Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 2 (10.1.1918)
- Date
- 1918-01-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr, 2 Jüdische Korrespondenz. Seile 3 große Wort führen, obwohl die Orthodoxie dortselbst die überwiegende Majorität bildet. Von den Kultuspräsidenten und ihren Kollegen, die im Vorstande des Verbandes sitzen dürften, ist natürlich sehr wenig in religiöser Hinsicht zu erwarten und den Bock will sich wohl niemand als geeigneten Gärtner denken. Den Vorstandsmitgliedern aus dem Rabbinerkreise bleibt cs somit Vorbehalten, die Wächter der religiösen Sache zu sein. Wie ist es nun mit der Vertretung der Rabbiner bestellt? Im Sinne des Artikels 9 der Statuten sollen in den Vorstand delegiert werden: aus Krakau und Lemberg je 1 orthodoxer und je 1 fortschrittlicher Rabbiner, aus den anderen größeren Städten, die ein eigenes L-tatut besitzen, wählen die Rabbiner 2 Mitglieder, endlich alle anderen Rabbiner der übrigen Städte, wenn 30 solcher Städte dem Verbände beigetrete!! sind, wählen ans ihrer Mitte einen Delegierten, Im besten Falle also dürfte die rabbinische Vertretung im Vorstände ans 5 Orthodoxen und 2 Fortschrittlern bestehen, was angesichts der minimalen Zahl der Fortschrittler im Lande absolut in keinem Proportionellen Verhältnisse steht. Aber dieser Zustand dürfte sich noch zum Ungunsteil der Orthodoxen verändern, da kaum anzunehmen ist, daß sich gar bald 30 Kleingemeinden finden werden, die dem Verbände beitreten. Es dürsten somit den vier orthodoxen Rabbinern ztvei Fortschrittler gegenüberstehen, wodurch das Proportionelle Verhältnis noch weniger dem wirklichen -Stand der Dinge konform anssallen dürfte. Dabei darf man nicht vergessen, daß es eigentlich in Galizien bloß zwei Fortschrittsrabbiner gibt, in Lemberg und Krakau (dieser letztere ist übrigens bloß Prediger des privaten Tempelvereines und kann unmöglich als Rabbiner von Krakau gelten), — wogegen einige Hundert orthodoxe Rabbiner im Lande vorhanden sind. Es hat somit keinen Sinn, das Fortschrittsrabbinertum in seiner vollen Stärke in den Vorstand des Verbandes zu delegieren, wogegen die orthodoren Rabbiner mit einem verschwindenden prozentualen Bruchteile ihrer Zahl sich begnügen müßten. Die Herren Fortschrittsrabbiner mögen ja ihre Ausgaben haben und solchen gerecht werden, — zur Entscheidung über religiöse Angelegenheiten können und dürfen sie keineswegs berufen sein. Wie aus Krakau berichtet wird, soll es bei einer Kultusvorstandssitzung, welcher die Genehmigung dieses Statuts vorgeschlagen war, zu heftigen Protesten von orthodoxer Seite gekommen sein. Die „Majorität" akzeptierte wohl das Statut, allein gerade dies beweist, wie vorsichtig man in derlei Dingen sein muß. Die jüdische Gemeinde in Krakau besteht zu 90 Prozent aus Orthodoxen, im Kultusrat führen dennoch die wenigen Fortschrittler das große Wort und setzen ihren Willen durch. Man kann sich leicht vorstellen, welche Beschlüsse der Verbandsvorstand in religiöser Beziehung fassen wird, wenn derselbe die im Statute geplante Zusammensetzung haben sollte. Von orthodoxer Seite muß und dürste alles getan werden, um hier Remedur zu schaffen. Die sonst wünschenswerte Organisation der Kultusgemeinden in Galizien darf mit derartigen Dingen nicht belastet werden. Zur Demographie des Judentums. Bon Sanitäisrat Dr, Hanauer, Irantfurt a, M, Im Kriege haben die Mischebe» bedeutend zugenommen, und nach dem Kriege wird dies in noch erhöhtem Maße der Fall sein, denn die Möglichkeit, sich zu verheiraten, wird bei dem Männcrmangel und den erschwerten Existenzbedingungen für die jüdischen Mädchen geringer werden, und soziale und wirtschaftliche Momente haben bei dem Eingehen einer Mischehe immer eine beträchtliche Rolle gespielt. Daß Mischehen sich durch Kinderlosigkeit oder Kinderarmut auszcichnen, ist der Statistik längst bekannt, in noch höherem Maße gilt dies von den jüdisch-christlichen Mischehen: Prinzing fand bei Mischehen zwischen Protestanten und Katholiken 211 —21'4 Prozent Kinderlosigkeit, bei jüdisch-christlichen Mischehen dagegen 34—36 Prozent, Gnradze fand für Berlin, daß bei Ehen, wo die Männer Israeliten, die Frauen evangelisch sind, 44 Prozent kinderlos sind; wo die Frau Israelitin, der Mann evangelisch, da war der Prozentsatz der Kinderlosigkeit 38-8 Prozent; beide Male ist der Satz sehr hoch und weit über dem Durchschnitt von 29-7, Dementsprechend ist auch die Kinderzahl der Ehe gering: 190 Kinder, wenn der Blau» israelitisch, die Frau evangelisch ist, 1115 Kinder bei der umgekehrten Mischehe, beide Male steht die Zahl unter dem Durchschnitt von 212. Ist der Mann Jude, die Frau evangelisch, so sind die Kinder meist evangelisch, ebenso im umgekehrten Falle, Da, wo der Alaun jüdisch, die Frau evangelisch ist, weisen übrigens mehr Kinder die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion auf, wie umgekehrt. Dr, Max Marense weist daraus hin (Med, Res, 24. Jahrg, dir, 24), daß die Statistik der christlich-jüdischen Mischehen und die Statistik der Unfruchtbarkeit und Minderfruchtbarkeit deshalb an gewissen Mängeln leide, weit nämlich die Uebertritte bei den Mischehen nicht berücksichtigt sind. Denn von der Statistik werden nur solche Ehen als „Mischehen" registriert, in denen zur Zeit der Veranstaltung der Erhebung die beiden Gatten einem verschiedenen religiösen Bekenntnis angehören. Die Uebertritte während dcr Ehe des einen Teiles zur Religion des anderen sind aber gar nicht so selten, dann hört der Begriff „Mischehe" auf, und diese Mischehen werden von der Statistik nicht erfaßt, die Zahl der ursprünglichen Mischehen muß demnach viel größer sein, als sie zahlenmäßig nachgewiescn wird. Das ist hier deshalb von ganz besonderer Bedeutung, weil die Wahrscheinlichkeit des Uebertrittes annähernd mit jedem neuen Kinde steigt; cs werden also gerade diejenigen Mischehen von der Statistik am wenigsten leicht erfaßt, in denen viele Kinder vorhanden sind, es wird also eine viel zu geringe Fruchtbarkeit der Mischehen vorgetäuscht. Namentlich kommen bei christlichjüdischen Verlöbnissen und Ehen immer zahlreiche gemeinsame Austritt beider Beteiligten aus ihrer bisherigen Religionsgemeinschaft ohne Uebertritt in eine neue vor, der Charakter einer Mischehe wird dadurch beseitigt, und solche Verhältnisse entgehen dann ebenfalls der Statistik, Aus Grund seiner Erfahrungen lehnt Dr, Marcuse eine spezifische Un- oder Minderfruchtbarkeit der christlich - jüdischen Aiischehen ab, es gibt keine phtzsivlogische gcburtcnverhindcrnde oder -beschränkende Wirkung der Aiischehen, sondern es sind nur pspchvlvgische Ursachen hier bestimmend. Interessant sind die Kiudcrniessunge», die Isaak Spielrein in Rostow am Don an russischen, jüdischen und armenischen Kindern vvrnahm, und die doch einigen Zweifel aufkominen lassen an der bisher geradezu als feststehend geltenden Tatsache von der körperlichen Minderwertigkeit der östlichen Inden, (ZeitschrifksürSchnlgcsundheitspflege.Band29. Seite 650,) Hinsichtlich Körperlänge, Gewicht, Brustumfang und Kvrperkrast, gemessen mit dem Tvnamometer, standen in den Volksschulen in den unteren Klassen die Russe» an der Spitze, die Juden standen in der Mitte, und zuletzt kamen die Armenier, Während letztere aber den ganzen Entwickelungsabschnitt vom 7,—14. Lebensjahr hindurch ihre» letzten Platz behalten, überholen die Inden schon im zwölfte» Jahre ihre russischen Altersgenosse» an Geivicht, im dreizehnten auch an Kvrperläuge. Ter in jüngeren Jahren sehr große Unterschied in der Druckkraft zugunsten der Russen verschtvindet hier fast vollständig, Tie Erscheinung des beschleunigten Wachstums der jüdischen Kinder auf dieser Altersstufe im Vergleich zu den slawischen ist auch von anderen Forschern festgestellt ivvrden. Sie wird mit der früheren Reife der Inden i» Zusammenhang gebracht und dauert bis znm 15, Jahre, Ursache für die bessere körperliche Entwickelung der jüdische» Schuljugend ist auch zweifellos die bessere soziale Lage der jüdischen Eltern, da von diesen ei» erheblicher Prozentsatz den größeren selbständigen Kaufleuten angehört; bei den Russen und Armeniern dagegen besteht das Hanptkvntingent der Eltern ans gelernten und ungelernte» Arbeitern, Günstige soziale und wirtschaftliche Lage geht aber überall auch mit besserer körperlicher Entwickelung Hand in Hand, Auch bei den Mittelschülern sind die Inden die reichsten, an zweiter Stelle kommen die Armenier, die Russen sind die ärmsten. Bei diesen weisen Russen und Inden zwar abwechselnd die höchsten Langenwcrte aus, aber schon von elf Jahren an stehen sie de» Armeniern an Gctvicht und Bruslnmfang nach. Auch die Längenbrust- und Längcn- Gewichlsmaße zeigen dasselbe Bild: am besten sind die Zahlen der Armenier, die Russen folgen als zweite, am schlechtesten ist die Entwickelung der Inden, Mit auffallender Regelmäßigkeit verändert sich die Differenz zwischen russischen und jüdischen Werten zu nngnnsten der Inden, Tie Perioden der stärksten Entwickelung fallen auch hier mit den früher ermähnten zusammen. Es scheint festzustehen, daß diese bei jüdischen Kindern früher einsetzt und intensiver in kürzerer Zeit ablänft als bei den russischen. Gegen die Juden in Saloniki. In einer Unterredung, die der Vorsitzende der englischen jüdischen Wohltätigkeitsvereinigung, Sir Stuart Samuel mit Veniselos hatte, bestätigte der letztere, daß die griechische Regierung eine Gesetzesvorlage einbringen werde, die die Enteignung des von der Feuersbrunst heimgesnchten Teiles von Saloniki zum Gegenstand babe. Durch diese Vorlage werden bekanntlich Tausende jüdischer Familien um