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Jüdische Korrespondenz · 1917-10-25 · 32 (25.10.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
32 (25.10.1917)
Date
1917-10-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 33 . Das ärgste Bild, daS bisher aus den an asiatische Barbarei grenzenden Ländern des Ostens jemals gemeldet werden konnte, hat sich aus englischem Boden abgespielt. Es wirft ein trauriges Licht auf die innere moralische Entwicklung, die England während dieses Krieges durchgemacht hat. England, das im Laufe dieser Kriegsjahre wiederholt die Phrasen von freier Entfattung aller Nationen, von Gleichberechtigung und Gleichstellung aller Konfessionen im Munde führte, dasselbe England läßt sich vor der Geschichte an die Spitze der Pogromstaaten stellen. Was ist dagegen Rußland und Rumänien? Das große Zarenreich hat die Umwandlung in anderen! Sinne durchgeführt und ist zu freiheitlichen und fortschrittlichen Ideen gelangt, auch ans Rumänien, das aus seinen antisemitischen Tendenzen niemals ein Hehl gemacht hat, werden heute Stimmen vernehmbar, die im Interesse zuküiistiger Ausgestaltung und Entwicklung die Idee der Judenverfolgung, die als das krasseste Beispiel religiöser und nationaler Unduldsamkeit dasteht, znrückiveisen. Das stolze Albion aber, welches sich so gern als Hort und Anwalt aller Unterdrückten und Verfolgten aufspielt, will heute den traurigen Vorrang einnehmen, ein Beispiel für Pogrome zu sein. Die Meldungen, die bekannt werden und die im dunkelsten London mit einemmal das grelle Licht empörender Gewalt und Unbill auflenchten lassen, bedeuten eine moralische Niederlage Englands, die nirgends unbeachtet bleiben kann. Das ist lein Beispiel, mit dem Großbritannien in eine neue Zeit Hinüberschreiteil kann. Die Juden sind doch wohl seit jeher ein Prüfstein der inneren ethischen Gesinnung eines Landes. Rußland und Rumänien wurden bisher bekämpft mit dem Bewußtsein, daß damit zugleich reaktionäre, antikulturelle Ideen niedcrgerungcn lvürden. Mit diesem Bewußtsein wird es weiterhin gelten, den Pogromstaat England zu bekämpfen, in dem es gegen die rohesten Ausschreitungen des Pöbels und einer entarteten Soldateska an gleichberechtigten Landesangehvrigen oder aber russischen Flüchtlingen, die auf dem Boden eines alliierten Staates eine Zuflucht zu finden glaubten, keinen Schutz und keine Abwehr gab. England, das seine Hände so gerne weit über alle Welt streckt und seine Stimme nach allen Zonen schickt, möge diesen Schrei des Entsetzens und der Empörung aus dem Innersten seines engeren Reiches hören. Was ist Rumänien im Vergleiche mit England? Antisemitismus in Amerika. Auch Amerika will nicht zurückbleibcn im Antisemitismus. Es muß ja seiner Bundesgenossen würdig sein. Trotzdem die Inden überall eifrig an den Reskriptionen Teilnahmen und viele junge Juden sich freiwillig zum Militärdienst meldeten, hörten die antisemitischen Zeitungen nicht auf, die amerikanische Oeffentlichkeit zu „informieren", daß in den Judenvierteln der amerikanischen Städte die Zahl der Krankgeschriebenen groß sei und daß die „Fremden" keinen rechten Patriotismus zutage legten. Besonders zeichnete sich bei dieser „Information" ein christlicher Geistlicher aus Brooklin aus, der auf vielen öffentlichen Versammlungen und auf den Straßen antisemitische Hetzreden hielt. Als er ani 25. August während seiner Rede im Edisonpark in New Jork von einem jüdischen Soldaten unterbrochen wurde, kam es zu einem ernsten Zusammenstoß, bei dem einige Personen verwundet und 15 in Haft genommen wurden. Der geistliche „Patriot" wurde für seine antisemitischen Hetzreden zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Besonders viel Stoff lieferte der antisemitischen Presse^ die Tatsache, daß die jüdischen Sozialisten aller «Schattierungen, deren Einfluß im amerikanischen Judentum ziemlich groß ist, die Agitation der gesamten amerikanischen Sozialisten gegen den Krieg bis zum Tage der Kriegserklärung mitgemacht haben. Einige Mitglieder der amerikanischen Expedition, die vor kurzem aus Rußland zurückgekehrt waren, verbreiteten sogar die Nachricht, daß manche der „Fremden, die in den östlichen Gegenden von New Dort ein abgesondertes Leben führen und nach dem Sieg der russischen Revolution massenweise nach Rußland zurückgekehrt sind, dort eine antiamerikanische Agitation führen, die die russischamerikanischen Beziehungen verschlechtern kann". Wer unter diesen „Fremden" gemeint war, ist jedem Rar. Die jüdische Prefse Amerikas legt gegen diese Verleumdung und Vergiftung der öffentlichen Meinung Protest ein. _ Der Vernichtuugskampfgegen die Inden in Rumänien. Die Lage der Juden in Rumänien war stets eine trostlose. Ungeachtet dessen, daß sie alle Bürgerpflichten, zivile wie militärische, tragen mußten, galten sie als „Fremde". Die rumänische Regierung hat es verstanden, den von ihr Unterzeichneten, durch die europäischen Mächte garantierten „Berliner Vertrag von 1878" zu umgehen und die Juden außerhalb dieses Vertrages zu stellen. Jahrzehntelang wurde gegen diesen unerhörten Treubruch der rumänischen Regierung in der gesamten öffentlichen Meinung ein Kampf geführt. Das alles hinderte die Regierung nicht, immer wieder neue Gesetze gegen die Juden zu erlassen. Sofort, als Rumänien in den Krieg eintrat, hat die Militärzensur dafür gesorgt, daß nichts von den Vorgängen im jüdischen Leben Rumäniens in die Außenwelt dringen konnte. Und doch gelang es ab und zu, Nachrichten zu übermitteln. Sie waren schrecklich. Die rumänische Regierung, mit Herrn Bratiann an der Spitze, fiihrt gegen die Juden einen förmlichen Bcrnichtungskampf. Als die russische Revolution ausbrach, drang auch für die Juden in Rumänien ein Hoffnungsstrahl durch. Allgemein glaubte man, daß die rumänische Regierung nunmehr mit Rücksicht auf die russische Demokratie, die zur Macht gelangt war, ihre Judenpolitik ändern werde. Statt dessen kamen neue Schreckensnachrichten. Wehe dem rumänischen Juden, der seiner Sympathie für die russische Revolution Ausdruck gab. Für solche Kundgebungen sind zahlreiche Juden verhaftet worden und man hat Strafprozesse gegen sie wegen republikanischrevolutionärer Kundgebungen eingeleitet. Auf Vorstellung angesehener jüdischer Persönlichkeiten in Rußland unternahm die provisorische Regierung Schritte, um Genaueres über das Schicksal der rumänischen Inden zu erfahren. Fast die gesamte russische Presse beschäftigte sich mit den Judenverfolgungen: auch der Arbeiter- und Soldatenrat nahm dazu Stellung. Anlaß dazu war der flammende Protest des russischen Volksdichters Korolenko, der in Südrußland lebt und über die Greueltaten gegen die rumänischen Juden authentische Nachrichten erhalten hatte. Korolenko erfuhr z. B. von einigen russischen Offizieren, daß 34 jüdische Soldaten in Bacau auf Urteil des Feldgerichtes gehängt werden sollten. Sie waren der Fahnenflucht angeklagt. In Wirklichkeit waren diese Soldaten, die von einem vernichteten Regiment übriggeblieben waren, solange umhergeirrt, bis sie das nächste Militärquartier erreicht hatten. Ihre Angaben wurden aber nicht geglaubt und sie wurden verdächtigt, sich freiwillig in die Gefangenschaft begeben zu haben und jetzt als Spione von Deutschland nach Rumänien geschickt worden zu sein. Korolenko ging ans Werk, um den unglücklichen Juden das Leben zu retten. Die Bemühungen waren vergebens. Als der bekannte belgischeSozialistenführerVandervelde kürzlich die rumänische Front besuchte, benutzte er die Gelegenheit, die rumänischen Machthaber aus die Stimmung in Rußland wegen der rumänischen Judenverfolgung hinzuweisen. Sofort nach der Rückreise Vanderveldes veröffentlichte die rumänische Heeresleitung folgenden Tagesbefehl: „Der Militärmacht ist zur Kenntnis gelangt, daß in der Stadt Personen vorhanden sind, die bei unseren Verbündeten falsche Nachrichten über die politische Lage in Rumänien verbreiten. Die betreffenden Personen werden vor ein Militärgericht gestellt werden." Anfang Juni begab sich eine jüdische Deputation in Beßarabien, mit Rabbiner Rcwelski an der Spitze, zu dem Oberstkommandierenden in Odessa, Genera! Marx, mit der Bitte, einige jüdische Vertreter nach Rumänien abzukommandieren. Nur zwei Personen wurde gestattet, die Moldau zu besuchen. Der Bericht, der nun der jüdischen Oeffentlichkeit vorliegt, ist von der russischen Judenheit mit einem Schrei des Entsetzens ausgenommen worden. Wenn, diesem Bericht zufolge, das Leben der rumänischen Juden in Fricoenszeiten eine dauernde Qual war, so war es doch ein Eldorado im Vergleich zu dem Schreckensregiment, unter dem die rumänische Judenheit seit Kriegsbeginn seufzt. Als der Krieg ausbrach und die Juden sich massenhaft als Freiwillige in die Armee meldeten, kam sofort der Befehl, daß auch für die freiwilligen jüdischen Soldaten jedes Avancement unzulässig sei. Die Behandlung der jüdischen Soldaten in der Armee ist brutal und zahlreiche jüdische Soldaten verlangten in die russische Armee versetzt zu werden, wobei sie ausdrücklich wünschten, gerade in die Todesbataillons eingetragen zu werden. Schon ein solches Vorhaben wird als „Desertion" betrachtet und die unglücklichen Soldaten, die den Antisemitismus ihrer Vorgesetzten nicht mehr ertragen können, werden als „Deserteure" in Gefängnisse gesperrt. Als die Niederlagen der rumänischen Armee begannen, brachen schwere Tage für die Juden herein. Jeder Rückzug der rumänischen Truppen kostete einer großen Anzahl rumänischer Juden aller Klassen das Leben. Die angesehensten Juden, Vertreter der Gemeinden, Vorsteher, wurden ohne jeden Grund ins Gefängnis gesteckt. Der bekannte Bankier Max Rubenstein in Galatz, im Ehrenamt norwegischer Konsul, ein bekannter Philanthrop, einer der angesehensten Bürger der Stadt, konnte die schimpfliche Beleidigung, daß man ihn der Spionage verdächtigt hatte, nicht ertragen und beging im Gefängnis Selbstmord. Als man mit der Regelung der Lebensmittel in Rumänien begann, erhielten alle Präfekten den Befehl, zunächst die rumänische Bevölkerung zu versorgen; die „Fremden", d. h. die Inden, sollen erst nachher berücksichtigt werden! Die Folge davon war, daß die jüdischen Einwohner ohne Lebensmittel blieben. Schreckliche Szenen spielten sich vor den öffentlichen Lebensmittellokalen ab. Hunderte von jüdischen Frauen und Mädchen wurden von den Läden vertrieben, trotzdem in den Lokalen reichlich Lebensmittel zum freien Verkauf vorhanden waren. In einer Reihe von Städten konnten die Inden überhaupt keine Lebensmittelkarten bekommen. Um sich Lebensmittel zu verschaffen, gehen fast täglich Scharen von Kindern zu Fuß von Jassy nach der russischen Grenzstadt Ungeni. Die rumänischen Grenzbehörden drücken gewöhnlich gegen diesen Schmuggel von Lebensmitteln ein Auge zu. Jüdische Kinder aber, die bei diesem Schmuggel ertappt werden, werden aufs scheußlichste mißhandelt. Der Rabbiner Rewelsky berichtet in den Odessaer Zeitungen über einige solcher unmenschlichen Miß- .handlungen von jüdischen Kindern. Ein jüdisches Mädchen und ein jüdischer Knabe im Alter von 8 bis 10 Jahren sind von den rumänischen Grenzbehörden derartig mißhandelt worden, daß das Mädchen in ein Krankenhaus gebracht werden mußte und der Knabe nach einigen Tagen an seinen Verletzungen gestorben ist. Dieser Vorfall hat im Arbeiter¬ und Soldatenrat in Odessa große Erbitterung hervorgerufen, und der russische General Marx hat versprochen, über den Vorfall von der rumänischen Regierung eine strxnge Untersuchung zu fordern. Als die Einwohner zu öffentlichen Arbeiten, namentlich zu Schanzarbeiten, herangezogen werden sollten, hat man zunächst nur vermögende Juden herangehott, zu dem einzigen Zweck, Geld von ihnen zu erpressen. Besonders grausam verhielt sich gegen die Juden in Focsani der Major Kusbiu, der die Arbeiten an der Eisenbahn verwaltete. Fast die gesamten jüdischen Einwohner wurden von ihm ausgeplündert. Der Loskauspreis schwankte zwischen 200 und 2000 Francs. Die Erpressungen wurden an ein und derselben Person wiederholt vorgenommen. Als von den reichen Juden alles schon erpreßt war, begann man die arme Bevölkerung an die Arbeit zu schleppen. Auch Rabbiner wurden zu den Arbeiten gezwungen. Um sie dem öffentlichen Spott preiszugeben, hatte man sie in eine Reihe gestellt, Bart und Schläfenlocken wurden glatt rasiert und so wurden sie durch die Stadt getrieben. Die nichtjüdische Bevölkerung wurde fast nicht gestört und im Gegensatz zu den Juden ist sie für die Arbeit bezahlt worden. Zahlreiche arme Juden haben keinen Lohn bekommen. Mit ° unerhörter Grausamkeit ließen die rumänischen Behörden die unglücklichen jüdischen Flüchtlingsmasien nicht in die Dörfer hinein, weil an diesen Orten nach den rumänischen Vorschriften Juden „kein Ausenthaltsrecht" hatten. Tausende von jüdischen Flüchtlingen mußten mit Frauen und Kindern unter fteiem Himmel außerhalb der Dörfer in Kälte und Regen übernachten. Nicht einmal die vor Hunger und Kälte gestorbenen Kinder durfte» sie in den Dörfern begraben.

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