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Jüdische Korrespondenz · 1917-11-29 · 35 (29.11.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
35 (29.11.1917)
Date
1917-11-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Jüdisehe Korrespondenz. 20 Kilometer nach Norden vorzustoßen. Sie sind aber in den letzten Tagen wieder gegen Samarra zurückmarschiert, was ihr Unternehmen als eine gewaltsame Eickundung darstellt. Diese genauen Erkundungen mochten dem englischen Führer seit jener Zeit doppelt notwendig erscheinen, in der' türkische Truppen sich auch am Euphrat, also in der linken Flanke der englischen Samarra-Armee zeigten. Im allgemeinen scheinen die Engländer in Mesopotamien, wo sie im Laufe des Jahres ja im großen und ganzen das militärisch erreicht haben, was sie brauchen, aus einen türkischen Angriff zu warten, während sic selbst die Kraft einer sorgsam vorbereiteten Offensive in Palästina wirken lassen. Nachdem die Türken schon im Frühjahr ihre Bortruppen aus der Wüste Sinai zurückgenommen hatten, hielten sie ben Südrand Palästinas in der Linie Gaza—Bir es Saba besetzt. Da die englische Wüstenbahn von El Kantara über el Arisch bis nahe westlich Gaza unter dem Schutze einer englischen Vorhut sich vorarbeitete, so war von vornherein rnit einem englische» Hauptangriff auf Gaza zu rechnen. Die Versuche der englischen Vorhut, Gaza zu erobern, scheiterten. Es war aber jedem Kenner der Verhältnisse wohl klar, daß es sich bei diesen ersten Gazakämpfen nur um die verhältnismäßig schwache englische Vorhut handelte. General Allenby, der oberste englische Führer, hatte einstlveilen etwa 180—200.000 Mann (in der Hauptsache Engländer, dann auch Franzosen und einige Italiener) versammelt, die er anscheinend für seine Anfang Oktober beginnende Operation so verteilte, daß er gegen Bir es Saba zwei bis drei' Infanteriedivisionen und die Masse seiner Kavallerie in Bewegung setzte, dieHauptkraft vor Gaza bereitstellte und ein Landungskorps in den Rücken der Türken iiber das Meer auf Askalon sandte. Am 31. Oktober gelang der englische operative Einbruch bei Bir es Saba. Die englische Kavallerie setzte sich anscheinend sofort auf die Straße nach Hebron, während je eine Infanteriedivision oder mehr als dies in nördlicher Richtung längs der Bahn und in nordwestlicher Richtung gegen den Teil Abu Hareira vormarschierte. Dadurch wurde die türkische Hauptstellnng bei Gaza in der linken Flanke bedroht, während hinter der rechten türkischen Flanke jeden Augenblick die Landung englischer Truppen möglich war. Allenby rechnete damit, daß allein schon die Kraft seiner tatsächlich geschickten strategischen Manöver die Türken aus leichten frontalen Druck hin zum Aufgeben ihrer Stellung bringen würde und griff, offenbar gestützt aus diese Berechnung, am 2. November mit zu geringen Kräften Gaza frontal an. Er lvurde abgewiesen, vermutlich weil seine Umsassnngsgruppen erst am 6. November wirksam wurden. Am 7. November gelang der englische Angriff, der durch Gasschießen vorbereitet und durch Tanks unterstützt war. Er traf nur mehr auf türkische Nachhuten. Die Tatsache des dreigeteilten Vormarsches der englischen Bir-es-Saba-Gruppe machte Gaza strategisch unhaltbar. Nach einem vorübergehenden Halt der Türken am Wadi el Hessi ging ihr Rückzug weiter in die Linie Wadi Sukrer—Bel Dschibrin—Hebron (arabisch el Chalil). Die Engländer folgten in den Tagen vom 9. bis 12. November mit bemerkenswerter Energie nach, am linken Flügel begleitet von ihrer 27 Kriegsschiffe starken Flotte. Die Manövrierfäbigteit des linken englischen Flügels auf,Sec und der Umstand, daß man vom Meer aus ziemlich weit in das Land hineinschießen kann, gab den Engländern die Möglichkeit, mit starkem linken Flügel vvrzugehen und mit ihm das Tempo des türkischen Rückzuges zu bestimmen. Die allerneuesten englischen Nachrichten besagen, baß auch in der Linie Wadi und Sukrer—Hebron der Widerstand der Türken sich noch nicht konsolidierte. Am 13. griffen die Engländer diese Linie an und zwangen den rechten Flügel der Türken zum Rückzug bis an den Wadi Mraba, der 25 Kilometer nördlich des Wadi L-ukrer als Nähr Rubin in das Meer mündet. Längs der Bahn haben die Engländer am 14. November den Bahnkreuzungspunkt Segete der Bahnen Jaffa— Jerusalem und Jaffa—Bir es Saba erreicht, 35 Kilometer nördlich des auf unserem Kärtchen gezeichneten Bahnüberganges über den Wadi Sukrer, so daß hier ihre Front durch die Orte: Segete— Äatra—Jebna —Meeresufer bestimmt ist. Die Verhältnisse am rechten englischen Flügel sind ganz unklar. Es fehlt jeder Anhaltspunkt hierüber aus den türkischen Berichten über die Gefechte seit dem 1. Oktober. Doch scheinen die Engländer nicht über Hebron hinausgekommen zu sein, so daß ihre augenblickliche Front von Hebron in nordwestlicher Richtung bis zur Mündung des Nähr Rubin (rund 20 Kilometer südlich Jaffa) verläuft. Eine direkte Bedrohung Jerusalems ist damit gegeben und die Lage in Palästina ist schwierig. Damit soll keineswegs gesagt sein, daß sie nicht wieder reparierbar wäre. Ihre Entwicklung kann nur denen eine Ueberraschung oder gar eine Enttäuschung bieten, die im Banne der „Aegypteneroberer" und solcher Leute waren, die orientalische Verhältnisse „sub specie 1001 Nacht" unseren deutschen Lesern zu übermitteln die Güte hatten. Der nüchterne Beobachter, geschweige denn der, der den Orient kennt, sieht die Kurve dieser Entwicklung seit Herbst 1916. Wie weit Gegenmaßnahmen im Gange sind, entzieht sich der allgemeinen Kenntnis, doch kann angenommen werden, daß alles geschieht, was unter den gegebenen Verhältnissen möglich ist. Die Engländer versprechen den Juden der Welt in geschickter Verwendung zionistischer Hoffnungen ein Königreich Juda. Auf diese Maskerade imperialistischer Politik wird kein deutscher Jude hereinfallen. Denn abgesehen davon, daß bei englischen Versprechungen das „Nachher" von dem „Vorher" meist gewaltig absticht, ist auch rein militärisch in Palästina noch nicht aller Tage Abend, selbst dann nicht, wenn Jerusalem fallen sollte, (m.) Der Kampf am Palästina. Während der Kampf in Palästina weiter vor sich geht, bringen die ausländischen Blätter fortgesetzt Nachrichten, betreffend die Palästinasrage, insofern diese für die Juden von besonderem Interesse ist. Ohne die Authentizität näher untersuchen zu wollen, mögen sie hier informativ registriert iverden. Nachrichten aus London zufolge sollen die Verhandlungen zwischen den Ententestaaten bezüglich Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina unter, englischem Protektorate abgeschlossen worden sein. In Amerika ist ein großer Fonds gesammelt worden, um die Besiedlung Palästinas mit Juden zu vollführcn. (Unser Prophet hat schon verkündet: Tau bakessef tiguclu! „Nicht mit Geld werdet Ihr erlöst werden!" D. R.) Der Londoner Mitarbeiter des Amsterdamer Handelsblad hatte eine Unterredung mit Israel Zangwill, dem bekannten Romanschriftsteller und Vorsitzenden der Jewish Territorial Organisation über Balfours Brief an Lord Rothschild. Zangwill gab eine Uebersicht über die Entwicklung des Zionismus bis zum Basler Kongreß im Jahre 1903, wo sich von den die Besiedlung Palästinas erstrebenden eigentlichen Zionisten diejenigen abtrennten, die an Herzls Auffassung sesthielten, daß für den Ausbau einer geschlossenen jüdischen Staatsgemeinschaft ebenso gut ein anderes geeignetes Landgebiet gewählt werden dürfe. Zangwill schilderte dann für die abgetrennte Gruppe unter seiner Leitung, wie er sich erst um ein Gebiet in Britisch-Ostafrika, dann um ein solches in Tripolis und zuletzt, kurz vor dem Kriege, um eines in Portugiesisch-Südweftafrika bemüht habe, ohne doch zum Ziele zu gelangen. Zu Balfours Brief übergehend, meinte Zangwill, Palästina sei zu klein, um für die 13—14 Millionen Juden, die ans der Erde lebte«, eine gemeinsame Heimstätte werden zu können. Aber selbst wenn man das Ziel niedriger stecke und nur einen Teil der Jndenschaft dort ansiedeln wolle, ergäben sich Schwierigkeiten. Eine geschlossene Volksgemeinschaft — und auf die allein komme es an — könne sich neben der gegenwärtig überwiegenden arabischen Bevölkerung nicht entwickeln; also müsse man die Araber auskaufcn und anderswo ansiedeln. Davon spreche aber Balfour nicht, im Gegenteil, er hebe ausdrücklich hervor, daß den Rechten der gegenwärtig in Palästina lebenden nichtjüdischen Gemeinschaften kein Abbruch geschehen dürfe. Uebrigens verliere seit der russischen Revolution, welche Millionen von Juden die Freiheit gebe, der bisher wichtige Gesichtspunkt, daß die neue jüdische Heimat zugleich ein Zufluchtsort für die unterdrückten Stammesgenossen sein müsse, beträchtlich an Bedeutung. Das jüdische Problem hat sich durch die Vorgänge in Rußland jetzt wesentlich vereinfacht. 'Den Schweizerischen Blättern zufolge hat die Zionistische Vereinigung in der Schweiz an den Nuntius Kardinal Marchetti das Ersuchen gerichtet, der Papst möge beim Sultan ihre Bitte unterstützen, Jerusalem durch eine neutrale Zone in einem Umkreis von 30 Kilometer vor der Entweihung durch den Krieg zu schützen. Dasselbe Ersuchen soll auch an die dortigen Vertreter der Mittelmächte und der Entente gerichtet werden. (Warum ist dieser Appell nicht an die Engländer direkt gerichtet worden? Sie sind doch die Angreifer? — D. R.) Auf dieses Ersuchen ist von amtlicher deutscher Stelle folgende Zusicherung eingegangen: „Nach den vorliegenden Nachrichten von türkischer Seite ist bereits ans die Schonung der Heiligen Stätten in Jerusalem, die auch bei den Mohamedanern Verehrung genießen, Bedacht genommen worden und, soweit es die militärischen Interessen nur irgendwie gestatten, wird man der Bevölkerung jede Rücksicht angedeihen lassen. Selbstverständlich haben die Juden dabei keinerlei Ausnahmemaßregeln zu befürchten." (Die Entente hat bis jetzt keine Antwort erteilt.)_ Der Antisemitismus in Rußland. Wesse« ma« die I«de« Seschstdigt. Gegenwärtig steht in Rußland, wie dem Temps aus Petersburg berichtet wird, die Judenfrage wieder im Vordergrund der Zeitfragen. Sie ist sogar zu einer sehr ernsten Frage geworden. Die Pogromleute haben Oberwasser bekommen und treiben mit erneutem Eifer ihr Unwesen. Als Grund für die Judenhctze muß die Schwierigkeit in der Lebensmittelversorgung der großen Städte herhalten. Die Bauern hüten ängstlich den Ertrag ihrer Wirtschaften und weigern sich, den Städtern etwas davon zukommen zu lassen. Genug Anlaß, um mit den Fingern aus die Juden zu weisen und diese stir alle Mängel der' Verpflegung verantwortlich zu machen. Einen günstigen Boden für alle Ausstreuungen gegen die Juden bilden die stundenlangen Ansammlungen v»r de» Lebensmittelgeschäften. Die Langeweile ist groß, es wird viel geschwätzt, viel verdächtigt, und die Anklage gegen die Juden ist fertig. Bei der Erregung der Menge braucht es nicht viel, um es da und dort zu einem Pogrom kommen zu lassen. In den Köpfen der großen Menge lebt der Jude als der Sündenbock, der an allem schuld trägt, was dem republikanischen Rußland an Unglückssäcken zustößt. Der Jude trägt ebenso schuld an der herrschenden Hungersnot wie an der Fortdauer des Krieges. Vor allem sind es die Parteigänger des alten Regimes, die die unwissende Menge mit allen verfügbaren Mitteln zu verhetzen suchen, um die vorläufige Regierung nicht aus den Schwierigkeiten herauskommen zu lassen. Unter der Herrschaft des Zaren ließ man ja die Bewegung gegen die Juden nicht zur Ruhe kommen, kein Wunder, daß die Disposition zu Exzessen beim Pöbel in unvermindertem Maße bestehen blieb. Die jüdische Bevölkerung lebt znm überwiegenden Teil in den Städten. Da ihr der Zutritt zum Staatsdienst verwehrt war, mußte sie sich naturgemäß aus den Handel und die Industrie werfen) wodurch sich selbstverständlich Beziehungen zu Deutschland ergaben. An diese Beziehungen kommerzieller Natur knüpfen daher die Agenten mit Vorliebe an. Als sich nach dem Gelingen der Revolution die neuen Parteien konstituierten, suchte man die Repräsentanten des Judentums nach Möglichkeit fernzuhalten. Trotzdem glückte es den Juden, kraft ihrer Stellung in den industriellen und kommerziellen Organisationen, zu ihrem Rechte zu kommen und sich innerhalb der sozialistischen Fraktionen Geltung zu verschaffen. Und gerade die Juden sind es, die eingedenk der ehemaligen Willkür für eine möglichst gründliche Durchführung der revolutionären Ideen eintreten. Das geht schon ans folgendem Umstand hervor. Vor der Revolution gab es zu jeder Partei eine korrespondierende autonome jüdische Gruppe. So gab es jüdische Kadetten, eine jüdische Arbeiterpartei und einen jüdischen Bund der Minimalisten. Bloß die Maximalisten, die Lenin-Gruppe, hatte bei dm Juden keine Vertretung. Heute gehören dieser Partei trotz allem bewiesenen Widerstand

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