Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 29 (27.9.1917)
- Date
- 1917-09-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 29 Parteien und Organisationen. Literaturvcreine, kulturelle und wirtschaftliche Vereinigungen, es,erscheinen neue Zeitungen, periodische Sammelschriften und Bücher. All dies ist selbstverständlich höchst erfreulich. Aber man wird dabei fortwährend von dem Gedanken geplagt, ob denn all dieses Säen eine Ernte bringen, ob all dieses Pflanzen reife Früchte zeitigen wird. Es ist ein höchst peinlicher Zustand. Las Traurigste dabei ist, daß man die Gewißheit hat, es kann nicht besser werden, iusolange der Krieg toben wird. Die innerpolitischen Verhältnisse in Rußland können während des Krieges nicht stabilisiert werden und auch das Los her Juden ist davon abhängig. Die Kriegshetzer, die ja ein Interesse an dem Fortbestand des Chaos haben, da nur dann die Fortsetzung des Krieges möglich ist, wissen es ganz gut, daß die Juden anderer Ansicht seien, und deswegen auch verfolgen sie dieselben mit ihrem ganzen Hasse und ihrer zügellosen Demagogie. In den letzten Wochen hat sich die allgemeine Situation in Rußland nur verschärft und damit ist auch die Lage der Juden unsicherer geworden. Nach wie vor ist ein baldiger Frieden ihre einzige Hoffnung. Z'foni. Sabbat- und Feiertagsruhe und rituelle Verköstigung für die Kriegsdienst leistenden orthodoxen Inden. (Ein großer Erfolg einer „Agudas-Jisroel"-Aktion.) Die „Agudas-Jisroel" hat wieder einmal einen großen Erfolg aufzuweisen, der nur noch einmal bestätigt, wie segensreich die Tätigkeit dieser Organisation ist und daß sich vieles erreichen läßt, wenn cs nur richtig eingeleitet und entsprechend motiviert wird, da die maßgebenden Stellen von dem besten Willen beseelt sind, alle gerechten Wünsche und Forderungen, besonders religiöser Natur, im Rahmen der Möglichkeit zu erfüllen. Die „Agudas-Jisroel" hat sich bekanntlich vor einiger Zeit an das k. k. Landesvertcidiaungsnnnrfiertum nm einer Eingabe gewendet, oahtngehcnd, daß den auf Grund des Kriegsdienstleistungs-Gesctzes diensttuenden orthodoxen Juden die Möglichkeit zur Beobachtung der religiösen Vorschriften hinsichtlich der Sabbate und Feiertage, sowie hinsichtlich der rituellen Verköstigung gegeben werden möge. Die bezügliche Eingabe ist seinerzeit in der „Jüdischen Korrespondenz" reproduziert worden. Das Ersuchen der „Agudas-Jisroel" hat nun einen vollen Erfolg aufzuweisen. Die maßgebenden Stellen haben, in Würdigung der in der erwähnten Eingabe angeführten Gründe, diesem Ersuchen Folge g e l e i st e t. Das Militärkommando hat nämlich auf Grund des Erlasses des k. u. k. Km., Abt. 10, Nr. 207.972 vom 28. August 1917 folgenden Befehl verlautbart: „Den in Arbeiterkompagnien, Werkstätten und Anstalten diensttuenden Juden orthodoxen Glaubens ist die Einhaltung der Ruhe an Sabbat- und jüdischen Festtagen durch entsprechende Arbeitseinteilung und entsprechend stärkere Verwendung derselben an Sonn- und nichtjüdischen Feiertagen zu ermöglichen und denselben, soweit es nach ihrer Zahl und den zur Verfügung stehenden Einrichtungen möglich ist, eine rituelle Verköstigung zu gewähren. ~ Zur Orientierung wird bekanntgegeben, daß der Sabbat und die jüdischen Festtage mit dem Eintritte der Dunkelheit am Vortage beginnen und mit dem Eintritte der Dunkelheit am Sabbat und am Schlüsse des jüdischen Feiertages enden". Die Judenschaft, besonders die orthodoxen Kreise, werden der „Agudas-Jisroel" sicherlich großen Dank wissen fiir diese erfolgreiche Intervention. Auch das weitgehende Entgegenkommen der k. u. k. Militärbehörden verdient, bei dieser Gelegenheit dankbar hcrvorgehoben zu werden. Die englische jüdische Legion. Aus Rotterdam wird geschrieben: Eine Deputation des zu gründenden jüdischen Regiments sprach kürzlich, wie die Times berichtet, bei Lord Derby im englischen Kriegsminifterium vor, um die Austechterhaltung des ursprünglich I von der Regierung angekündigten Planes zu erwirken. Eine der Hauptforderungen der Deputation geht dahin, daß das Regiment einen jüdischen Namen führe. Die Bezeichnung Makkabäer wurde vorgefchlagen und die Erlaubnis erhalten, unter anderen Abzeichen auch das Schild Davids zu tragen. Ferner wurde angesucht, daß man, soweit als möglich, namentlich während der Abrichtungszeit, diesem Regiment koschere Nahrung überweisen und ihm Gelegenheit geben sollte, den Sabbat als Ruhetag einzuhaltcn. Außerdem wurde von der Deputation die Behauptung ausgesprochen, daß die Palästinafront für die Verwendung des jüdischen Regiments am geeignetsten sei. Lord Derby erwiderte, daß man, soweit es die militärische Lage gestatten werde, besonders während der Abrichtungszeit, den Samstag anstatt des Sonntags als Ruhetag festsetzen, ferner, wenn es ginge, dem Regiment koschere Nahrung zuweisen wollte. Gleiche Konzessionen sollten betreffs der jüdischen Feiertage eingeräumt werden. Diese Zugeständnisse könnten jedoch für den aktiven Dienst unmöglich erwartet werden. Bezüglich der Verwendung könnte kein bindendes Versprechen gegeben werden; obgleich gegenwärtig die Absicht bestehe, die jüdischen Bataillone an die Palästinafront zu schicken, könnte sich eine militärische Lage ergeben, die eine andere Verwendung notwendig machte. Das jüdische Regiment, meinte Lord Derby, werde in dieser Hinsicht sich nicht von den anderen Truppen Großbritanniens unterscheiden wollen, die dorthin gehen, wo sie benötigt werden. Im Hinblick auf die vielen Tausende von Juden, die in allen.Truppenkörpern der britischen Armee dienen und in vielen Fällen durch ihre Waffentaten sich die Anerkennung ihrer Kameraden erworben haben, könne der Bitte nach besonderen Namen und Abzeichen für das ncuzubildende Regiment, das auf keine glorreichen Taten in der Vergangenheit Hinweisen könne, nicht entsprochen werden. „Es wäre ungerecht," rief Lord Derby aus. „Namen Und Abzeichen, die aus das Judentum im allgemeinen Bezug haben, neuen, nicht einmal noch formierten Bataillonen zu gewähren und ihnen so die gleichen Privilegien einzuräumen, die sich andere Regimenter des Königs während der vielen Kriege des britischen Reiches erworben haben. Das Recht auf besondere Benennungen müsse verdient werden, dann wäre er," sagte der Lord, „bereit, diese Frage nochmals zu erwägen." Hingegen sagte er zu, den Wunsch nach der Betonung des Charakters berücksichtigen zu wollen und der Zusammensetzung des Regiments aus Soldaten ausschließlich jüdischer Nationalität beizustimmen. Es täte ihm leid, schloß Lord Derby, wenn durch Versagen eines der Hauptwünsche der Enthusiasmus der Beteiligten gedämpft würde. (So artet die ganze Sache in eine Tragi-Komödie aus. John Bull möchte wohl gerne die Juden für seinen „heiligen Egoismus" bluten lassen, will ihnen aber auch die kleinen formellen Konzessionen, die ihnen feierlich versprochen wurden, nicht gewähren.) _ Jüdisch-türkische Protesterklärungen. Wir haben bereits über die Protesterklärungen berichtet, die seitens jüdisch-türkischer Kreise gegen die Ententepläne hinsichtlich Palästinas veröffentlicht wurden. Der Wortlaut dieser Proteste ist folgender: Erklärung des Großrabbinats. Nach Kenntnisnahme der in der türkischen Presse Konstantinopels veröffentlichten und auch von den ausländischen Zeitungen aufgenommenen Depesche bezüglich gewisser in Amerika aufgetauchter Pläne, die sich auf Palästina beziehen, versammelte sich heute der Rat des Großrabbinats, und zwar die geistlichen und Laienmitglieder, zu einer außerordentlichen Sitzung unter meinem Vorsitz, um die erwähnte Depesche zu besprechen. Da hiermit Gelegenheit geboten war, die Anhänglichkeit und den treuen Gehorsam zu bekunden, die die im Reiche lebenden osmanischen Juden ihrem Vaterlande bezeugen, hat die erwähnte Versammlung einstimmig beschlossen, obschon die erwähnten Pläne nur gerüchtweise verlauten, zu erklären, daß die osmanischen Juden zu keiner Zeit irgend eine Beziehung zu solchen Dingen gehabt und in keiner Weise dabei beteiligt gewesen sind, und daß ich im Gegenteil beauftragt bin, ihre Gefühle aufrichtiger Anhänglichkeit an ihr teures Vaterland zu bekunden. Obwohl wir versichert sind, daß die kaiserliche Regierung nicht den geringsten Zweifel oder Argwohn bezüglich der Gefühle der Treue und des Gehorsams hegt, die die osmanischen Juden immer bekundet haben, wird es in jedem Falle als eine der heiligsten Pflichten fiir die jüdische Nation betrachtet, derartige Gerüchte zurückzuweisen. Wir sind völlig sicher, daß die kaiserliche Regierung die vollste Ueberzeugung davon gewonnen hat, daß die osmanischen Juden, die das Vaterland mit Gut und Leben verteidigen und besonders für die Gebietsicherheit des osmanischen Reiches ihr Blut verpritzen, auch für die Zukunft ewig mit voller Festiget und Tatkraft und bis zum letzten Blutstropfen das geheiligte osmanische Vaterland verteidigen werden. Eurer Exzellenz übermittle ich gleichzeitig mit diesem Schreiben folgende, von den gleichen Gefühlen eingegebene Erklärung, die mir von den in Konstantinopel bestehenden und begründeten Vereinigungen übermittelt worden ist, und ich verbinde damit die Bitte, dieselbe zur Kenntnis der kaiserlichen Regierung bringen zu wollen. Gez.: HaimNahum, Groß-Rabbiner für Konstantinopel und dessen Nebengebiete. Erklärung der jüdischen Vereinigungen: Die nachstehend Unterzeichneten jüdischen Vereinigungen, die Zu keiner Zeit sich mit Politik befaßt haben, haben die in den Konstantinopeler Zeitungen veröffentlichte Depesche bezüglich gewisser angeblich in Amerika in bezug auf Palästina gefaßten Pläne geprüft. Es ist kein Zweifel daran, daß derartige Gerüchte nur die Folge der üblen Ränke sind, wie sie von unseren Feinden gegen unser Latkd ersonnen werden. Den Spuren unserer Vorfahren folgend, erklären wir unsere Gefühle der Treue und unverbrüchlicher Anhänglichkeit gegenüber S. K. M. dem Sultan, dem kaiserlichen Thron tttth itnfurm tciimi Vaterland. Wir bekund«« die wärmsten Wünsche für den Endsieg der kaiserlichen teere, für die Gebietsstcherheit des osmanischen eiches und für die dauernde Hebung unseres Vaterlandes als eines einigen und unteilbaren Ganzen. Den 13. August 1333. Im Namen des Jüdischen Aerztevereins: Der Präsident: Oberst Victor, Marinearzt. Im Namen des Vereins „Israelitischer Brüderlichkeit": Der Präsident: Leo Victor. Im Namen des „Freundschaftsbundes der ehemaligen Schüler der Schulen der Alliance Jsraelite": Der Präsident: Jsaac Taranto. Im Namen der Gesellschaft „Makkabi": Der Präsident: A. Fresco. Im Namen der Gesellschaft „Bne Brith“: Der Präsident: Moritz Abramowitz. Neuorganisation der Lukorvinaer Iudenschaft. In Erkenntnis der Notwendigkeit, für die durch die Kriegsereignisse unter allen Volksteilen am schwersten betroffene Judenschaft der Bukowina eine Organisation zu schaffen, die es ermöglichen soll, den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau kräftigst zu fördern, hat der aus den zehn Mitgliedern beider jüdischen Parteien bestehende jüdische Landtagsklub wiederholt eingehende Beratungen gepflogen und den einhelligen Beschluß gefaßt, an die jüdischen Parteien des Landes den Appell zu richten, alle zu Parteiungen führenden Differenzen als beigelegt zu betrachten und an der Bildung einer einheitlichen Landespartei mitzuwirken. Die Notwendigkeit, eine Neuorganisation der Bukowinaer Judenschast zum Schutz und zur Wahrung ihrer politischen Rechte sowie ihrer wirtschaftlichen und sozialen Interessen zu schaffen, wurde allsetts anerkannt und auf Einladung des jüdischen Landtagsklub am 12. d. eine vertrauliche Beratung abgehalten, an der zahlreiche Vertreter beider Parteischattierungen und aller Berufsstände teiluahme». Auf Grund der vom Landtagsabgeordneten Dr. Max Fokschaner und dem Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Dr. Benno Straucher erstatteten Referate wurden die Anträge derselben freudigst begrüßt