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Jüdische Korrespondenz · 1917-09-27 · 29 (27.9.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
29 (27.9.1917)
Date
1917-09-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 29 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 und einhellig folgende Beschlüsse gefaßt: An Stelle der bisher bestandenen. zwei politischen jüdischen Parteien der Bukowina wird eine einheitliche jüdische Landespartei gebildet nnd mit der Wahrnehmung und Vertretung der Rechte und Interessen der Judenschaft ein Parteiausschuß betraut, aus dessen Mitte ein Arbeitsausschuß delegiert wird, der bis zur definitiven Zusammensetzung der Parteiorganisation sich mit den vorbereitenden Arbeiten für den Wiederaufbau zu beschäftigen haben wird. In diesen Arbeitsausschuß wurden entsendet die Herren: Kommerzialrat Max Ritter v. Anhauch, Gemeinderat Dr. Friedrich Billig, Gemeinderat Dr. Mayer Ebner, Großindustrieller Nathan Eidinger, Gemeinderat Bernhard Flemminger, Abgeordneter Dr. Max Fokschaner, Gemeinderat Adolf Hart, Kommerzialrat Abgeordneter Jakob Hecht, Kanzleivorsteher Jakob Hilsenrad, Advokat Dr. Salomon Kaßner, Abgeordneter Dr. Isidor Katz, Bibliothekar Dr. Leiblinger, Advokat Dr. Heinrich Lupul, Kommerzialrat Abgeordneter Salomon Rudich, Abgeordneter Dr. Benno Straucher, Handelskammerpräsident Abgeordneter Wilhelm Tittinger, Gemeinderat Adolf Wallstein, Abgeordneter Bürgermeister Dr. Salo v. Weisselberqer und Abgeordneter Dr. Neumann Wender. Zum Präsidenten des Partei- und Arbeitsausschusses wurde Reichsratsabgeordneter Dr. Straucher, um Vizepräsidenten Abgeordneter Dr. Max Fokchaner und zum ständigen Referenten Gemeinderat Adolf Wallstein gewählt. Der Arbeitsausschuß hat seine Tätigkeit bereits ausgenommen. Das Parteibureau befindet sich vorläufig in den Räumen des Fürsorgekomitees für die Bukowinaer Flüchtlinge, Wien, lX, Schwarzspanierstraße Nr. 15. Zu ständigen Referenten des Komitees wurden bestellt die Herren Schriftführer Adolf Wallstein und Advokat Dr. Salomon Kaßner. Archiv für jüdische Mrtschaftsfragen? Ein Vorschlag von Heinrich Margulies, z. Z. im Felde. I. Di« Aufgabe. Das jüdische Volk bedarf heute der synthetischen, zusammensassenden Begabungen ungleich dringender als irgendein anderes: denn bei seiner haltlosen Zerstreuung über sämtliche Erdteile ist die Gefahr einer Absplitterung und.Verflüchtigung der einzelnen Teile nur zu groß. Der Organismus verlor längst seine Einheit und Unteilbarkeit und löste sich in Gruppen auf, die, eine jede für sich, weiterbestehen und ein selbständiges Leben auf eigene Faust führen. Ein Zustand, der natürlich mit Notwendigkeit zu einer völligen Atomisierung und Auslösung führen muß, wenn nicht dieser Entwicklung durch stärkere Gegentendenzen Einhalt geboten wird. In der Geschichtschreibung ist diese Gefahr schon deutlich zum Ausdruck gekommen: mit ganz verschwindend geringen Ausnahmen, die, wie Dubnow, übrigens alle der jüngsten Zeit angehören, haben wir nur eine analytische Geschichtschreibung, eine Aufzählung und Aneinanderreihung einzelner Dinge und Geschehnisse, ohne daß sich diese im Nebeneinander zu jener sinnvoll einheitlichen Harmonie verbinden würden, die eben das Merkmal der Geschichte bildet. Wir besitzen noch keine einzige „Geschichte des jüdischen Volkes", die unter dem leitenden Gesichtspunkt einer einheitlichen Idee entstanden wäre, keine einzige wirklich nationale, d. i. geschichtsphilosvphische Darstellung, und nur wenige tastende Versuche hierzu: wir haben nichts, was über den Charakter von Berichten über nach Zeit und Raum abgesprengten und isolierten Teilgebieten hinausginge. Dieses gefahrvolle Ueberwiegen der analytischen Betrachtung und Behandlung macht sich auf dem Gebiete der praktischen Volksarbeit natürlich nicht minder hemmend und schädlich fühlbar. Unter der „praktischen Volksarbeit" ist ganz allgemein jener unbegrenzte Komplex von Arbeiten zu verstehen, der die öffentlichen Angelegenheiten eines jeden Volkes in jeder Hinsicht, d. h. also in sozialer, wirtschaftlicher, nationaler, politischer, geistiger usw. Hinsicht ausfüllt. Hier scheint es geradezu ein unmögliches Beginne», Zusammenhang, Einheit und * Aus den „Neuen Jüdischen Monatsheften" (Berlin), Nr. 22. Organisation in die Tätigkeit hineinzubringen und jenes Stadium zu überwinden, in welchem ebenfalls nur Teilarbeit, Arbeit innerhalb von Gruppen, die nach Zeit und Raum isoliert sind, geleistet werden konnte. Selbst die zionistische Organisation, die jetzt auf ein LOjähriges Bestehen zurückblickt und die immerhin das Verdienst hat, daß sie als erste Organisation seit langer, langer Zeit wieder den Sinn für diese Zusammenfassung und Einheit erweckt hat, selbst sie hat in das Gebiet der praktischen Volksarbeit nicht das geringste an Einheitlichkeit hineinbringen können — sie sah sich genötigt, diese Arbeit der freien Willkür ihrer einzelnen Landsmannschaften zu überlassen und dadurch das Prinzip der analytischen Behandlung auch weiterhin anzuerkennen. Sie tat es um so mehr, als sie ihrem ganzen ideologischen Aufbau nach glaubte, daß ihre Aufgabe weniger auf diesem Gebiete als aus dem der eigentlichen Zionisierung liege, daß sie weniger in der Diaspora praktische Volksarbeit zu leisten als sich vielmehr ganz darauf zu konzentrieren hätte, daß Palästina wieder jüdisch — und daß die Juden wieder palästinensisch orientiert würden. So steht auch diese Organisation, nachdem sie sich dem Goluthproblem erst ganz neuerdings zuzuwenden beginnt, völlig im Anfang, völlig vor den Toren dieses Problems. Aber ganz abgesehen von allen anderen Gründen, die dafür sprechen, daß hier endlich einmal grundsätzlich Wandel geschaffen wird, müßte schon die maßlose Verschwendung an Arbeitskraft, Zeit und Geld, an Nationalvermögen jeder Art, die das bisherige System notgedrungen mit sich bringt, dazu Anlaß geben. Es dürfte mutmaßlich kaum ein Volk geben, daß in Wirklichkeit rein quantitativ soviel praktische Volksarbeit aus sich heraus leistet, wie das unsere, insbesondere aus den Gebieten der Philanthropie, der sozialen Fürsorge und des Eriehungswesens. Aber um einen Vergleich durchühren zu können, müßte erst all das an Arbeit zusammengestellt werden, was die Juden tatsächlich leisten, — und einer solchen Zusammenstellung fehlen alle, aber auch alle Vorbedingungen. Die Tätigkeit verflüchtigt sich allüberall und fließt manchmal sogar in unterirdische Kanäle (wie z. B. die verborgene Philanthropie). Nirgends weiß man etwas von der Arbeit, wie sie einige hundert Kilometer entfernt gehandhabt wird. Die umfangreichen und wertvollen Leistungen in Rußland und Amerika sind uns in Deutschland beispielsweise völlig unbekannt. Die Folge ist, daß jeder Entschluß, irgendwo irgendwelche Arbeit zu leisten, notgedrungen einen neuen Versuch darstellt, dessen Kostspieligkeit erheblich hätte herab gemindert werden können, wenn man aus den bereits anderweitig vorliegenden Erfahrungen aufbauen würde. So weist z. B. heute das Programm der praktischen Arbeit unter den Ostjuden eine ganze Reihe von Punkten auf, die zweifellos realisiert werden müssen (wie Errichtung von Spar- und Darlehenskassen, Produktiv-, Konsum- und Arbeitsgenossenschaften, Regelung des Auswandererbankwesens, berufliche Umschichtung, Uebersührung in Landwirtschaft u. dergl.), die aber für uns westliche Juden, die wir die Arbeit in die Wege leiten müßten, absolut terra incognita bedeuten, während anderwärts, bei den Poale-Zion, in Rußland, in Amerika, die Erfahrungen längst vorliegen. Statt diese für uns zunutze machen zu können, bleiben wir wiederum aufs Experimentieren angewiesen — welche ungeheure Menge von Nationalvermögen auf diese Weise verloren geht, läßt sich auch nicht annähernd schätzen! Es wäre also vor allem notwendig, die reiche Fülle an vorliegendem Material, an Fakten wie an Erfahrungen, zu sammeln, und zentralistisch zu verarbeiten. Wir brauchen eine Art von Archiv für sämtliche Geschehnisse und Verhältnisse sozialer und wirtschaftlicher Art, ein Archiv natürlich, in dem das Material nicht als totes Kapital aufgespeichert wird, sondern wo es durch aktive wissenschaftliche Verarbeitung dem praktischen Leben dienstbar gemacht werden muß; ein Archiv, in dem Monographien aus sämtlichen jüdisch-ökonomischen Gebieten entstehen und in dem die wirtschaftliche Situation des deutschen Juden, des Handlungsgehilfen oder des Getreidehändlers nnht minder erfaßt wird, wie die Frage des jüdischen Handwerkerproletariats inRußland.derjüdischenSchneidergewerkschastenin Amerika,der Wanderungsphänomene oder der Einführung der Milchwirtschaft in den palästinensischen Kolonien. Aus diese Weise kann die Möglichkeit geschaffen werden, wenn auch vielleicht nicht die gesamte praktische Volksarbeit einheitlich, d. h. von einer Zentralstelle aus zu dirigieren und organisieren, wohl aber, diese nach wie vor von den „Landsmannschaften" oder anderen Einzelinstanzen zu leistende Arbeit nach einheitlichen Gesichtspunkten zu regeln nnd den aussührenden Organen stets Material und Hilfe jeder Art zu verschaffen. Daß diese Zentralstelle, welche das Material zu verarbeiten hat, keinerlei politischen, sondern eher einen wissenschaftlich - alljüdischen Charakter haben muß, geht aus dem bisher Gesagten ohne weiteres hervor und bedarf keiner Begründung. Hier sollen nun zwei Vorschläge unterbreitet werden, die das Probleni vielleicht auch noch nicht lösen können, die aber ohne Zweifel die Lösung wesentlich zu erleichtern und vorzubereiten geeignet sind. Der erste Vorschlag entsprang gedanklicher Konzeption und ist mit allen Nachteilen einer solchen behaftet. Der zweite Vorschlag, der ihm zur Ergänzung beigegeben ist, hat den erheblichen Vorteil, daß er in Anlehnung an bereits anderwärts bestehende Dinge formuliert werden konnte. (Fortsetzung folgt.) Rundschau. (Jüdisches aus dem österreichischen Reichsrate.) In der Dienstag-Sitzung des Reichsrates beantragte Abg. Stern, mit Rücksicht auf den Versöhnungstag am Mittwoch keine Sitzung abzuhalten, da die jüdischen Abgeordneten an diesem Tage den Beratungen nicht beiwohnen könnten. Der Antrag ist von mehreren katholischen Geistlichen unterstützt worden, hat aber bei der Abstimmung keine Majorität gefunden, mit der Begründung, daß der Reichsrat jetzt dringende Arbeit zu leisten hat und die Wünsche einer kleinen Gruppe nicht berücksichtigen kann. — Abg. Dr. Straucher und Genossen überreichten eine Interpellation hinsichtlich der Behandlung der Flüchtlinge in Budapest. (Mi« zweite« Dank Wahl.) Die polnische Geschichte verzeichnet eine Legende, wonach einmal der Rabbiner Saul Wahl zum zeitrveiligen König von Polen gewählt wurde, als sich der Adel längere Zeit hindurch auf einen Kandidaten aus seiner eigenen Mitte nicht einigen konnte. Angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse im Polenklub, wo sich die einzelnen Gruppen hinsichtlich der Präsidentenwahl nicht einigen können, wird in polnisch-politischen Kreisen diese Anektode in Erinnerung gebracht, mit der Bemerkung, man müßte heute wiederum einen zweiten Saul Wahl haben, dem man provisorisch die Leitung des Klubs übergäbe ... (Der Fleischgenuß an den jüdischen Feiertagen.) Die Statthalterei hat folgenden Erlaß an die Bezirkshauptmannschaften, an den Wiener Magistrat und an die Stadträte in Wiener- Neustadt und Waidhofen an der Mbs herausgegeben: „Das Amt für Volksernährung hat in Würdigung der für die Israeliten maßgebenden rituellen Gründe die Bewilligung erteilt, daß die Angehörigen des jüdischen Glaubens an den aus den 18. und 25. September und aus den 2. und 9. Oktober fallenden Feiertagen Fleisch und aus Fleisch zubereitete Speisen genießen dürfen. Der Fleischverkauf bleibt jedoch an den bczeichneten Tagen verboten." („Dieser Krieg muß «ns Palästina bringe«.") Die Ziele, die England in Palästina verfolgt, hat kürzlich die englische Zeitschrift „New Enrope" sehr offen ausgesprochen. Sie sagt: „Stets hat Englands auswärtige Politik daraus hingearbeitet, zu verhüten, daß Aegypten und Palästina, die beiden Länder, die dem Landwege nach Indien vorgelagert sind, in die Hände einer großen europäischen Macht fielen. Wir haben uns Aegypten gesichert und dieser Krieg muß uns P alästina bringen. Die Türkei darf Palästina nicht behalten. Können wir es aber zugeben, daß es in die Hände einer europäischen Großmacht fällt? Man hat uns vorgeschlagen, Palästina an Frankreich zu geben. Frankreich hat weder politische noch militärische Interessen in Palästina, und seine syrischen Interessen können nicht besser geschützt sein als durch ein zionistisches Palästina unter britischer Flagge. Palästina ist ein Pfeiler

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