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Jüdische Korrespondenz · 1917-10-11 · 30 (11.10.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
30 (11.10.1917)
Date
1917-10-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 30 Jüdisehe Korrespondenz. Seite 3 teressensphären liegen und eben deswegen gerade die Zeniralmachte das erste Wort Lei der Lösung dieser Fragen haben müssen." Jüdisches aus Polen. Aus Warschau wird geschrieben: Die Statuten des Rabbinerverbandes sür das Generalgouvernement Warschau sind seitens der Behörde bestätigt worden. Zweck des Verbandes ist Schutz der Standesinteressen. Mitglied kann jeder offizielle Rabbiner im Generalgouvernement werden. Einmal jährlich findet eine Rabbinerkonserenz statt, die sich mit der religiösen und sozialen Lage der Juden besaßt, ihre Beschlüsse dem Obersten Rat mitteilt, über das Schulwesen und andere kulturelle Fragen Meinungen auslauscht. In dem „Verordnungsblatt" ist das polnische Schulgesetz veröffentlicht worden, das von der Uebcrgangskommission des polnischen Staatsrates erlassen und vom Generalgouvernement genehmigt ist. Ueber die jüdischen Schulen wird bestimmt: Wenn eine gehörige Anzahl jüdischer Eltern sich an die zuständige Verwaltung mit dem Antrag wendet, sür ihre Kinder besondere Schulen einzurichten, so muß diesem Anträge durch Errichtung von Schulen mit Sabbatruhe Rechnung getragen werden. Solange wie noch nicht alle jüdischen Kinder die öffentlichen Elementarschulen besuchen können, wird in den Chadorim und Talmudthvraschulen der Unterricht in polnischer Sprache und Elcmentarfächern, die einem bestimmten Lehrprogramm entsprechen, von der Kommunalkasse bezahlt. Der Elementarunterricht an den Chadorim und Talmudthoraschulen untersteht der allgemeinen Schulaufficht. Verschiedene Berufsfragen führten die Chederlehrer Warschaus zur Gründung eines Melamdim- Vereins, der dieser Tage eine öffentliche Versammlung abhielt. Herr Ginsburg schilderte in einem erschöpfenden Referat die materielle Notlage der Melamdim, die unter sozialer Verkennung zn leiden haben, sehr schlecht besoldet werden, zudem in der Ferienzeit und in den Lernpausen zwischen den Semestern ihr spärliches Honorar einbüßen. Der Referent verlangt die Bildung gemeinschaftlicher Chederschulen, die gemeindeöffentlichen Charakter behalten, den Rabbinern unterstellt sind und den Lehrern eine würdige Behandlung und ein reichliches Auskommen gewähren. In der Diskussion sprechen mehrere Mitglieder gegen die unvermittelte Durchführung dieses Planes, indem sie auf eine Reihe technischer Schwierigkeiten Hinweisen. Es wird beschlossen, die Verwaltung des Melamdimvereines mit der Ausarbeitung eines genauen Entwurfes zu betrauen. Ärchiv für jüdische Wirtschaftsfragen. Ein Vorschlag von Heinrich Margulies, z. Z. im Felde. (Fortsetzung aus Nr. SO.) II. Pie chrganisationsform. Das Archiv ist als die Vorstufe zu einer Gesellschaft von hervorragenden Sozialpolitiken, gedacht. An der Spitze soll neben einem Präsidenten, als welcher ein jüdischer Sozialpolitiker von wissenschaftlichem Ruf zu gewinnen wäre, ein Prüfungsausschuß stehen. Dieser setzt sich aus „Fachleuten" zusammen, d. h. aus solchen Kräften, die in der Lage sind, einlaufende Arbeiten über irgendwelche Einzelfragen aus dem allgemeinen jüdischen Sozial- und Wirtschaftsleben auf ihre Richtigkeit, auf ihren wissenschaftlichen Wert und, falls sie positive Arbeitsvorschläge enthalten, auf die Möglichkeit ihrer Verwirklichung hin zu prüfen. Diese einlaufenden Arbeiten bilden die materielle Grundlage der Gesellschaft. Daher nimmt diese als ordentliche Mitglieder nur solche aus, die geeignet sind und die die Verpflichtung übernehmen, sagen wir alljährlich mindestens zwei Spezialarbeiten einzureichen, etwa in dieser Art: Wie überführt man das jüdische Stadtproletariat im besetzten Gebiet in produktive Berufe? (Garten- und Gemüsebau, Handwerk usw.) Oder: Die Frage der Kreditgewährung bei den Ostjuden. Oder: Die Wirkung eines Getreidemonopols auf die wirtschaftliche Lage der deutschen Juden. Bei einer Mitgliederzahl von etwa 50, die unter Einrechnung von Oesterreich- Ungarn, Holland, Dänemark und der Schweiz leicht zu erreichen wäre, würde dies schon in einem Jahre 100 Arbeiten bedeuten, die den Vorteil haben, daß sie, nicht von publizistisch-journalistischen Erwägungen befangen, sachlich, fachmännisch, konkret und positiv sind. Zweifellos wäre die Gefahr, zur viel Arbeiten zu erhalten, größer als die entgegen- ' gesetzte. Die einlaufenden Arbeiten werden, sofern der Prüfungsausschuß nicht von vornherein auf völlige Unverwendbarkeit erkennen sollte, vervielfältigt und jedem Mitglied zur kritischen Rückäußerung zugesandt. Und zwar nicht nur jenen (ordentlichen) Mitgliedern, die sich zur aktiven Mitarbeit verpflichtet haben, sondern einem weiteren Kreis von (außerordentlichen) Mitgliedern, die also gewissermaßen lediglich Abonnenten dieser Arbeiten sind und sich gegen Zahlung eines entsprechenden Betrages die Möglichkeit sichern, an Hand von gründlichen, fachmännischen und jeder Journalistik und TngeSpolemik entrückten informativen Arbeiten ihre Kenntnisse zu erweitern. Hierin liegt gleichzeitig ein Hinweis auf die Finanzierung der (Gesellschaft, die hauptsächlich eben durch solche, sowie durch außerordentliche Beiträge, zu denen sich ohne Zweifel bald zahlreiche jüdische Industrielle und Kaufleute bereitfinden werden, zu erfolgen hat. Ueberdies sind die Unkosten gering, da sie sich zunächst auf die reinen Verviclfältigungskvsten beschränken und erst im iveiteren Verlauf durch Aussehen von Prämien sür besonders wertvolle Arbeiten oder für Arbeiten auf besonders nanchast gemachten, noch unerforschten Gebieten, durch Gewährung von Stipendien, durch Veröffentlichung geeigneter Sonder - oder Sammeldarstelluugen (wie es seitens der Handelshochschulen Köln und München geschieht), durch Veranstaltungen von Tagungen usw. auwachsen können. Der Prüfungsausschuß entscheidet letzten Endes, ob die «mit kritischen Bemerkungen versehenen wieder zurückgelaufenen Arbeiten als endgültig zi: betrachten oder aber, ob sie dem Verfasser zur nochmaligen Ueberarbeitung zurllckzustellen sind. Im ersteren Falle verleibt er sie entweder dem Archiv ein, indem er sich ihre Verwendung zur geeigneten Zeit vorbehält (Veröffentlichung o. dergl.l, oder er bemüht sich, falls sie positive Vorschläge enthalten, finanzkräftige Körperschaften zu ihrer Ausführung zu gewinnen. Und zweifellos werden die Projekte, die einer so gründlichen und fachgemäßen Schule entstannncn, eine gute Aufnahme finden. Ein nicht zu leugnender Nachteil dieser Organisation, deren Aufbau im übrigen verblüffend einfach erscheint, liegt noch darin, daß ihr hinsichtlich ihrer Mitarbeiter enge Grenzen gezogen sind. Nicht nur die Leitung und Ueberwachung, sondern auch die Detailarbeit bleibt auf „Fachleute" beschränkt, auf Menschen, au welche recht hohe Ansprüche gestellt werden müssen, und die erfahrungsgemäß meist so sehr anderweitig in Anspruch genommen sind, daß man nicht immer zuverlässig auf ihre Aktivität rechnen kann. Hier setzt nun der Ergäuzungsvorschlag ein, der die Möglichkeit der Heranziehung auch solchen Menschenmaterials sichern soll, an das nur geringere und nicht wissenschaftliche Ansprüche gestellt werden können. Dadurch kann zumindest eine Materialbeschaffung auf breitester Grundlage organisiert werden, was natürlich bedingt, daß dieses Material nun seitens des Ausschusses selbst, also unter teilweiser Emanzipierung von seinen ordentlichen Mitgliedern der Gesellschaft verarbeitet werden muß. (Schluß folgt.) Mt die jüdischen Soldaten. Aus „Agudas-Jisroel"-Kreisen schreibt man uns: Die lange Kriegsdauer bringt es mit sich, daß die „Agudas Jisroel" immer öfter angesucht wird, der jüdischen Mannschaft in religiöser Beziehung zu Helsen. Es ist anerkennenswert, was alles schon durchgeführt wurde, dank dem verständnisvollen Entgegenkommen der israelitischen Militärseelsorge in Wien, an deren Spitze der Feldrabbiner Dr. Frankfurter steht. Es ist ihm gelungen, überall dort, wo eine genügende Anzahl von jüdischen Soldaten da war, eine rituelle Küche bewilligt zu bekommen, in den Arbeitsanstalten können die Juden sowohl den Sabbat als auch alle anderen Feiertage von „Abend zu Abend" jene Ruhe haben, welche die Religion vorschreibt — eine Errungenschaft, auf welche Rabbiner Dr. Frankfurter stolz sein kann. Hoffentlich wird bald die Gelegenheit kommen, wo die „Agudas Jisroel" Herrn Rabbiner Dr. Frankfurter in einer geeigneten Form den öffentlichen Dank namens aller Juden ivird abstatteu können. Diese Gelegenheit wird der Friede bringe»: jetzt haben die Leiter der Aguda mit dem Erledige» der Bittgesuche der vielen jüdischen Soldaten übervoll zu tun — leider können die knappen Mittel nicht gestatten, allen Wünschen zu genügen. Es wäre zu wünschen, daß die breite Masse der Juden die „Agudas Jisroel" mit reichen Spenden unterstütze, damit das gute Werk überall ausgesührt werde. ___ Hazofeh. Eine biblische üriegsdichtung. („Jeremias", dramatische Dichtung in neun Bildern. Bon Stefan Zwei». Insel.Verlag zn Leipzig, 1917. Preis 4 Mk.) Der bekannte Dichter Stefan Zweig bat jüngst ein Buch der Oeffentlichkeit übergeben, das wohl ein' biblisches Thema zum Inhalt hat, nichlSdesioweiiiger aber der Gegenwart nngepaßt ist und vielfach die heutigen Verhältnisse wiederspiegelt. „Jeremias" beißt die „dramatische Dichtung in nenn Bildern", utid es ist in der Lar der Prophet Jeremias, der den Helden dieser Dichtung abgibt. Jeremias nnvt> von nächtlichen Aengsten aus das Dach seines Hauses getrieben. In stillem Frieden liegt drnmen, mondüberglanzt Jerusalem. Er aber hat die furchtbaren Gesichte des Krieges und der Zerstörung und bekennt der Mutter, die ihm naclieili. seine Bernnmg znm Prophetenaint, aber auch feine Angst »nd lein Entsetzen Die Mutter kamt tue Möglichkeit nicht zugeben, daß die heilige Stadl vernichtet werden könnte I ewig wahrt ihr, währt allen Gläubigen Jerusalem. Hub da der Sahn aus seiner Bision beharrl, verstößt und vcrsiucht üc ihn. Das Schicksal des Propheten erfüllt sich. Doch auch das der Stadt. Necho. der Pharao Aegyptens, schlägt Israel ein Bündnis gegen Nebniadnezar vor. Ergreifend inall sich das Schwanken des Volkes, Mancher hetzt zum „heiligen" Krieg. Jni Rate des Königs Zodetia lind sic noch für Ruhe und Besonnenheit: da taumelt das Volk selbst, taumelt aus seinem ansgcrcglen Eiter in die Leideiiichaft. Mit gleicher Inbrunst mahnt Jeremias zun: Frieden, immer gejagt von dem furchtbaren Gesicht des nahen Endes: Was rufet ihr zum Kriege, Männer Jerusalems? Habel ihr dem Mord eure Söhne gezeugel und der Schande eure Töchter? ., , Besinne dich, Israel, halt ein, eh du rennest ins Dunkel, Jerusalem! Siehe, siehe um dich: es ist Gottes Sonne über dem Lande, und eure Wcinstöcke blühen in Frieden, es schreiten beseligt die Bräute mit ihren Erwählten, es spielen einfältig die Kinder, und sanft glänzt der Mond in Jerusalems Schlaf. Das Feuer hat seinen Ort, und das Wasser seine Stätte, die Speicher seine Fülle und Gott sein geräumiges Haus, Sage, sage Israel, ist es nicht schön in Zions Mauern, ist es nicht lind in Sarons Talen, nicht selig an des Jordans blauem Gefall? O laß es dir genug sein, sriedsam zu wohnen unter Gottes beruhigtem Blick und halte den Frieden, halle ihn fest in deinen Mauern! Volk von Jerusalem, halte den Frieden!" Aber es ist ein Gotteskrieg, sagt ein anderer Prophet, ttnd abermals beschwört Jeremias: „Abtut Gottes Namen vom Kriege, denn nicht Gott führet Krieg, sondern die Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das Leben." Das Ende, wie könnte es anders lauten als Krieg — und Mißhandlung für Jeremias? Der Krieg wüte! Eine meisterhafte Szene schildert die Herantmift eines Siegesgerüchtes. Run, cs ist nichts mit dem Sieg; vielmehr hat sich Aegypten niit dem Feinde vertragen, und Israel bleibt der Rache übrig: auf dein Wall von Jerusalem wartet man des Feindes. Zwei Krieger sprechen. Der erste: „Aber muß es so sein? Warum will Gott den Krieg zwischen den Böllern?" Der andere: „Die Völker begehren seiner um seinelivillen." Der erste: „Wer sind die Völker? Bist du nicht unseres Volkes einer, bin ich es nicht , . . und haben wir dieses Krieges begehrt? Hier stehe ich und halte einen Speer, nicht weiß ich, wider wen ich ihn wende. , , Und ein anderer wärmt dort unten vielleicht jetzt am Lagerfeuer die Hand, die meinen Kindern de» Vater stößt, und hat mich nie geschaut und nie Kränkung gehabt von meinem Leben," Der erste: „Was begehren sie von uns? Wenn ich einen fraqelc von ihnen, er wüßte wohl nur zu sagen, daß ein Weib seiner wartet zu Hause und Kinder aus der Streu wie in meinem. Ich glaube, ivcnn ich redete mit einem, wir verstünden uns." Belagerung: Der König von Israel und Jeremias. Dieser: „Es muß einer den Friede:: beginnen wie einer den Krieg." Zedckia: „Warum soll ich'es sein, der als erster spricht, warum ich und nicht er? . , . Ich sage dir, die Kinder würden meiner spotten und die Weiber lachen meiner Schmach." Jeremias: „Besser der Narren Gelächter hinter dir als der Witwen Klage... Tu aus die Tore, tu ans dein Herz, Zedekia, bedenke, du rettest Jerusalem!" Elf Monate später: Die Vorräte gehen zur Neige, und ein Bote, von den Gedanken des Propheten zum Feinde hinausgetrieben, bringt von diesem Bedingungen, wenn auch harte Bedingungen, Abermals weissagt Jeremias, von der Düngergrube, wohin ihn das Volk gestoßen hat, heraufgeführr, dem König Niederlage und Untergang. Aber er will bleiben und trösten. Das tut er, da nun alles eintrifft, was er solange vorausgejchaut hat. Jerusalem ist besiegt, es soll zerstört und sein Volk vertrieben werden, Jeremias richtet den geblendeten König, richtet das verzweifelte Volk wieder auf. Mutig zieht Israel von der heiligen Stätte ins Exil.

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