Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 30 (11.10.1917)
- Date
- 1917-10-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Prüfungen des Tauglichkeitsgrades aller außerhalb der Kampffront stehenden frontdienstuntauglichen Mannschaften führen übrigens einen jeden tauglich Befundenen wieder der Front zu, so daß heute in Verwendungen außerhalb der Front bis auf wenige auf ihrem Posten Unentbehrliche nur frontdienstuntaugliche Personen stehen. Die Ursache, daß nur ein relativ geringer Prozentsatz namentlich der galizifchen Juden im Schützengraben zu finden ist, dürfte hauptsächlich auf den geringeren Tauglichkeitsgrad dieser Leute zurnckznsühren sein, wasdurchdie FriedenSafseutergebnifse auch bestätigt e r j ch e i n r. Zur Pulästrnafrage. <s)elegentlich des jüngst in Konstantinopel stattgesundeuen jmtgtürkiscken Kongresses hielt der Großwesir Taalat Pascha eine große politische Rede, in welcher er auch die Judeusrage in der Türkei, besonders in Palästina, berührte. Der Großwesir sagte diesbezüglich folgendes: Die Städte Gaza und Jaffa waren aus militärischen Gründen evakuiert worden. Unsere Feinde, die diese Beweggründe veranlaßt haben, haben aus Grund dieser Evaluierung eine Geschichte von Verfolgungen und Grausamkeiten erfunden, die man sich unmvglich ovrstcllen kann. Die Agenturen und Blätter haben nicht ausgehvrt, uns mit allen möglichen Verleumdungen zu überschütten, aber die Wahrheit kam sehr rasch an den Tag. Tie kaiserliche Regierung hatte bei der Anordnung dieser Evakuierung alle erforderlichen Schutzmaßregeln ergriffen. Tic Depeschen, die nach der von neutralen Journalisten, Notabeln, Rabbinern, Konsuln und den bei der Hohen Pforte beglaubigten Botschaftern der neutralen Mächte augestellten Untersuchung abgeseudel wurden, haben alle diese Verleumdungen Lügen gestraft. Es wurde noch einmal dargetau, wie weit die Veröffentlichung unserer Feinde von der Wahrheit entfernt war. Eine Depesche des Renkerschen Bureaus meldete jüngst, daß der gewesene amerikanische Botschafter in Konstmttiiwpcl Morgeuthau eine Reise nach Europa und dann nach Aegypten unternommen batte, um die Mittel für die Schaffung einer jüdischen Regierung in Palästina sicherzustellen. Als wir diese Nachricht lasen, glaubten wir an eine Erfindung der genannten Agentur, denn dem Gedanken der Bildung einer jüdischen Regierung in einem Teile unseres Landes nachzulaufen, wäre eine große Undankbarkeit der jüdischen Welt. Die Tausende von Inden, die ans ihren Ländern nach den Vorschriften Jgnatiews durch die Russen, die heute Verbündete der Engländer sind, verjagt untrden, flüchteten zu uns und dort, um sie irgend einem Drucke ausgesetzt waren, fanden sic die volle Fürsorge unserer Regierung. Alan kann sagen, daß die ottomanische Regierung die einzige ist, die den Inden den vollen Genuß ihrer bürgerlichen und politischeist Rechte läßt. Die Regierung der Bereinigten «Staaten hat soeben die Pforte durch Vermittlung der schwedischen Gesandtschaft offiziell verständigt, daß Morgenthau keineswegs sich nach Europa und Aegypten aus den oberwähuten Gründen begeben hätte und daß seine Reise durchaus anderen Zwecken gedient habe. Dadurch wird offiziell bestätigt, daß wir uns in unserer Annahme nicht getäuscht haben. England, das genau weiß, daß die Juden in Deutschland und Oesterreich-Ungarn geachtet sind, zielt mit diesen Umtrieben nur darauf ab, unsere Beziehungen mit unseren Verbündeten zu trüben. Ich hoffe zuversichtlich, daß die jüdische Nation, die ein gewissenhaftes Element darstellt, in die ihr gelegte Falle nicht gehen wird. Die Fiüchttingsfrage. Der Flüchtlingsansschuß des Abgeordnetenhauses hielt am 4. d. M. in Anwesenheit des Ministers des Innern Grafen Toggenbnrg, des Ministers Dr. Ritter v. Twardowski sowie der Fachrcfercnten aus dem Ministerium des Innern und aus dein Finanzministerium eine Sitzung. Bor Eingehen in die Tagesordnung lenkten die Abgeordneten Reizes, Kuranda und Rauch die besondere Aufmerksamkeit des Ausschusses aus die Meldungen, welche ihnen aus Budapest über die zwangsweise Ausweisung der dort noch weilenden Jfidlsehe Korrespondenz. galizifchen Flüchtlinge, insbesondere jener mosaischer Konfession, zugekommen waren. Insbesondere wurde auch hervorgehoben, daß die Vertreter der Budapester Presse sich in dieser Angelegenheit telegraphisch an den Kaiser um Schutz für diese armen Leute gewendet haben. Minister des Innern Gras Toggenbnrg erklärt, daß bereits das Nötige eingeleitet wurde, um amtliche Nachrichten über die Angelegenheit zu erhalten. Im übrigen sei auch ein Vertreter des Ministeriums des Innern mit den maßgebenden Faktoren in Ungarn bereits mündlich in Verkehr getreten, um wie bisher in vollem Einvernehmen die Behandlung der in Ungarn sich anshaltenden Flüchtlinge zu regeln. Nach längerer Debatte wurde folgender Antrag der Abgeordneten Reizes und Kuranda zum Beschlüsse erhoben: „Die Meldungen über die letzten Ereignisse in Budapest und über die rücksichtslose Behandlung der sich dort befindenden Flüchtlinge hat der Flüchtlingsansschuß mit lebhaftem Befremden ausgenommen. Er nimmt die Erklärung des Ministers des Innern, wonach die österreichische Regierung die geeigneten Schritte zur Wahrung der Interessen dieser Flüchtlinge in die Wege geleitet habe, in der Anhoffnung energischer Verfolgung dieser Aktion mit Befriedigung zur Kenntnis." Hieraus ging der Ausschuß zur Beratung der Repatriierungssrage, beziehungsweise der Durchsührnugsmaßnahmen zu den im September gefaßten Beschlüssen des Ausschusses über. Im Lause der Debatte ergriff auch Ministerialsekretär Dr. Monte! das Wort und legte die Grundsätze dar, nach denen das Ministerium bei den kürzlich erfolgten Repatriierungen vorgegangen ist. Als Repatriierungstermine waren für die erste Gruppe der sreigegebenen Bezirke der 20. September, für die zweite Gruppe der 12. Oktober und für die dritte Gruppe der 29. Oktober bestimmt. Aus Wunsch der Flüchtlinge wurde der erste Termin auch aus den 12. Oktober verschoben, und wegen der Stockungen, die die bestehenden Transportschwierigkeiten in die Nepatriierungsaktion brachten, nimmt das Ministerium in Aussicht, auch den sür den 12. Oktober festgesetzten Termin zu verlängern, und zwar bis 29. Oktober. Selbstverständlich hat es sich das Ministerium des Innern angelegen sein lassen, dahin zu wirken, daß diese Stockung in der Repatriierung von möglichst kurzer Dauer sei, und es ist in dieser Beziehung eine Besserung insofern cingetreten, als seit gestrigem Tage wieder Transporte von Repatriierten — wenn auch in beschränktem Umsange — rollen. In der Ausschußsitzung vom 9. d. M. teilte der Minister des Innern weiter mit, daß laut Bericht des nach Budapest delegierten Vertreters des Ministeriums das Borgehen gegen die Flüchtlinge nicht über Veranlassung der ungarischen Regierung, sondern infolge einer eigenmächtigen Handlung der Budapester Polizei erfolgte. Es ist das Nötige veranlaßt worden, um Abhilfe zu schassen. Die russischen „Rückzugspogrome" in Galizien. Die russische Presse bringt nun ausführliche Berichte, in denen Augenzeugen in allen Einzelheiten den wilden und planlosen Rückzug der russischen Armeen in Galizien schildern. Wie sich diese Horden den Juden gegenüber benahmen, schildert in den Petograder „Berichten des Arbeiter- und Soldaten- Rats" folgender Brief eines Soldaten der aktiven russischen Armee: „Am 28. Juni, während der Straßenkämpfe in Kalusch, haben sich die Soldaten und Kosaken betrunken und bald ihr Raubwerk an den Juden begonnen. Wie die Juden erzählen, war das eine fürchterliche Schlägerei. Die ausgelassensten Orgien fanden am hellen Tage statt. Frauen wurden geschlagen, Mädchen vergewaltigt. Die Juden des Städtchens waren gezwungen, ihr letztes Vermögen zu lassen und ziellos zu flüchten. Kameraden! — schreibt weiter der Soldat — Wer nicht diese Juden gesehen, wer nicht in diese verzweifelten Blicke geschaut hatte, wer nicht die Greise gesehen, die ihre Söhne im Krieg und nun in kaum einer Stunde ihr ganzes Vermögen verkür. 86 koren hatten, die kleinen Kinder, die nach Vater und Mutter schrien, die Eltern, die ihre Kinder verloren hatten, — der hat noch nie wirkliche Leiden gesehen. Man sollte sich die Eltern anschauen, deren dreizehnjährige Töchter vergewaltigt wurden. Viele jüdische Frauen haben den Tod gewählt, um der Schande zu entgehen. Ich habe Frauen gesehen mit verdrehten Händen, eine junge Frau mit abgehauenen Fingern. Einem Juden hat man aus dem Wege nach Stanislau 7000 Kronen geraubt. Die schauerlichen Morde der Soldaten und Kosaken aus der .wilden Division' sind aber so zahlreich, daß man sie nicht ganz einfach in einem gewöhnlichen Schreiben auszählen kann. Kameraden! Die große russische Revolution hat mit einem Schlage ihrer Flügel alle Völker Rußlands befreit. Wir jüdische Soldaten, die wir Knechte der Knechte waren und nun Soldaten der großen revolutionären Armee sind, wir schauen mit Wehmut und Schmerz aus derartige schändliche Erscheinungen. Traurig wird es einem zu Mute, wenn man daran erinnert wird, daß hinter demselben Kalusch das Blut auch jüdischer Soldaten geflossen ist." Der Korrespondent der „Birschewija Wjedemosti", der über die Ausschreitungen der russischen Soldaten in Kalusch berichtet, schildert, wie die Juden des Städtchens ihr Geld und Schmuckgegenstände ihren kleinen Töchterchen um den Hals gehängt hatten; aber auch das hals nicht. Die Kinder wurden ganz nackt entkleidet, offen aus der Straße geschändet und in Stücke gerissen. Das jüdische „Petrograder Tagblatt" berichtet über den Pogrom in Tarnopol und in Kozowa, und auch hier findet man ähnliche schauderhaste Einzelheiten geschildert über die Gewalttaten der russischen Armeen aus ihrem Rückzug in Galizien. Ein Lureau der neutralen Indenschast. Der Oberrabbiner von Stockholm, Dr. Ehrenpreis, äußerte sich über einen Plan zur Schaffung eines Bureaus neutraler Inden folgendermaßen: „Es besteht seit einiger Zeit in Stockholm die Absicht, ein Bureau neutraler Inden zu schaffen sür die Wahrnehmung der Interessen des Judentums im Weltkrieg. Man besaßt sich bereits mit der Vorbereitung der zur Schaffung dieses Bureaus notwendigen Maßnahmen. Wir sondieren jüdische Organisationen' der neutralen Länder über die Möglichkeit, eine zentrale Stelle zu schaffen, welche als Bindeglied zwischen den Juden der kriegführenden Staaten und als aussührendes Organ sür die gemeinsamen Interessen der Juden im Kriege zu dienen hätte. Wohl wird man einwenden, daß die Judenschaft der neutralen Länder zahlenmäßig kein Gewicht hat und zu unbedeutend sei, um diese Aufgabe zu übernehmen. Aber aus diese Einwendung waren wir gefaßt. Zahl und Bedeutung der neutralen Judenschaft spielen nämlich in dieser Frage ebensowenig eine Rolle, wie Zahl und Bedeutung der neutralen Sozialisten in den holländisch-skandinavischen Ländern. Auch diese sind gegenüber den Sozialisten in den kriegführenden Ländern verschwindend klein, und doch wird niemand die Legitimation und die moralische Bedeutung des holländisch-skandinavischen Bureaus bestreiten. Unser Bureau soll eben nicht die Juden der neutralen Länder vertreten, sondern die Juden der kriegführenden Staaten, unser Bureau soll eben befähigt sein, Wünsche zu übermitteln, und hierfür sind nicht Zahl und Macht maßgebend, sondern die politische Bewegungsfreiheit und Unabhängigkeit nach allen Richtungen. Das ist die technische Seite der Aktion. Wir wollen mit den Juden der kriegführenden Staaten in Verbindung treten und die verschiedenen Parteirichtungen in Einklang bringen. Die Engländer und die Amerikaner verwenden die Judenfrage als diplomatisches Kunstmittel — Engländer, Amerikaner, Franzosen und Russen sympathisieren mit einem jüdischen Palästina — merkwürdigerweise läßt sie die zum Himmel schreiende Not der Juden in Rumänien ganz kalt. Es wäre nun auch Sache der Zentralmächte, dem Judenproblem wohlwollend näher zu treten, der Zentralmächte ganz besonders, weil die Judenzentren von Polen, Galizien, Rumänien und Palästina in ihren politischen In-