Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 32 (25.10.1917)
- Date
- 1917-10-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 Seile Der größte Teil der rumänischen Juden, deren Zahl etwa 250.000 betrügt, lebt in kleinen Orten in der Moldau. Auch in Friedenszeiten waren sie den erpresserischen und tyrannischen Behörden ausgeliefert. Jetzt, wo alle diese Orte unter Militärverwaltung stehen, ist das Leben den Juden zur Hölle geworden. Die Kasernen und die Dorsgefängnisse sind angesüllt mit Juden, die seit Jahr und Tag als verdächtig eingesperrt sind. Zahllose Familien sind dadurch ihrer Ernährer beraubt. Als Herr Bratianu eingesehen hatte, daß in Rußland wegen dieser Vorgänge großer Unwille herrscht, eilte er nach Petersburg, um von dem Beschluß der rumänischen Regierung Mitteilung zu machen, die Judensrage „demnächst" vor das Parlament zu bringen. Damit wollte Herr Bratianu offenbar dem Beschluß des Arbeiter- und'Soldatenrates Vorbeugen, von der rumänischen Regierung zu verlangen, unverzüglich ein Dekret über die Gleichberechtigung der rumänischen Juden zu erlassen. Es heißt, daß die russische provisorische Regierung sich jetzt „ernstlich mit der Angelegenheit der Juden in Rumänien befaßt". Eine religiöse Aktion der galyischen Rabbiner. Sonntag, den 21. d. M., abends, hielten die in Wien weilenden Rabbiner aus Galizien und der Bukowina im Lokale der „Agudas Jisroel" eine Beratung ab, bei welcher die religiösen Verhältnisse der Flüchtlinge besprochen wurden. Den Vorsitz führten die Rabbiner Steinberg-Brody und Arak-Buczacz. Im Lause der Besprechung wurde darauf hingewiesen, daß das Flüchtliugsleben es mit sich gebracht hat, das selbst gar manche strengreligiöse Kreise es mit den religiösen Vorschriften nicht allzu ernst nehmen, besonders hinsichtlich der Sabbatruhe, der Speisegesetze rc. Es mag wohl richtig sein, daß der Aufenthalt in der Fremde und die gegenwärtigen Verhältnisse der strengen Beobachtung der religiösen Vorschriften gewisie Schwierigkeiten in den Weg legen, — trotzdem ist es bei einigem guten Willen möglich, all diese Schwierigkeiten zu überwinden. Nach einer längeren Diskussion, an der sich mehrere Rabbiner beteiligten, wurden vier Rabbinerkommisstonen eingesetzt, deren Aufgabe es sein soll, die Beobachtung der religiösen Vorschriften zu beaufsichtigen, resp. das Nötige zur Ermöglichung einer Einhaltung derselben zu veranlasseu, u. zw. 1. Kommission in Angelegenheit der Sabbatruhe. 2. Kommission in Angelegenheit der rituellen Speisen. 3. Kommission zur Beaufsichtigung und zur Pflege des religiösen Studiums. 4. Kommission für die materiellen Interessen der Talmidei-Chachamim, die infolge der Kriegsereignisse in Not geraten sind. Es wurde schließlich beschlossen, daß sich die Rabbiner allwöchentlich Montag abends im Lokale der „Agudas Jisroel" versammeln sollen, um die aktuellen Fragen, insoferne sie das religiöse Leben berühren, zu besprechen und eventuell diesbezüglich das Nötige zu veranlassen. Kaiserlicher Dank an die „Agudas Jisroel". Der Vorsitzende der „Agudas Jisroel", Herr I. I. Thumim, erhielt dieser Tage folgende Zuschrift: Wien, am 14. Oktober 1917. Seine Exzellenz der k. k. Statthalter für Oesterreich unter der Enns hat im Allerhöchsten Aufträge für die anläßlich des Geburtsfestes Seiner kaiserlichen und königlich Apostolischen Majestät des Kaisers telegraphisch zum Ausdrucke gebrachten allernntertänigsten Glückwünsche den Allerhöchsten Dank bekanntgegeben. Hievon wird die Landesorganisation orthodoxer Juden, „Agudas Jisroel", zufolge Erlasses der k. k. n.-ö. Statthalterei vom 28. September 1917, Pr.-Z. 2339/12, in Kenntnis gesetzt. Der Bürgermeister: Weiskirchner w. p. .Jüdische Korrespondent. Rundschau. (Der Fast- und Bettag für den Friede».) Wir erhalten fortgesetzt Berichte über den Verlaus des Fast- und Bettages für den Frieden, die den Beweis liefern, daß diese Anordnung in allen jüdischen Kreisen den lebhaftesten Anklang gesunden hat. Auch der Einlauf des Lösegeldes zugunsten des Kriegswaisenfonds der „Agudas Jisroel" ist sehr lebhaft und die Gesamtfumme dürfte einen beträchtlichen Betrag erreichen. — Von den in Wien abgehaltenen Fasttagandachten ist noch besonders diejenige hervorzuheben, die im Bethaus „Emes weschulaum", 11., Große Schiffgasse 24, stattgesunden hat, wo die Rabbiner Katz-Borszczow und Horowitz- Bohorodczany eindrucksvolle Ansprachen hielten. — Im Bethause des Vereins „Gmilas-Chasadim", XVI., Thelcmanngasse, hat der Rabbiner von Chorostkow gelegentlich der Andacht eine Ivirkungsvolle Rede gehalten. (Die Flüchtlinge i« Budapest.) Im Reichsrate hat der Minister des Innern auf eine Anfrage des Abgeordneten Dr. Strancher mitgeteilt, daß im Frühjahr 1915 mit der ungarischen Regierung ein Uebereinkommen über die Unterbringung von Flüchtlingen in Ungarn geschlossen wurde. Auf Grund der letzten Beschwerden hat ein Vertreter des Ministeriums des Innern in Budapest interveniert, worauf vom ungarischen Ministerium des Inner» ausdrücklich verfügt worden ist, daß bei den Frcmdenausweisungen dem Uebereinkommen, betreffend die Unterbringung österreichischer Flüchtlinge in Ungarn, voll Rechnung getragen werde, ferner daß insbesondere die aus für die allgemeine Repatriierung noch nicht freigegebenen Gebieten stammenden staatlicherseits unterstützten Flüchtlinge von den Auswcisuugsmaßnahmen nicht berührt werden und daß auch die aus diesen Gebieten stammenden Flüchtlinge bis zu den österreichischerseits festgesetzten endgültigen Repatriierungsterminen unbehelligt in Ungarn verbleiben können. Wenn diese Grundsätze in der ersten Zeit der Fremdenausweisungen nicht immer beobachtet wurde», ist dies darauf zurückzuführen, daß die mit den Fremdenausweisungen betrauten Stellen in Unkenntnis des Uebereinkommen», betreffend die Unterbringung österreichischer Flüchtlinge in Ungarn, waren. Doch ist es zu faktischen Ausweisungen staatlich unterstützter Flüchtlinge nicht gekommen. Hinsichtlich der innerhalb der obligatorischen Heimkehrfristen nicht hcimkehrenden, folglich in diesem Zeitpunkt aus der staatlichen Fürsorge tretenden Flüchtlinge, wie überhaupt hinsichtlich staatlich nicht unterstützter Flüchtlinge, ist das Vorgehen der ungarischen Behörden durch ein Uebereinkommen nicht gebunden; es ist aber in diesen Fallen rücksichtsvolle, humane und individualisierende Handhabung der Ausweisilngsvorschxiften unter eventueller Gewährung von angemessenen Aufschubsfristen für die Abreise zugesagt worden, wobei ein durch entsprechende Beschäftigung, Erwerb und triftige Familiengründe gerechtfertigter Aufenthalt in Budapest die Ausweisung ausschließen soll. (Holländische Kundgebung.) Die Vertreter der organisierten holländischen Juden haben einstimmig beschlossen, einer auf den 18. November einzuberufendcn Massendemonstration folgende Kundgebung vorzulegen: „Die Versammlung von in den Niederlanden ansässigen Juden, gehalten in Amsterdam am 18. November 1917 und einberufen durch ein von den Niederländischen Abteilungen der „Alliance Jsraelite Universelle", der Zionistischen Weltorganisation und der „Jewish Tcrritorial-Organisation" gebildetes Komitee, verlangt im Hinblick aus das unter den heutigen politischen Konstellationen erhobene Verlangen der organisierten Juden bezüglich Emanzipation der Juden usw., daß der ständigen Zurücksetzung und Bedrückung der Juden und jahrhundertelangem Unrecht, das ihnen zugefügt wurde, ein für allemal ein Ende gemacht wird, sie richtet an die Niederländische Regierung das dringende Ersuchen, daß diese, ihrer jahrhundertealten Ueberlieserung getreu, zugunsten der Juden interveniere und sich dafür einse'tze, daß bei einer Friedenskonferenz — jedenfalls aber beim Friedensschluß — nach Anhörung der zuständigen Vertreter der organisierten Juden die Judenfrage in vollem Umfang gelöst und diese Regelung mit allen notwendigen Sicherheiten ausgestattet wird, sie ruft alle Juden in den Niederlanden auf, an dieser historischen Zeitenwende ihre Solidarität zu bekunden." (Judenpogrom in Kiew.) Der Kiewer Korrespondent der „Rußkoje Slowo" meldet: Dieser Tage ist auf dem Wladimirski-Basar in Kiew ein Pogrom ausgebrochen. Der Pogrom begann durch einen Streit zwischen der Händlerin Etelbaum und einer Frau, die früher als die anderen angestellten Frauen bedient werden wollte. In den Streit mischten sich Soldaten ein, die auch angestellt waren, und der Streit endigte mit einer Schlägerei. Diesen Zusammenstoß benützten einige fragwürdige Existenzen, die die Leute zu einem Pogrom gegen die Juden aufhetzten. Die Menge begann hierauf die Geschäfte und Buden auf dem Wladimirski-Basar zu plündern. Die Händlerin Etelbaum wurde hiebei blutig geschlagen. Als die Arbeiter-Miliz zur Hilfe der Inden auf dem Kampfplatz erschien, tvurdc sie von der Menge entwaffnet; auch die Stadtmiliz konnte nichts gegen die plündernden Soldaten ausrichten. Nachdem der ganze Markt ausgeplündert war, entfernte sich die Menge. Der Schaden, den die Händler durch den Pogrom erlitten haben, ist bedeutend. (Vom jüdische» Kongreß in Rußland.) Die Vorbereitungen zum jüdischen Kongreß in Rußland haben begonnen. Der Kongreß versammelt sich in Petrograd einen oder zwei Monate nach der Eröffnung der verfassunggebenden Versammlung. Er har zum Zweck, die jüdischen Forderungen an die Konstituante Rußlands und an den Friedenskongreß der Mächte zu formulieren und eine Exekutive einzusetzen, die die Aktion für die Verwirklichung dieser Forderungen leiten soll. Die Wahlen zum Kongreß wurden auf Mitte Dezember festgesetzt. Wahlberechtigt sind alle Juden beiderlei Geschlechter, die das Alter von 20 Jahren erreicht haben. Die Wahlen werden nach dem Proporzsystem durchgeführt. Das Programm des Kongresses lautet: 1. Ausarbeitung der Grundsätze des nationalen Selbstbestimmungsrechtes der Juden in Rußland. 2. Bestimmung der Form der Rechtsgarantien für die nationale jüdische Minderheit. 3. Feststellung und Festsetzung der Üebcrgangsformcn der Gemeindcorganisation der russischen Judenheit. 4. Sicherstellung der bürgerlichen und nationalen Rechte der Inden im unabhängig erklärten Polen, Palästina, Rumänien. Das Organisationskomitee des Kougresfes, in dem alle jüdischen Parteien vertreten sind, erläßt einen Aufruf an alle jüdischen Bürger Rußlands, der mit den Worten beginnt: „Das jüdische Volk in Rußland steht vor einem Ereignis, das nicht seinesgleichen hat in der jüdischen Geschichte seit zwei Jahrtausenden. Die Juden haben nicht nur als Einzelpersonen bürgerliche Gleichberechtigung bekomme» — was ja auch in anderen Ländern geschehen ist — sondern die jüdische Nation steht vor der Möglichkeit nationale Rechte zu erhalten." Der Aufruf fordert die Inden zu energischen Vorbereitungen der Kongreßwahlen und zu großer nationaler Organisationsarbeit auf. (Judenverfolgungen in Rumänien.) Aus Stockholm, 19. d. M., wird gemeldet: Gegenüber dem Dementi der Judenverfolgungen durch die rumänische Regierung veröffentlichen die Blätter eine Erklärung des bekannten rumänischen Sozialisten Dr. Rakowski, der dieses Dementi als eine dreiste Lüge bezeichnet und sagt, daß sich in: Auswärtigen Departement des Petersburger Arbeiterrates eine Dokumentensammlung über die Mißhandlung von Juden in Rumänien befindet. Trotz des Dementi stellt Dr. Rakowski fest, daß in Baku 34 Juden hüigerichtet wurde». Weitere 14 Hinrichtungen wurden durch die Drohung der russischen Truppen, dagegen zu demonstrieren, verhindert. Auch Vandervelde und russische Truppenführer haben bei den rumänischen Behörden gegen die Mißhandlungen der Juden protestiert. Bratianu habe in der Kammer erklärt, man werde gezwungen sein, die Gleichberechtigung der Inden cinzusühren, wenn die Rumänen Transsylvanien erobert haben werden, um nicht die rumänischen Juden ärger behandeln zu müssen als die befreiten Juden Transsylvaniens. Die Juden in der modernen Philosophie. Von Dr. S. M. Melamed. (Schluß aus Nr. 31.) Es war oben von dem Radikalismus der jüdischen Denker die Rede. Manche arischen Historiker haben schon den Versuch gemacht, auch die jüdischen Denker als „Händler" und „Vermittler" zu charakterisieren, indem sie