus der Haft als Anhänger der Revolution entflohen war. kam er 1911 nach Wien. Der ausbrechende Krieg veranlaßte ihn, nach Amerika auszuwandern, wo er die jüdische Tageszeitung „Die Wahrheit" redigierte und das Blatt der dortigen Poale Zion „Der jüdische Kämpfer" herausgab. Im Sommer 1917 kehrte er nach Rußland zurück und war dann Mitglied der Poale-Zionisten-Vertretung in Stockholm. Er vertrat seine Partei auf dem durch die Rada einberufenen Nationalitätenkongreß in Kiew und war Kandidat für die Konstituante. (Jerusalem und die englische Kunsträuberei.) Die Warschauer Zeitung, „Das jüdische Wort", richtete einen Aufruf an die englischen Juden, ihren Einfluß auf die englische Regierung dahin geltend zu machen, daß nach der Einnahme Jerusalems die Engländer sich jeder Schändung des jüdischen Nationalheiligtums enthalten mögen. Die türkische Regierung war so großmütig, die heilige Stadt kampflos aufzugeben, um sie (Fortsetzung auf Seite 8.)