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Jüdische Korrespondenz · 1917-12-06 · 36 (6.12.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
36 (6.12.1917)
Date
1917-12-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seile 2 vollständig unabhängiges Unternehmen zu sein, das, von einer Gruppe radikaler Zionisten gegründet, den Zweck verfolgt, dem Baseler Programm unbedingte Geltung zu verschaffen, und jeden Versuch zu bekämpfen, den Zionismus zum Werkzeug der Politik welchen Staates immer zu machen. Zu bem Zweck wird die Korrespondenz unerbittliche Kritik auch an deu leitenden Organe» der zionistischen Bewegung üben". Dieses Programm könnte immerhin ein sehr löbliches sein, und mau sollte erivarten, daß sich die Kritik zunächst gegen das Treiben jener zionistischen Elemente in England kehren werde, die die Bewegung so ganz «ans gene in den Dienst der englischen Aspirationen gestellt haben. Allein, weit gefehlt. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Die ersten Publikationen dieser „Zionistischen Korrespondenz" enthalten überaus gewaltige Angriffe gegen die deutschen Zionisten und deren Organe, besonders der „Jüdischen Rundschau" in Berlin, welcher das Todschweigen eines Vortrages des Präsidenten der Organisation, Prof. Marburg, vorgeivorfen wird, weil der Vortragende angeblich die Behauptung aufgestellt haben sollte, die zionistische Bewegung sei konform den deutschen Interessen im Orient. Weiter wird behauptet, in der deutschösterreichischen Zionisten-Presse sei der Kopenhagener Aufruf anläßlich des 20 jährigen Jubiläums der Organisation gefälscht und verstünlmelt wiedergcgeben worden. Aus all diesen und ähnlichen Erscheinungen wird geschlossen, daß die Zionisten in. den Mittelmächte-Staaten die Taktik befolgen, die Politik dieser Staaten z» unterstützen und den Zionismus in deren Dienst zu stellen — ckies irae! Es ist nicht die Aufgabe dieser Zeilen, für die „Jüdische Rundschau" und die zionistischen Führer in Deutschland eine Lanze zu brechen. sie werden schon selbst zu anttvorten wissen, wenn sie es für geboten erachten sollten. Hier sei nur darauf verwiesen, daß das erste Auftreten der „Zionistischen Korrespondenz" im Haag mit einer geradezu unbegreiflichen Ungeschicklichkeit die Quelle verrät, aus welcher sic schöpft, und die Tendenz, die sic verfolgt. Das bereits wiederholt gekennzeichnete „Jüdische Korrespondenzbnreau" im Haag scheint den Herren in London nicht mehr zu genügen. Ein zweites Roß wird vorgespannt, um den Karren zu ziehen. Da man die Befürchtung hegt, die Zionisten könnten denn doch auch seitens der Mittelmächte Entgegenkommen finden, womit die englischen Plane hinsichtlich Palästinas ins Wasser fallen dürften, geht man daraus los, die Zionisten in den Staaten der Mittelmächte a priori zu diskreditieren. , . Sokolow, Mcizmann und Zabotynski dürfen wohl den Zionismus in den Dienst der Engländer stellen, — Marburg, Hantke und Klee aber haben kein Recht, bei den Regierungen der Mittelmächte zu intervenieren. Die Herren Engländer wollen die einzigen ans dem Jahrmarkt sein! Und die Moral davon! — Würde den Engländern tatsächlich daran liegen, in Palästina ein jüdisches Heimwesen zu errichten, so müßten sie es eigentlich mit Freude begrüßen, daß auch die Mittelmächte für diesen Plan gewonnen werden könnten, was ja seine Verwirklichung garantieren müßte. Allein, da sie so furchtbar ausgebracht sind auf die bloße Nachricht hin, es könnte dazu kommen — fo verraten sie deutlich ihre Geheimnisse, daß sie nur das eigene egoistische Interesse suchen und die zionistischen Pläne in den Dienst ihrer Politik stellen wollen, wie sie es mit den Serben, Italienern, Portugiesen rc. getan haben. Wenn cs noch an Beweise für die Heuchelei der Engländer in der Palästinasache gefehlt hätte — so wären sie jetzt endgültig erbracht. Spectator. Die Orthodoxie und die Palästinafrage. Das Organ der Orthodoxie in Deutschland, der „Israelit" in Frankfurt a. M., nimmt folgendermaßen zur Palästinafrage Stellung: Obgleich nach den im Augenblick vorliegenden Nachrichten der englische Vormarsch gegen Jerusalem nach der Einnahme von Jaffa und des westlichen Teiles der Bahnstrecke ins Stocken geraten zu sein scheint, muß doch mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß auch die heilige Stadt in kurzer Frist der Uebermacht und technischen Ueberlegenheit des englisch-französischen Heeres als Siegespreis überlassen werden wird. Damit wäre der englischen Jüdische Korrespondenz. Expedition, so wenig der Besitz Jerusalems strategisch auch bedmtet, doch ein politisch höchst bedeutungsvoller Erfolg beschiede», dessen Auswirkungen in Verbindung mit der an dieser Stelle bereits besprochenen Balsonr'schen Erklärung gerade vom jüdischen Standpunkte ans gar nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Geben wir »ns darüber keiner Täuschung hin. Solange Palästina ein Bestandteil des türkischen Reiches tvar, konnle es als ideelles Besitztum der ganzen Judenheit gelten. Vertreter aller Kulturnationen entfalteten inmitten des wenig entwickelten Landes, ziemlich nnbeengt durch die Aeußerungen osmanischer Staatshoheit und Eigenintereffen, eine freie Wirksamkeit, und Inden aller Länder vermochten — mindestens solange nicht durch politische Fehler Mißtraue» geweckt worden war — sich nach Herzenslust, je nach ihrem religiösen und kulturellen Ideal, den Bütern und Enkeln heiligen Boden als Stätte ihrer Lebensarbeit wie ihres letzten Schlummers erküren. Mit der Einnahme Südpalästinas durch die in eine Periode höchster Astivität eiutretende englische Weltmacht wird dem Palästina-Idyll der Jahrhunderte ein jähes Ende bereitet! Nun soll der Landstrich am mittelländischen Meer eine Art Brückenkopf für Englands ägyptisch-indisches Imperium werden, eine englische Militärkolonie, deren inneres Kulturgepräge — man darf, wenn der Plan gelingt, dessen sicher sein — letzten Endes und unter allen politischen Maskierungen ausschließlich von den weltpolitischen Interessen der meerbeherrschcnden Britannia bestimmt werden wird. Man hat es für gut befunden, dieser Kolonie vorläufig einmal die Etikette „Judenstaat" aufzukleben; aber wir fürchten, daß nüt diesem Schlagwort nur ein neues Kapitel der wechselreichen Golusgeschichte des jüdischen Volkes eingeleitet ist. Von drei drohenden äußeren Machtfaktoren umdräut, kann diese jüdische Siedlung von Englands Gnaden, an deren Organisation unter zionistischer Leitung man zweifellos ohne Verzug herantreten loird, nicht einmal dasjenige Maß von innerem Gleichgewicht erlangen, das ihr unter der Türken- Herrschaft beschieden war. Die ganze Glut des arabischen Fanatismus, der unter Umständen hinter der polnischen National- Eifersucht in nichts zurückbleibt, die Rache der Osmanen, denen inan ein lebendiges Glied ihres Staatskörpers vom Leibe gerissen hat, und endlich der Druck der englischen militärischen und politischen Interessen selber —- wie soll in diesem Dreieck von gezückten Schwertern „Jacob bestehen, dieweil es so klein ist?" Kann so von allgemeinen Gesichtspunkten aus das von den Entente-Zionisten angezettelte und von der klugen englisch amerikanischen Politik gierig ansgegriffene Palästina-Abenteuer in seiner weiteren Entwicklung nur mit schmerzlichem Bangei: verfolgt werden, so gestaltet sich der Ausblick noch trüber, wenn man den Maßstab des überlieferten Judentums anlegt, wenn man die Frage zu beantworten sucht, was die orthodoxe Judenheit als Ganzes für ihre Ideale von der neuen Ordnung der Dinge zu erwarten hat. Zufall oder Fügung: die Tatsache ist unleugbar, daß gerade wir von einem Palästina unter der Oberherrschaft einer entwicklungsfrohen Türkei alles zu erhoffen hatten, von dem englisch-französischen Zionistenstaat aber nichts zu erwarten und vieles zu fürchten haben. Gerade in den Ländern der Mittelmächte, in Polen, Galizien, Ungarn und im besetzten Rußland, wohnen die thoratreu gesinnten, fest im alten Judentum wurzelnden Massen, denen Palästinas Boden heilig ist, und die diesen Boden betreten, um dort ein Leben altjüdischer Treue, ein Leben der Gottesliebe und der Gesctzeserfüllung zu führen! Und das von der deutschen Orthodoxie in den judäifchen Kolonien geschaffene Kulturwerk schien berufen, das große Problem der Synthese von lebendigemJudentum und modernem Geiste, auf die alles ankommt, in vorbildlicher Weise zu lösen. Bleibt Palästina aber in englischer Hand, so wird man weder auf eine unbehinderte Einwanderung jener thoratreuen Waffen aus Mitteleuropa, noch aus den unentbehrlichen religiösen Einfluß des von S. R. Hirsch geschaffenen Kutturkreises mehr rechnen können. Statt dessen dürften Alliance israelite universelle und J. G. A. als lachende Erben sich anschickeu, die Reste jüdischer Kr. z« - Gesinnung zu vernicht«!, die der dritte Partner, der konfessionslose jmigjüdffch-rusHche Mtionalismus, nach dem Rezepte des Jaffmrr Gymnasiums und seiner gleichgerichteten hebrÄschen Schwesteranstakten noch übrig laffen wird. Mt dem Ansprüche, die endliche Verwirklichung tausendjähriger nationaler Ideale darzubieten, erhebt sich vor den Augen der Diaspora ein von außen und innen, politisch und kulturell gänzlich westeuropäisch bestimmtes, der Autorität des Thoragesetzes entrücktes Gemeinwesen, das die Hoffnung auf das Emporwachseu eines von der indischen Gesamtheit anerkannten religiöse« Zentrums in Palästina für lange Zeit vernichtet. So muß uns denn nicht nur als Deutsche, als Verbündete des Osmanenrriches, nicht nur aus dem Gefühle der jüdischen Dankbarkeit für die so schwer bedrohte Türkei der Wandel der Dinge in Palästina mit Schmerz erfüllen, sondern vor allem das Interesse an der Erhaltung Erez Israels für Gott und sein Gesetz. Gewiß werden die orthodoxen fet{e in den Ententeländern von ihrer Seite nichts unversucht lassen, um unter den erschwerten Vorbedingungen, die das englisch-zionistische Palästina bietet, ihre religiöse Pflicht so gut es geht zu erfüllen — allem es ist zu befürchten, daß diesen Kreisen nicht nur die Kraft fehlen wird, um einer so übermächtigen Koalition religionsfeindlicher Elemente die Spitze zu bieten, sondern unter km Drucke der politischen Konstellation auch die Energie und Klarheit des Wollens, die dazu gehört, um dem Siegesrausch der Sieger, denen die „Stunde lächelt", mit dem schlichten Wahrheitswort der überlieferten Gesetzeslehre entgegenzntreten. (Schluß folgt.) Ne Ikdenorrfolgungen in Rumänien. Wie das Jüdische Preßbnreau in Stockholm berichtet, hat der Stockholmer Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis im „Svenska Dagbladet" einen offenen Brief an den neuen französischen Ministerpräsidenten Clömenceau gerichtet, in dem er unter allerlei Verbeugungen vor Clemenceaus Gerechtigkeitsiiebe (?) über die Verfolgungen der Juden in Rumänien folgende Angaben macht: „Sie werden in den Archiven Ihres Ministeriums Berichte über die tragischen Erlebnisse der rumänischen Juden während der letzten Monate finden (unter anderen vom russischen Arbeiter- und Soldatenrat in Petrograds und von einer von General Marx eingesetzten Untersuchungskommission ans Odessa ra), welche sicherlich Ihr so starkes Rechtsgefühl aufs tiefste erregen werden. Sie werden da lesen, wie zu gleicher Zeit, da 30.000 jüdische Soldaten bluten und sterben für ihr Vaterland, da» noch nie ein Vaterland für sie gewesen — ihre Frauen und Kinder auf das grausamste verfolgt werden; wie hungernde jüdische Kinder beim Holen von Eßwaren an der rumänisch-bessarabischen Grenze von den Wachtposten niedergemacht Ivurden; wie 34 jüdische Soldaten wegen Fahnenflucht unschuldig angeklagt, in Ducau erschossen wurden, wie unter andern der jüdische Sozialistenführer Dr. Wechsler vom Offizier Romalo, einem persönlichen Freund des Thronfolgers, erschossen wurde, weil er angeblich am 1. Mai an der Befreiung Rakowskys aus dem Gefängnis teilgenommen haben soll; wie Tausende jüdischer Flüchtlinge mit ihren Kranken und Säuglingen unter freiem Himmel in Kälte und Regen kampierten, weil ihnen nach rumänischem Gesetz Aufenthalt in den Dörfern verboten ist. Sie werden schließlich auch die Mitteilungen lesen, die Vandervelde während eines Besuches in Rumänien über Judenverfolgungen an und hinter der rumänischen Front von Soldatendeputationen gemacht werden." Der Brief schließt mit den Worten: „Die Lage der rumänischen Juden ist krittscher als je, und vor allem ist Rumänien Ihr Bundesgenosse, dessen humanitätswidrige Handlungen einen Schalten auf die großen Demokratien werfen, mit denen es alliiert ist. Für die Mion, die Sie 1813 gemeinsam mit Luzatü unternommen, für die Grundsätze, welche Sie in Ihrem »klömme libre" verkündet haben, ist jetzt die Stunde der Erfüllung gekommen. Die Stimme des Blutes unserer Brüder schreit zu uns aus der Erde Rumäniens. Ich hoffe und wünsche, daß auch Sie, Herr Ministerpräsident, diese Stimme hören mögen. Sie waren in Ihrem Vaterland« Zeit Ihres Lebens der unerschrockenste

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