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Jüdische Korrespondenz · 1917-11-29 · 35 (29.11.1917) · page 7

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
35 (29.11.1917)
Date
1917-11-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Jüdische Korrespondenz. Rundschau. (Der Sterbetag des Kaisers Franz Josef I.) Anläßlich des Sterbetages des Kaisers Franz Josef I. wurden am 21. November in allen israelitischen Gotteshäusern Wiens und nach vorliegenden Nachrichten nahezu in sämtlichen Synagogen des Kaiserstaates Trauergottesdienste in Anwesenheit der Kultusvertreter, der Vereinsvorsteher, der Schulen und eines zahlreichen andächtigen Publikums abgehalten und der Gedächtnistag feierlich begangen. (Adas Jisroel - Schisssynagoge.) Am Tage des Eintreffens der Nachricht von der glücklichen Errettung Seiner Majestät des Kaisers aus Lebensgefahr wurde in der Schiffschul beim Abendgebet ein feierlicher Dankgottesdienst abgehalten. In Ausführung eines Vorstandsbeschlnsses vom Vorjahre werden die Spendeneingänge des Sabbats vor dem Sterbetage Seiner Majestät weiland Kaiser Franz Josefs den Armen zugewendet. Diese Eingänge beliefen sich am Samstag, den 17. d. M., auf Li 800, welcher Betrag am 21. d. M. an würdige Arme, besonders Familien Eingerückter, verteilt wurde. Am Sterbetage wurde in der Synagoge das Seelenheillicht angezündet. (Kundgebung der Prager israelitische» Kultnsgemeinde-Repräsentanz.) In der Sitzung der Prager Kultusgemeinde-Repräsentanz am 14. November wurde über Antrag deS Herrn Präsidenten Ob.-Fin.-Rats Dr. KoZerak beschlossen, die Glückwünsche der Kultusgemeinde aus Anlaß der Errettung des Kaisers aus Lebensgefahr an die Stufen des Thrones zu leiten. Aus gleichem Anlaß soll um die Erlaubnis gebeten werden, das neuerworbene Knabenwaisenhaus in der Klamovka nach dem Kaiser zu benennen. (Kundgebung der Lcmberger Kultusgemeinde.) Auf Anordnung des Lembcrger Knltusvorstandes fand am 15. November in der Lcmberger fortschrittlichen Synagoge ein Dankgottesdienst anläßlich der glücklichen Errettung des Kaisers aus großer Lebensgefahr statt. Unter den Festgästen befanden sich Vertreter der Generalität und des Offizierskorps, der Stellvertreter des Regierungskommifsärs Dr. Schleicher, der Regierungskommissär der Kultusgemeinde Dr. Parnas und mehrere Staatsbeamte. Nachdem Oberkantor Saitz mit Chorbegleitung einen Dankpsalm vorgetragen hatte, hielt Rabbiner Dr. Guttmann eine warmempfundene Ansprache. Kaisergebet und Volkshymne bildeten den Schluß der Feier. (Dr. Markus Landau.) Am 21. d. M. feierte der Schriftsteller Dr. Markus Landau seinen 80. Geburtstag. Dr. Markus Landau hat die jüdische Wissenschaft mit einer Anzahl wichtiger Werke zur Geschichte des jüdischen Volkes bereichert. Aber auch auf anderen Literaturgebieten hat er Ersprießliches geschaffen. Sein „Handbuch zum Verständnis der italienischen Literatur im 18. Jahrhundert" sowie die drei Werke „Die italienische Literatur am österreichischen Hofe", „Rom, Wien und Neapel während des spanischen Erbfolgekrieges" und „Kaiser Karl VII. als König von Spanien" haben seinen Namen in weiten Kreisen rühmlich bekannt gemacht. (Aendernngen im galizischeu Repatriieruugsgebiet.) Wegen nachträglich festgestellter Unmöglichkeit der derzeitigen Wiederbesiedelung hat das Ministerium des Innern nachstehende Bezirke, beziehungsweise Gemeinden aus der Gruppe A (obligatorische Rückkehr) des aalizischen Repatriiernngsgebietes in die Gruppe» (freiwillige Rückkehr) verlegt: die politischen Bezirke Bobrka, Bvhorodczany, Brzezany, Buczacz, Horodenka, Kalusz, Kolomea, Kosow, Nadworna, Peczenizyn, Podhajce, Przemyslany, Rohatyn, Sniatyn, Stanislau, Tlumacz, Zolkiew und Zydaczow: ferner die Gemeinden: Belz, politischer Bezirk Svkal; Belzec, Magierow, Niemirow und Lubycza - Krolewska- Miasteczko, politischer Bezirk Rawa Ruska; Lipsko, Politischer Bezirk Ciesznow; Bortiatyn, Chorosnica, Holodowka, Jordanowka, Kalnikow, Krolin, Kulmatycze, Lutkow, Moczerady, Mokrzany male, Orchowice, Podgac, Slabacz, Szeszerowice, Tuliglowy, Wiszenka, Wolosztkow, Zagrody undZarzecze, politischer Bezirk Mosciska; die Stadt Grodek Jagiellonski, politischer Bezirk Grodek Jagiellonski; Jaryczow Rowy, Nowary, Szczerzec, Czarnuszowice und Winniki, politischer Bezirk Lemberg und Umgebung; Lisko, Cisna und Wola-Michowa, politischer Bezirk Lisko; Jamielnica, Jelenkowate, Kalne, Karlsdorf, Klimiec, Koztowa, Lawoczne, Oporzec, Skole, Slawsko, Tuchla, Wyzlow und Zupanie, politischer Bezirk Skole; Lisowice, politischer Bezirk Dolina; Beuiowa, Borynia, Bukowiec, Butelka Nizna, Butelka Wyzna, Jwaszkowce, Jablonow, Krywka, Myta, Rosochacz, Sianki, Sokoliki, Wysocko Nizne, Zawadka, politischer Bezirk Turka. _ Vom Vereinsleben. (Verein zur Wahrung der Jutereffen des orthodoxe» Judentums in Wien »nd Ricderösterreich.) Am 11. d. M. fand die Generalversammlung dieses Vereines unter dem Vorsitze des Obmannes Herrn Bernhard Hofbauer statt. Der Vorsitzende begrüßte die Erschienenen und gab seiner besonderen Genugtuung Ausdruck, daß die Vereine Adas Jisroel, Beth Israel, Machsike Thora, Thalmud Thora, Thora Ez-Chaim, Prater Bethaus, Stumpergasse, Schönlatern-Schul, Machsike- Hadaß, I. Bezirk, Aarps in n’efesch, Adas Jeschurun und Bcthaus Chassidim, II. Floßg., Vertreter zur Versammlung entsendet hatten, was zu der Hoffnung berechtigt, daß der Verein in der Zusannnenarbeit mit den orthodoxen Bethäusern Wiens eine ersprießliche Tätigkeit wird entwickeln können. Ueber Antrag des Vorsitzenden wurde ein tiefempfundenes Dankgebet für die glückliche Errettung unseres geliebten Monarchen, Sr. Majestät Kaiser Karl I., verrichtet. Die Versammlung beschloß, ein Huldigungs-Telegramm an Se. Majestät zu richten. Der Schriftführer des Vereines referierte über die bisherige Tätigkeit des Vereines und legte die Ziele und Aufgaben, die selber zu lösen und zu verfolgen hat, dar. Die Wahl ergab folgendes Resultat: Mit Stimmeneinheit wurden gewählt: Gustav Austerlitz, Sigmund Bondi, Albert Breuer, Ignatz Back, Eduard Deutsch, Moritz Felsenburg, Dawid Bischofswerder, Friedrich Fischer, Julius Fischer, IX., Bernhard Hofbauer, Markus Kamm, Osias März, Wilhelm Kritzler, Franz Neumann, Heinrich Pappenheim, Wolf Pappenheim, Dr. I. Reiniger, Nathan Schiff, Jakob Stroh, Julius Steinfcld, Lippe Türkl. Zu Revisoren wurden einstimmig die Herren Max Hofbauer und Samuel Schwarz gewählt. Der Vorstand hat sich in folgender Weise konstituiert: Obmann: Herr Bernhard Hofbauer; Obmann- Stellvertreter: Herren Albert Breuer und Eduard Deutsch; Kassier: Ignatz Back; Schriftführer: Wolf Pappenheim und Dr. Isidor Reiniger; Kontrollore: Dawid Bischofswerder und Sigmund Bondi. (Jerod Halorah, Schnitzerei« der Adas Jisroel.) Zur Erweiterung der seit Jahren bestehenden, erfolgreich wirkenden Religionsunterrichtsanstalten der Adas Jisroel hat sich aus deren Mitte ein eigenerVerein gebildet,deramll. November seine Konstituierung vornahm. Statutengemäß delegierte die Adas Jisroel die Herren Obmann-Stellvertreter Dr. Reiniger und Wolf Pappenheim, der Thora-Ez-Chajim (Bet-Hamidrasch der Adas Jisroel), die Herren Albert Breuer und Isidor Frommer in den Verein Jesod Hatorah. Den Vorstand bilden die Herren: Wilhelm Kritzler, Obmann; Hugo Bondi, Wolf Pappenheim, Obmann-Stellvertreter; Albert Breuer, Kassier; Moritz Leitncr, Schriftführer; Rudolf Kohn, Emil Kritzler, Jakob Pinkas, Heinrich Pappenheim, Natan Schiff, Dr. I. Reiniger, Isidor Frommer, Vorsteher. Zu Revisoren wurden gewählt die Herren Max Hofbauer und Emil Stroh. Der Vorstand wird sofort darangehen, die durch Lokalmangel und Einrückung der Lehrer arg benachteiligte Schule auf das frühere glänzende Niveau ju bringen. Hat doch die Führung dieser Schule die Errichtung einer Anzahl gleichartiger Religionsschulen angeregt, in denen ausgedehntes jüdisches Wissen gelehrt und echt jüdischer Geist gepflegt wird. („Sinai.") Unter diesem Namen wurde am 30. Oktober ein Verein zur Förderung der Interessen des konservativen Judentums in Prag gegründet. Den Vorstand des Vereines, der schon am Gründungstage 15 stiftende und 126 ordentliche Mitglieder zählte, bilden die Herren: Oberrabbiner Dr. Heinrich Brody, Prof. Dr. S. Ehrenfcld, Dr. Isidor Jeiteles (Obmann), Prof. Dr. Eugen Lieben, Rudolf Stransky und Markus Ungar. Am 26. November, um 8 Uhr abends, findet im Sitzungssaalc der Israelitischen Beerdigungsbrüderschaft (Josefstädter Straße) die erste Mitgliederversammlung des Vereines statt, bei der „die nächste Aufgabe der Vereinstätigkeit" besprochen werden soll. Die Erörterung wird durch Herrn Obcrrabbiner Dr. Brody eingeleitet werden; eingeführte Gäste haben Zutritt und können sich gleich den Bereinsmitgliedern an der Aussprache beteiligen. Die Notlage der jüdischen Bevölkerung in Marschau. Die Lage der jüdischen Bevölkerung in Polen verschlinimert sich mit jedem Tage. Die bescheidenen Mittel, welche der jüdischen Bevölkerung im Momente des Kriegsausbruches noch zur Verfügung standen, sind ganz erschöpft, und Leute, die vor dem Kriege über ein Vermögen von sogar 80—60.000 Rubel verfügten, sind jetzt ganz mittellos und müssen um Unterstützung bitten. Natürlich ist di« Lage derjenigen, die auch früher durch gesellschaftliche Institutionen unterstützt wurden, jetzt, nachdem keine Mittel vorhanden sind, ganz hoffnungslos. Hungerkrankhciten, Epidemien, Typhus, Dissenterie, grassieren fürchterlich unter diesen Familien. Wie die hygienischen und sanitären Bedingungen in den Stadtvierteln, wo diese Leute wohnen, anssehen, kann man sich schwer vorstellen. Zwei bis drei Familien leben in einem Kellerzimmer, ohne Fußboden und ohne Ofen. Wenn ein Mitglied einer Familie erkrankt, ist sofort das ganze Haus mit seiner Einwohnerschaft von einigen Hundert "Seelen bedroht. Ans Furcht v»r polizeilichen Maßregeln werden epidemisch« Vorfälle der Polizei nicht angemeldet. Welche Folgen daraus entstehen, kann man sich ieicht denkeri. An epidemischen Krankhettcn Gestorbene bleiben bisweilen drei, vier Tage unter den Lebenden liegen, und auf diese Weise werden ganze Häuser infiziert. Es gibt hunderte und tausende von Familien, welche bei Ausbruch des Krieges fünf bis sechs Kinder hatten, von denen jetzt nur zwei bis drei geblieben sind, von deneir manche, infolge Mangels an Ernährung, nicht selbständig gehen können, so daß 8 —8 jährige Kinder von den Müttern auf den Armen getragen werden müssen. Unter den Notleidenden befindet sich eine große Anzahl von Frauen und Kindern, deren Familionhaupt sich in den Reihen der russischen Arniee befindet. Ferner gibt es viele Familien, bei denen die Männer oder Väter sich in Amerika oder in Rußland befinden und für ihre Familien nicht sorgen oder kein Geld schicken können. Die Industrie und der Handel haben aufgehört, viele Arbeiter sind brotlos. Zufolge Mangel an Rohmaterial sind auch die Handwerker jeder Möglichkeit enthoben, ihren Beruf zu betreiben. Die Mittelklasse, bestehend aus Grundbesitzern und Kaufleuten, befindet sich ebenfalls m einer sehr kritischen Lage. Man kcksin, ohne zu übertreiben, behaupten, daß der jüdische Mittelstand ruiniert ist. Achtbare Leute, die sich schäme», von der Wohltätigkeit zu leben, verkaufen ihr Hausgerät, ihre besseren Kleidungsstücke und endlich sogar die'nötigste Wäsche, um ihre Familie ernähren zu können. Es gibt viele Fälle, wo Leute, die bis zum Kriegs in fünf bis sechs Zimmern wohnten, jetzt außer einem Bette, Tisch und einigen Stühlen, alles verkauft haben und nun. allen ihren Bestrebungen zum Trotz, nach drei Jahren qualvoller Entbehrungen doch gezwungen sind, sich an die Hilfskommission wegen kleiner Unterstützungen zu wenden. Das Leid dieser Leute, bis sie sich entschließen, das erstemal eine Unterstützung zu fordern, ist unbeschreiblich. Die ungeheuere Not läßt sie jedoch immer mehr in materielles und moralisches Elend sinken, bis sie allmählich verlernen sich zu fchämen und aus früher angesehenen und achtbaren Bürgern einfache Schnorrer werden. Dieser moralische Untergang ist vielleicht noch schrecklicher als der materielle. Von der jüdischen Bevölkerung in Warschau, bestehend aus zirka 340.000 Inden, leben jetzt 220.000 von spärlicher Unterstützung. Familien, die aus vier bis fünf Personen bestehen, müssen häufig mit 10 Mark monatlich auskommen. Wenn man in Betracht zieht, daß bei der Rationierung von Brot nur 140 Gramm pro Person täglich gegeben werden, und daß der Preis über dieses Quantum hinaus 60 —90 Kopeken pro Pfund beträgt, kann man sich schon ein Bild davon machen, wie eine Familie mit 10 Mark monatlich auskommen kann. Die Sterblichkeit hat sich um das vierfache vergrößert. Aeltere Leute und kleine Kinder verschwinde». Leute in den Mitteljahren werden infolge der Unterernährung ganz abgeschwächt und Opfer chronischer Krankheiten. Am schlimmsten ist folgende Neuerscheinung: Der ausgehungerte Organismus greift zuletzt auch das Knochenselt an, welches später, leibst bei reichlicher Ernährung, nicht mehr zu ersetzen ist, und der Betreffende bleibt dann für immer ein Krüppel. Von der Gesamtzahl der jüdischen Kinder im Alter von 3—13 Jahren, die laut Statistik in Warschau dis 90.000 ansmacht, finden in den Kinderheimen, Talmud- Thoras, Gemeindeschulen und sonstigen Institutionen nur zirka 21.000 Kinder Unterkunft. Die restlichen zirka 70.000 Kinder laufen in den Häusern herum, betteln überall und sind den schrecklichsten Einflüssen der Straße preisoegeben. Die jüdischen Mädchen, welche früher der jüdischen Sittlichkeit der ganzen Welt als Vorbild dienen konnten, sinken infolge der Not und des Elends imnier mehr in den Abgrund. Für das Sinken der Sittlichkeit

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