Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 1 (3.1.1918)
- Date
- 1918-01-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Jüdische Korrespondenz. dieses Produkts ihrer wüsten Phantasie nicht übersehen dürfen. Die Familien, sagt der Korrespondent, die ich gestern in den Stationen von Hampstead und Belsize-Park sitzen sah, waren unverkennbar britischer Abkunft. Und was die Flüchtlinge in Brigthon usw. betrifft, so widersprechen die Behörden in Brighton der Behauptung der Evening News. Oie russischen Juden in England. Aus Kopenhagen wird geschrieben: Die ersten Partien der russischen militärpflichtigen Juden aus England, die dem Eintritt in die englische Armee die Rückkehr nach ihrer Heimat vorgezogen hatten, sind schon in Rußland angelangt. Die russisch-jüdischen Zeitungen bringen interessante Berichte dieser speziellen Emigrantenkategoric, die die Lage der russischen Untertanen in England in der letzten Zeit im allgemeinen und insbesondere die der russischen Juden schildern. Besonders interessant sind die Schilderungen, wie von englischer Seite alle Hebel in Bewegung gesetzt wurden, um diese Militärpflichtigen von der Rückkehr in ihre Heimat zurückzuhalten und zum Eintritt in die englische Armee zu bewegen. Schon bei dem Registrieren der Namen derjenigen, die nach Rußland zurückkehren wollten, hat man besondere Schwierigkeiten gemacht, die einigermaßen nach der Intervention des russischen Konsuls in London beseitigt wurden. Dann wurde verordnet, daß jeder, der die für ihn bestimmte Zeit zur Abfahrt mit einigen Minuten verspätet, in England zurückbleiben und in die englische Armee eintreten muß. Alle aber^waren zur rechten Zeit an Ort und Stelle. L-chon in den Bahnwagen, die die Emigranten zum Schiss befördern sollten, eingeschlossen, sind die Zurückkehrenden von den Agenten der Regierung besucht worden, die durch die Schilderung der Lage in Rußland in den dunkelsten Farben noch immer zum Verbleiben in England verlocken wollten. Aber auch das hilft nicht, die Zurückkehrenden haben ihren Entschluß nicht ändern wollen. Bei dem Aussteigen aus den Bahnwagen auf das Schiff hat man den Emigranten fast keine Gelegenheit gegeben, von ihren Angehörigen, die in England zurückgeblieben sind, Abschied zu nehmen. Auch auf dem Schiffe haben sich Agenten eingesunden, die zur Rückkehr bewegen wollten, und sogar schon im Archangelsk angelangt, hat noch der Kapitän den Vorschlag gemacht, daß er jeden, der zurückkehren will, gern nach England mitzunehmen bereit sei. Diese Tatsachen bestätigen wieder die in russisch-jüdischen Kreisen vorhandene Meinung, daß es der^ englischen Regierung in erster Linie darauf ankam, die Reihen der eigenen Armee zu füllen. von der „Agudas-Iisroel". (Propaganda-Kommission.) Bei der jüngsten Vollsitzung des Vorstandes wurde eine Propaganda-Kommission gewählt, deren Aufgabe es sein soll, für die Organisation Mitglieder zu werben und neue Mitarbeiter hcranzuziehen. Die große Arbeit, die die Leitung bisher zu bewältigen hatte, brachte es mit sich, daß die Propaganda-Arbeit nicht gehörig betrieben wurde und daß die „Aguda" deswegen verhältnismäßig weniger offizielle Mitglieder zählte als Anhänger und Förderer. Diesem Mangel soll nunmehr abgeholfen werden. Die Propaganda-Kommission setzt sich aus folgenden Herren zusammen: Aktiva Schreiber, Obmann; Mendel Morgenstern, Stellvertreter; Rabb.-Assessor Eh. M. Thumim, Sekretär; Sparer, Blum, Fast, Rapaport, Lewin, Abend, Heller, Vortrefflich. (Tätigkeits-Bericht.) Der ausführliche Bericht über die bisherige Tätigkeit der „Agnda" erscheint nächste Woche in Druck und wird jedermann aus Verlangen zugcschickt. (VII. Kriegsanleihe.) Wie bei den früheren Anleihen hat auch diesmal der Kriegsanleihe - Zeichnungsverein „Agudas- Jisroel" ein glänzendes Resultat erzielt. Die Zeichnungen sind noch nicht ganz abgewickelt und die Endsumme läßt sich noch nicht genau feststellen. Immerhin ist sie bei der halben Million längst angelangt und verspricht, das Ergebnis der VI. Kriegsanleihe zu übertreffen. wie kann uns aus unserem religiösen Tiefstände emporgeholfen werden \ Seit jeher hat Israel auf die Erziehung der Jugend einen sehr großen Wert gelegt, und so finden wir noch gegen Ende des Itl.Jahrhnnderts fast in jeder Kultusgemeinde unseres Vaterlandes eine jüdische Volksschule, in der die Kinder nicht nur gründlich unterrichtet, sondern auch im jüdischen Geiste erzogen wurden. Die Resultate dieser Schulen waren unstreitig gute, da — wie Oberrabbiner Reich in seinem trefflichen Buche „Kulturfragen" hcrvorhebt — Lehrer, Seelsorger, Vorstände und die gebildeten Kreise jeder Gemeinde einen Wetteifer entfalteten, um ihre Schule zur Musteranstalt zu entwickeln, tvas ihnen auch in den meisten Fällen gelang. „Am Sabbath führte sich jeder Vater fein Kind ins Gotteshaus; die künstlich aufgepfropsten Jugendgottesdienste der Neuzeit — auch ein Notbehelf, Religion eiuzutrichteru — waren überflüssig. Gibt es auch eine schönere, erhebendere, natürlichere Andacht als die, die das Kind an der Seite des Vaters verrichtet?" Leider hat im letzten Viertel des vorigen Säkulums der Assimilationsgedanke die sonst klugen Kopfe unserer Glaubensgenossen verwirrt; mait betrachtete die jüdische Volksschule als Hindernis für eine rasche Verbrüderung der Nationen; man hielt die religiöse Erziehung der israelitischen Jugend für minder wichtig, ja für entbehrlich, und löste die meisten jüdischen Schulen auf. Nur an wenigen Orten auf dem Lande ist in unserer Reichshälfte noch eine israelitische Lehranstaalt zu finden; ja — was so Bände spricht — selbst Wien, mit seinen 6000 jüdischen schulpflichtigen Knaben, zählt bloß eine einzige jüdische Volksschule, die von 200 Zöglingen frequentiert tvird. Ob nach der Auflösung fast aller jüdischen Schulen die messianische Hoffnung in Erfüllung gegangen und der Wolf mit dem Lamme friedlich weidet, der Leopard beim Böcklein sich lagert, bleibe dahingestellt; sicher dagegen ist, daß die religiöse Erziehung unserer Jugend! gegenwärtig sehr im argen liegt und der j Abfall vom Judentum von Jahr zu Jahr in erschreckender Weise zunimmt. Im Gegensätze zu Israel, welches mit seiner Vergangenheit gebrochen und die religiöse Erziehung der Jugend sozusagen über Bord geivorfen, haben unsere nichtjüdischen Mitbürger an dem biblischen „Gottesfurcht ist der Anfang aller Weisheit" sestgchalten und die sittlich-religiöse Bildung ihrer Jugend unentwegt als das höchste Ziel des Unterrichtes erklärt. Sv besagt der Erlaß des niederösterreichische» Landesschulrates vom ll. August 1898,, Zahl 151, Nr. 415 t Erklärung des bischöflichen Ordinariats): „Der Religionsunterricht bildet nur einen Teil der Aufgabe der Volksschule, der andere, wichtigste Teil der Schulausgabe betrifft die sittlich-religiöse Erziehung, bei der neben dem Elternhanse auch der gesamte Schulmiterricht mitwirke» soll." Diesem Grundsatz tragen auch die Lesebücher, welche unter anderem die Basis für den Unterricht im Stil, in der Geschichte, in der Naturgeschichte bilden, Rechnung. So enthält das Wiener Lesebuch für allgemeine Volksschulen von Rieger-Stejskal in seinen für das zweite bis fünfte Schuljahr bestimmten Teilen 9, 25, 14, 15 Lesestücke konfessionellen Inhalts. Die sittlich-religiöse Erziehung wird ferner gefördert durch die Pflege des Kirchenliedes in den Gesangsstunden, durch das Kreuz, welches sich in jeden! Schulzimmer befindet, durch das Schulgebet, den schulfreien Sonntag. Auch die Evangelischen schätzen die religiöse Erziehung hoch ein und bringen in ihrem Glaubcnseifer durch Erhaltung eigener Schulen große materielle Opfer. Nur wir Inden haben die Obsorge für unsere Jagend vernachlässigt und dadurch Zustände herbeigeführt, die jeden treuen Sohn unseres Volkes mit Kummer erfüllen müssen. Wie kann ans aus unserenl religiöse» Tiefstände empvrgeholsen werden? Achnliche Zustände, wie bei uns, herrschen auch in Deutschland, und da schrieb im Oktober 1010 Heinrich Löwe-Berlin in der Zeitschrift „Nene Jüdische Monatshefte" folgendes: „Die Tendenz der Juden in Deutschland war im l8. und l 9. Jahrhundert dahin gerichtet, möglichst vom Jüdentuinc loszukommen. „Nur nicht jüdisch", war ihre teils zugcftandcne, teils ihnen selbst unbewußte Richtschnur. Sie bemaßcn die Bildung als umgekehrt proportional zur Kenntnis vom alten Judentum. Erst die letzten zwanzig Jahre haben bei einem Teile der deutschen Juden eine Besserung gebracht. Aber es war viel leichter vom allen Judentnme loszukommcn, als zu ihm zurückzukchrcn. Es war viel bequemer, zu vergessen und die Kinder nichts zu lehren, als es nunmehr sein tvird, dem jüdischen Stamme in Deutschland die Kenntnisse vom Jndentume wiederz,-geben. Da steht vor allem die Schule im Wege. Wir haben nun einmal den Schulzwang und empfinden durchaus den Segen dieser Einrichtung. Aber die Schule, in der wir unsere Kinder unterrichten lassen, ist keine jüdische. Wir haben, von kleinen Resten und noch kleineren Anfängen abgesehen, keine jüdischen Volksschulen, geschweige denn höhere jüdische Untcrrichtsanftalten. Die Schulen sind christlich-deutsche Lehranstalten,durchwehtvon christlich-deutschem Geiste. Das ist so ganz in der Ordnung. Denn die weitaus große Mehrheit des deutschen Staatsvolkes besteht ans deutschen Christen.