Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 35 (29.11.1917)
- Date
- 1917-11-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. Die Wahrsag der religiösen Interessen des Indentnms. Der Aufruf des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentum", der in der vorliegenden Nummer der „Jüdischen Korrespondenz" zur Veröffentlichung gelangt, ist wahrlich ein „duwor beitau“, ein Wort zur Zeit. Wer die Verhältnisse im jüdischen Lager in der Periode vor und während des Weltkrieges mit einiger Aufmerksamkeit verfolgte, mußte leider zur Erkenntnis gelangen, daß kein Gebiet unseres Lebens so wenig gepflegt und gefördert wird, wie das religiöse. Das religiöse Leben umr ganz einfach sozusagen sich selbst überlasse». Man kümmerte sich ungemein viel und brachte imgemein viele Opfer für die Förderung aller möglichen Bestrebungen und Richtungen kultureller und nationaler Natur — aber man kümmerte sich fast gar nicht um das religiöse Leben, das doch die Quintessenz des Judentums ist und ohne welches der jüdische Nationalismus und die jüdische Kultur Wurzel- und basislos wären. Es möge da gegen niemanden eine Anklage erhoben werden, es wird keinem jüdischen Kreise irgendwelche böse Absicht imputiert. Es fei nur die Tatsache konstatiert, daß den, leider Gottes so ist. In den Kreisen unserer sogenannten Intelligenz, die fast überall das Heft in Händen hat, fehlt ganz einfach das nötige Verständnis für die Mentalität des orthodoxen Juden, dem die Unmöglichkeit, streng nach den Vorschriften des Schnlchan - Aruch zu leben, einen ebensolchen Schmerz und Seelenkummcr verursacht, wie anderen Lebten der Mangel der sonstigen täglichen Bedürfnisse. Diese Kreist begreifen es nicht, was es für einen frommen Juden bedeutet, wenn er kein Koscher-Fleifch von einem Schochet und unter der Aufsicht eines Maschgiach haben kann, welche sein Vertrauen verdienen/ wenn er kein entsprechendes Bethaus besuchen kann und darauf angewiesen ist, entweder einen Fortschrittempel zu besuchen, was seinen Ueberzeugungen und Empfindungen widerspricht, oder ohne Minjau, ohne Keduscha und Borchu zil beten, rvas ihm nicht weniger peinlich sein muh. Diejenigen jüdischen Kreise, die bei jeder Kränkung der jüdischen Ehre durch irgend einen hergelaufenen antisemitischen Krakehler, bei jeder Verletzung der Interessen eines einzelnen Juden empört aufschreien und energische Abwehr leisten, .- sie haben kein Verständnis für die Empfindungen eines frommen Juden, der seine religiösen Gefühle verletzt sieht, und zwar durch Glaubensgenossen, dessen heiligste Ueberzeugungen mißachtet werden und dessen aus tiefster Seele steigender Schmerzensruf in jüdischen Kreisen kein Echo findet. Sie haben oder wollen sich keinen Begriff davon machen, was es für einen orthodoxen Juden bedeutet, rituell zu speisen, die Sabbat-Vorschriften zu beobachten, das Thora-Studium zu pflegen, seine Kinder im jüdischen Geiste zu erziehen, die Reinigungsvorschriften zu bewahren X. rc. All diese Dinge, die Hunderttausenden heilig und teuer sind, werden vielfach als purer Fanatismus bewertet und darnach gewürdigt. Dieser Zustand kann und darf nicht weiter mihalten. Das orthodoxe Judentum muß sich ausrafftn, die Wahrung seiner Interessen energisch in die Hand nehmen, sich nach dieser Hinsicht von keiner Seite bevormunden lassen, weder den sogenannten kulturellen, noch den in letzter Zeit mit großer Emphase deklamierten nationalistischen Schlagworten Gehör schenken, sondern den Weg gehen, den ihm die heilige Thora, das geschriebene und das überlieferte Gesetz, vorschreiben. Die Orthodoxie, die ja noch immer, Gott sei dank, das Gros des Judentums bildet, muß und soll innerhalb des Judentums die ihr gebührende Stelle einnehmen, — zumindest aber in der Lage sein, ihre Interessen zu wahren und nach keiner Richtung hin von jüdischer Seite behindert zu werden. Ein vielversprechender Anfang nach dieser Richtung wird hiermit mit der Neukonstituierung des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums in Wien und Niederösterreich" gemacht, der hoffentlich von dem wünschenswerten Ersätze begleitet fein dürfte. Dieser Verein existiert bereits seit etwa 16 Jahren und hat im Laufe der Zeit eine überaus erfolg- und segensreiche Tätigkeit entfaltet. Sowohl in Wien selbst, als auch in Niederösterreich wie nicht minder in ganz Westösterreich, vielfach auch in Galizien, hat der Verein »ieles zur Wahrung der religiösen Interessen geleistet. Neben einer Reihe positiver Leistungen hat sich dieser Verein auch wiederholt verdient gemacht, indem er in Streitfällen zwischen Fortschrittlern und Orthodoxen vermittelnd eingegriffen und Ausgleiche herbeigeführt hat. Der Verein stand auch an der Spitze einer jeden Aktion zur Wahrung der religiösen Interessen und zum Schutze des religiösen Lebens, moralisch und materiell hat er jedes Unternehmen, das der Sache der Orthodoxie dienen konnte, gestützt, sei es mittelst Intervention bei den Behörden, sei es innerhalb des Judentums. Was bisher in einem immerhin engeren Rahmen, vielfach bloß lokaler Natur geschah und geleistet wurde, soll nun auf breiter Basis geleistet werden. Mehr denn je ist es jetzt dringeiid geboten, für die Wahrung der religiösen Interessen der Orthodoxie einzutreten und stärker als bisher, unter Zuziehung breiterer Kreise, will der Verein dazu streben, seinem Namen und feinen Aufgaben gerecht zu werden. Die Ausgaben sind so groß, die Arbeit so umfassend, daß es der Mit- Hilfe und der Mitwirkung aller Gutgesinnten bedarf, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Der Verein hofft, auf diese Hilfe und Mitwirkung rechnen zu dürfen. Es besteht wohl in Wim eine ganze Reihe orthodoxer Bethäuser und Vereine, die' gleichen Ausgaben zustreben. Besonders sei derjenige Kreis erwähnt, der sich um die Schiffschul konzentriert und der seit vielen Jahren tatsächlich Großes geleistet. Allein, in der gegenwärtigen Zeit, da die Aufgaben ins Unermeßliche wachsen, da täglich neue Erfordernisse eintreten und täglich neue Arbeit zu leisten ist, kann die tatkräftige Wahrung der religiösen Interessen des orthodoxen Judentums nur dann von Erfolg begleitet sein, wenn die Arbeit umfassender und konzentrierter geleistet werden wird. Da dürfen gar keine speziellen, begrenzten Ziele und Horizonte in Betracht kommen, die Arbeit muß vielmehr darauf losgehen, so umfassend und breit als möglich zu sein. Das kann nur ein Zentralverein leisten, der auf der breitesten Basis fußt und darauf berechnet ist, alle orthodoxen Kreise zu umfassen. Nur ein solcher Verein kann das nötige Ansehen nach außen und im eigenen Lager genießen und damit den nötigen Einffnß ausüben, um seinen Aufgaben gerecht werden zu können. Es liegt in den' Intentionen der“ gegenwärtigen Leiter des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums", und sie besitzen die festeste Entschlossenheit dazu, diesen Verein zu einer derartigen Zentralstelle anszugestalten. Die eigentlichen Aufgaben des Vereines sind durch dessen Statuten festgesetzt und umfassen alle Gebiete des religiösen Lebens, sowohl insofern sie den Einzelnen, als auch die Gesamtheit betreffen. Reben der Schaffung, Erhaltung und Subventioniemng von hiezu geeigneten jüdischen Institutionen, wie Lehranstalten usw., auch die Errichtung von Mikwvaus, Beaufsichtigung der Schechita, Fürsorge für Mazzoth und anderer Lebensbedürfnisse, die ritueller Aufsicht bedürfen, Stellenvermittlung für jene, die den Sabbath und die israelitischen Feiertage beobachten wollen, Abhaltung von Vereins- Versammlungen und Veranstaltung von Borträgen, Herausgabe und Subventionierung von Lehrbüchern usw. usw. — man sieht, ein Programm, das das gesamte jüdisch-religiöse Leben umfaßt und in dessen Rahmen jede Frage, die das jüdisch-religiöse Leben berührt, hineinpaßt, dieser Verein somit der berufenste Repräsentant des orthodoxen Judentums sein kann und wird. Die Kriegsereignisse haben es mit sich gebracht, daß der Kreis der Orthodoxie in Wien und in Westösterreich infolge des Zuflusses der Flüchtlinge zeitweilig eine bedeutende Vermehrung und Verstärkung erfahren hat. Für die religiösen Bedürfnisse dieser Juden, denen die Religion wahrlich kein leeres Schlagwort ist, ist seitens der eigentlichen jüdischen „maßgebenden" Stellen wenig gesorgt worden. Was in dieser Beziehung geschah, war das Werk einzelner Kreise, respekttve Personen. Auch hiefür wird sich der Verein zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums lebhaft interessieren und das Mögliche zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse dieser Kreise beitrage». Wird sich auch die Tätigkeit dieses Vereines hauptsächlich in Westösterreich konzentrieren, so wird auch der Osten nicht aus dem Auge gelassen werben. Wie der Verein bisher, wenn auch im beschränktem Maßstabe, die Verhältnisse im Osten aufmerksam verfolgte und bei jeder wichtigen Angelegenheit der dortigen Orthodoxie mit Rat und Tat zur Seite stand,'so wird dies in der Zukunft in noch stärkerem Maße geschehen. Mit einem Worte: Der Verein stellt sich zur Aufgabe, die Repräsentanz des orthodoxen Judentums in der Monarchie zu sein, der Mittel- und Brennpunkt allen jüdisch-religiösen Lebens, der Initiator aller Aktionen zur Förderung und Wahrung der religiösen Interessen der Juden sowohl im jüdischen Lager, als auch in Gemeinde, Stadt, Land und Reich. Entsprechend der großen Tragweite der Aufgaben, die sich der Verein stellt, enoartet derselbe die tatkräftige Mithilfe und Mitwirkung aller derjenigen, die Verständnis für diese heiligen Aufgaben haben, die Herz und Gefühl für das wahre Judentum besitzen und die die Möglichkeit haben, geistig und materiell mitzuwirkcn. Beseelt von dieser Hoffnung geht der Verein daran, seine Tätigkeit zu entfalten — im Vertrauen auf Gott und die gute Sache, die ihm als Wegweiser dient. Wer Gott im Herzen hat, der komme und arbeite mit! Jehudi. (Wir begrüßen diese Aktion lebhaft und werden dieselbe nach Kräften fördern. — D. R.) Lriegsanleihe-Zrichvungsverein „Ägudas Jisroel". Wie bei den bisherigen Kriegsanleihen entwickelt derKriegsanleiheZeichnungsverein„AgudasJisroel", II., Große Psarrgaffe 23, auch diesmal eine überaus lebhafte und intensive Tätigkeit. Unter der Leitung des Vorsitzenden, Herrn I. I. Thumim, arbeitet ein größeres Komitee für die -Sache der Kriegsanleihe und der Verein konnte schon in deck ersten 14 Tagen der Subskriptionsfrist auf ein sehr schönes Resultat zurückblicken. Was die Tätigkeit dieses Zeichnungsvereines besonders wichtig erscheinen läßt, ist einerseits der Umstand, daß die Zeichnungsmodalitäten und Bedingungen desselben überaus einfach und bequem sind. Mit der kleinsten Einlage kann jeder, der zum finanziellen Siege des Vaterlandes beitragen will, seiner Ausgabe gerecht werden, indem er durch diesen Verein Anteile von 50 Kronen aufwärts, zahlbar in kleinen Monatsraten, zeichnen kann. Andererseits ist gerade dieser Verein dazu prädestiniert, den hier zeitweilig weilenden Flüchtlingen aus Galizien und der Bukowina das Zeichnen zu erleichtern und zu ermöglichen. Das Gros der Zeichner dieses Vereines setzt sich auch ans Flüchtlingen zusammen, die im Vertrauen zur „Agudas Jisroel" und getreu dem Appell der Großrabbiner und Rabbiner nach der Maßgabe ihrer Mittel das Ihrige zum Erfolg der Kriegsanleihe beitragen wollen. Gar viele, die sonst gar nicht dazu gekommen wären, Kriegsanleihe zu zeichnen, infolge ihrer Weltfremdheit und Scheu, mit Bankhäusern in Verkehr zu treten, sind durch diesen Verein zur Zeichnung veranlaßt worden, mit welchem sie in ihrer Sprache und nach ihrer Eigenart verkehren und sich verständigen können. Man braucht nur einige Zeit während der Amtsstunden im Vereinslokale zu verweilen, um höchst interessante Wahrnehmungen zu machen. Da kommt gar mancher Flüchtling, gar manche Flüchtlingsftau, mit ihren letzten Ersparnissen und zeichnen Kriegsanleihe, im Bewußtsein, eine gute Tat vollbracht zu haben, die dem Vaterlande Nutzen, dem Kaiser Ruhm und dem jüdischen Volke Ehre bringen All diese Umstände bringen es mit sich, daß die Tätigkeit des Kriegsanleihe - Zeichnungsveremes „Agudas Jisroel" weit über den Rahmen anderer ähnlicher Vereine hinausreicht, nicht bloß des materiellen Resultates wegen, das bisher das höchste unter allen derartigen Vereine» in Wien war, sondern auch des moralischen Effektes wegen, der durch denselben erreicht wird. Es ist daher die Pflicht eines jeden Juden, seine Zeichuungen durch diesen Verein vornehmen zu lasten und es ist zu erwarten, daß der Verein auch diesmal ein glänzendes Resultat aufzuweisen haben wird. Ben-Ami tat. Uenban der Schifffchvl in Wie». Die Schiffschul in Wien — von 1849—1864 Ankerschul — besteht seit 53 Jahren in der Großen Schiffgaffe. Die Unzulänglichkeit des Raumes hat