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Jüdische Korrespondenz · 1917-11-29 · 35 (29.11.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
35 (29.11.1917)
Date
1917-11-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Jüdische Korrespondenz. mehrere hervorragende jüdische Führer an. Die Juden bieten ihre ganze Kraft und ihren ganzen Einfluß auf, um eine Konsolidierung der Verhältnisse herbeizuführen. Oder und Berkenheim, zwei jüdische Führer von Bedeutung, ihre Glaubensbrüder in den Scmstwos und Munizipien treten dafür ein, daß alle nationalen Streitfragen der einzelnen Stämme Rußlands hinter den großen Fragen des gemeinsamen Vaterlandes zurücktreten müssen. Gegen diese im Interesse Rußlands bewiesene Tätigkeit der Juden soll nun die große Masse in Bewegung gebracht werden. Indem den niedrigen Instinkten der Menge gehuldigt wird, soll die Evolution Rußlands aufaehalten werden, will man die Pläne zu einer Besserung der Dinge durchkreuzen und der Demokratisierung Rußlands in den Arm fallen. Die Reaktion weiß, daß die Juden heute ein wichtiger Faktor für die Entwicklung Rußlands im Sinne der Revolution sind, und sucht sie zu beseitigen. Pogroms bedeuten so viel wie Anarchie, und diese braucht die Reaktion, um wieder ans Ruder zu kommen. Take Jonescus Erklärung zur Indenfrage in Rumänien. Die französische Presse veröffentlichte, wie bereits früher gemeldet, ein Telegramm aus Jassy, das den Wortlaut der Erklärung wiedergibt, die der Staatsminister Take Jonescu in der rumänischen Kammer während der Debatte über die Reformen der Konstitution über die Judenfrage abgab. Die Erklärung lautet: „Kein vernünftiger Mensch hält es für möglich, daß wir unserem Vaterland Provinzen angliedern, in welchen Israeliten wohnen, die wir zu rumänischen Bürgern machen müssen, während unsere eigenen Israeliten, die unter unseren Fahnen gekämpft haben, bei uns Fremde bleiben. Deshalb ist der Punkt, mit dem wir uns jetzt beschäftigen müssen, derjenige der Lösung der israelitischen Frage, aber einer breiten, vollständigen Lösung im ehrlichen Geiste, wie cs einem Lande gebührt, das sein Wort gegeben hat und Wert darauf legt, es zu respektieren." Vom antisemitischen Deputierten unterbrochen, erwiderte Herr Take Jonescu: „Rechnen Sie nicht darauf, daß ich, durch Ihre Unterbrechungen oder Ihre Propaganda einaeschüchtert, die moralische Feigheit begehen werde, eine gewisse Tatsache zu verschweigen, deren Existenz weder Sie noch jemand anders aus der Welt zu schaffen imstande sein wird. Denn da die Regierungen beider Parteien und der König ihr Wort gegeben haben, ist die Ehre Rumäniens im Spiele und wird das Wort Rumäniens respektiert werden. Ich habe diese Frage absichtlich zur Erörterung gebracht, damit die Israeliten aller Länder es wissen, daß, wenn es natürlich und gerecht war, aus dieser Frage eine Waffe gegen uns zur Zeit zu machen, wo wir noch nicht entschlossen waren, es heute unnütz und ungerecht wäre, sich dieser Waffe zu bedienen. Wenn die Israeliten Bürger sein werden wie wir, so wollen wir nicht, daß sie uns im Herzen fremd bleiben und daß wir selbst nur dem Anschein nach ihre Brüder sein sollen. Wir werden zu diesem Zwecke ein zweites Werk vollenden müssen, ein soziales Werk, und dies wird uns desto besser gelingen, je weniger das Ausland sich hier einmengt. Was mich anbetrifft, so werde ich nicht die Waffen niederlegen, bis die israelitische Frage gebührend gelöst ist." Zu dieser Erklärung des rumänischen Ministers wird dem Jüdischen Preßbureau in Stockholm aus maßgebenden jüdischen Kreisen geschrieben: Es kann nicht der mindeste Zweifel darüber bestehen, daß die Rede Jonescus nichts anderes bezweckte, als den Bundesgenossen Rumäniens Sand in die Augen zu streuen und die Empörung der jüdischen Welt über die grausamen Judenverfolgungen in Rumänien zu beschwichtigen. Indessen wird die phrasenreiche heuchlerische Erklärung der rumänischen Regierung, die auch eine kaum verhüllte Drohung an die Adresse der Juden des Auslandes enthält, aus diese nicht den mindesten Eindruck machen. Mit leeren Versprechungen und einem Wechsel auf eine unbekannte Zukunft läßt sich die Judenheit um so weniger abspeifen, als sie aus Jahrzehnte alter Erfahrung die heimtückische Judenpolitik der wechselnden rumänischen Regierungen zur Genüge kennt. Aus der Erklärung Jonescus gehen zwei Dinge klar hervor. Einmal, daß die rumänische Regierung ihre alte Vertröstungspolitik in bezug auf die Juden nicht auszugeben gedenkt, was auch durch die in der Presse gemeldete Antwort des rumänischen Königs an eine jüdische Deputation beweist, in der er erklärte, daß man der Reform der Judengesetzgebung erst nach dem siegreichen Feldzug werde nähertreten können. Ferner bestätigt die Rede Jonescus die Angaben des rumänischen Sozialistenfirhrers Rakowsky, daß die rumänische Regierung selbst in ihren Versprechungen die Gleichberechtigung der rumänischen Juden von der Besitzergreifung Transsylvaniens abhängig macht. Die Juden aller Länder fordern die unmittelbare, vom AuSgang des Krieges unabhängige Emanzipation ihrer Brüder in Rumänien, sie fordern die Einstellung der fortgesetzten brutalen Judenverfolgungen seitens der rumänischen Militär- und Zivilbehörden. Die Juden aller Länder sehen in der rumänischen Judenftage eine Angelegenheit, die alle Völker angeht, und beharren auf ihrer Forderung internationaler Garantien für die gesetzliche und faktische Gleichstellung der rumänischen Judenheit. __ Polen und Juden. Der Korrespondent der „V. Z." hatte eine Unterredung mit dem polnischen Politiker Prinz Franz Radziwill, der sich unter anderem folgendermaßen äußerte: Aus Grund naher und enger Beziehungen zu denjenigen Persönlichkeiten, deren Meinung und Wille demnächst bei dem polnischen Staatsbau maßgebend sein werden, trage ich nicht das geringste Bedenken, zu behaupten, daß der neu entstehende Staat der Freiheit, dem Fortschritt und der Demokratie rücksichtslos treu bleiben wird; ganz besonders aber herrscht die allgemeine Meinung, daß allen Bürgern des polnischen Staates ohne Unterschied der Konfession und Nationalität eine absolute Gleichberechtigung zukommt. Leider erschienen in der deutschen Tagespreffe falsche Schlußfolgerungen über die Richtung der polnischen Politik, Schlußfolgerungen, die auf Grund einer irrtümlichen Auslegung verschiedener gesetzgeberischer Entwürfe entstanden sind, so z. B. bezüglich des vielbesprochenen Verfassungsprojektes. Zu diesem Punkte kann ich, abgesehen vom Wesen und den Einzelheiten des Verfassungsprojektes, nur sagen, daß überhaupt ein Projekt der polnischen Verfassung erst durch die zu schaffende polnische Regierung dem noch zu wählenden gesetzgebenden Körper vorgelegt werden wird; es ist daher jetzt zumindest voreilig, den Inhalt eines Verfassunasentwurses ernstlich ins Auge zu fassen. Ganz besonders, aber will ich hervorheben, daß die jüdische Frage, welche in Polen während der Russenzeit infolge von russischen Ausnahmegesetzen und angesichts des Unvermögens der Polen, ihre Angelegenheiten selbst zu bestimmen, scharfe Formen anzunehmen drohte, in einem freien Polen nur auf der Grundlage der Gleichberechtigung gelöst werden kann. Es ist dies gar nicht anders möglich. In diesem Zusammenhänge ist es von Interesse, zu erfahren, daß der bereits bestätigte und in sein Amt eingeführte Premierminister Kucharzewski im Jahre 1912 bei den Dumawahlen als Gegenkandidat der Konzentration der polnischen Parteien gegen den antisemitischen Kandidaten aufgestellt wurde. Wenn auch sein damaliges Programm in bezug auf die Judenftage nicht ganz vorbehaltlos war, so ist dies auf die damalige Politik Rußlands in betreff der jüdischen Frage zurückzuführen, da, wie bekannt, Rußland böswilligerweise durch seine Ausnahmegesetze eine übergroße Ansiedlung der Juden aus dem Innern des Reiches in Polen hcrbeiführte und die russischen Juden in Polen zum Teil als Russifikatoren auftraten. Da nun diese Erscheinung selbstverständlich wegfallen muß, so ist auch das Programm Kucharzewskis auf einer rückhaltlosen Gleichberechtigung der Juden aufgebaut. Üebrigens hat die bisherige Organisation der polnischen Behörden unzweideutig bewiesen, daß das jüdische Element in hohem Maße berücksichtigt worden ist. So z. B. bei der polnischen Justiz. Ich verweise in dieser Beziehung ans die Warschauer Jargonpresse, in welcher die weitestgehenden jüdischen Radikalnationalisten ihre Befriedigung zum Ausdruck brachten. (Es wäre nur zu wünschen, daß diese und ähnliche Versicherungen auch in der Praxis ihre Bestätigung finden sollen. — D. R.) Ändie orthodoxe Zudenschaft! Der seit dem Jahre 1901 in Wien existierende „Verein zur Wahrung der Interessen des o r t h o d o x e n I u d e n t u m s i n W i e n u n d Nied erbst er reich" hat sich dieser Tage neu konstituiert und geht nun daran, eine aus gebreitete Tätigkeit in Angriff zu nehmen, entsprechend den Anforderungen und Aufgaben der gegenwärtigen Zeit. War eine stramme, initiative Organisation des orthodoxen Judentums in Oesterreich auch in normalen Zeiten eine dringende Notwendigkeit, so ist eine solche in unserer Zeit doppelt dringend und geboten. Mehr denn je konnte man die traurige Erfahrung machen, daß in den sogenannten führenden Kreisen des österreichischen Judentums kein genügendes Verständnis für die Bedürfnisse und Interessen des religiösen Lebens der breiten jüdischen Volksmassen, die der Thora und ihren Geboten treu sind und nach den Vorschriften des Schulchan Aruch leben wollen, vorhanden ist. Die Wahrung dieser Interessen erfordert viel Aufmerksamkeit und viel Arbeit, die bisher existierenden orthodoxen Vereine und Organisationen waren beim besten Willen außerstande, all das zu leisten, was die Verhältnisse und die Not des Tages erforderlich machen. Auf gar manchen Gebieten ist eine Vernachlässigung zu konstatieren, die nicht weiter geduldet werden kann und darf. Die Leitung des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums in Wien und Niederösterreich" hat es deswegen als eine unumgängliche Notwendigkeit erachtet, seiner Tätigkeit einen breiteren Rahmen zu geben und sich die Wahrung der Interessen des religiösen Judentums in der ganzen Monarchie, speziell in Westösterreich zur Aufgabe gestellt. Der Verein ist entschlossen, diese seine Tätigkeit mit Energie aufzunehmen und erlaubt sich hiemit, all diejenigen, denen das unverfälschte Judentum teuer und heilig ist, zur Mitarbeit einzuladen. Der Verein ist kein Kampfverein; er hat nicht die Absicht, die besonders in dieser Zeit so noiwendige Einigkeit im jüdischen Lager irgendwie zu beeinträchtigen. Aber er ist anderseits entschlossen, hinsichtlich der Wahrung der religiösen Interessen diejenige Energie zu entfalten, die erforderlich ist und die zum Ziele führen kann, — ohne sich von irgendwelchen Gegenströmungen oder Gleichgiltigkeiten behindern zu lassen. Die Zeit, in der wir gegenwärtig leben, kennt keine Halbheiten und Schwächen. Auf jedem Gebiete muß ganze Arbeit geleistet werden. Auch auf dem Gebiete des jüdisch-religiösen Lebens, dessen Förderung und Wahrung der Verein sich zur Aufgabe stellte, soll und muß ganze Arbeit gemacht Werben. Von der Teilnahme der breiten orthodoxen Volkskreise hängt es ab, inwiefern der Verein imstande fein wird, seinen Aufgaben gerecht zu werden. An der orthodoxen Judenschaft ist es daher, ihrerseits das nötige an geistiger und materieller Hilfe zu leisten, um diejenigen Erfolge erreichen zu können, die jedes gute Werk krönen müssen. In den nächsten Tagen eröffnet der Verein ein eigenes Bureau und richtet ein spezielles Sekretariat ein. Dortselbst wird man täglich alle näheren Informationen über die Aufgaben und die Arbeit des Vereines erhalten können und dorthin sollen auch alle Zuschriften, Anregungen und Anträge derjenigen gerichtet werden, die ein Interesse daran und die Möglichkeit haben, das große Werk zu fördern, dessen Vollbringung sich der gefertigte Verein im Namen unserer heiligen Religion zur Aufgabe gestellt hat. Wien, im November 1917. des Mereines zur Wahrung der Iuterellen des orthodoxe« Judentums.

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