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Jüdische Korrespondenz · 1917-10-18 · 31 (18.10.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
31 (18.10.1917)
Date
1917-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller, , , , . _ T Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 1 20, Wochenblatt fÜrjUdlSChe Interessen. Wien, VIII. Alserstraüe 55. Nac hdruck mit voller Quellenangabe gestattet. Redakteur. Jonas K X e p p e 1. Erscheint jeden Donnerstag Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration : Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerst a g. Np. 31 Wien. 18. Oktober 1917. III. Jahrgang. Koscinszko-Feier und Judenfrage. Am 14. d. M. hat das politische Volk den hundertsten Todestag seines größten und populärsten Nationalheldcn, Thadäus Kosciuszko, gefeiert. An demselben Tage sind auch die Handschreiben der Kaiser Karl und Wilhelm veröffentlicht worden, mittelst welcher die beiden verbündeten Herrscher den polnischen Regentschaftsrat, bestehend aus Erzbischof Kakowski, Fürst Lubomirski und Graf Ostrowski, bestätigt und damit in Amt und Würde eingesetzt haben, Koscinszko war der letzte polnische Nationalheld, der für die Wiederherstellung der polnischen Selbständigkeit gekämpft und gestritten hat. Für die polnische Nation muß es daher ein Ereignis von ganz besonderer Bedeutung sein, daß gerade an seinem hundertsten Todestage der bedeutendste Schritt zur Realisierung der Selbstständigkeit erfolgt ist. Tatsächlich ist der Kosciuszko- Tag in ganz Polen seitens der Gesamtbevölkerung ohne Unterschied der Parteien in überaus solenner Weise gefeiert worden, Koscinszko zeichnet sich auch damit aus, daß er im ganzen Volke die vollste Anerkennung, Verehrung und Würdigung findet. Mögen die Polen auch sonst in Parteien und Gruppen, Aktivisten, Passtvisten, Neutralisten re,, geteilt und gespalten sein — Koscinszko ist ihr größter Nationalheld, obwohl er einer der tatkräftigsten Aktivisten war und für die politische Freiheit seines Vaterlandes mit der Waffe in der Hand kämpfte. Feier lebhaften Anteil genommen. In den Synagogen wurden feierliche Gottesdienste abgehalten und aus beredtem Munde konnten die Zuhörer erfahren, respektive daran erinnert werden, daß auch ihre Vorfahren an den Befreiungskämpfen Kosciuszkos beteiligt waren. Der Name Berek Joselowicz, jenes Krakauer Judeti, der in den Zeiten Kosciuszkos eine jüdische Legion gebildet und gemeinsam mit den Bauern und Kleinbürgern für die Freiheit Polens gekämpft hat, ist dem polnischen Judentum nicht fremd. Sie wissen es aber auch, daß KoSciuszko es war, der die vollständige Judenemanzipation auf seine Fahne geschrieben hatte. In jenen Tagen, da der sogenannte „vierjährige polnische Landtag" tagte, der dazu bestimmt war, Polen zu reformieren und zu modernisieren, der aber den Schmerz erlebte, Zeuge der letzten Teilung Polens zu sein, wurde auch viel über die Lage der Juden im Königreich verhandelt und die Konstitution vom 3, Mai sprach zum ersten Male die Judenemanzipation aus, freilich in einer etwas verklauselierten Form. Während der diesbezüglichen Verhandlungen sind verschiedene Pläne erörtert worden, darunter manche, die nicht gerade das Wohl der Juden im Auge hatten. KoSciuszko aber war derartigen Spekulationen unzugänglich. Er sah in den Juden Polens, trotz ihrer äußerlichen „Unkultur", vollberechtigte, gleiche Bürger, .die Nachkommen eines Volkes, welches ebenfalls einmal unabhängig war und dessen politische Freiheit durch brutale Feindeshand vernichtet wurde. Er hat es verstanden, daß die Juden und die Polen gewissermaßen Leidensgenossen sind und daß es Pflicht der Polen ist, der Juden zu gedenken, in dem Momente, da sie daran gingen, ihr eigenes politisches Leben zu reformieren und auf eine gesunde Basis zu stellen. Kosciuszko übte den Juden gegenüber nicht bloß Toleranz, sondern behandelte sie als gleichwertige Bürger-Brüder, die gleiche Pflichten und gleiche Rechte haben. Sein Aufruf an Berek Joselowicz und Josef Ahranowicz spricht voller Achtung und Wertschätzung von den Juden, er anerkennt ihre besondere Eigenart, und er kommt gar nicht auf den Gedanken, ihr Herz und ihre Nieren zu prüfen, ob sie tatsächlich trotz ihres abgesonderten religiösen und kulturellen Lebens gute Bürger sind. Kosciuszko war cs nicht vergönnt, sein Ziel zu erreichen. Der Kamps gegen die gewaltige russische Uebermacht machte alle Opfer des polnischen Volkes zunichte. Ueber 100 Jahre haben die Polen unter dem Joche des Zarismus geschmachtet, und erst der Weltkrieg und die Niederringung des Zarismus seitens der Mittelmächte hat ihnen dazu verholsen, vor der Realisierung jenes Zieles zu stehen, das Kosciuszko angestrebt und wofür er gekämpft hat. An dem Tage, an welchem das polnische Volk den hundertsten Todestag Kosciuszkos begehen konnte, wurde der wichtigste Grundstein zu der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Polens gelegt. Die Polen sind nun dabei, wieder die Herren im eigenen Hause zu sein; soweit die Kriegsverhältnisse es gestatten, werden sie das eigene Schicksal schmieden können. Die Handschreiben der Kaiser Karl und Wilhelm sind wahrlich das schönste und erhabenste Geschenk, das die Mittelmächte dem polnischen Volke an seinem Kosciuszko-Tage machen konnten. Aber nicht bloß das Schicksal des polnischen Volkes hat in den verflossenen 100 Jahren vielfache Wandlungen durchgemacht, Auch die Juden Polens wurden hiebei in Mitleidenschaft gezogen und auch sie mußten es oft verspüren, daß Polen unter dem Joche des Zarismus ächzt und daß Petersburg und nicht Warschau der Herr ihres Schicksals ist. Andererseits hat auch das Verhältnis zwischen Juden und Polen vielfache Wandlungen durchgemacht, und gerade jetzt, da die Polen im -Begriffe- -stntr, oermlrkllMt zu sehen, ist dieses Verhältnis entfernter denn je von dem Zustande, in welchem es sich in den Tagen KoSciuszkos befand. Damals beschäftigte man sich im polnischen Landtage mit der Frage, wie das Los und die Lage der Juden zu verbessern sei; heute stehen große Teile des polnischen Volkes im Lager des Judenhasses und die polnisch-jüdische Spannung zieht immer weitere Kreise um sich. Damals kämpften jüdische Legionäre unter den Fahnen Kosciuszkos, heute ist die Situation eine solche, daß in weiten jüdischen Kreisen die Frage aufgeworfen wird, ob man denn nicht der Wiederherstellung der Selbständigkeit Polens mit einiger Sorge entgegensehen muß. Es mag wohl viel Uebcrtreibung in dieser Mentalität liegen. Aber ganz grundlos sind diese Strömungen nicht, angesichts gewisser Erscheinungen und gewisser Ereignisse, Die extremen Elemente hüben wie trüben tuen alles, um die Kluft zu vertiefen; die ernsteren Kreise aber zeigen wenig Entschlossenheit und auch wenig Willen, einzugrcifen, um erträgliche Zustände zu schaffen. So sieht die Situation heute angesichts des KoÄiuszko-Tages aus — ein Zustand, der weder den Polen noch den Juden zum Heil gereichen kann. Kosciuszko, der für die Freiheit seines Volkes die Waffen geführt hat, verstand es, daß das Volk in solchen Momenten nicht kleinlich und nicht vorurtcilsvoll sein darf. Energisch und entschlossen wie immer, hat er auch nach dieser Richtung großzügig gehandelt und den Juden Polens diejenige Stellung zugewiesen, die ihnen gebührte. Die heutigen Polen haben keinen Kosciuszko — aber wenn sie dabei sind, dasjenige zu erreichen, wofür er gekämpft und geblutet hat, ist es ihre Pflicht, seine Wege zu wandeln und das wiedererstehendc Polen zum Hort der Freiheit und der Gleichheit für alle seine Bürger zu machen, nicht bloß in formeller Beziehung, sondern auch in der Wirklichkeit, im Sinne und im Geiste ihres großen Nationalhelden, dessen Andenken sie gerade jetzt so solenn feiern. Die polnisch-jüdische Frage ist heute wohl viel komplizierter als je. Die nationalistische Strömung im jüdischen Lager und der Chauvinismus weiter polnischer Kreise machen einen Ausgleich nicht so einfach, und vielfach gibt es Divergenzen, die man schwerlich beseitigen kann. Aber bei gegenseitigem guten Willen ist es dennoch nicht unmöglich, eitten Mittelweg, eine» modus vivendi zu finden, der ein ruhiges und friedliches Nebencinanderleben ermöglichen dürfte. Einer der hervorragendsten Führer der Polen, Graf Adam Roniker, der dazu bestimmt ist, im künftigen polnischen Staatslebcn eine bedeutende Rolle zu spielen, schrieb vor kurzem in einem Berliner Blatte: „Die jüdische Frage ist aus dein Wege zu einer günstigen Lösung, dank des Standpunktes, den der Staatsrat im Einvernehmen mit einflußreichen Parteigruppen in dieser Angelegenheit eingenommen hat und der sich ans den Grundsatz vollkommener Gleichberechtigung stützt." Man kann diese Versicherung mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen, ebenso 'wie man die Versprechungen befriedigend entgegennahm, die der provisorische Staatsrat der „Agudas Hoortvdoxim" diesbezüglich machte. Aber es ist nötig, auch Taten, soweit dies gegenwärtig möglich, zu sehen. Die Polen sollen in den Stüdievenvaltungen, wo sie bereits die Herren sind, den Aitfang mit der Realisierung ihrer Versprechungen machen. Sie sollen sich mit den berufenen Vertretern der jüdischen Kreise in ernste Verhandlungen einlassen und nicht mittelst eines negativen Passivismus sso paradox dieser Ausdruck auch klingen mag) Mißtrauen und Besorgnisse Hervorrufen, Die polnischen Juden würden es höchst peinlich empfinden, wenn sie gezwungen sein sollten, aus- -War8ge Wrktsren-um Hilfe unv Veistunv u«jww«fe*B>- Die Polen haben heute keinen Kosciuszko in ihrer Mitte. Aber wenn sie dabei sind, das Ziel Kosciuszkos zu erreichen, so mögen sie zumindest vom Geiste Kosciuszkos beseelt sein. Das Echo ans dem jüdischen Lager wird dann der Geist eines Berek Joselowicz sein. Die Juden in Polen wollen nicht toleriert, sondern Gleiche mtter Gleichen sein. Spectatvr. Fast- und Lettag für den Frieden. Im Sinne der altjüdischen Tradition und im Sinne der religiösen Vorschriften, in den Zeiten der Bolksnot den ewigen Vater im Hinnnel anzurufen und dessen Hilfe zu erflehen, haben die orthodoxen Rabbiner Galiziens und der Bukowina für Montag, den 28, Tischri (15. Oktober) Erew-Rvschchodesch Chewan, einen allgemeinen Fast- und Bettag angeordnet, und zwar für alle Juden gaiizischer und Bukowinaer Herkunft, respektive Zuständigkeit. In einem hebräisch und jüdisch gehaltenen Aufruf tvurden die Gründe dieser Anordnung dargelegt und im Sinne der religiösen Vorschriften zur Befolgung derselben aufgefordert. Die Pflicht des Fastens oblag jeder Person beiderlei Geschlechts im Alter von über 18 Jahren, Ausgenommen diejenigen, die aus Gesundheitsrücksichten nicht fasten dürfen. Diejenigen, die nicht fasten könnten, sollten ein Lösegeld im Betrage von mindestens zweimal 18 Heller für Mindestbemittelte, respektive viermal 18 Heller für Bessersituierte, Vermögliche aber mindestens K 2'— zugunsten des Kriegswaisenfonds der „Agudas-Jisrocl" erlegen. (Die Ziffer 18 gilt bekanntlich im jüdisch-religiösen Sinne als das Symbol des Lebens, da die Ziffer „Chat" im hebräischen Alphabet „Leben" bedeutet.) Es ivurde auch die Abhaltung spezieller Gottesdienste in den Bethäusern angeordnet, bei welchen die für die üblichen religiösen Fasttage vorgeschriebenen Gebctstücke (Uwinu-Malkenu, Slichot, Wajchal-Lesen re.) hergesagt und verlesen werden sollten. Außerdem sollten Gebete für das Wohlergehen des Monarchen und für den baldigen glücklichen Frieden abgehalten werden, wobei die Rabbiner Erbanungsreden zu halten hätten.

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