Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 31 (18.10.1917)
- Date
- 1917-10-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 31 Diese Anordnung hat im Kreise der orthodoxen Judenschast die lebhafteste Zustimmung gefunden und mit einer seltenen Solidarität wurde dieselbe befolgt. In Wien wurden über Initiative der „Agudas-Jisroel", die übrigens die technische Seite der ganzen Aktion leitete, itn Lokale des Talmud- Tora-Bethauses (Malzgasse 16) ein besonders andachtsvoller Gottesdienst abgehalteu. Unter Teilnahme mehrerer Rabbiner aus Galizien und der Bukowina versammelte sich gegen 9 Uhr früh eine sehr zahlreiche Gemeinde, die gemeinsam das Tagesgebet mit Slichvt^und Psalmrezitation verrichtete. Hierauf trug der Senior der galizischen Rabbiner, Abraham Mendel Steinberg (Brody), in feierlicher Weise das Kaisergebet vor, wonach derselbe eine überaus ergreifende Gelegenheitsrede hielt. Eine zweite eindrucksvolle Rede hielt Rabbiner Maier Arak (Bnczacz). Der Gottesdienst dauerte bis 1 Uhr nachmittags und nahm einen überaus würdigen Verlauf, bei allen Teilnehmern einen tiefen Eindruck auslösend. Es sind auch namhafte Spenden zugunsten des Kriegswaisenfonds der „Agudas- Jisroel" eingeslossen. Die meisten Teilnehmer haben für ihre minderjährigen Kinder Lvsegeld erlegt. Einen ähnlichen Verlauf nahmen auch die Gottesdienste in den anderen orthodoxen Bethäusern. In manchen hat der Gottesdienst in den Abendstunden stattgefnnden, wobei beim Minchagebet „Wajchal" vorgelesen und „Uwinu-Malkenu" gesagt wurde. Auch in sämtlichen Städten Galiziens und der Bukowina wurde der angeordnete Fast- und Bettag vorschriftsmäßig eingehalten. Möge der Gott Israels die Gebete seiner Gläubigen erhören und die Menschheit gar bald mit den Segnungen des Friedens beglücken. Ben-Amitai. Die Not der Juden in Rumänien. Aus Petersburg wird der „Jüdischen Rundschau" gemeldet: Die nach Rumänien entsandte Expedition des Indischen Hilfskomitees in Odessa, die nunmehr zurnckgekehrt ist, und der jüdische Schriftsteller ®t. Aktion ©eviit, brr in Rumänien als russischer Militärarzt tätig war, veröffentlichen in der jüdischen Presse Rußlands ihre Eindrücke, die ein entsetzliches Bild des jüdischen Elends und der grausamen Bestialität der rumänischen Behörden entrollen. Zur Ergänzung des früheren Berichtes sollen einige Tatsachen aus diesen Darstellungen angeführt werden. Ein kranker jüdischer Soldat bekam, weil er Jude war, Arrest und wurde trotz fetucr Krankheit zu schweren Arbeiten gezwungen. Jüdische Eltern, die ihre Tochter vor den Mißhandlungen eines Offiziers retteten, wurden ins Gefängnis gesperrt und mißhandelt. Später wurden sie aus der Stadt ausgewiesen und das Mädchen mit auf den Rücken gebundenen Händen unter Polizeibewachung entführt. In Bacau wurde ein Jude gezwungen, seinen Vater öffentlich zu ohrfeigen, weil er mit ihm jidisch gesprochen hat. Wegen eines ähnlichen „Verbrechens" wurde ein greiser, angesehener jüdischer Großkaufmann aus Bacau dazu verurteilt, eigenhändig die Latrinen zu reinigen. Das sind einzelne, zufällig herausgegriffene Tatsachen. In ihrer Gesamtheit ergeben sie ein jammervolles Bild der Mißhandlung und Unterdrückung von einer Viertelmillion Juden, die schütz- und wehrlos der Willkür und Brutalität einer haßerfüllten, verwilderten Soldateska ausgeliefert sind. Die russische Judenheit leitete in der politischen Oeffentlichkert eine Bewegung zur Rettung der rumänischen Juden ein. Ueber die Protestversammlung der Zelre-Zion in Odessa wurde in der vorigen Nummer der „Jüdischen Rundschau" berichtet. Analoge Protestversammlungen veranstalteten die zionistischen Vereine in Kiew, Uman rc. Eine Versammlung in Odessa, bei der der Redakteur der zionistischen Tageszeitung „Petrograder Tagblatt", S. Höchberg, ein Mitglied der erwähnten Expedition, einen eingehenden Bortrag über die rumänischen Zustände hielt, sandte über die Einzelheiten der jüdischen Lage in Rumänien telegraphische Berichte an Präsident Wilson, Jakob Schiff, Dr. Gaster, an die Alliance in Paris und die Parlamente aller Alliierten. Das Bereinigte jüdische Komitee in Kiew ersuchte den nationaljüdischen Schriftsteller S. A. Rappaport (An-sky), der sich durch seine Hilfstätigkeit im okkupierten Galizien von neuem große Verdienste erworben hat, nach Rumänien zn reisen, um dort eine Hilfsaktion für die verfolgten Juden zu organisieren. Trotzdem der Minister des Aeußeren versprochen hatte, das Reisegesuch zu unterstützen, ließ die Reisebewilligung lange auf sich warten. An-sky wandte sich daher an den damaligen Landwirtschaftsminister W. Tschernow, der ihm die Genehmigung erteilte, sich nach Rumänien zu begeben, um dort die „Agrarverhältnisse zu studieren". Gleichzeitig wird über eine Deputation der jüdischen Gemeinden Rumäniens berichtet, die vor kurzem vom rumänischen König empfangen wurde. Der König erklärte der Deputation, der Zeitpunkt sei jetzt ganz und gar nicht geeignet, sich mit der Judensrage zu befassen. Erst nach einer siegreichen Beendigung des Krieges und nach der Eroberung von Siebenbürgen werde es an der Zeit sein, an eine Judenreform zu denken.... Diese Antwort des rumänischen Königs zeigt, wie weit man heute noch in Rumänien davon entfernt ist, der Frage der Emanzipation der rumänischen Juden näherzutreten. Zur patästmasrage. Dem „H. Ist. Familienblatt" wird geschrieben: In der letzten Zeit ist aus dem Wirrwarr der Kriegs- und Friedensfragen die Frage nach der Zukunft Palästinas in den Vordergrund des Interesses der allgemeinen Oeffentlichkeit getreten. Fast gleichzeitig in den Vierbundswie in den Ententeländern beschäftigen sich maßgebende Preßorgane aller Richtungen mit dem palästinensischen Problem, und es war bezeichnend, daß bei aller Verschiedenheit, die sich aus dem Gegensatz der Interessen naturgemäß ergibt, hüben wie drüben der ganzen Frage der Charakter einer jüdischen Frage zugesprochen wurde und alle positiven Vorschläge darauf hinausliefen, die jüdische Frage bei den Friedens- Verhandlungen dadurch zu lösen, daß in irgend einer Form das jüdische Land wieder in den Besitz der Judenheit übergeht. Ueber das „Wie" kann man freilich zurzeit noch keine Einigung erwarten, wie sich ja auch niemand varlwer rauschen kann, daß jedes Interesse für die jüdische Frage bei den streitenden Brächten erst entsteht auf dem Umwege über die Erkenntnis eigener Bedürfnisse. Die Aufmerksamkeit, die man heute der jüdischen Frage zollt, ist keine ganz uneigennützige Liebe. Wer sie zeigt, ivill eigene Interessen in Einklang bringen mit den jüdischen und jene mit diesen fördern. Das ist für niemanden ein Vorwurf. Es zeigt aber, in welch nachteiliger Situation die Judenheit den Urhebern und Verfechtern der verschiedenen Palüstinaplüne gegenüber sich befindet, solange es diesen Projekten nicht einen einheitlichen und eindeutigen jüdischen Willen gegenüberzustellen vermag. Das ist leider nicht der Fall. Eine doppelte Teilung von innen und von außen vereitelt jede Einheitlichkeit der jüdischen Meinung. Von innen ist es die Parteispaltung, die sich uns hier hemmend in den Weg stellt, von außen die Tatsache, daß durch den Krieg die Judenheit in feindlichen Heerlagern steht. Auch die Judenheit erscheint heute zerrissen in eine mitteleuropäische und eine Entente-Hälfte, und beide Seiten machen die Interessen ihrer Länder zu den ihrigen. Es kann aber keinem Zweifel unterliegen, daß die jüdische Frage nur nach jüdischen Gesichtspunkten gelöst werden kann, wenn sie wirklich mehr sein soll, als ein Vorwand für irgendwelche andere politische Absichten. Es sind zwei Kardinalfragen, welche die öffentliche Meinung der gesamten Judenheit mit Notwendigkeit beantworten muß: 1. Erhebt die Judenheit Ansprüche auf ein stetes jüdisches Leben in Palästina? 2. Soll Palästina bei der Türkei verbleiben oder nicht? Was die erste Frage betrifft, so braucht nur auf die Kundgebungen der amerikanischen, englischen und russischen Juden hingewiesen zu werden, die übereinstimmend die Möglichkeit der Neuaufrichtung jüdischen Lebens in Palästina fordern. Es läßt sich aber Nachweisen, daß auch in der deutschen Judenheit, trotz allen Gegensatzes zwischen Zionisten und Nichtzionisten, der Wille besteht, Palästina allem jüdischen Leben, das dort zu wachsen und zu gedeihen wünscht, weit geöffnet zu sehen. Es läßt sich also hier die Forderung nach nicht mehr, aber auch nicht weniger als der Oessnung Palästinas für das jüdische Leben als das wichtigste Friedensziel der gesamten Jndenheit der Welt feststellen. Eine Zusammenstellung der maßgebenden Aeußerungen der Juden der verschiedenen Ander dürfte in dieser Beziehung ein sehr eindruckvolles und überzeugendes Dokument abgeben. Ueber die zweite Frage kann eine gleiche Einigkeit nicht festgestellt werden. Zu sehr sind die Juden der einzelnen Länder mit den nationalen Ansprüchen und politischen Wünschen derselben verknüpft, als daß nicht ihr jüdisches Urteil beeinflußt wäre durch das Uebergewicht des staatlichen und volklichen Empfindens, in dessen Atmosphäre sie ausgewachsen sind. So wird man sich unter den Juden Mitteleuropas ebenso entschieden für ein Verbleiben Palästinas bei der Türkei aussprechen, wie die Ententejuden für seine Loslösung cinzutreten geneigt sein werden. Nach unserer Ueberzeugung wird damit den Ententejuden die schwere, aber auch ehrenvolle Aufgabe gestellt, noch einmal sehr genau und ohne Vorurteil nachzuprüfen, ob die Palästinapläne der Entente sich vereinigen lassen mit den wohlverstandenen jüdischen Interessen und ob nicht vielmehr für letztere das weitere Verbleiben des Heiligen Landes in türkischer Hand eine unabweisbare Notwendigkeit bedeutet. So will es uns wenigstens erscheinen angesichts der Vielgestaltigkeit und Fülle des Widerspruchs, der in jenen Plänen enthalten ist, gegenüber dem wir auf die seit Jahrhunderten sich gleichgebliebene Stetigkeit der türkischen Vorurteilslosigkeit und Toleranz gegenüber den Juden mit Nachdruck Hinweisen müssen. Wir wissen wohl, daß in den palästinensischen Verhältnissen Aenderungen eintreten müssen, die nicht ganz oberflächlicher Art bleiben dürften, wir wissen aber auch, daß unsere Forderungen in jener kulturellen Entwicklungslinie liegen, auf der in Zukunft die Türkei vorwärtsschreiten wird. Auch die Enkentejuden werden nicht leugnen, daß das jüdisch-türkische Verhältnis von jeher das denkbar beste gewesen ist, und daß sich dort ein gegenseitiges Vertrauen herausgebildet hat, das die bestfundierte Grundlage abzugeben vermöchte für die Errichtung eines neuen jüdischen Lebens im alten jüdischen Lande. Wir sind weit davon entfernt, den Ententejuden irgend etwas als Forderung vorzulegen, was auch nur im entferntesten als Illoyalität gegen ihr Land betrachtet werden könnte. Aber wir fordern von ihnen auch jenen Grad von Loyalität der Stammesgenieinschaft, der sie und uns befähigen möge, bei jüdischen Schicksalsfragen die jüdische Antwort zu finden! -Z- Organisation der orthodoxen Rabbiner in Rußland. Aus Petersburg wird berichtet: Auf Initiative der Rabbiner aus Minsk und Kowno wird jetzt die Bildung eines Verbandes der orthodoxen Rabbiner geplant. Außer seinen professionellen Aufgaben soll dieser geplante Verband die religiösen Angelegenheiten des Volkes in die and nehmen. In Moskau wurde ein provisorisches rganisationsbureau, bestehend aus den Rabbinern zu Moskau, Staschew (Graubarth) und Mitau (Nurok) und den orthodoxen Laien R. Gotz und Persitz, gegründet, das auf den 20. Juli / 2. August eine Konferenz der Rabbiner einberies. Es kamen die bedeutendsten Größen der rabbinischen und chassidischen Welt, wie die Rabbiner aus Minsk, Kowno, Wilna, Radin, Ponewjesh, Tukkum, Njeshin, Witebsk und die Zaddikim aus Ljubawitschi und Bobrujsk. Die Konferenz behandelte nur als private Beratung die prinzipiellen Fragen. Der durch seine Frömmigkeit berühmte R. Israel Ber Kahan aus Radin (im Volksmund „Der Chosez Chajim" nach dem Titel seines Werkes genannt) war aus religiösen Motiven überhaupt gegen die Bildung eines besonderen Rabbinerverbandes. Der Ljubawrtscher Zaddik fand, daß nicht jedem Rabbiner in der Provinz die heilige Sache anvertraut werden könne. Schließlich wurde die Einberufung einer Rabbinerkonferenz beschlossen. Die Vertreter der Othodoxie am Organisationskomitee der Kongreßbewegung (die Rabbiner Eisenstadt, Katzenellenbogen und Nurok und I. D- Markon) wurden beauftragt, in ihrem Namen offiziell die Konferenz einzuberufen. Zu ihrer Unterstützung wurden noch drei Rabbiner, drei chasfidische Zaddikim und einige orchodoxe Aren gewählt. Der