Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 36 (6.12.1917)
- Date
- 1917-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis per Nummer 10 Heller. Vierteljährlich K 120. Nachdruck mit voller gestattet Wochenblatt für jüdische Interessen.; Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Wien, 6. 1917. III. Jahrgang. Zeichnet Kriegsanleihe! Wie bei den bisherigen Kriegsanleihen, haben auch diesmal die in Men weilenden Großrabbiner aus Galizien und der Bttkowina einen warmen Appell an die orthodoxe Judenschaft erlassen, Kriegsanleihe zu zeichnen. Der Aufruf lautet: „Zum siebenten Male ruft der Kaiser seine Völker auf, die Armee, die um die Lebensinteressen des Vaterlandes kämpft, durch zahlreiches Zeichnen der Kriegsanleihe zu stützen und derselben das Kämpfen bis zum Endsiege zu ermöglichen. Dieser Sieg ist nicht mehr fern; schon hat einer der mächtigsten Gegner unseres teueren Vaterlandes um Frieden angesucht, und es ist Hoffnung vorhanden, gar bald zum Frieden zu gelangen. Die gegenwärtige Kriegsanleihe dürfte demgemäß die letzte sein. In der Zukunft werden die Völker der Monarchie nicht mehr für Kriegszwecke dem Vaterlande ihre Geldmittel zur Verfügung stellen, sondern für friedliche Arbeit, zum Wohle und Heile der Monarchie und der ganzen Menschheit. Wenn es auch überflüssig erscheinen mag, unsere Glanbensbrüder auf die gebieterische Notwendigkeit, sich zahlreich an den Zeichnungen der 7. Kriegsanleihe zu beteiligen, noch besonders aufmerksam zu machen, da sie wohl ihre Pflichten gegen Kaiser und Vaterland vollauf kennen, so finden wir uns dennoch veranlaßt, auch diesmal unseren heißesten Appell verlautbaren zu lassen und unsere Brüder anzueifirn, daß Jeder im Rahmen der Möglichkeit sei« Scherstem zum finanziellen Steg des Vaterlandes beittagen soll. Wer zum Erfolg der Kriegsanleihe beiträgt, der beschleunigt den Frieden und vermehrt die Ehre und die Macht des Vaterlandes. Unsere Glaubensgenossen haben bei den bisherigen Kriegsanleihen stets voll und ganz ihre Pflicht ^erfüllt. Sie mögen und werden es auch heute tun, und der ewige Vater im Himmel wird all ihr Tun segnen und sie mit den Segnungen des Friedens beglücken. Amen. Ganz besonders empfehlen wir unseren Glaubensbrüdern, auch diesmal ihre Kriegsanleihezeichnungen im Wege des Kriegsanleihe - Zeichnungsvereines ,Kg«das IrsroeP vorzmiehmen. Durch diesen Verein kann jeder auch mit dem kleinsten Bettag und unter dm leichtesten Bedingungen seinen Anteil an dem groß« pattivtischen Werke haben. Wien, Kislew, 5678. Großrabbiner Israel Friedmann (Czortkow). Großrabbiner Jsak Meier Heschel (Kvpeczynce). Großrabbiner Chaim Hager (Ottynia). Großrabbiner Abraham Jakob Friedmann Großrabbiner Jsak ll^ordchai Schapira (Gwozdziec). Großrabbiner Israel Friedmann (Husiatyn). Großrabbiner Nachum Friedmann (Bojan). Großrabbiner Chaim Schapira (Drohobycz). Großrabbiner Mordchai Friedmann (Sadagora)." Äuf m Frir-ensarbrit! (Von besonderer Seite.) Der Krieg stirbt ab. Schon werden zwischen Rußland und den Vierbundstaaten Waffensnllstandsverhandlungen geführt, die höchstwahrscheinlich den Frieden bringen dürstm. Schon ahmt Rumänien dasselbe Beispiel nach. Gar bald werdm auch die anderen Kriegführenden dasselbe tun müssen. Der Friede ist im Anmarsch und nichts kann ihn mehr längere Zeit anshalten. Gar bald werdm wir also dabei sein, die Friedensarbeit wieder aufzunehmen. Auf allm Gebieten des öffentlichen Lebms werdm hicfür Vorbereitungen temacht, alle Völker, Parteien und Gruppen rüsten zu diqer Arbeit aus Grund der Erfahrungm, die die Kriegszett mit sich gebracht hat. Nur im jüdischen Lager herrscht noch das alte Chaos. Wenn der Friede abgeschloffen sein wird, werdm wir Juden da stehen, wo wir im Juli 1914 gestanden sind. Zerklüftet, uneinig, planlos, oder richtiger von allzu viel Plänm belastet und von einem Extrem ins andere stürzend. Mit einem Worte: Wer die Situation im jüdischen Lager aufmerksam verfolgt, muß zum Urteil gelangm, daß der Krieg für uns nicht existiert hat, außer der gewaltigen Opfer, die er unsererseits gefordert hat. Gewisse jüdische Gruppen, die sonst sehr löbliche Ziele verfolgen, haben sich in ein Maximalprvgramm verbissen und vernachlässigen alle anderen Gebiete, die kleinen Sorgen und Forderungen des Tages. Sie scheinen vergessen zu haben, daß, „wer das Kleine nicht ehrt/ist des Großen nicht wert". Ob der weitgehmdm Ziele darf das nächste nicht aus dem Auge gelaffen werden. Man darf sich hinsichtlich wichtiger Fragen nicht mit einem bloßen Negieren begnügen, und man darf es nicht zulasten, daß uns die Ereignisse gewissermaßen über den Kopf wachsen. Was ist bisher von jüdischer Seite hinfichtsich der Flüchtlinge geschehen, die ja nunmehr endgültig in ihre Heimat zurückkchren und vor der Aufgabe stehen werden, ihre Existenzen wieder aufzurichten? — Was ist hinsichtlich vieler anderer Fragen, politischer, kultureller und wirtschaftlicher Natur,geschehen, welche Vorarbeit wurde geleistet, welche Vorbereitungen wurden gemacht, um das UnzulanAliche.ansAiAestaÜen, dasMaugelhaste zu ergänzen und die sichtbarm Lücken ans- S'üllen? — Wir sind nach wie vor große Helden Wortes, wir verstehen es, zu klagen, vermögen es aber nicht, Reales zu leisten und Dauerndes zu schaffen. Nicht einmal die bitter-bösen Erfahrungen des. Krieges haben da Wandel geschaffen. Und doch drängt die Zeit, und es ist kein Moment mehr zu verlieren! Kommt der Friede, und wir befinden uns in dem hmtigen Zustande, dann werdm wir wieder einmal die günstige Gelegenheit verpaßt haben, etwas zu leisten und zu schaffen. Es ist jetzt keine Zeit dafür, sich nebulösen Plänen hinzugeben. Es muß praktische, reale Arbeit geleistet werden. Wir müssen klare Ziele vor Augen haben, Mögliches und Erreichbares anstteben und uns nicht in Phantasmen verlieren, die wohl schöne Ideale darstellen, aber nicht verwirklicht werden können. „Alles, oder nichts!" war nie eine gesunde Parole. Auf denn, zur praktischen, realen Arbeit! Noch ist es nicht zu spät, aber immerhin die höchste Zeit. Der Krieg stirbt ab, rüsten wtt uns zu neuem Leben. - Die jüdischen Interessen ans dem Friedenskongreß. Frankfurt a. M., 23. November. In einer am 21. d. Ms. stattgrhabten Plenarsitzung des „Agndas Jisroel"-Komiteeswurden ans Grund der schon seit einigen Monaten geleisteten Vorarbeiten Maßnahmen beschlossen, um die Vertretung der thoratreuen Judenheit auf dem Friedenskongreß in zweckmäßiger und wirksamer Weise zu ermöglichen. Die Grundzüge eines den Interessen der thoratreuen Massen des Ostens entsprechenden Programmes, das sowohl die Palästinafrage als auch die Rechtsstellung der Juden in der Diaspora umfaßt, sollen zunächst von den orthodoxm Organisationen in dm einzelnen Ländern beraten und alsdann einer »ach emem neuttalen Lande einznbernsendm Konfermz unterbreitet werdm. Nach Fertigstellung des Programms bleibt die rechtzeitige Fühlungnahme mit dm anderen Gruppen der Judenheit zwecks möglichster Verständigung über einzelne gemeinsame Postulate Vorbehalten. Die Entente gegen die Mittelmachte- Zisnisten. Seit etwa 14 Tagen wird um Jerusalem gekämpft. Die Ankündigung der Engländer, binnen wenigen Tagen in Jerusalem einzurücken, hat keine Bestätigung gefunden. Im Gegenteil, die jüngsten Kämpfe zwischen Türken und Engländern um Jerusalem brachten den Engländern schwere Niederlagen, die sie selbst zugeben müssen. Die Kämpfe sind noch nicht entschieden, und die Gefahr für Jerusalem ist noch nicht gewichen. Immerhin scheint man in London etwas kleinlaut geworden zu sein und schon heute zu bedauern, mit den Versprechungen an die Zionisten sich beeilt zu haben, die nur dazu führen könnten, einen entgegengesetzten Effekt zu erreichen, indem die Zionisten Anschluß zum Vierbunde suchen dürstm, wenn sie zur Ueberzeugung gelangen werden, von England nichts mehr erwarten zu können. Die Versprechungen Englands im bekannten Briefe Balsours an Lord Rotschild haben den Zionisten in den Ländern der Mittelmächte die Gelegenheit gegeben, ihrerseits eine intensive Aktion nach der Richtung zu führen, nunmehr auch seitens der Mittelmächte eine Förderung ihrer Pläne zu erwirken. Die zionistische Presse in Oesterreich- Ungarn und Deutschland war in den letzten Wochen ein wenig überlaut und schlug ziemlich hohe Töne an nach der Richtung, daß es nunmehr Sache der Mittelmächte sei, ihrerseits dem Zionismus mehr Aufmerksamkeit und mehr Interesse zu widmen, da sonst die Gefahr vorhanden ist, daß die zionistische Bewegung ganz in das Fahrwasser der Entente geraten könnte. Seit der Audienz des Dr. Hantle beim k. u. k. Minister des Auswärtigen, Gräfin Czernin, wurden seitens der Zionisten Gerüchte verbreitet, daß Dr. Hantke, der angeblich nicht um die Audienz angesucht hat, sondern vom Grasen Czernin offiziell berufen wurde, bei dieser Gelegenheit feste Zusicherungen erhalten habe, daß die Mittelmächte die zionistische Sache in Konstantinopel unterstützen werden. Diese Gerüchte gehen sogar so weit, zu behaupten, die Mittelmächte wollen mit der Hilfe der Zionisten die Stimmungen der Juden des Auslandes für sich gewinnen, und in den letzten Tagen hieß es sogar, die k. u. k. Regierung hätte die chassidischen Großrabbiner ersucht, einen Delegierten aus ihrer Mitte zu der bevorstehenden zionistischen Konferenz in Kopenhagen zu entsenden, um ihrerseits die erwähnten Pläne zu fördern. Die Absurdität dieser Behauptungen liegt klar zutage, und es genügt, daraus zu verweisen, daß angeblich ausgerechnet Adolf Stand es sein soll, der da eine große diplomatische Rolle zu spielen berufen ist, um das Groteske der ganzen Sache -zu erkennen. Die Herren Zionisten benützen ganz einfach die Gelegenheit der Audienz des Dr. Hantke, um die Stimmen der breiten jüdischen Volksmasfin für sich zu gewinnen, indem sie vorspiegeln, der Zionismus wird nun auch seitens der maßgebenden Stellen anerkannt und als wichtiger polittscher Faktor bewertet. In England scheint aber die neueste Rührigkeit der deutschen und österreichisch-ungarischen Zionisten Mißbehagen erregt zu haben. Man fürchtet dort, vielleicht könnten die Mittelmächte der Entente auch hinsichtlich der Palästinafrage Konkurrenz machen, und dann wäre der ganze Effekt ihres Liebewerbens um die Stimmungen der Juden dahin. Um dieser Gefahr vorzubeugen, hat man flugs zu einem bekannten und bewährten Mittel gegriffen: Im Haag ist plötzlich ein zionistisches Korrespondenzbureau errichtet worden, das eine „Zionistische Korrespondenz" erscheinen läßt. In der Ankündigung versichern die Herausgeber der Korrespondenz, „ein