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Jüdische Korrespondenz · 1918-01-03 · 1 (3.1.1918) · page 6

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
1 (3.1.1918)
Date
1918-01-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz. Nr. 1 anormalen Bedingungen, die eine Verbindung zwischen dem Zentrum und der Provinz erschwerten, die Geschehnisse in den verschiedenen Orten, die die Organisationsarbeit für den jüdischen Kongreß hemmen, veranlassen das Organisalionskomitee, seinen Beschluß in Bezug auf den Termin der Wahlen und auf den Zeitpunkt des Zusammentrittes des Kongresses zu ändern. I» seiner Sitzung vom 5. November bestimmte das Organisativnskomitee als Termin für die Wahlen statt des 3., 4. und 5. Dezember, den 7., 8. und 9. Jänner (20., 21. und 22. Jänner neuen Stils). Der Kongreß tritt nicht am 28. Dezember, sondern Ende Jänner (Anfang Februar neuen Stils) zusammen. Der Tag der Eröffnung des Kongresses sowie der Ort, an dem er stattfindet, werden später bestimmt werden. Oie Organisation der jüdischen Landwerker in polen. Von N. Schwalbe lHojet). Von der Umwälzung der ökonomischen Verhältnisse in Polen während des Krieges hat die städtische Bevölkerung am meisten zu leiden, insbesondere die Handwerker und der kleine Fabrikant, sowohl der Unternehmer wie auch der Arbeiter. Der kleine Händler und Vermittler kann sich leichter an andere Verhältnisse anpassen und von einer Branche zur anderen übergehen. Viel schlimmer ist jedoch die Lage jener Leute, die von der Arbeit ihrer Hände zu leben gewohnt sind. Die christlichen Handwerker haben eigene Organisationen und Vereine, die von der städtischen Selbstverwaltung und anderen Institutionen des Landes Unterstützung genießen. Für die jüdischen Handwerker sind diese Hilfsquellen verschlossen, und sie sind auf die privaten jüdischen Unterstützungsvercine angewiesen, die wegen der schlechten finanziellen Lage der jüdischen Gemeinden sehr wenig leisten können. Es ist daher sehr zu begrüßen, daß die in Polen bestehenden jüdischen Handwerkcrvereine unter der Leitung des Warschauer jüdischen Handwerkervereins einen Delegationsrat für die verschiedenen Gewerbe gebildet haben, der zur Ausführung des folgenden von ihm entworfenen Programms geschritten ist: 1. Einberufung eines jüdischen Handwerkerkvngresses in Polen. 2. Vorbereitungen zur Schaffung eines jüdischen Handwerkcrvcrbandes für ganz Polen. 3. Erweiterung der Rechte der Handwerker- Vereinigungen, Befugnis zur Ausstellung von Diplomen usw. 4. Selbstkontrolle im inneren Leben der Handwcrkervereine. o. Gründung von Schiedsgerichten zwischen den Handwerkern, sowie zwischen den Unternehmern und Arbeitern. 6. Organisation des Einkauses von Rohmaterialien nach dem Kriege. 7. Schaffung von billigem Kredit und Darlehenskassen für Handwerker. 8. Einrichtung von Ausstellungen für Arbeiten jüdischer Handwerker. 9. Entfaltung einer Werbetätigkeit unter den Handwerkern, um sie zum Anschluß an die zentralen städtischen Handwerkervereine zu veranlassen. Besondere Aufmerksamkeit wird man der Bildung von Einkaufsgenossenschaften für Rohmaterialien zuwendcn müssen, denn nach dem Kriege wird dies eine der brennendsten Fragen sein, und die Lage vieler jüdischer Handwerker wird davon abhängen, ob sie im Bedarfsfälle die nötigen Materialien zu den entsprechenden Preisen erhalten. Deshalb müssen noch vor Beendigung des Krieges Schritte in dieser Hinsicht auch von den Westjuden unternommen werden. Die zweite wichtige Frage ist die Beschaffung billigen Kredits für die jüdischen Handwerker. Bor dem Kriege gab es kleine jüdische Leih¬ und Sparkassen für Handwerker und Kleinhändler, wobei die Händler stets in erster Linie berücksichtigt wurden. Jetzt werden neue Kreditanstalten geschaffen oder die alten derart umgebildet werden müssen, daß die produzierenden Massen den Händlern gegenüber keineswegs im Nachteil sind. Zu diesem Zweck werden die Handwerker-Organisation mit den allgemeinen jüdischen Gesellschaften zur Hebung der ökonomischen Lage der Juden sich verständigen müssen. Auch die jüdische nationale Intelligenz, die sich bisher mit der ökonomischen Lage der Juden sehr wenig beschäftigt hat, wird zukünftig dem jüdischen Handwerker theoretische Bildung vermitteln müssen, die er bisher so sehr entbehrt. Vor dem Kriege hat die Jka das jüdische Handwerk unterstützt, aber in Polen hat sie wenig getan, was vielleicht auf die ungenügende Organisation des Handwerkes zurückzuführen ist. Der Handwerker muß auch eine Fachzeitung in jüdischer Sprache haben. Wie ist es aber damit bestellt? Es gibt in Warschau einige Assimilatoren, die für eine solche Zeitschrift Mittel aufbringen wollen, jedoch unter der Bedingung, daß sie in polnischer Sprache erscheint. Einer von ihnen hatte eingewilligt, die Zeitschrift in polnischer Sprache erscheinen zu lassen, worauf aber die anderen noch extremeren Assimilatoren nicht eingehen wollen. Auf der anderen Seite haben die „SSoIfiften" für das jüdische Handwerk noch wenig geleistet; denn obwohl sie eine Fachzeitschrift ausschließlich in jüdischer Sprache geplant haben, haben sie hiefür noch keinerlei Mittel aufgebracht. So hat der jüdische Handwerker bis heute noch kein Fachorgan, kein lebendiges Wort für Fachbildung und -Orientierung. Im Jahre 1913 hat eine Gruppe jüdischer Intellektueller die Herausgabe einer jüdischen Zeitschrift „Handel und Gewerbe" unternommen, die jedoch wegen mangelhafter finanzieller Unterstützung nach dem Erscheinen des zweiten Heftes eingegangen ist. Ein zweiter Versuch zur Schaffung eines so dringend notwendigen Hilfsmittels wird hoffentlich mehr Erfolg zeitigen. _ Aus Ungarn. Aus Budapest wird gemeldet: „Aus Anlaß der fünfzigsten Jahreswende der Judenemanzipation fand Freitag in der Hauptsynagoge der autonomen orthodox-israelitischen Gemeinde (Kazinczy-utca: ein äußerst gut besuchter Festgottes' dienst statt, bei dem Oberkantor Hartmann mit dem Tempelchor den gesanglichen Teil absolvierte und Oberrabbiner königlicher Rat Reich die Bedeutung der Emanzipation erörterte und in dankbarer Erinnerung unseres verstorbenen Königs Franz Josef I. und der Großen unserer Nation gedachte, deren liberale Gesinnung und strenges Rechtsgefühl dem Judentum einen gebührenden Platz unter den übrigen Konfesiionen eingeräumt haben. Er appellierte an die Gläubigen, ihre bisherige Vaterlandsliebe auch in Hinkunft bei jedem Anlaß zu bekunden. Mit einem Gebet für das Wohl des Königspaares, des Vaterlandes und des Herrscherhauses schloß die Feier. Der Ungarische Israelitische Landesstipendienverein wählte in der letzten Jahresgeneralversammlung, in der der fünfzigjährige Bestand des Vereines gefeiert wurde, den Minister Dr. Vazsony zum Präsidenten. Dr. Vazsony hielt hierauf eine Rede, worin er sich mit der Rechtslage der ungarischen Juden beschäftigte und sagte: „Die Rückerinnerung an die Emanzipation, deren fünfzigste Jahreswende das ungarische Judentum in den nächsten Wochen feiern wird, verpflichtet uns alle, das Andenken jener Männer dankbar in Ehren zu halten, denen wir die Gleichberechtigung verdanken. Der Geist dieser Männer und die Pietät gegen unsere Vorfahren, die noch in der Unterdrückung gelebt haben, verpflichten uns, Freiheit und Gleichheit für ewig hochzuhalten und immer dafür zu kämpfen. Die ungarische Judenschaft darf nie eine besondere konfessionelle Politik treiben, denn sie findet ihre Zukunft, ihre Freiheit und ihre Rechte in einer wirklich nationalen und demokratischen Politik." Laut dem Gesetzartikel 20 vom Jahre 1848 find bekanntlich die religiösen und Schulbedürfnisse der in Ungarn rezipierten Konfessionen aus Staatsmitteln zu decken. Dieses Gesetz ist jedoch undurchgeführt geblieben, und erst vor kurzem entschloß sich die ungarische Regierung, es wenigstens zum Teil durchzuführen, und zwar in bezug auf die protestantischen Konfessionen; -die jüdische Religion, die doch ehenfalls staatlich anerkannt ist, ist dabei übergangen worden. Wie nun verlautet, wird der ungarische Kultusminister binnen kurzem eine Gesetzesvorlage über die Durchführung des Gesetzartikels 20/1848 dem Parlament unterbreiten. Die Durchführung wird sich nicht nur auf die Protestanten, sondern auch auf die Juden erstrecken, und zwar soll — laut der Vorlage — den Protestanten ein Fond von 200 Millionen Kronen, den Juden ein solcher von 26 Millionen Kronen gegeben werden. Beide Fonds verbleiben vorläufig in staatlicher Verwaltung, bilden jedoch unantastbares Eigentum der betreffenden Konfessionen, denen bis zur Uebergabe dieser Fonds die Staatskasse jährlich 4 Prozent Zinsen auszufolgen hat, also den Protestanten acht, den Juden eine Million Kronen, wogegen die bisherigen staatlichen Dotationen aufhören. In den vollen Zinsengenuß treten die Konfessionen erst im dritten Jahre nach der Durchführung des neuen Gesetzes, somit erst im Budgetjahre 1920/21. Oer polnische Ministerpräsident über die jüdischen Rechte. Aus Warschau wird geschrieben: Nachdem der polnische Ministerpräsident Kucharzewsft, wie bereits gemeldet, Vertreter der jüdischen Presse empfangen und sich ihnen gegenüber in liebenswürdigster Weise über die jüdischen Rechtsangelcgenheiten in Polen geäußert hatte, empfing er am 10. Dezember das Präsidium des Rabbinerverbandes in Audienz. Die Deputation, die im Anschluß an die gerade beendete große Rabbinerversammlung die Grüße derselben dem Premier überbrachte, bestand aus den Rabbinern von Lodz, Kalisch, Sawierce und dem Senior der Warschauer Rabbiner, Rabbi Saloman David Kahana. Rabbiner Liebschütz stellte die Delegierten vor und Rabbiner Treiftmann aus Lodz begrüßte den Ministerpräsidenten mit einer warmen Ansprache, in der er zunächst für die Entsendung eines Vertreters in die Rabbinerversammlung und die von diesem dort geäußerten Worte dankte. Der Redner führte weiter aus, daß im tiefen Verantwortungsgefühle für die traditionelle Stellung und hohe Aufgabe des Rabbiners in Polen, die jüdischen Geistlichen weiterhin bestrebt sein werden, die Stimme der jüdischen Bevölkerung unvermittelt bei der allerhöchsten polnischen Regierungsstelle zu Gehör zu bringen. Die geistigen Führer der Juden können feierlich versichern, daß sämtliche in Polen wohnende Juden, ohne Unterschied der Partei und Richtung, vom heißen Willen durchdrungen sind, kräftig mitzuhelfen an der Wiederauflebung der polnischen Macht.

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