Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 1 (3.1.1918)
- Date
- 1918-01-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. die Juden Palästina erhalten sollen. Die jüdisch-sozialistischen Organisationen in Rußland „Poale Zion" und der „Bund" sollen Aufrufe erlassen haben, in denen sie solche Kundgebungen als durchaus unzeitgemäß und kriegshetzend znrückweiscn und ihren zionistischen Anhängern anempfehlen, sich von jeder Stellungnahnie oder Aeußerung zugunsten des englischen Planes bezüglich Palästinas sernzuhalten." „Diese Zurückhaltung der sozialistischen f ionisten in Rußland gegenüber dem falschen piclc Englands ist sehr weise und zeugt von gesundem politischen Instinkt. Die Inden der ganzen Welt tvissen, daß die türkische Regierung seit Jahrhunderten eine ausgesprochene Sympathie für die Juden in der Türkei, und zwar nicht bloß für die sogenannten spaniolischen Juden, an den Tag gelegt hat. Niemals hat es in der Türkei eine antisemitische Politik gegeben. Unter dem Halbmond genossen die Juden von jeher und genießen sie besonders seit der Aufrichtung der jungen Türkei ungeschmälerte politische und bürgerliche Rechte. Wir erkennen es mit hoher Befriedigung an, daß die Juden ein treues und zuverlässiges Element des türkischen Reiches sind. Die Engländer haben den Zionismus nur als politische Karte ausgespielt, um der Türkei Verlegenheiten zu bereiten. So haben sie beispielsweise das Märchen durch Reuter verbreiten lassen, als ob die Türken Jaffa und die umliegende» Ortschaften von Jerusalem nicht bloß geräumt, sondern die jüdischen Bewohner grausam mißhandelt hätten. Kegen diese Verleumdungen Englands haben die türkischen Juden, obenan der Oberrabbiner der Türkei, in öffentlichen Kundgebungen feierlich Einsprache erhoben. Außerdem haben auch bekanntlich die diplomatischen Vertreter und Konsuln der neutralen Staaten ihren Regierungen ausführliche Berichte gesandt, wonach es sich deutlich herausstellt, daß all diese Gerüchte vollständig jedes Grundes entbehren. Die türkischen Juden haben die Aufmerksamkeit ihrer Glaubensgenossen auf der ganzen Erde auf dieses Falschspiel der Engländer gelenkt. Es bedarf ja keines geschichtlichen Nachweises, daß die Engländer niemals etwas für die schönen Augen der anderen, sondern immer nur in ihrem eigenen Interesse gehandelt haben. Was die Engländer den Türken zu Unrecht vorwarfen, daß sie nämlich Jaffa grausam evakuiert haben sollen, das vollsühren sie jetzt in Tat und Wahrheit. Die ganze Bevölkerung von Jaffa und anderen Orten nm Jerusalem wurde von den Engländern erbarmungslos in die Wüste gejagt. Was Jerusalem selbst betrifft, so wollten wir Türken diese heiligen Stätten der drei monotheistischen Religionen den Wechselfällen des Krieges entziehen. Wir besitzen einen tiefen Respekt vor diesen geheiligten Orten, an denen sich die größten Begebenheiten der drei Religionen abgespielt haben. Wir haben Jerusalem treu bewacht und behütet. Keine Reliquie, gleichviel welcher Religion, durfte angetastet werden. Und was tun die Engländer? Fliegerbomben zerstören geweihte Stätten, die den Juden, Christen und Mohammedanern gleich teuer und unanrührbar sind. Uebrigens ist noch nicht aller Tage Abend. Die Waffen haben noch nicht das letzte Wort gesprochen. Wir werden die Engländer aus allen ihren Stellungen vertreiben. Das falsche Spiel der Engländer ist aufgedeckt, während wir die ehrlichen Karten in der Hand behalten. Die Juden aller Länder können völlig beruhigt sein. Die Türken sind die letzten, die die Verdienste der Juden inmitten dieses Weltkrieges verkleinern wollen, und da sie immer ein treues und loyales Verhalten erwiesen, besteht nicht das geringste Hindernis, daß nach Friedensschluß solche Juden, die von derselben Gesinnung getragen und belebt sind, wie wir sie in unseren eigenen Juden kennen und schützen gelernt haben, willkommene Aufnahme im türkischen Reiche finden werden." Ein Sonderberichterstatter der „Vossjschen Zeitung" in Konstantinopel hatte mit dem Großwesir Talaat-Pascha eine Unterredung über die Zionistenfrage in Palästina. Der Großwefir sagte unter andern,: Wir waren stets von den besten Gefühlen für unsere jüdischen Mitbürger beseelt, und die Juden in unserem Reiche waren uns immer ebenso lieb wie alle anderen Bürger. Die Türkei ist ja das einzige Land, das nie eine antisemitische Bewegung gekannt hat, wie sie in allen anderen Ländern zu finden ist. Bei uns hat es eine judenfeindliche Bewegung nie gegeben, die aus die Politik unseres Landes hätte Einfluß gewinnen können. Die kolonisatorische Bewegung der Juden in Palästina besitze das Wohlwollen der Regierung, erklärte der Staatsmann weiter. Freilich steht diese auf dem Standpunkt, daß den Juden keine Vorrechte vor den anderen Bürgern eingeräumt werden können. Zu dem Brief Balfours an Lord Rothschild, in dem der englische Minister im Namen seiner Regierung den Juden eine nationale Heimstätte in Palästina verspricht, sagte der Großwesir: Ich bin fest überzeugt, daß hinter diesem Versprechen nicht einmal ernste Absichten stecken. Der einzige Zweck ist der, Sympathien zu gewinnen und die Juden der ganzen Welt für die Ziele der Entente einzufangen. Was die Frage der freien Einwanderung anlangt, versteht sich von selbst, daß jede Einwanderung sich in den natürlichen Grenzen der derzeitigen Aufnahmsfähigkeit bewegen muß, und es wäre unnatürlich, wenn etwa mit einenunal Hunderttausende nach Palästina einwandern würden. Diese könnte das Land gar nicht ernähren. In der wirtschaftlichen Entwicklungssreiheit, sagte der türkische Staatsmann, haben die Juden in Palästina niemals eine Beschränkung erfahren; im Gegenteil, wir wissen das, was in Palästina von den Juden aus wirtschaftlichem Gebiete geleistet worden ist, sehr wohl zu schätzen. Die Frage, ob den Juden in Palästina eine gewisse Selbständigkeit in der örtlichen Verwaltung gegeben werden könne, beantwortete der Großwesir dahin: Die Juden können nur dieselben Rechte genießen, wie alle anderen Staatsbürger. Aber wir haben ja bereits in unserer jetzigen Verfassung ein ziemlich weitgehendes Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden, und in einem neuen Gesetzentwurf, den wir eben jetzt dem Parlament vorlegen, beabsichtigen wir, hierin noch weiter zu gehen. Alle Gemeinden von 5000 Einwohnern und darüber werden das Recht der Selbstverwaltung haben, und auch die kleineren jüdischen Gemeinden können stets auf das Wohlwollen der ottomanischen Regierung rechnen. _ Antisemitische Propaganda in England. Aus dem Haag wird dem „Neuen Wiener Journal" berichtet: Die Sorgen, die den Londoner» durch die Luftangriffe erwachsen, haben die Sensationsblätter der Metropole nicht bloß zu anhaltenden Ausfällen gegen die Behörden veranlaßt, sondern haben auch ein neues Agitationsmittel geliefert: Die Juden sind schuld an der Verwirrung, die ans Angst vor Luftangriffen in London Platz gegriffen hat. Die antisemitische Hetze wird namentlich von den Evening News mit vollem Behagen betrieben. Dieses häßliche demagogische Treiben hat von zwei bezeichnenden Tatsachen seinen Ausgang genommen. Ganze Familien verbergen sich, sobald es dunkel zu werden beginnt, in großen Gebäuden oder vor allem in den Untcrgrundstationen, und viele Leute verlassen London. Es findet ein Auszug nach „the country“ statt, insbesondere nach Plätzen wie Brighton und Reading, im allgemeinen aber überallhin, wo verwandte oder bekannte Familien wohnen. Die „Tube"-Stationen füllen sich jeden Abend mit Müttern und Kindern, die dort ganze Lager errichten und es den Reisenden unmöglich machen, an die Züge heranzukommen. Es ist nicht leicht, diesen Ansturm abzulenken, denn jeder kann mit einer Karte für einen Penny hinuntersteigen. Der Kern der schwierigen Situation ist in dem Entschluß der Behörden gelegen, das Publikum nicht zu warnen, sobald es dunkel geworden ist. Die Evening News verlangen nun nicht bloß mit «pott und Drohungen, daß die Behörden auch bei Finsternis Warnungszeichen im Falle eines Luftangriffs geben, sie benutzen die Gelegenheit, um der Legende Eingang in die Volksmeinung zu verschaffen, daß die Tausende, die nach Brighton geflohen sind, „alieiis“ (Fremdlinge) sind. Man weiß, daß das Wort koroignor für das englische Ohr einen häßlichen Klang besitzt. Engländer wollen es zum Beispiel auf sich selbst im Ausland nicht angewendet wissen. Aber für die Evening News ist es noch nicht häßlich genug und sie gebrauchen im Zusammenhänge mit den Luftangriffen regelmäßig das abscheuliche Wort, das die Kriegsbureaukratie in Umlauf gebracht hat: alien. Auch die Tausende, die jeden Abend ihre Zuflucht zu den Untergrundstationen nehmen, sind natürlich alieiw, wenn man den Evening News glauben will. Das Blatt weist dann vor allem auf die Inden im Eastend hin, denen die Jingopresse wegen ihrer deutschen Namen und ihres deutschen Jargons schon seit jeher nicht grün ist, und die, meist aus Rußland stammend, seit dem Abfall Rußlands von der Entente nicht sehr populär sind. Die Evening News haben ihr Möglichstes beigetragen, um die Volksmenge gegen diese Unglücklichen aufzuhetzen. Die Erfindung, daß sie das Publikum sind, das vor den Luftangriffen flieht, ist das Gewagteste, was sich die englische Hetzpresse auf diesem Gebiete leistet. Wenn sich jemand einmal zur Abfassung der Geschichte der gelben Presse niedersetzen wird, schreibt zum Beispiel der Londoner Korrespondent des Nieuwe Rotterdamschen Courant, so wird er