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Jüdische Korrespondenz · 1917-11-29 · 35 (29.11.1917) · page 6

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
35 (29.11.1917)
Date
1917-11-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Judisehe Korrespondenz. der sich in seiner auswärtigen Politik von prophetischer Weisheit führen ließ, bedarf nicht der Erwähnung. Das Resultat war dann auch, daß die Assyrer ihn auf einige Zeit gefangen genommen und in Ketten nach ihrem Lande geschleppt haben. Der Prophet Jcremia hält gleich zu Anfang seiner prophetischen Tätigkeit eine Rede, in welcher er sowohl das Götzentum, wie die Bündnispolitik geißelt. Wohl ein Beweis dafür, daß er zwischen beiden einen Zusammenhang sah, und zwar Mangel an Gotterkenntnis: „Und n , . . _ . .. des Schichors Wasser zu trinken? Uno was vom Wege nach Assyrien, die Wasser des Stromes zu trinken? Dich wird Deine Bosheit züchtigen und Deine Abtrünnigkeit Dich strafen, daß Du erkennst und siehst, wie bös und bitter es ist, daß Du den Ewigen, Deinen Gott, verlassen und vor mir keine Furcht in Dir ist, spricht der Herr, der EwigederHeerjcharen." )Jeremia2,18—19.) „Was rennst Du, Deinen Weg zu wechseln? Auch von Aegypten wird Dir Schande, so wie Dir von Assyrien Schande geworden ist." „Auch'von diesem wirst Du gehen, die Hände über den Kopf geschlagen denn der Ewige verwirft Deine Stützen und es glückt Dir nicht mit ihnen." Als König Jojachim mit vielen der Vornehmsten Jerusalems durch die Babylonier weggesührt war, und die Exulanten in ihrem Verkehr mit der Heimat offenbar darauf drängten, Juda möge sich mit Aegypten verbinden und das babylonische Joch abschütteln, da schrieb Jcremia seinen bekannten Brief nach Babel, in welchem es u. a. heißt: „Suchet das Heil der Stadt, wohin ich Euch geführt habe und botet ihretwegen zum Ewigen, denn in ihrem Heil wird auch Euch Heil sein." „Denn so spricht der Ewige Zebaoth: Laßt Euch nicht betören durch Euro (falschen) Propheten, die in Eurer Mitte sind, und Eure Wahrsager, höret nicht auf Eure Träume, die Ihr träumt." (Ieremia 29, 7 f.) Aus dem Zusammenhang und aus anderen Quellen läßt sich schließen, daß die falschen Propheten und Träumer hofften, mit Aegyptens Hilfe sich gegen Babylonien empören zu können. Jcremia will nicht nur keinen Aufstand, sondern empfiehlt sogar: „Suchet das Heil der Stadt rc." Als während der Belagerung Jerusalems König Zedekia den Propheten nach dem Erfolg des Krieges befragt, da rät Jcremia ihm, den Widerstand gegen Nebukadnezar aufzugeben, und prophezeit ihm für diesen Fall einen glimpflichen Frieden. Sollte aber der König den Rat nicht befolgen, so werden sogar seine Frauen ihn bald verspotten und von ihm sagen: „Betrogen und überredet haben Dich Deine Bundesgenoffen, als Deine Füße im Schlamm versanken, da wichen sie von Dir." (Jeremia 88, 22.) Zedekia gehörte aber zu denen, die zwar Rat verlangen, aber keinen Rat befolgen, und das vorausgesagte Unglück blieb nicht ans. Die kleinen verbündeten Nachbarvölker leisteten Jerusalem nicht nur keine Hilfe, sondern zum Teil befleißigten sie sich gegenüber den Babyloniern einer mehr als wohlwollenden Neutralität. Wohl machte Aegypten, nachdem die Belagerung bereits ein Jahr gedauert hatte, endlich einen Hilfsversuch, doch wurde es von den Babyloniern geschlagen und hiermit war das Schicksal der Heiligen Stadt entschieden. Das Bündnis mit Aegypten hatte nicht zu retten vermocht. Außer Jcremia hatte dies auch der Prophet Ezechiel wiederholt prophezeit. Lediglich die auf Gottes-Erkenntnis gebaute Neutralität hätte das Unglück abwenden können. Basel. M. Sohlberg. Clemenceaus „jüdisches Gehrimwörterbuch". Eine ganz furchtbare Entdeckung hat der alte Deuffchen- und Judenfresser Elemenceau soeben in seinem Blatt „Homme enchaine“ veröffentlicht, indem er unter dem Titel „Das Geheimwörterbuch Margulies" ein, wie er sagt, „seltsames Dokument" publiziert, das in der Nizzaer Villa des verhafteten österreichisch-belgischen Millionärs MargulieS gefunden wurde. „Es ist", so erklärt Elemenceau mit ungemeiner Wichtigkeit, „eine Art Wörterbuch m hebräischem Argot, wo den jiddischen Worten eine verabredete Uebersetzung, die von dem wirklichen Sinn sehr weit entfernt ist, gegenübersteht." Der „Efonline enchaine“ teilt dann in vollem Umfang das „Gcheimwörterbuch" mit, das mit dm Worten beginnt: „Nebbich — Der Ausmarsch an die Front." Einige der anderen „Geheimworte" und ihre Uebertragungen lauten: „Masel — Gefangener sein", „Rischus — Das Rote Kreuz", „Chuzpe — Das Unterseebot", „Meziehe — Das Leben im Schützmgraben", „Chammer — Der Kriegskorrespondent", „Meschugge — Die kriegführenden Länder", „Ganef — Das neutrale Land", Oser — Der Frieden". Der „Homme enchaine“ fügt hinzu: „Das riecht deutlich nach Spionage. Es ist klar, daß ein Verräter, der sein Handwerk versteht, sich bei der Korrespondenz mit dem Feinde nicht eines Schlüssels bedienen wird, da jeder Schlüssel entzifferbar ist, sondern einer verabredeten Sprache. Das vorliegende Dokument scheint nichts anderes zu sein." Wiewohl das Unsinnige dieser Annahme auf der Hand lag, hat sich doch der Pariser Rabbiner Dr. Louis-Germain Levy, bewogen gefühlt, in einem Briefe Herrn Elemenceau darauf aufmerksam zu machen, daß er einen Scherz mißverstanden und aus einem jiddischen Witz ein Geheimwörterbuch für Spionagezwecke gemacht habe. Elemenceau führt laut „Berliner Tageblatt" im »Homme enchaine“ vom 9. November den Rabbiner gründlich ab. Er erklärt, dieser Versuch der „Synagoge", Margulies reinzuwaschen, komme ihm nicht unerwartet, da Margulies selber zur jüdischen Religion gehöre. Niemand werde ihn, Elemenceau, glauben niachen, daß man das Wort „Chuzpe" für Unterseeboot gebrauchen könne, ohne im Dienste der deutschen Spionage zu stehen. Das „Wörterbuch" hat, wie manchem bekannt fein dürfte, in den ersten Kriegsmonaten auch außerhalb Frankreichs zirkuliert — es ist ein Witzfabrikat, das im Osten verbreitet wird. Verehrung, Dankbarkeit und Liebe waren stets die Empfindungen, die der große, gewaltige Meister in mir auslöste. Bei Horovitz war alles vereinigt. Auffassung, Zeichnung, Komposition, Kolorit, harmonische Stimmung. Sein Wollen wurde durch sein Können bestätigt. Auch darin unterschied sich der Meister von Künstlern früherer Epochen und Zeitgenossen — seine Laufbahn war eine glatte. — Von Der Schule ging sein Weg direkt aufwärts. Er hatte keine Enttäuschungen und Entbehrungen durchzumachen, er war ein Günstling des Glückes. Er wurde früh erkannt, und was aber besonders hervorgehoben werden muß, das Glück hat ihm nicht geschadet. Der Erfolg, der so manchen Künstler um alles gebracht, war ihm stets eiii^Ansporn zur Vertiefung zu neuem Lernen und studieren, zu neuem Suchen und Finden — jede seiner Arbeiten war ihm eine Lebensaufgabe und mit jeder Arbeit wollte er einen Fortschritt bekunden und es zeigen, auch tatsächlich seine letzten Arbeiten keinen Abstieg vom höchsten Gipfel der Kunst, den er erstiegen. Der Mensch Horovitz hat mich nicht wenig begeistert und mit aufrichtiger Verehrung erfüllt. Seine Gewissenhaftigkeit war bewundernswert, fein Familienleben so innig, und von einer Ueberhebung war in seinem Wesen keine Spur zu entdecken. Vornehmes Auftreten, Achtung vor den Empfindungen anderer und Gerechtigkeitssinn waren die hervorstechenden Eigenschaften des Mannes, der, wenn er noch Jahrzehnte gelebt hätte, immer zu früh gestorben wäre. David Kohn. Leopold Horovitz. Sehr gerne erfülle ich den Wunsch der geehrten Redaktion, eine Skizze des großen Meisters zu entwerfen. — Eine volle Würdigung des Künstlers, des Menschen, des Sohnes, des Gatten, des Vaters, des Freundes und Kunstgenossen ist bei einem so reichen Leben, bei der großen Anzahl von Kunstwerken, die er geschaffen, in dieser kurzen Zeit und auf diesem Platze wohl ganz ausgeschlossen. Der Biograph Horovitz' wird lange Studien machen und weit ausholen muffen, ehe er ein fertiges Charakterbild des Mannes, der als Stern erster Größe, als Hoherpriester im Tempel der Kunst bezeichnet werden kann, in all seinen Zügen wird bieten können. Wenn ich sage: ein Hoherpriester der Kunst — es ist wahrlich nicht übertrieben — denn die Kunst war ihm ein Heiligtum. So wenig man dem etwas untersetzten Mann den Künstler von vornherein ansah, so war doch jeder Zoll an ihm ein edler, gottbegnadeter Künstler, durchglüht von edelstem Wollen und Können, ein Souverän in seinem Reiche, erfüllt von Empfindung für alles Schöne und Erhabene, begeistert und begeisternd für alles Große und Wahre, ein Künstler, wie ihn nicht jedes Jahrhundert hcrvorbringt. Horovitz' Vorbild war seit jeher und blieb bis zu seinem Tode die Natur. Er ist sich übrigens von seinem Anfang bis zu seinem Ende gleich geblieben, hat keine Wandlungen durchgemacht. Die Natur war ihm alles — er studierte sie mit der Kraft seiner genialen Begabung und ist ihr wie wenige — vielleicht wie keiner, nahegekommen. „Mit der Logik malt man kein Bild" —' ist eines seiner schönsten und geistreichen Worte, die er dem Schreiber dieser Zeilen wiederholt geäußert hat. — Die kleinsten Probleme löste er nur vor der Natur, er, der den Körperbau, den Kopf so meisterlich beherrschte, wagte nicht die kleinste Korrektur, ohne die Natur vor sich zu haben. Ich könnte darüber manches erzählen — es würde aber zu weit führen und über den Rahmen einer Skizze hinausgehen. — Und dieser große Realist hatte die größte Achtung vor den alten Meistern. _ Es gehörte zu den köstlichsten Stunden meines Lebens, wenn ich an seiner Seite das Kunsthistorische Museum besuchen konnte und er mir die großen Vorzüge des Tizian, des Velasquez u. a. dozierte. Zuerst ließ er den Gesamteindruck auf sich wirken, dann setzte er sein Glas auf, ging näher und machte mich auf die Feinheiten aufmerksam, die zur Gesamtwirkung ihren Beitrag leisten. Was ich da vom Meister lernte, was ich ihm durch diese oft» maligen Besuche von Galerien und Ausstellungen verdanke, wird ewig in meiner Erinnerung bleiben und ihm ein dankbares und vcrehrunasvolles Andenken in meinem Herzen sichern. Bewunderung, Freitag, den 16. d. M., ist der hervorragende Porträtist Leopold Horovitz hochbetagt im Alter von 86 Jahren in seiner Wiener Wohnung gestorben. Leopold Horovitz, ein gebürtiger Ungar, hat ein ruhiges, stilles Künstlerleben geführt, zum Glück für ihn und seine Kunst, arm an Sen Aufregungen und entnervenden Kämpfen. Schon zeitig ist ihm Erfolg und Anerkennung zuteil geworden. Er hat sich künstlerisch mit viel Selbsterkenntnis und Zielbewußtsein fortentwickelt, ist vom Genre ausegangen, um immer mehr sein eigentliches Betätigungs- .eld im Porträt zu fiuden. In Wien und Berlin, in Dresden, München und in Paris hat er studiert. Im Pariser „Salon" haben seine Bilder zuerst Aufsehen erregt. Es waren zumeist Genrebilder, deren Stoffe und Motive vorzugsweise dem Kindesleben entnommen waren. Aber schon versuchte er sich mit steigendem Erfolg in Bildnissen, in denen er die Art eines Rembrandt, später die des Ban Dyck zu modernisieren suchte. Gegen das Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts entstand sein großes Bild „Gebetstunde in einer Synagoge am Gedenktag der Zerstörung Jerusalems". Die Gewissenhaftigkeit, die Leopold Horovitz künstlerisch während feines ganzen langen Lebens auszeichnete, brachte es mit sich, daß Horovitz für dieses Bild Studien aus dem polnischen und Mischen Bolksleben machen wollte. Darum reiste er 1870 nach Warschau. Sein Warschauer Aufenthalt wurde ein längerer, als er ursprünglich beabsichtigt hatte. Das erwähnte Bild war im Ausstellungsjahr 1873 vollendet und hat auch auf der Wiener Weltausstellung die Aufmerksamkeit aller Kunstfreunde und Kunstkenner Hervorgerufe». Es erhielt die Medaille für Kunst und wurde als Kunstvereinsblatt für Wien und Budapest gestochen, während das Original in den Besitz eines Warschauer Bankiers überging. Während seines Warschauer Aufenthaltes hat Horovitz sich als Porträlist vervollkommnet. Seine Bildniffe schöner polnischer Aristokratinnen, so der Fürstin Sapieha und Radziwill, gehören zu seinen besten Schöpfungen. Aber auch andere Porträts Horovitz' zählen zu den Meisterleistungen moderner Porträtkunst, so sie Bilder von Maurus Jokai, von Johann Strauß, ferner das des Museumdirektors v. Pulzky in Budapest. Horovitz hat auch den Kaiser Franz Josef wiederholt abgebildet. Neben Angeli und Pochwalski danken wir es ihm, wenn das Wiener Porträt zu internationaler Bedeutung und Anerkennung gelangt ist. Nachdem Horovitz im Jahre 1880 Warschau verlassen hatte, hielt er sich in den folgenden Jahren abwechselnd in Budapest und in Wien auf. Leopold Horovitz' Kunst ist mit allen Auszeichnungen gelohnt worden, die seine Berufsgenossen zu vergeben hatten. Kaiser Franz Josef hatte dem Künstler das Ehrenzeichen für Kunst und Wiffenschaft verliehen. Sehr bedeutungsvolle Werke hatte Horovitz dem Kaiser Franz Josef zu verdanken, der ihn beauftragte, sein Porträt für das Horse-Garderegiment zu male», besten Inhaber Kaiser Franz Josef gewesen. Der Kaiser sagte bei der ersten Sitzung dem Meister: „Ich habe Sie für diese Aufgabe gewählt, weil wan in England sehr auf die Zeichenkunst Wert legt und Sie alle Ansprüche befriedigen werden." Der Kaiser war mit dem Porträt sehr . zufrieden, das auch in London den größten Betfall hatte und mehrere Male von Horovitz wiederholt wurde. Der -»-ffer ließ auch dieses Bild für die Galerie in den Hof- _.een anschaffen. Nach dem tragischen Tod« der Kaiserin Elisabeth erhielt Horovitz vom Kaiser den Auftrag, ein —stbumeS Bild von der Kaiserin anzufertige». . Das Leichenbegängnis fand Montag, den Id. d. M., unter großer Beteiligung statt.

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