Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 2 (10.1.1918)
- Date
- 1918-01-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 2 diesbezüglich verschiedene Versionen. Man spricht von einer Bereinigung Galiziens mit Polen in der Form einer Personal-Union mit der Monarchie, von einer Sonderstellung GalizienS rc. Welcher dieser Pläne schließlich zur Durchführung gelangen durfte, läßt sich kaum mit einiger Bestimmtheit sage». Es hängt dies vielfach von verschiedenen Faktoren und Ereignissen ab. Bevor aber diesbezüglich Gewißheit vorhanden sein wird, kann auch das Schicksal der Judenfrage in Oesterreich nicht definitiv entschieden werden. Die Lösung müßte eine andere sein, wenn Galizien dabei ist und eine andere, wenn es anders kommen sollte?' Kur palästinafrage. Von Dr. I. H i r s ch s o l, n. Seitdem es den Engländern gelungen ist, sich in Jerusalem sestzusetze», ist es ihrerseits hinsichtlich der Palästinasrage still geworden. Die Herren in London ruhen nunmehr ans ihren Lorbeeren aus und genießen mit Muße die Huldigungen, die ihnen dargcbracht werden, wohl im Herzen der Naiven spottend, die ihre Versicherungen als bare Münze hingenommen haben. Früher, als es galt, den Eroberungszug gegen Jerusalem mit einem moralischen Mäntelchen zu umkleiden, geizte mau nicht mit schönen Worten und Versprechungen. Nach Tisch aber, da man das Ziel erreicht und gesättigt ist, denkt und handelt man anders. Was von einer eventuellen englische» Vorherrschaft in Palästina zu erwarten ist, zeigt eine Meldung aus Jerusalem, wonach die Araber, denen die Aufsicht über das Gebiet um die Omar- Moschee übergeben wurde, die Inden nicht zu der Klagemaner znlassen. Die Omar-Moschee steht nämlich auf dem Ort des heiligen Tempels. Die Klagcmauer, der letzte Rest dieses Heiligtums, steht demnach hart an der Stelle, wo die Moschee sich erhebt. Schon unter der türkischen Herrschaft pflegen die Araber, die Eigentümer der Häuser sind, die den Weg zur Klagemauer umsäumcn, den Juden den Zutritt dorthin zu verwehren. Es bedurfte oft des Einschreitens der türkischen Polizei, um den Juden zu ihrem Rechte zu verhelfen. Nunmehr aber ist die türkische Polizei nicht mehr da, die Araber sind die Herren der Umgebung, und die Juden können nicht einmal au der Klagemauer ihrem schweren Herzen Luft machen und ihr bedrücktes Gemüt erleichtern. Man kann davon einen Vorgeschmack haben, wie es in Palästina anssehcn wird, wenn das Land tatsächlich in englischen Händen bleiben sollte. Hoffentlich kommt es nicht dazu. Aber nicht bloß praktisch lassen die Herren Engländer die Inden schon jetzt fühlen, was ihrer harrt, sondern auch äußerlich nehmen sie sich gar keine Mühe, in ihren öffentlichen Enuuziatiouen der Inden in Palästina auch nur Erwähnung zu tun. Weder Lloyd George, noch Wilson haben in ihren Kriegszielreden, in welchen sie ein detailliertes Friedensprogramm anfgestellt haben, es für nötig gefunden, die Lösung der Palästinafrage im zionistischen Sinne auch nur anzudeuten. Im Gegenteil, will man Wilsons Erklärung näher analysieren, dann spricht sie eben gegen einen solchen Plan. Wilson meint nämlich, daß „den anderen Nationalitäten, die sich unter türkischer Herrschaft befinden, die Gelegenheit zu autonomer Entwicklung gesichert werden soll". Da sich diese Erklärung auch auf Palästina bezieht, ist es klar, daß damit eine Autonomie der Araber und keineswegs irgend eine jüdische Autonoinie gemeint ist. Haben sich demnach John Bull und Uncle Sam in letzter Zeit hinsichtlich der Palästinafrage in Stillschweigen gehüllt, so liegen anderseits seitens der Türkei und seitens Deutschlands in dieser Sache überaus wertvolle Erklärungen vor, die nur noch einmal bestätigen, daß diejenigen recht hatten, die einer Vierbnnd-Orientiernng des Zionismus das Wort redeten. Die Erklärungen des türkischen Großwesiers (siehe „Jüdische Korrespondenz" Nr. 1 und heutige Nummer unter „Rundschau"), wonach die Türkei bereit ist, die jüdische Kolonisation Palästinas zu fördern und den Gemeinden eine weitgehende Autonomie zu gewähren, kommt den eigentlich jüdischen Wünschen, die keineswegs auf die Gründung eines Jndenstaates hinauslaufen, ziemlich weit entgegen. Die Erklärung, die dieser Tage der deutsche Unterstaatssekretär des Auswärtigen (siehe in unserer heutigen Nnmmer unter „Rundschau") abgegeben hat, bürgt dafür, ebenso wie die jüngsten Versicherungen des Grafen Czernin, daß die Mittelmächte bereit seien, die jüdischen Bestrebungen in Palästina, insofern sie nicht gegen die Interessen der Türkei gerichtet sind, zu fördern. Jeder Einsichtige muß zugeben, daß diese Konzessionen, die seitens der Türkei und der Mittelmächte gemacht werden, sicherlich viel mehr Wert haben, als die wohl weitgehenderen, aber dafür wenig ernsten Versprechungen der Entente. Jnsolange die Engländer nicht im Besitze von Jerusalem ivaren, waren sie sehr freigiebig in Versprechungen. Heute aber, kaum glauben sie a» die Möglichkeit, daß Palästina ihr Eigentum bleiben wird, sind sie sehr wortkarg geworden. Dieser Umstand ist nur geeignet, auch dem Verblendetsten die Augen zu öffnen und ihm die wahren Beweggründe und Absichten der Entente zu enthüllen. Bei dieser Gelegenheit möge konstatiert werden, daß die jüngst durch das bereits wiederholt gekennzeichnete Haager Korrespondenzbureau verbreiteten Erklärungen Boris Goldbergs über die Vorgeschichte der englischen Erklärung für den Zionismus in dieser Form entschieden falsch sind. Erstens hat sich Dr. Herzl seinerzeit zuerst an Deutschland gewendet. Zweitens war es gerade England, durch dessen Widerstand das El-Arisch-Projekt zum Scheitern gebracht wurde. Drittens ist es unrichtig, daß das zionistische.Aktionskomitee in seiner Sitzung in Kopenhagen im Herbst 1914 eine Annäherung an England beschlossen hat, da diese Konferenz ein neutrales Verhalten der Organisation als solcher beschlossen hatte. Es ist auch unrichtig, daß Dr. Tschlenow gemeinsam mit Sokolow die England-Orientierung gefördert habe. Dr. Tschlenow hat sich erst vor wenigen Monaten in der schärfften Form gegen die Entente-Orientierung ausgesprochen. Aus dieser Feststellung ist zu ersehen, mit welchen Mitteln gearbeitet wird, um den Zionismus ganz ins Fahrwasser der Entente hineinzuführen. Die Leiter der Bewegung ioerden aber der Sache nur nützen, wenn sie allen diesen Versuchen den gebotenen Widerstand entgegensetzen werden. Was die Juden in der Palästinafrage von türkischer Seite unter Förderung seitens der Mittelmächte erhalten können, ist viel mehr wert, als die nebulösen Versprechungen der Entente, die weder erfüllt werden können, noch erfüllt zu werden beabsichtigt sind. * * * Der gegenwärtige Stand der Palästinafrage hat aber auch andererseits im jüdischen Lager eine neue Situation geschaffen. In dem Momente, da die Möglichkeit vorhanden ist, eine stärkere jüdische Besiedlung Palästinas durchznführen, hat sich die glaubenstreue Iudeuschaft aufgerafft, um nicht zuzulassen, daß der neue jüdische „Jischub" im heiligen Lande in einem antireligiösen Geiste geführt werde. Es will niemand die Verdienste der zionistischen Partei nach der Richtung schmälern, daß sie es war, die zurzeit die Palästinafrage aufs Tapet gebracht hat. Aber man darf nicht vergessen, daß die Hoffnung auf Palästina allen Juden gemeinsam heilig ist und daß es der alte „Jischub" war, der die Erinnerung an Palästina im jüdischen Lager stets wachgehalten hat. Ohne den alten „Jischub" wäre es vielleicht nicht zum neuen gekommen. Von verschiedener jüdisch-orthodoxer Seite wird demnach angeregt, diesbezüglich einzugreifen und dem glaubenstreuen Judentnm einen Einfluß auf die Gestaltung der Dinge in Palästina zu sichern. Es ist anzunehmen, daß es demnächst zu einer öffentlichen Kundgebung in dieser Sache kommen wird. Landesverband der israelitischen Lullusgemeinden in Galizien. An anderer Stelle unseres Blattes bringen wir die Statuten des neugegründeten Landesverbandes der israelitischen Kultusgemeinden in Galizien zum Abdrucke. Dieser Verband ist auf Grund der Beschlüsse gegründet worden, die auf der seinerzeitigen Konferenz der galizischen Kultusgemeinden gefaßt wurden. (Wir haben darüber in unserem Blatte näher berichtet.) Es ist dies vorläufig eine freie Vereinigung ohne Zugehörigkeitszwang und die erste Etappe zur Organisation der Kultusgemeinden in Galizien. Ist diese Aktion an und für sich lebhaft zu begrüßen, da es wirklich höchste Zeit für die galizischen Kultnsgemeinden ist, sich zusammenzuschließen, nachdem sie aus prinzipiellen Gründen religiöser Natur dem geplanten allgemeinen österreichischen Gemeindebunde nicht beitretcn wollen, — so muß jedoch gesagt werden, daß das vorliegende Statut keineswegs geeignet ist, die glaubenstreue Judenschaft zu befriedigen. Im Gegenteil, diese ist gezwungen, gegen manche Bestimmungen dieses Statuts lebhaften Protest zu erheben. Wenn die orthodoxen Kultusgemeinden sich weigern, dem allgemeinen Gemeindebunde anzugehören, da sie eine Gewiffensvergewaltigung hinsichtlich der Angelegenheiten religiöser Natur befürchtet, so müssen sie leider auch diesem Statute gegenüber derartige Befürchtungen hegen. Der Verband soll sich, wie Art. 3 des Statuts bestimmt, auch mit den religiösen Angelegenheiten befassen. Nun ist es eine Tatsache, daß in den meisten galizischen Großgemeinden die sogenannten „Fortschrittler" das