Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 34 (15.11.1917)
- Date
- 1917-11-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 34 zu appellieren, sie mögen überall, wo dies noch nicht der Fall ist, für die Errichtung ritueller Küchen sowie für die Befriedigung aller sonstigen religiösen Bedürfnisse der jüdischen Soldaten die Initiative ergreifen und das Nötige zur Erreichung dieses Zieles veranlassen. Wir sind überzeugt, daß sie überall wie bisher das gewünschte Entgegenkommen finden werden. Wir wollen hoffen, daß unser Appell seine Wirkung nicht verfehlen wird, in der lleberzeugung, daß die ehrwürdigen k. u. k. Feldrabbiner ihrerseits die Tragweite dieser Angelegenheit kennen und wie nach jeder Richtung auch diesbezüglich ihrer Aufgabe gerecht werden würden. Wien, 12. November 1917. Die Tandesorgauisatio« orthodoxer Anden „Agudas Iifroek". Der Kampf um Palästina. Der Einbruch der kühlen Witterung im Orient hat den Engländern die Möglichkeit gegeben, die Kämpfe um Palästina wieder aufzunehmen. Bei der großen Wichtigkeit, die der Besitz dieses Landes für die englischen Pläne in Asien hat, haben sie es nicht unterlassen, diesmal mit bedeutend überlegenen Kräften aufzutreten. Sie konnten derart die türkische Front bei Ber-Saba überflügeln und die Türken sahen sich, um einer Umfassung zu entgehen, veranlaßt, Gaza zu opfern und sich tiefer ins Land zurückzuzichen. Der Erfolg der Engländer soll nicht bestritten werden, aber es wäre verfehlt, schon jetzt mit einer Eroberung von Jerusalem seitens der Engländer zu rechnen. Die heutige türkische Linie zieht sich um jene Gegend, wo das Juda-Gebirge beginnt, das Gebirge, in welchem sich noch jeder Feind einen blutigen Kopf holte. Bei der. großen Bedeutung, die Palästina für die Türkei hat, ist auch damit zu rechnen, daß dieHeercsleitung inzwischen entsprechende Verstärkungen herbeigezogen hat, um dem englischen Vormarsch Einhalt zu gebieten. Im übrigen ist England noch ttrnner nicht Herr von Palästina, selbst wenn es zeitweilig in den Besitz desselben gelangen sollte. Angesichts der reichen Faustpfänder, die die Mächte des Vierbundes besitzen, werden die Engländer schon gezwungen sein, alles eroberte Land wieder herauszugeben, wenn es zum Friedensschlüsse kommen wird. Vom jüdischen Standpunkte wäre es daher verfehlt, schon heute mit einem englischen Besitz von Palästina rechnen zu wollen. Die Herren in London scheinen aber derartige Hoffnungen dennoch zu hegen. Beweis dafür ein Telegramm Balfours an Lord Rothschild, mittelst welchem den Zionisten die Erfüllung ihrer Aspirationen in Palästina in Aussicht gestellt wird. Das Telegramm hat folgenden Wortlaut: „London, 2. November. Lieber Lord Rothschild! Es ist mir sehr angenehm, Ihnen im Namen der Regierung folgende Erklärung mitteilen zu können, die mit den Bestrebungen der jüdischen Zionisten, von denen das Ministerium gutheißend Kenntnis genommen hat, übereinstimmt. Die Regierung ist dem Plane der Errichtung eines Palästina als eines Nationalstaates günsftg gesinnt. Sie wird alles tun, um die Erreichung dieses Zieles zu ermöglichen, wobei aber im Äuge behalten werden muß, daß kein Unrecht den bürgerlichen und religiösen Rechten der in Palästina bereits bestehenden nichtjüdischen Bevölkerung zugefügt wird und daß diejenigen politischen Zustände nicht eingeführt werden, unter denen die Juden in den anderen Weltteilen leiden. Ich würde es gern sehen, wenn diese meine Erklärung zur Kenntnis der zionistischen Organisationen gebracht wird." Man kann es begreiflich finden, das dieses Telegramm in denjenigen zionistischen Kreisen, die der Ententeorientierung huldigen, große Freude erregt. In Wirklichkeit jedoch kommt man bei einer genauen Analyfierung der Versprechungen Balfours zum Resultat, daß dieses Telegramm den ersten Schritt auf dem Wege bedeutet, die gemachten Versprechungen illusorisch zu gestalten. Es ist dies eine Art „Knoten mit Schleife", die man zu jeder Zeit auseinanderziehen kann, um den Knoten zu nivellieren. Balfour stellt schon heute eine Bedingung, daß die religiösen und bürgerlichen Rechte der in Palästina lebenden Völker nicht tangiert werden sollten. Es ist dies eine deutliche Anspielung darauf, daß die Araber in Palästina auch gehört und berücksichtigt werden müssen. Da nun einmal die Araber in den Juden Feinde sehen, so würden sie sicherlich dagegen opponieren, den Juden weitgehende Konzessionen zu machen, und die Engländer werden sich, gestützt darauf, ihrem Versprechen entledigen können. Der arabische Protest wird in London sicherlich eine stärkere Wirkung ausüben als die Forderung der Zionisten, das ihnen gegebene Versprechen einzulösen. Charakteristisch ist, daß von Balfours Telegramm zwei Texte vorliegen. In dem zweiten Text beißt es nämlich, daß England bereit sei, die zionistischen Aspirationen in Erwägung zu ziehen, unter der Bedingung, daß weder die Rechte der in Palästina lebenden Völker berührt, noch den Rechten und der politischen Lage der Juden in anderen Ländern Abbruch geschehe. Dieser zweite Vorbehalt ist höchst unklar. Was will Balfour damit gemeint haben? Fürchtet er vielleicht den Einspruch der sogenannten Assimilanten, die in einem Judenstaate in Palästina eine Gefahr für ihre Position in Europa sehen, — dann dürfte er sicherlich eine neue Ausrede haben, um die Erfüllung der gemachten Versprechungen hintertreiben zu können. Oder bedient er sich absichtlich derart unklarer Worte, um die Gedanken verbergen zu können? Wie gesagt, vorläufig weht noch die Fahne Englands nicht vom Davidsturm in Jerusalem. Sollte es aber dazu vielleicht kommen, dann wird England die Gelegenheit haben, wieder einmal seine Versprechungen nicht zu halten, wie es dies bisher gegenüber den Serben und Rumänen, gegenwärtig wieder gegenüber Italien getan hat. Spectator. Der Vernichtungskampf der Äu-en in Rumänien. (Weiteres Material.) Der bekannte Rabbiner Moses Revelski aus Ungeni an der rumänischen Grenze, der als Mitglied einer Odessaer Kommission nach Rumänien entsandt wurde, berichtet in der Moskauer Tageszeitung „Haam", Nr. 132, über seine Reise in Rumänien: „Das Schlimmste, was einem Juden in Jassy passieren kann, ist, wenn er beim Gebrauch der jüdischen Sprache ertappt wird. Ich wandte mich häufig an einen Juden auf der Straße, bekam aber nie eine Antwort; die Leute liefen in Schrecken davon. Nachher erklärte man mir, daß ich offenbar nicht wisse, daß man für ein einziges jüdisches Wort, das zufälligerweise gehört werden könnte, ins Gefängnis geschleppt wird. Die „Soroganca", das schlimmste Gefängnis für Kriminalvcrbrecher, ist überfüllt mit solchen jüdischen „Verbrechern". Nur mit großer Mühe konnte ich im Hause eines Juden Wohnung finden. Jeder zugereiste Jude wird nämlich sofort als Spion verdächtigt. Schon am nächsten Tage gab man mir authentisches Material über die Greueltaten gegen die Juden in Rumänien. Ich will nur einzelne krasse Fälle herausgreifen: Ein Mann, Leon Wechsler, ca. 40jährig, wurde in Jassy einberufen und hatte aus Unkenntnis versäumt, dem Offizier den erforderlichen Gruß zu geben. Alle Versuche des Juden, seine Unschuld zu beweisen, seine Beteuerungen, daß er den Offizier nicht rechtzeitig bemerkt habe, blieben erfolglos. Er wurde öffentlich mit der Prügelstrafe gezüchtigt. Nach der Bestrafung verwundete der Leutnant den Juden schwer mit einem Rasiermesser. Wechsler starb nach drei Tagen. Arkiba Polakki erstattete mir folgenden Bericht: „Nachdem mein Sohn einberufen war, erhielt ich mehrere Monate reine Nachricht. Schließlich erhielt ich von einem Kommandanten, namens Raspinski, eine Nachricht folgenden Inhaltes: ,Jch beglückwünsche Sie, Arkiba Polakki, Ihr Sohn ist verwundet worden in Erfüllung seiner vaterländischen Pflicht als treuer Sohn seines Vaterlandes. Ich selbst habe ihm seine Wunden verbunden? Wie erschreckt war ich, als ich nach einigen Tagen in einer offiziellen rumänischen Zeitung las, daß in der Nähe von Grusisti zehn Juden als Spione hingerichtet wurden, und darunter den Namen meines SohneS fand. Ich begann sofort nachzuforschen und erhielt schließlich vom genannten Kommandanten Raspinski folgende Auskunft: An demselben Tage, an dem mein Sohn Albert Polakki verwundet wurde, sind noch 10 Juden und ca. 90 Rumänen verwundet worden. Als man die Verwundeten auf den Verbandplatz brachte, erklärten einige Sanitäts» beamte, daß die Verwundungen der Juden nicht von Kugeln herstammten, sondern auf Selbstverstümmlungen zurückzuführen seien, um sich dem Militärdienst zu entziehen. Darauf wurden sie alle Tode verurteilt. Ein Augenzeuge berichtete, die Soldaten es abgelehnt haben, den Juden Albert Polakki, den sie als guten und treuen Kameraden kannten, zu erschießen, worauf ein Leutnant ihm eine Kugel durch den Kopf jagte." Der Rabbiner Revelski hat diesen Vorfall am nächsten Tage dem Minister Taki Jonesku berichtet, der versprochen hat, eine Untersuchung einzuleiten. Seitdem sind bereits drei Monate verflossen, ohne daß irgend welche Resultate bekannt wurden. Die neue Umwäliung in Rußland. Aus Petersburg kommen wieder sensafionelle Nachrichten. Die Maximalisten, die bereits einmal den Versuch unternommen haben, Kerenski zu stürzen und sich der Herrschaft zu bemächtigen — was damals mißlungen ist —, haben dieser Tage den Versuch mit mehr Erfolg wiederholt. Vorläufig gelang es ihnen, die Herrschaft über Petersburg zu erlangen und die bisherigen Machthaber entweder zu verjagen oder zu verhaften. Kerenski will nun die Sache nicht als verloren geben und versucht es, gemeinsam mit Kornilow, die Herrschaft wieder an sich zu reißen. Man muß abwarten, wie sich die Dinge gestalten werden. Immerhin scheint das Chaos in Rußland immer größer zu werden. Daß die Juden darunter viel zu leiden haben, beweisen die folgenden neuesten Meldungen aus Petersburg: Die aus vielen Städten des alten und neuen jüdischen Ansiedlungsrayons eintreffenden beunruhigenden Nachrichten über die immer wachsenden antisemitischen Exzesse lassen oft Spuren einer planmäßigen Organisation erkennen, die im Geheimen ihre verbrecherische Tätigkeit enffaltet. In einer Reihe von Städten wurden nachts an den Anschlagsäulen Proklamationen vorgefunden, die, von unbekannter Hand verbreitet, das Volk zur „Rache" gegen die Juden aufreizen. Dabei werden die Juden als bie_ einzigen Schuldigen an den Mißerfolgen der russischen Armee und den Unruhen im Lande, aber vor allem an der Teuerung der Lebensmittel hingestellt. Manchmal ändert sich die Begründung und die Juden werden als die Hauptvertreter des Kapitalismus, als Mitschuldige an der Kornilowschen Verschwörung und als Haupthindernis für die Uebernahme der ganzen Regierungsmacht durch das organisierte Proletariat bezeichnet. In Odessa wiederum trägt die unterirdische Pogromagitation eine ausgesprochen monarchistische Färbung. Dagegen waren die Unruhen in Jekaterinoslaw von Ausrufen wie: „Schlagt die Bourgeoisie", „schlagt die Juden" begleitet. In Wolhynien, in Polonnoje und Ostrog bildeten die Hauptkader der Hooligans die an die Front ziehenden Soldaten. In solchen Fällen beginnt der Pogrom immer in den größeren Branntweingeschäften und erst später tauchen die Agitatoren auf, die den betrunkenen Mob zur Plünderung der Juden hetzen. Dabei wird die Ware der jüdischen Geschäfte nicht geraubt, sondern vom verwilderten Volk unter Jauchzen und Schreien auf den Straßen vernichtet. In Mohilew wurde der Versuch gemacht, auch ältere Motive für die Pogromagitation zu verwenden. Ein dreijähriges Kind eines russischen Leutnants verschwand plötzlich. Schleunigst wurde daraus eine antisemitische Waffe geschmiedet und die alte Ritualmordlegende lebte von neuem auf. Zum Glück gelang es schnell, die christliche Frau ausfindig zu machen, die das Kind entführt hatte, und der Versuch mißlang. Ueberall setzten die Miliz, die Räte der Arbeiter- und Soldatendeputierten und die Vertreter der Regierung alle ihre Kräfte ein, um diese für die Juden wie für die Sache der Revolufion gleich gefahrvolle Agitation zu ersticken. Die jüdischen Soldaten an der Front, die von den traurigen Vorfällen erfuhren, veröffentlichten in den Zeitungen eine Erklärung, in der sie ihr Entsetzen zum Ausdruck