Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 29 (27.9.1917)
- Date
- 1917-09-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. TTT , , , . . ... , _ Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 120. j Wochenblatt fiir jüdische Interessen. Wien, vm. Alserstruüe S5. tisotiitruolc Mit voller üllellensngsdk zeetsttet. : Redakteur. Jonas Kreppe I. Erscheint jeden Donnerstac. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration : Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstiu Np. 29. Wien, 27. September 1917. III. Jahrgang. Die Verfassungsreform und die Juden. (Von besonderer Seite.) Der österreichische Reichsrat hat seine Tätigkeit wieder ausgenommen und der Ministerpräsident hat sein Programm entwickelt. Dasselbe ist vornehmlich wirtschaftlicher Natur und der Kabinettschef erklärte auch ausdrücklich, daß die wirtschaftlichen Probleme in erster Reihe die Volksvertretung beschäftigen sollen und werden. Nichtsdestoweniger wurde auch das politische Moment in der Programmrede gestreift und der Ministerpräsident Dr. v. «seid'ler machte hiebei die Mitteilung, daß das Ministerratspräsidium bereits einen umfassenden Entwurf für die beabsichtigte innerpolitische Neugestaltung ausgearbeitet hat, der die Billigung des Ministerrats erhielt. Dieses Reformprojekt beruht auf der Grundlage des bisherigen Kronlandssystems und sieht die Einführung einer nationalen Autonomie innerhalb der Kronländer vor. So wenig auch damit zu rechnen ist, daß dieses Projekt in absehbarer Zeit unsere Volksvertretung beschäftigen wird. Die wirtschaftlichen und finanziellen Fragen dürften ja recht viel Zeit in Anspruch nehmen und hinsichtlich der politischen Reformen will ja die Regierung Zunächst die Initiative dem Reichsrate überlassen; sie wird erst dann mit ihrem Projekt aus den Plan treten, falls die Volksvertretung diesbezüglich versagen sollte. Die .Sache ist .<?cmna«fe nic^t ij&pnjiiä aftuaK. 9lb« _ dem muß andererseits bannt gerechnet werben, dag ' die Entwicklung der Verhältnisse den Moment, an dem die innerpolitischen Reformen auf die Tagesordnung gelangen dürften, beschleunigen könnte, und es wäre verfehlt, die Sache a priori als in die weite Ferne gerückt zu beurteilen. Die Details des Regierungsprojektes sind naturgemäß vorläufig völlig unbekannt und es ist schwer zu sagen, inwiefern dasselbe die diversen Wünsche und Forderungen der verschiedenen nationalen Gruppen* und politischen Parteien befriedigen dürfte. Schließlich muß die Regierung ihre Aufgabe darin erblicken, die Reform derart in die Wege zu leiten, daß hiebei die Staatsinteressen, sowie die Interessen der Völker berücksichtigt werden, was bei gutem Willen und ernster Arbeit sicherlich möglich ist und was wahrscheinlich entsprechend erwogen wurde. Ist nun hinsichtlich der allgemeinen Details des Regierungsprojektes nichts näher bekannt, so ist die Frage, ob und inwiefern das Judenproblem in Oesterreich hiebei irgendwie in Berücksichtigung gezogen wurde, noch mehr offen. Die Regierung hat im Laufe der Zeit, seitdem das Verfassungsproblem aktuell ist, eine ganze Reihe Projekte und Memoriale hinsichtlich der Regelung der Judenfrage erhalten. Von berufener und unberufener Seite wurden die Regierungskreise diesbezüglich mit „Material" versorgt. Es ist selbstverständlich, daß alle die Eingaben sich nach verschiedenen Richtungen bewegen und daß es dm maßgebenden Faktoren nicht so leicht fallen konnte, auf Grund dieser Materialien eine feste Ueberzeugung zu gewinnen, inwiefern die vorgebrachten Wünsche und Forderungen tatsächlich den Interessen der österreichischen Judenschaft entsprechen und inwiefern sie überhaupt durchführbar find, selbst im Falle, daß deren Durchführung tatsächlich eine auch nur teilweise Lösung der Judenfrage, respektive eine günstigere Gestaltung der Situation sowohl im jüdischen Lager, wie auch gtsichtlich des Verhältnisses der Juden zu den deren Bevölkerungsgruppen bringen dürfte. Es ist ja Kar, daß die meisten Wünsche und Forderungen von subjektiven Motiven geleitet werden. Wenn beispielsweise gewiffe jüdische Parteien die Anerkennung der Juden als besondere Nationalität als das einzige Heilmittel zur Lösung der Judenfrage empfehlen, wenn dieser Standpunkt auch seitens der Christlichsozialen, Allpolen und Alldeutschen anerkannt und unterstützt wird, so ist es noch immer nicht ausgemacht, daß dieser Weg wirklich zum Heile führen wird. Die Reibungen zwischen Juden und Nichtjuden dürften dadurch nicht im geringsten abgeschwächt werden. Im Gegenteil, zu den Reibungen konfessioneller und sozialer Natur würden noch solche nationalen Charakters hinzukommen, was die Sache nur noch komplizieren müßte. Es ist auch nicht ausgemacht, daß dieser Nationalstandpunkt seitens aller Juden der Monarchie vertreten und gebilligt wird. Aber abgesehen davon, ist es für jeden Kenner der Verhältnisse kein Geheimnis, daß die praktische Durchführung einer solchen radikalen Wandlung angesichts des Umstandes, daß die Juden über alle Kronländer zerstreut leben, nicht so einfach ist, wie beispielsweise die Einführung der nationalen Autonomie hinsichtlich der anderen Völkerschaften der Monarchie. Es geht ja nicht an, zwischen Ost und West Unterschiede zu machen, und ist einmal die nationale Autonontie ausgesprochen, dann muß sie ja nach allen Richtungen konsequent durchgeführt werden, sonst lauft man Gefahr, weiterhin den Vorwürfen ausgesetzt zu sein, etwas bloß auf dem Papier eingeführt zu haben, ohne für die Realisierung zu sorgen. Wie dies aber in den vielen kleinen Judengemeinden durchzuführen ist, — darüber geben all die ertvätmian 1111h . SPmjßf+x» tottio rtHkfmß Aufklärung nno keinen richtigen Aufschluß. Damit ist auch eines der wichtigsten Momente berührt worden, die all diesen Memorialen und Projekten jeden realen Wert nehmen. So verschieden sie in Ton, Richtung und Form auch seien, eines ist ihnen allen gemeinsam: Der Mangel an Details, an klaren Durchführungsmöglichkeiten. Die Herren Projektanten haben sich die Arbeit ziemlich leicht gemacht. Sie begnügen sich damit, die Nachteile des gegenwärtigen Zustandes, von ihrem Gesichtspunkte betrachtet, zu beleuchten und die Vorteile zu schildern, die eine Reform, in ihrem Sinne natürlich, bringen würde. Sie unterziehen sich aber nicht der Mühe, der detaillierten Durchführungsmöglichkeit näher zu treten. Mit einem Worte: All diese Memoriale und Eingaben machen den Eindruck mehr oder weniger interessanter, Essays; können aber keineswegs auf einen positiven Wert Anspruch erheben. Es ist aber klar, daß die maßgebenden Kreise von derartigen Projektanten ganze Arbeit fordern müssen, wenn ihre Projekte irgendwie ernst genommen werden sollten. Ist es deswegen schwer, Voraussagen zu wollen, ob und nach welcher Richtung hin die Regierung die Judenfrage in ihrem Reformprojekte berücksichtigt hat, — so kann andererseits.nicht geleugnet werden, daß die gegenwärtige Situation vielfach unhaltbar ist und eine weitgehende Aenderung erfordert. Nach Ansicht aller ernster Kreise ist die entsprechende Aenderung des Kultusgemeindegesetzes der einzig mögliche und praktisch durchführbare Weg zur Regelung der innerjüdischen Verhältnisse und zur Befriedigung der jüdischkulturellen Wünsche. Die jüdische Kultusgemeinde kann der Mittelpunkt des jüdischen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens werden, wenn sie sachgemäß reformiert und mit den entsprechenden Rechten, Pflichten und Möglichkeiten versehen sein sollte. Leider aber liegen auch diesbezüglich, wie der Schreiber dieser Zeilen erfahren konnte, keine konkreten Vorschläge vor. Auch nach dieser Richtung mangelt es nicht au Memorialen und Projekten, die aber mehr allgemeiner Natur seien. Unter solchen Umständen ist natürlich kaum etwas Reales zu erwarten. Jnsolange es noch nicht zu spät ist, wäre es ratsam und nolwendig, das Versäumte nachzuholen. M ö g e n s i ch d i e b e r u f c u e n K r e i s e z u einer ernsten Arbeit zusammenfinden und den maßgebenden stellen ihre Wünsche in einer solchen Form unterbreiten, die deren Durchführbarkeit zumindest wahrscheinlich macht. Dann wird cs möglich sein, diese Wünsche und Forderungen mit dem gebotenen Nachdruck zu vertreten und dann dürften die maßgebenden Kreise, die auch diesbezüglich von den freundlichsten Intentionen beseelt sind, im Rahmen der Möglichkeit Entgegenkommen zeigen. Die Lage der Juden in Rußland. (Originalbericht der „Jüdischen Korrespondenz".) Stockholm, 20. September. Die Ereignisse in Rußland sind leider nicht darnach angetan, die Lage der dortigen Juden als besonders günstig erscheinen zu lassen. Laut Mitteilung aus Rußland hier jüngst eingetroffener Juden leben dieselben vielmehr ebenso in steter Augst und Furcht, wie in den furchtbarsten Perioden des Zarismus. Jede neue Erscheinung, jede Umwälzung, jede neue Begebenheit bringt mit sich große Gefahren für die Juden. Und da die gegenwärtige Zeit an derartigen Erscheinungen und Begebenheiten üL»«a>«L .v<!ich ilt. mitftVti hie . fUth/m stets lim. ihre HMf'befo'rgt sein. Welche Gruppe immer darnach strebt, die Herrschaft an sich zu reißen, stets zieht sie gegen die Juden los, die verdächtigt werden, Anhänger der gegnerischen Gruppe zu sein. Dasselbe geschieht nicht bloß seitens der Reaktionären, die in letzter Zeit iimner mehr den Kopf erheben und ihre Zeit für gekommen erachten, sondern auch seitens der sogenannten „freiheitlichen" Gruppen. Selbst die Bolschcwiki machen hiebei keine Ausnahme. Die Situation ist eine derartige, daß die Judenhetze geradezu das Symptom bevorstehender wichtiger Ereignisse ist. Beginnt man in irgend einer Stadt gegen die Juden zu hetzen, Pogromliteratur zu verbreiten re., so ist man sicher, daß es dort gar bald zu politischen Kümpfen und Zusammenstößen kommen wird. Wie in den Zeiten des Zarismus stellen somit die Juden gewissermaßen eine Art politischen Barometer dar, dessen Steigen und Fallen die Bewegungen der politischen Atmosphäre verkünden . .. Das Traurigste an diesen Verhältnissen ist, daß die Juden gegenüber diesen Erscheinungen völlig ohnmächtig jeien. Sie sind außerstande, fick eine bestimmte politische Richtlinie sestzulcgen. Welche Haltung immer sie bekunden, stets finden sie bei denjenigen Anstoß, die andere Ziele verfolgen. Sie haben heute nicht eimnal«den Vorteil, sich unter dem Schutze des herrscheMen Elementes zu stellen und sich damit einigermaßen Ruhe zu verschaffen. Wer kann denn wissen, welcher Kreis im Besitze der Herrschaft ist. Heute scheint Kerenski obenauf zu sein, morgen ist Kornilow Trumpf. Heute führen die Menschewiki das große Wort, morgen haben die Bolschewiki die Oberhand gewonnen. Bald versuchen es die Kadetten, wieder zur Geltung zu kommen, bald zeigen die Reaktionären Lust, die Herrschaft an sich zu reißen. Mit einem Worte: in diesem allgemeinen Chaos, in dieser wilden, zügellosen Anarchie finden sich die Juden am wenigsten zurecht. Die starke Lebensenergie unserer im steten Kampf ums Dasein abgehärteten russischen Brüder macht sich freilich auch diesmal geltend. Trotz aller äußeren Gefahren und der fortwährenden Unsicherheit widmen sie sich mit einem bewunderungswürdigen Eifer dem innerjüdischen Leben. Es entstehen neue politische