Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 37 (13.12.1917)
- Date
- 1917-12-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Seite 3 Judisehe Korrespondenz. liche jüdischen Gruppen und Richtungen beteiligen und der mit Stimmenmehrheit über die Gesamtorganisation der ungarischen Judenheit bestimmen soll. Die Anregung geht von neologer Seite aus, die damit wieder einmal die Gelegenheit erhalten will, die Leitung der gesamten ungarischen Juden heit an sich zu reißen und die Orthodoxie zurück zudrängen. Gerade dieser Umstand ist es aber, der im Lager der Orthodoxie einen ernsten Widerstand gegen den Kongreßplan Hervorrust. An und für sich wäre ja die Schaffung einer einheitlich-jüdischen Organisation in Ungarn aus vielfachen Gründen geboten. Gerade jetzt ist eine sehr ernste Frage ausgetancht. Die Regierung beabsichtigt, die Frage der Autonomie der jüdischen Glaubensgemeinschaft einer Erledigung zuznführen, verlangt aber eine Einigung beider jüdischer Gruppen M Voraussetzung hiesür. Die Sache hat auch noch eine materielle Grundlage. Im Sinne des Gesetzartikels XX ex 1848 gewährt die Regierung den autonomen Glaubensgemeinschaften, den katholischen und protestantischen, bedeutende materielle Aushilfen, die in die Millionen gehen. Die Juden aber bleiben hievon ausgeschlossen, da sie keine einheitliche religiöse Autonomie repräsentieren und die Regierung nicht gewillt und-auch außerstande ist, zu entscheiden, ob die Orthodoxen oder die Neologen das Recht darauf Haben, als die eigentliche Repräsentanz der jüdischen Glaubensgemeinschaft aufzutreten. Die Kriegsverhältnisse haben es mit sich gebracht, daß die jüdischen Gemeinden und Institutionen diese staatliche Aushilfe dringend benötigen. Schon deswegen wäre es geboten, eine einheitliche Organisation zu schaffen, um auch den Juden die staatliche Autonomie gewähren zu können. Allein die Orthodoxie zeigt sich nichtsdestoweniger außerstande, diesbezüglich ihren Standpunkt zu verlassen und Konzessionen zu machen. Sir kann sich mit der administrativen Selbständigkeit, die ihr angeboten wird, nicht begnügen und kann der Neologie einen Einfluß hinsichtlich der religiösen Fragen nicht einräumen. Die Erfahrungen in den anderen Ländern, wo keine separate orthodoxe Organisation 'existiert, wie z. B. in manchen deutschen Staate», Westösterreich rc., lehren zur Genüge, daß die Orthodoxie vielfach ganz einfach vergewaltigt wird und kaum jemals auf das Entgegenkommen der Fortschrittler rechne» kann. Die ungarische Orthodoxie hat sich seinerzeit zu einem energischen Schritte aufgerafft und hat «ine Lust, das Erreichte wieder aufzugeben. Immerhin wäre die Erlangung der Autonomie höchst wünschenswert. Aber die Herren Neologen mögen schließlich einmal zur Erkenntnis gelangen, daß die Orthodoxie in religiösen Dingen nie für prinzipielle Opfer zu haben sein wird. Die Dann wird es schon möglich sei», einen Boden zu finden, auf dem sich die beiden Gruppen der ungarischen Judenschast zu gemeinsamer Arbeit zusammenfinden werden. In religiöser Beziehung kann und wird die Orthodoxie keine wie immer gearteten Konzessionen machen. Darüber möge man sich im Lager der Neologie klar werden. Die Orthodoxie verkennt keineswegs die Bedeutung der Autonomie; aber sie stellt diesbezüglich ihre Bedingungen. Der Präsident der orthodoxen Landeskanzlei, Herr Adolf Frankl, hat sich darüber in seinen Aeußerungen gegenüber einem Pressevertreter (siehe „Jüdische Korrespondenz" Nr. 36) klar ausgesprochen. Geht die andere Seite darauf ein, dann kann die Sache bereinigt werden. Hazefeh. Vertreter -er jüdische« Presse beim polnische» Mimsterprüjidenteu. Der polnische Mnisterpräsident Kucharzewski empfing dieser Tage mehrere Vertreter der jüdischen Presst Polens. Der „Hajnt" berichtet über diesen Empfang: Der Ministerpräsident hielt eine halbstündige Ansprache über das Verhältnis des polnischen Staates zu de» Juden als Staatsbürger sonne über seinen perstnlichen Standpunkt zur Judenstage. Tr behandette dabei namentlich die unerfreulich Vergangenheit, mit der sein Name in der Erinnerung der Juden verknüpft ist, nämlich die Vorgänge bei den Wahlen zur vierten Duma, wobei er versicherte, daß der gegen ihn gerichtete Verdacht des Antffemitismus ein Irrtum gewesen sei, der chm viel Unannehmlichkeiten bereitet habe, da er niemals Antisemit gewesen sei. Was das Verhältnis des polnischen Staates zu den Juden betreffe, so wäre es im jetzigen ersten Stadium der Errichtung des Staates, da das Kabinett noch nicht gebildet ist, zu früh, von einem feststehenden Programm zu sprechen, es könne jedoch bei guten gegenseitigen Beziehungen an einer vollen Gleichberechtigung der Juden nicht gezweifelt werden. Der Ministerpräsident wies dabei auf die Eröffnungsrede des Rabbiners Perlmutter bei der jüngsten Rabbinerkonferenz hin, worin der Redner die Liebe und Hingebung der Juden gegenüber Polen betonte, was er, der Mnisterpräsident, nicht bezweifle. Im Namen der Anwesenden erwiderte der Bertteter des Blattes „Hacefira", der, wie der Bericht weiter besagt, „den Ministerpräsidenten begrüßte und seinen Dank dafür aussprach, daß dieser in unmittelbare Berührung mit der jüdischen Presse getreten sei, was in Zukunst gewiß viele Mißverständnisse verhüten werde". Der Ministerpräsident seinerseits teilte darauf hin mit, daß der Direktor der politischen Wteilung, Graf Rostworowski, dasselbe Verhalten gegenüber der jüdischen Presst wie gegenüber der polnischen Presst beobachten werde und alle Informationen, die die polnischen Blätter von ihm erhalten, auch den jüdischen Blättern zur Verfügung stellen werde. Rundschau. (Die jüdischen Kolonie« in Palästina.) Aus London erhält das Kopmhaqener Bureau der Zionistischen Organisation eine Mitteilung über die Lage der jüdischen Kolonien in dem von der türkischen Armee geräumten und von der englischen Armee "besetzten Gebiet Palästinas. In diesem Telegramm wird bestätigt, daß die türkische Armee bei ihrem Rückzug die Einwohner unbelästigt zurückgelassen hat und daß die Gebäude unbeschädigt geblieben sind, so daß die Lage der jüdischen Kolonie sehr beruhigend jst. Es.wurden nur Vorräte und Arbeitstiere mitgenommen. Es herrscht keine Hungersnot. (Eine antizionistische Liga.) Die Erklärung der englischen Regierung ftir ein jüdisches Palästina hat hervorragende englische Juden veranlaßt, eine antizionistische Liga zu gründen. Zu den Gründern gehört unter anderen Lord Swaythling. Das Programm enthält folgende Punkte: 1. Eine Bereinigung englischer Juden nur auf Grundlage der mosaischen Religion zu bilden. 2. Allen Versuchen entgegenzutreten, eine besondere politische jüdische Nationalität zu schaffen. 3. Den Juden, die Palästina zu ihrer Heimat machen wollen, die Ansiedlung in Palästina zu erleichtern. Die zionistische Presse in England nennt Lord Swaythling und feine Freunde deshalb Vylksverräter und klagt sie an, daß sie in der Stunde der Entscheidung dem jüdischen Volke in den Rücken fallen. (Die Inden in dev Fakultäten.) In einem Aufsatz über die Katholiken an den preußischen Hochschulen verzeichnet die „Germania", daß der Anteil der Juden wohl in der juristischen Fakultät gestiegen ist (von 9 8 Proz. aus 11'2 Proz.); in der medizinischen (18-5 Proz. auf 12 6 Proz.) und der philosophischen Fakultät (5'2 Proz. auf 2'7 Proz.) dagegen ist er bedeutend gesunken. Von den 1912/13 für reif erklärten 9939 Primanern und Extraneern waren nach dem Bekenntnis 6552 (65'9 Proz.) evangelisch, 2866 (28°8 Proz.) katholisch und 521 (5°3 Proz.) jüdischen oder anderen Bekenntnisses. (Für die Inden in Rumänien.) Die nationale „Vereinigung der rumänischen Juden in Amerika" entfaltet gegenwärtig eine große Tätigkeit zwecks Erlangung der Emanzipation ihrer Brüder in der Heimat. Eine Reihe jüdischer und nichtjüdischer Politiker von Ruf nahmen an der Festlegung des Programmes der Aktion teil. Im Namen der Bereinigung sandte der Vorsitzende des Bne-Brith-Ordens, Ad. Krauß, eine Depesche an Wilson, in der die gegenwärtige Lage der Juden in Rumänien geschillert und der Präsident aufgefordert wird, seinen Einfluß auf das verbündete Rumänien geltend zu machen. — Wilson hat aber sehr warme Trostworte für Rumäniens König und seiner Minister — er wird sie kaum der Juden wegen „belästigen" wollen. . . Vereinsnachrichte». (Verein zur Wahrung der Interessen des orthodoxe» Judentums in Wie« und Niederösterreich.) Der Vorstand ersucht, Zuschriften an den Obmann Herrn Bernhard H ofbauer, l-, Tuchlauben 20, zu adressieren, Geldsendungen auf Helkerreichischen Woksparüaffenllonto 11.176 einzuzahlen. — Von der Eröffnung des Bureaus wird in den Blättern Anzeige erfolgen. („Jeschurun", Organisation für die thoratreue Jugend Wiens.) Sonntag, den 16. d. M., um 6 Uhr abends, wird Herr stud. phil. Benö Freistadt im Turnsaale, II-, Malzgasse 16, einen Vortrag über Jehuda Halevi und Salomo ibn Gabirol — eine Parallele — halten. Gäste willkommen. (Channkafest.) In den Räumen der Restauration Pinkas veranstaltete der Verein „Jeschurun" eine für die Kursteilnehmer bestimmte Chanuka- Jause — deren glänzendes Gelingen zum großen Teile auf das Verdienst der Komiteedamen und deren opferfreudige Spenden in Naturalien zurückzuführcn ist. Die Feier wurde durch Ehrw. Herrn Rabbiner S. Neuwirth mit warm empfundenen und begeisternde Festesstimmung hervorrusenden Worten eröffnet. Das Anzünden der Chanukalichter, das Absingen des „Moaus-Zur" und die Deklamation einiger „Chanuka-Gedichte", besorgt von den Schülern Willy Schwarz, Alfred Kraus und Josef Neumann, bildeten neben den schwungvollen und sehr interessanten Ausführungen Sr. Ehrw. term Rabbiner Wiesner den ideellen Teil des bends. Nachdem Ehrw. Herr Rabbiner Dr. S. Funk in herrlichen Worten das Kaiserhoch ausbrachte, dankte Herr Obmann S. Bondi den Damen und Herren, die sich um das Gelingen des Bereinsabends verdient gemacht haben, und forderte sie auf, den Zielen des „Jeschurun", Vertiefung im jüdischen Wissen und der Pflege der Geselligkeit unter Gleichgesinnten, auch in der Zukunft treu zu bleiben. Im Namen der Schüler dankte ein kleiner Junge — der Schüler Hermann Bondi, dem Verein für das schöne Channkafest. Mit dem Bewußtsein, daß diese Organisation für die thoratreue Jugend Wiens eine unbedingte, lange entbehrte Notwendigkeit sei, verließen die Teilnehmer dieses erhabene Fest. Protestkundgebungen gegen Judenpogrome in Rußland. (Bon unserem Kopenhagen« Korrespondenten.) In den letzten Wochen hat die Pogrombewegung in Rußland recht bedrohliche Formen angenommen. In vielen grüßeren und kleinen Städten der jungen Republik, und insbesondere in den Südprovinzen kam es zu Ausschreitungen gegen Juden, die außer geplündertem und geraubtem jüdischen Vermögen auch Menschenleben zum Opfer hatten. An den Pogromen beteiligt sich nicht nur der finstere Pöbel, sondern auch, und vielleicht hauptsächlich, Soldaten, die ihre Plünderungen und verbrecherische Gewalttaten unverschämt offen und ungestört unter der Losung angeblicher „Verteidigung der Revolution" ausüben. In diesen Zuständen sehen nicht nur die Juden eine Bedrohung ihres Lebens und Existenz, sondern auch die wirkliche revolutionäre Demokratie Rußlands eine ernste Gefahr für die errungene Freiheit. Diese Befürchtungen finden ihren Ausdruck in den Protestkundgebungen und Resolutionen — erfolgreiche Gegenmaßnahmen bat man bisher nicht ergriffen — die bei verschiedenen Gelegenheiten angenommen werden, und von denen wir hier einige wiedergeben: Auf der am Ri. September (a. St.) stattgewndenen Kirchen-Konferenz wurde u. a. der Inhalt eines Briefes des Petrograder Rabbiners besprochen, der die Konferenz ersuchte, gegen die Pogrombewegung Stellung zu nehmen. Die Konferenz hat eine Resolution angenommen, die dem Ministerpräsidenten überreicht werden soll und den letzteren auffordert, alle Maßnahmen zur Verhütung der jüdischen Pogrome zu ergreifen. Außerdem wurde allen MilitärgeistlAen Befehl erteilt, die Soldaten von den Pogromen abzuhalten. Am 36. Oktober (a. St.) hat eine Deputation des jüdischen Militärverbandes mit dem Vorsitzenden Prof. Grusenberg, Dr. Weinschenker und Praporschtichik Awerbuch an der Spitze, den Stellvertreter des Ministerpräsidenten Kanowalow besucht, um gegen die ungestört sich ausdehnende Pogrombewegung zu protestieren. Die Deputation, die das nötige Beweis- und Jnformationsmaterial mitgedracht hatte, wies darauf hin, daß nicht nur in der Provinz, sondern auch in Petrograd ungestört eine Pogromagitation betrieben wird. Weder die provisorische Regierung noch die revolutionäre Demokratie hatten auf die Pogrome iu Tambow, Koslow und Bender reagiert. Das russische Judentum, das so viele und große Opfer für da? Vaterland gebracht hatte, habe das Recht zu verlangen, daß gegen die Pogrombewegung die strengsten